„Ich möchte diese Vorgänge und Wahrnehmungen genießen“

Die Bibliotherapeutin Silke Heimes über die heilsame Wirkung von Literatur

(C) Katja Xenikis

In der psychotherapeutischen Praxis fällt immer wieder auf, wie wichtig die Arbeit der Komplementärtherapeut_innen ist. So wundert es nicht, dass die Bibliotherapie immer wieder Thema im fachlichen Diskurs ist. Prof. Dr. Silke Heimes ist eine Vordenkerin der therapeutischen Arbeit mit Büchern und Schreibmaschinen. Christoph Müller hat sich mit ihr ausgetauscht.

Christoph Müller Etwas sperrig klingt der Begriff der Bibliotherapie. Was ist denn eigentlich damit gemeint?

Silke Heimes Der Begriff ist in der Tat ein wenig sperrig, aber damit ist nichts anderes gemeint, als dass Lesen uns dabei helfen kann, unser eigenes Leben zu bewältigen. Früher wurde Lesen mitunter als Müßiggang oder Zeitverschwendung und Realitätsflucht betrachtet, doch man weiß mittlerweile, dass Bücher dem Lesenden mittels Identifikation und Immersion, also dem Eintauchen in eine Geschichte, dabei helfen können, den eigenen Weg zu finden, an Vorbildern zu wachsen und neue Perspektiven kennenzulernen – um nur ein paar Effekte zu nennen.

Christoph Müller Sie betonen immer wieder, dass der Blick nach innen mit Hilfe von Literatur oder durch das eigene Schreiben zu Entlastung führt. Was geschieht denn eigentlich dabei?

Silke Heimes Je stärker wir in einen hektischen und herausfordernden Alltag eingebunden sind, umso mehr verlieren wir uns selbst aus den Augen, ignorieren unsere Grenzen und wissen gar nicht mehr, was wir brauchen, um gesund zu bleiben und uns wohl zu fühlen. Sowohl beim Lesen als auch Schreiben halten wir inne und wenden uns unseren innersten Wünschen und Bedürfnissen zu, beim Schreiben sehr direkt und beim Lesen über die bereits genannte Identifizierung und das Eintauchen in die Geschichte.

Christoph Müller Wer an Psychotherapie denkt, denkt bekanntlich an die Freudsche Couch, auf der sitzend das freie Assoziieren geschieht. Sie unterstreichen immer wieder, dass schreibend Denkräume geschaffen werden. Inwieweit öffnen Denkräume Genesungswege?

Silke Heimes Das freie Assoziieren spielt auch beim Schreiben eine große Rolle. Es erlaubt uns, tiefer und weiter zu blicken. Es ermöglicht uns, aus unseren eigenen Denkmustern auszusteigen und über den eigenen Denkhorizont hinauszublicken. Auch wenn das zunächst paradox klingen mag, ist damit gemeint, dass wir unser strukturiertes, analytisches Denken verlassen und mehr Intuition zulassen und den tieferen Schichten in uns erlauben, zutage zu treten – das was Freud als das Unbewusste bezeichnet hat. Natürlich heißt das Unbewusste so, weil uns ein Teil davon immer verborgen bleiben wird, aber durch das freie Assoziieren haben wir die Chance, einen Zugang zum Vorbewussten zu erhalten und vielleicht eine Ahnung vom Unbewussten.

Christoph Müller Sie verbinden mit dem Schreiben auch eine Idee des Spielerischen, die ein seelisch oder auch körperlich leidender Mensch nutzen könnte. Was macht das Spielerische denn aus?

Silke Heimes Schiller prägte ja die berühmt gewordene Sentenz, dass der Mensch nur dort spiele, wo er in der vollen Bedeutung des Wortes Mensch sei. Und er wiederum nur da ganz Mensch sei, wo er spiele. Zahlreiche Psychologen, Pädagogen, Philosophen und auch Schriftsteller vertraten und vertreten die Meinung, dass das Spiel eine Grundkategorie menschlichen Verhaltens darstellt. Da wir im Alltag jedoch zunehmend auf Funktionalität ausgerichtet sind, kommt dieser Seinsaspekt zu kurz. Im Schreiben kann man dem Spiel wieder mehr Raum geben. Schon das assoziative Schreiben, von dem bereits die Rede war, hat etwas Spielerisches, ebenso das imaginative und automatische Schreiben. Zudem kann man sich bewusst dafür entscheiden, die Sprache zu zerschlagen und neu zusammenzusetzen und scheinbare Nonsense-Lyrik zu produzieren, wie das bspw. die Dadaisten praktiziert haben. Oder man kann Cut-up Gedichte generieren, wie Herta Müller – immerhin die Literatur-Nobelpreisträgerin von 2009 – das gemacht hat.

