„Ich gehe einfach davon aus, dass der Verstand nicht alles ist“

Der Altersexperte Erich Schützendorf über eine Entdeckungsreise zur Demenz

(C): Gabriele-Rohde

Wenn über Menschen gesprochen wird, die der Altenpflege über Jahre Impulse gegeben hat, dann fällt stets der Name von Erich Schützendorf. „Das Recht der Alten auf Eigensinn“ und „In Ruhe verrückt werden dürfen“ sind Titel, mit denen sich der studierte Pädagoge für die Subjektivität der Erfahrungen alter und gebrechlicher Menschen ausgesprochen hat. Bei einem Espresso hat Christoph Müller den profilierten Fürsprecher der alten Menschen getroffen.

Christoph Müller Die Wahrnehmung der Demenz orientiert sich an den Defiziten der betroffenen Menschen. Mit dem neuen Buch „Anderland entdecken, verstehen, begreifen“ plädieren Sie für eine Entdeckungsreise einer neuen Kultur. Wo nehmen Sie diesen Optimismus gegenüber der existentiellen Erfahrung der Demenz her?

Erich Schützendorf Ich gehe einfach davon aus, dass der Verstand nicht alles ist. Dann entdeckt man die lebens- und liebenswerten Seiten der Menschen mit Demenz. Sie sind voller Poesie und Sinnlichkeit, sie leben ihre Gefühle, sie geben sich der Lust am zweckfreien Tun hin. Ihre Lebenswirklichkeit ist nicht besser oder schlechter, sie ist einfach anders und damit interessant und spannend.

Christoph Müller Denjenigen Menschen, der einem dementen Menschen begegnet, bezeichnen Sie als Völkerkundler. Sie verlangen dem Völkerkundler ab, sich der Verrücktheit des betroffenen Menschen zu öffnen. Wieso ist dies keine Zumutung für Sie?

Erich Schützendorf Der Völkerkundler betritt ein ihm unbekanntes, fremdes Land und versucht die dort lebenden Menschen mit ihren Sitten und Gebräuchen zu erkunden. Dies unterscheidet ihn von einem Touristen, einem Missionar oder einem Eroberer. Der Tourist findet das ihm unbekannte Verhalten skurril, der Missionar will die Menschen auf den rechten Weg führen und der Eroberer setzt die Rechte der einheimischen Bevölkerung außer Kraft. Der Völkerkundler dagegen beobachtet, staunt und lässt sich beeindrucken. Er arbeitet sich in fremde Sinnzusammenhänge hinein und reagiert statt zu agieren. Er begegnet den Menschen neugierig und offen, er will Neues und Ungewohntes entdecken. Das ist nach meiner Auffassung keine Zumutung, sondern eine Freude. Das Verhalten der Menschen in „Anderland“ ist nicht verrückt. Vielleicht könnte man sagen, die Menschen mit Demenz sind von dem Land „Normalien“, in dem sie sich vorher aufgehalten haben, abgerückt.

Christoph Müller Fantasie, Kreativität und Gefühl sind Begriffe, die Sie mit der Demenz in Verbindung bringen. Dies ist für pflegende Angehörige und professionell Pflegende Worte der Ermutigung, um betroffenen Menschen zu begegnen. Wieso gelingt dies Zugehörigen im häuslichen Umfeld und Professionellen in stationären Einrichtungen so selten?

Erich Schützendorf Die zentralen Werte in „Normalien“, wo die Zugehörigen und die Pflegenden leben, sind Rationalität und funktionale Autonomie. So kommt es, dass sich die Zugehörigen und Pflegenden den Menschen im Anderland mit Vernunft und Verstand nähern und das Verhalten der Menschen danach beurteilen, ob es vernünftig, funktional und zweckgerichtet ist. Da dies natürlich nicht der Fall ist, versuchen sie das „falsche“ Verhalten zu verhindern, zu korrigieren oder abzuschwächen. Es fällt ihnen schwer, den Menschen mit Demenz das Recht auf eine unvernünftige und spielerische Selbstbestimmung einzuräumen. Sie fragen sich, was der Mensch mit Demenz erwartet und gewollt hätte, als er noch bei klarem Verstand war und übersehen, dass die Menschen, wenn sie Normalien verlassen, ihr Vorlieben, Wünsche, Begierden und Gewohnheiten leben wollen, ohne dass ihnen ein Verstand im Wege steht.

