HumorCare: Interview mit Christoph Müller

Interview von Jonathan Gutmann mit Christoph Müller

(C) YakobchukOlena

Christoph Müller ist pflegerischer Humorexperte der ersten Stunde. Im Oktober erschien sein Herausgeberwerk „HumorCare: Das Heiterkeitsbuch für Pflege- und Gesundheitsberufe“. Jonathan Gutmann interviewte den Autor für Pflege Professionell. 

Lieber Herr Müller, Sie beschäftigen sich nun schon sehr viele Jahre mit dem Thema „Humor“. Seit wann eigentlich genau und was gab den Anlass, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen?
In meinem Leben habe ich häufiger die Erfahrung gemacht, dass inhaltliche Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit Begegnungen mit Menschen stehen. So ist es bei der Beschäftigung mit dem Humor und dem Lachen auch. Im Jahre 2000 traf ich Thomas Holtbernd. Dessen damals gerade erschienenes Buch „Der Humor-Faktor“ beeindruckte mich. Irgendwie hatte ich die Idee, das Lachen und die Heiterkeit mit meiner praktischen Arbeit als Pflegender in der Psychiatrie zu verbinden. Gedacht, getan. Es dauerte dann nicht lange, dass ich Vordenker des Humors in therapeutischen Handlungsfeldern von Angesicht zu Angesicht erlebte. Rolf Hirsch, Michael Titze, Beat Hänni und andere entzündeten das Feuer weiter.

Ist es in der derzeitigen Situation (Ökonomisierung des Sozialen, Personalknappheit, Zeitmangel, etc.) nicht etwas zynisch, Angehörigen eines Pflege- oder Gesundheitsberufes zum Einsatz von Humor zu raten? Oder: Warum benötigt es vielleicht genau in dieser schwierigen Zeit Humor?
Wenn ich über die Heiterkeit und den Humor im psychosozialen Handlungsfeld nachdenke, dann tue ich dies auf keinen Fall mit dem Blick auf die Ökonomisierung. Mit Humor und Heiterkeit zu arbeiten bedeutet für mich, vor allem die Beziehung zu erkrankten Menschen und deren Angehörigen im Blick zu haben. Das Miteinander von Betroffenen, Helfenden und dem sozialen Umfeld lebt von einer Atmosphäre, die gut tut. Sich ein Lächeln zu schenken, eine heitere Geschichte zu erzählen, das Heitere im Ernsten zu identifizieren, dies bringt Menschen auf gemeinsame Wege. Als psychiatrisch Pflegender geht es mir vor allem darum, Berührungspunkte unter Menschen auszumachen. Letztendlich geht es mir darum, immer das Positive auszumachen – auch wenn Situationen ausweglos erscheinen. Denn von einem solchen Startpunkt aus lassen sich immer Lösungen aus Problemlagen finden. Oder es ist einfach möglich, die eine oder andere Ausweglosigkeit auszuhalten.

Humor im Klinikalltag wird häufig mit der Figur des Clowns assoziiert. Geht es im Gesundheitswesen darum, dass sich Mitarbeitende zum Clown machen oder was kann man sich genau unter „Humorarbeit“ oder „therapeutischem Humor“ vorstellen?

Der Clown steht für das Stolpern und das Wieder-Aufstehen. Mit dieser Charakterisierung ist gleichzeitig eine existentielle Erfahrung im Leben angesprochen. Das Leben läuft nicht immer glatt. Umwege gehören dazu, genauso Steine, die im Wege liegen. Mit dem eigenen Stolpern kommen wir nicht immer zurecht. Trotzdem wird uns abverlangt, dass wir den Kopf nicht in den Sand stecken. Der Clown ist mir Leitfigur, dem Stolpern immer ein Trotzdem entgegenzuhalten.

Viele Praktikerinnen und Praktiker verstehen unter Humorarbeit ganz praktisches Handeln. Sie trainieren sich in Lachyoga und geben dies an Patientinnen und Patienten weiter. Andere veranstalten Humorgruppen, die dem Ernst therapeutischer Gruppen heitere Aktivitäten entgegensetzen.

Mir ist es immer darum gegangen, Humor und Heiterkeit als eine Haltung zu verstehen. Wenn ich eine innere Haltung verkörpere, dann hat dies eine Signalfunktion gegenüber den Menschen, denen ich im beruflichen Kontext begegne. In der Psychiatrie zu arbeiten heißt oft, wirklich schwierigen menschlichen Erfahrungen zu begegnen. Schließlich sind die Seelen der Betroffenen aus der Balance. Und ich glaube, dass das Leben stets in Polaritäten stattfindet. Die Melancholie gibt es nur im Gleichklang mit der Heiterkeit. Dem Ernst muss die Freude entgegengedacht und entgegengefühlt werden.


Sie arbeiteten früher in der Forensik. Bleibt einem dort aufgrund der ernsten Lage nicht häufig das Lachen im Halse stecken? Oder was kann Humor dort vielleicht bei allen Beteiligten bewirken?