Christoph Müller Als Gegenwartmenschen sind wir gewohnt, an unseren Tastaturen zu hocken, um Texte zu schreiben. Sie empfehlen das Schreiben mit der Hand. Welchen Nutzen hat dies denn für den therapeutischen Prozess?

Silke Heimes Schreiben mit der Hand, ist es ein Akt der Selbstvergewisserung und fördert die Kreativität. Die Handschrift ist etwas sehr individuelles und persönliches Geschehen und zugleich ein Seismograph der Gefühle. Sobald ich meine Schrift sehe, weiß ich, wie ich an diesem Tag gestimmt bin, ob ich weit und schwungvoll schreibe oder klein und zittrig. Zudem handelt es sich beim Schreiben mit der Hand um eine komplexe motorische Bewegung, die zahlreiche Areale im Gehirn aktiviert und damit die Kreativität fördert. Und es ist ein sinnlicher Akt, bei dem ich meine Hand über das Papier gleiten lasse, den Stift spüre und …

Christoph Müller Sie sind ja auch der Überzeugung, dass sich ein Mensch schlank schreiben kann. Dies wird besonders bei den Menschen auf Verwunderung stoßen, die sich über viele Jahre hinweg mit Diäten herumquälen. Wo nehmen Sie den Mut zu einer solch kühnen Überzeugung her?

Silke Heimes Ja, das kann ich mir denken. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob es vermessen ist, so etwas zu behaupten und in ein Buch zu packen. Aber wenn man meine Idee und das daraus entstandene Buch ansieht, geht es um viel mehr als das reine Schlanksein. Es geht darum, sich mit sich selbst und seinem Körper auseinanderzusetzen. Welche Figur habe ich? Welchen Einfluss habe ich darauf? Hängen mein Selbstwert und meine Lebenszufriedenheit davon ab, dass ich den vermeintlichen Medienidealen entspreche? Was ist mit diesen Idealen? Sind die nicht vielleicht Unsinn? Alles das kann ich im Schreiben herausfinden. Auch, was mir an Nahrung gut tut und in welcher Menge. Was mich fit und gesund hält, auch seelisch. Sie sehen, was man in diesem Bereich schreibend erreichen kann, geht weit über das reine Abnehmen hinaus und will eigentlich – wie alle meine Bücher – nur Denkanstöße geben.

Christoph Müller Wer den Mut hat, auf das Gewicht zu schauen, der schaut auch auf dysfunktionale Essgewohnheiten. Gibt es denn statt des Binge Eating nicht auch ein Binge Writing oder ein Binge Reading?

Silke Heimes ‚Binge’ hat auf mich fast dieselbe Reizwirkung wie so manche andere aktuellen buzzwords und hashtags. ‚Binge’ bedeutet sinngemäß ja so viel, wie ‚etwas in sich hineinzustopfen’. Und mal ganz ehrlich: Kann das gesund sein? Ich möchte weder Nahrung, noch Worte oder Bilder in mich hineinstopfen oder gar aus mir herauspressen, sondern ich möchte diese Vorgänge und Wahrnehmungen genießen.

Christoph Müller Ganz herzlichen Dank, Frau Prof. Heimes.

Silke Heimes Ich danke Ihnen und allen, die den Mut haben, sich schreibend und lesend auf den Weg zu sich selbst zu begeben.

 

 

 

Die Bücher, um die es geht

Silke Heimes: Ich schreibe mich gesund, Deutscher Taschenbuchverlag, München 2020, ISBN 9783423282222, 240 Seiten, 18 Euro.

Silke Heimes: Ich schreibe mich schlank, Deutscher Taschenbuchverlag, München 2020, ISBN 978-3423282512, 272 Seiten, 18 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 292 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen