„Ich hoffe einfach, dass die schönen Seiten des Pflegeberufs gesehen werden“

(C) Kzenon

Christoph Müller im Gespräch mit Berthe Arlo

Berthe Arlo hat viele Jahre als Pflegehelferin in einem Pflegeheim gearbeitet. In Nachtdiensten hat sie den pflegerischen Alltag erlebt. In dem Buch „Nachts wach“ hat sie Erlebnisse und Erfahrungen aufgeschrieben. Dies hat sie mit einem Pseudonym gemacht, um möglichst frei schreiben zu können. Christoph Müller hat mit Berthe Arlo gesprochen.

Christoph Müller In dem Buch „Nachts wach“ haben Sie viele Erfahrungen und Erlebnisse aus fast zwanzig Jahren pflegerischer Arbeit in einem Pflegeheim aufgeschrieben. Was hat Sie dazu bewegt?

Berthe Arlo Das Buch wäre nicht geschrieben worden, wenn sich die Verhältnisse geändert hätten. Vor allem habe ich es geschrieben, damit die Bewohnerinnen und Bewohner, mit denen ich zu tun hatte, nicht vergessen werden. Jeder hat so sein Schicksal, das habe ich ja miterlebt. Ich war sehr wütend: Ich habe stellvertretend über und für die Pflegekräfte alles aufgeschrieben, für meine jungen Kolleginnen und Kollegen, die heute diese Arbeit tun und im gleichen Schlamassel stecken wie wir damals, eigentlich noch schlimmer, durch die Pandemie. Ich habe das Buch geschrieben, um zu zeigen, was meine Kolleginnen und Kollegen damals geleistet haben und heute noch leisten müssen.

Christoph Müller Wenn Sie mit dem Abstand von Jahren auf die Arbeit im Pflegeheim blicken, dann stellt sich die Frage, was denn eigentlich das Besondere an der Nacht ist. Haben Sie eine Idee? Zeigen sich in der Nacht Phänomene wie unter einem Brennglas?

Berthe Arlo Das Besondere an jeder Nacht ist, dass sie keinen Morgen, keinen Mittag und keinen Abend hat. Sie ist von vorne bis hinten gleich, ohne den Wechsel der Tageszeiten – und immer künstliches Licht. Und es sind nicht so viele Pflegekräfte wie am Tag im Dienst, so dass man sehr auf sich gestellt ist.

Christoph Müller Das Erfrischende an dem Buch „Nachts wach“ sind die ganz ursprünglichen Geschichten, die Sie erzählen. Wer nicht pflegerisch arbeitet, kann manche Episode nicht glauben. Das Skandalon wird zum Alltag. Teilen Sie diese Einschätzung?

Berthe Arlo Es passieren auch im normalen Leben Sachen, da denkt man, das kann doch nicht sein. Vielleicht wirken manche Szenen nur deshalb so absurd oder auf einige Menschen und Rezensenten vielleicht sogar empörend oder unbarmherzig, weil diese Welt im Pflegeheim so weit von unserer Alltagswelt entfernt ist.

Christoph Müller Wenn Sie über Kolleginnen und Kollegen schreiben, kommt punktuell eine Menge Kritik und Misstrauen zur Sprache. Was bedeuten Ihnen Begriffe wie Respekt, Würde und Grundrechte, wenn Sie an die Begleitung pflegebedürftiger Menschen denken?

Berthe Arlo Dass man diesen Respekt, diese Würde und diese Grundrechte gar nicht so würdigen kann, weil man einfach nur zu zweit ist nachts. Man würde sich gerne um alle diese Sachen kümmern und würde mehr Hilfe und Zuwendung spenden können, wenn man überhaupt Zeit dafür hätte. Man muss sich ja ständig beeilen, um nur die Grundpflege zu machen.

Christoph Müller Geht man mit Ihnen durch das Pflegeheim, so erkennt man ein Ringen darum, in die Schuhe der Betroffenen zu schlüpfen. Nicht nur die Hilfe, sondern auch das Leben bleibt ein Fragment, wie es der Theologe Henning Luther in den 1990er Jahren ausgedrückt hätte. Wie sind Sie mit Enttäuschungen umgegangen? Aus welchen Erfahrungen haben Sie Kraft für die Arbeit gezogen?

Berthe Arlo Als ich im Dienst war, wurden uns die vorherigen Berufe der Pflegebedürftigen meist nicht mitgeteilt: Dort stand Rentner oder Rentnerin. Das ist zum Glück heute wohl anders, habe ich gehört. Meine Arbeit im Pflegeheim liegt lange zurück. Aber das Leben der Menschen musste ja für mich und alle Pflegenden ein Fragment bleiben, denn wir kannten sie ja nur in ihrem letzten Lebensabschnitt und als Nachtdienst nur in der Nacht. Kraft habe ich gezogen aus schönen Momenten, wenn sie denn möglich waren. Wenn ich jemanden trösten konnte oder wenn sich Heimbewohner bedankt haben, zu unserer Verblüffung. Die meisten haben es nicht getan: Sie konnten es nicht, manche wollten es nicht. Man kann ja nicht enttäuscht sein von Menschen, die dement sind. Ich hoffe einfach, dass mein Buch dazu beträgt, dass auch die schönen Seiten des Pflegeberufs gesehen werden, weil man Menschen nicht nur körperlich nahekommt.

Christoph Müller Unter einem Pseudonym haben Sie das Buch geschrieben. Dies ist ein deutliches Zeichen – auch dafür, dass in der pflegerischen Arbeit vieles tabuisiert wird. Inwieweit wünschen Sie sich, dass Ihr Buch Ermutigung für Veränderungen in den pflegerischen Settings, aber auch der Mentalitäten in Institutionen ist?

Berthe Arlo Ja, das würde ich mir wirklich wünschen. Man könnte das Buch Altenpflegern und Altenpflegerinnen in die Hand geben, damit sie sich damit auseinandersetzen, was sie erwartet, ist ja egal, ob tags oder nachts. Und dass sich vielleicht etwas verändert. Das Pseudonym habe ich gewählt, weil ich einfach nicht will, dass Shitstorms über mich hereinbrechen, von Menschen, die solche Texte und Themen einfach nicht lesen wollen und in den falschen Hals kriegen: Ich mache die Wirklichkeit ja nicht, ich habe sie beschrieben.

Christoph Müller Herzlichen Dank für das Gespräch, werte Frau Arlo.

 

Das Buch, um das es geht

Berthe Arlo: Nachts wach, Mikrotext Verlag, Berlin 2022, ISBN 978-3-948631-20-8, 237 Seiten, 20 Euro.

 

 

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at