Christoph Müller Zu Ihrer Überzeugung gehört es, dass man altert, wie man gelebt habe. Trifft es auf den dementen Menschen zu, dass er verrückt wird, wie er gelebt hat? Lassen Sie eine Provokation dieser Art zu?

Erich Schützendorf Ja, das könnte man so sagen. Die Primärpersönlichkeit, also Charakter, Träume, Impulse, Bewältigungsstrategien, bleibt in aller Regel erhalten. Der Mensch mit Demenz verlässt „Normalien.“ Dabei lässt er den Verstand zurück, aber er trägt im Gepäck all das, was er in „Normalien“ geliebt, gefühlt, erträumt, erhofft und genossen und was ihm Sicherheit und Wohlbefinden verschafft hat. Er bleibt die Person mit seinen Liebenswürdigkeiten und seinen Macken.

Christoph Müller Wahrscheinlich mit dem Blick auf die eigene Ehe schreiben Sie, dass der gemeinsame Einkauf am Freitagnachmittag „zum Erlebnis ehelichen Gleichklangs“ werden kann. Hat die Faszination des Non-Spektakels nicht etwas ungemein Beruhigendes beim Älterwerden?

Erich Schützendorf Absolut. Die Wiederholung, das Vertraute, die Rituale, das Vorhersehbare gibt Sicherheit und trägt zur Ausgeglichenheit bei. Im Alter ist es die Ruhe, die einen ernährt, das Spektakel braucht Energie. Passivitäten wie Stille, Ruhe, Langsamkeit, Bedächtigkeit, Innehalten, Stehenbleiben, Verweilen, Warten, sind Qualitäten des Alters. Wer Menschen mit Demenz besucht oder begleitet, sollte unbedingt über diese Qualitäten verfügen.

Christoph Müller Sie äußern sich, dass Sie keine Lust mehr hätten, den Jüngeren zu spielen und respektvoll mit den Älteren umzugehen. Schenkt das Alter Freiheit? Wird diese Freiheit maximal ausgelebt, wenn jemand dement wird?

Erich Schützendorf Alter schenkt Freiheit. Das ist so. Auch die Freiheit, sich von Selbstverpflichtungen zu verabschieden. Überhaupt genieße ich den Zustand der Entpflichtung als die angenehmste Seite des Alters. Und was den Menschen mit Demenz angeht: er kann sich ohne Rücksicht auf soziale Erwartungen seinen Gelüsten und Gefühlen, den angenehmen wie den unangenehmen, hingeben. Er muss nichts mehr unter Kontrolle halten, weder sein Lachen, noch sein Weinen, weder sein Desinteresse, noch seine Wut.

Christoph Müller Welche Anregungen zum Alter und zur Gebrechlichkeit dürfen wir noch von Ihnen erwarten? Wollen Sie weiterhin die Rolle des Optimisten wahrnehmen?

Erich Schützendorf Ich habe mich mein ganzes Berufsleben mit dem Älterwerden und dem Alter beschäftigt und dabei stets mein eigenes Älterwerden reflektiert, was mir übrigens jetzt, da ich im November 70 Jahre alt werde, zu Gute kommt. Ich bleibe Optimist auch in Bezug auf meine zu erwartende Gebrechlichkeit und Pflegebedürftigkeit. Mal sehen, ob ich demnächst, wenn ich die Seiten gewechselt habe und nicht mehr vor dem Pflegebett stehe, sondern in selbigen liegen werde, beschreiben kann, wie sich das anfühlt. Der Abgleich meiner Einsichten als alter pflegebedürftiger Mann mit meinen bisherigen Gedanken zum Wohlbefinden alter pflegebedürftiger Menschen scheint mir ein reizvolles Projekt zu sein.

Christoph Müller Herzlichen Dank dafür, dass Sie uns in fremde Welten begleiten.

 

Die Bücher, um die es geht

Erich Schützendorf: Anderland entdecken, verstehen, begreifen – Ein Reiseführer in die Welt von Menschen mit Demenz, Reinhardt-Verlag, München 2019, ISBN 978-3-49702898-6, 122 Seiten, 19.90 Euro.

Erich Schützendorf: In Ruhe alt werden können? Widerborstige Anmerkungen, Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main 2016, ISBN 978-3-938304-05-1, 122 Seiten, 16.95 Euro.

 

Christoph Mueller
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Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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