Nach langen Jahren im Maßregelvollzug arbeite ich wieder in der Allgemeinpsychiatrie. Natürlich ist es so, dass die Erzählungen und die Biographien, mit denen ein professionell Tätiger in der forensischen Psychiatrie konfrontiert wird, hier und da unglaublich erscheinen. Letztendlich geht es im Maßregelvollzug vor allem darum, den untergebrachten Menschen Beziehungserfahrungen zu ermöglichen. Vielen Untergebrachten sind Bindungen eher fremd. Und Beziehungsaufbau findet über eine heitere Begegnung statt. Diese heitere Begegnung kann von einem zum anderen Menschen ganz unterschiedlich sein. Was im Maßregelvollzug bedeutsam ist, ist eine Schlagfertigkeit und vielleicht auch eine Respektlosigkeit des helfenden Menschen. Menschen, die im Maßregelvollzug untergebracht sind, haben hier und dort oft eine spitze Zunge, suchen die Konfrontation über einen bösen Spruch. Diesem Spruch gilt es, mit Spontaneität und Treffsicherheit zu begegnen. Humor und Lachen sorgen für Beziehung – das ist in der Forensik bedeutsam.

Wenn man am Arbeitsplatz mit einer neuen Idee um die Ecke kommt, wird man häufig erst einmal kritisch dafür beäugt, manchmal sogar belächelt. Was halten Ihre Kolleginnen und Kollegen von Ihren humorvollen Ideen und wie reagieren sie darauf?
Ich gehöre nicht zu den Menschen, die den Humor quasi auf der Stirn stehen haben. Kolleginnen und Kollegen wissen, womit ich mich fachlich beschäftige. Manchmal fragt auch jemand nach Literatur (die ich geschrieben habe). Mir geht es darum, durch mein ganz alltägliches Handeln zu überzeugen. In Bezugspflege-Gesprächen empfehle ich Menschen, die seelisch aus der Balance geraten sind, beispielsweise, die Impulse, die Oberhand im Denken und Fühlen bekommen haben, einfach einmal gegen den Strich zu kämmen. Oder ich rate dem Einen oder Anderen, sich eine rote Nase anzuschaffen, um ein konkretes Handwerkszeug nutzen zu können, um der Niedergeschlagenheit und Traurigkeit etwas entgegenzusetzen.

Für Kolleginnen und Kollegen stehe ich als jemand (so habe ich den Eindruck), der für das Trotzdem steht. Letztens sagte eine psychologische Kollegin im Kontakt mit einer Patientin, der ich einen ermutigenden und heiteren Spruch mit auf den Weg gegeben hatte: „Ach, der Herr Müller hat immer einen witzigen Spruch auf der Zunge. Dies tut gut, oder?“ Natürlich kenne ich auch Kolleginnen und Kollegen, die eher skeptisch auf mich schauen. Als Überzeugungstäter ist es an mir, Skeptizismus auszuhalten. Ich muss ja auch aushalten, dass ich gelegentlich mit einem Spruch in ein Fettnäpfchen trete.


Man hört immer wieder den Ausspruch, dass mancher Mensch keinen Humor verstehen oder sogar keinen Sinn für Humor besitzen würde. Gibt es humorlose Menschen bzw. besitzt jeder Mensch einen Sinn für Humor?
Jeder Mensch hat einen Sinn für Humor. Der Eine oder die Andere hat einen sehr eigenwilligen Blick darauf. Dies kann man natürlich auch Eigensinn nennen. Dies finde ich nicht schlimm. Einen Sinn für Humor zu haben heißt ja auch resonanzbereit zu sein. Es gibt Zeiten, in denen es uns schwerfällt, Resonanz zu zeigen, da es das Leben allzu schwierig mit uns meint. Es gibt Zeiten, während denen wir locker sein können. Uns unterscheiden Mentalitäten, die von der Erziehung, der Sozialisation, der regionalen Prägung abhängen. Irgendwie ist es doch eine spannende Aufgabe, in einem noch so minimalen Resonanzzeichen das Spielerische oder das Heitere zu entdecken.

In Pflege- und Gesundheitsberufen hat man es immer wieder mit traurigen Geschichten, Leid, Resignation und Hoffnungslosigkeit zu tun. Wie kann es gelingen, den Sinn für Humor bei hilfe- und pflegebedürftigen Menschen zu fördern?
Da kann ich mich nur wiederholen. Humor fördere ich, indem ich Beziehung stifte. Wenn ich einem symphonischen Konzert horche, dann muss ich auch auf die ganz leisen Töne hören, die das Konzert zu einem Erlebnis werden lassen. Erst wenn ich auch das höre, was möglicherweise gerne überhört wird, entdecke ich die Entfaltung eines wunderbaren musikalischen Werkes. Wenn ich einem hilfe-und pflegebedürftigen Menschen begegne, muss ich genauso die kleinen Zeichen von Freude und Heiterkeit aufgreifen, um die Kraft einer helfenden Beziehung entfalten zu können.

Vielen Dank für das Interview und Ihr großartiges Engagement rund um das Thema Humor.

 

 

Christoph Müller
HumorCare – Das Heiterkeitsbuch für Pflege– und Gesundheitsberufe
2019, 1. Auflage
Softcover, 272 Seiten
Hogrefe Verlag
ISBN: 978-3-456-85894-4

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