Humor in der Rhetorik

26. Juli 2020 | Rezensionen | 0 Kommentare

Viele Menschen kennen die Sehnsucht, in sämtlichen Situationen des alltäglichen Lebens rhetorisch auf der Höhe zu sein. Sie klagen immer einmal über eine fehlende Schlagfertigkeit und vor allem eine sprachliche Kreativität, die das Gegenüber verstummen lässt. Eine Unterstützung kann nun das Buch „Humor in der Rhetorik“ sein, in dem der Psychotherapeut und Humor-Forscher Michael Titze seine Erfahrungen an Zeitgenossinnen und Zeitgenossen weitergibt.

Rhetorik ist nach Meinung von Titze die Kunst der Sprachgewandtheit, was die Befähigung zu einer erfolgreichen Erwiderung auf provozierende Aussagen voraussetze. Dies klingt nach einem hohen Anspruch. Doch geht es Titze bei seiner Expedition durch die Rhetorik um die Fähigkeit, im Alltag kompetent und wortgewandt reagieren zu können. Titze ist bewusst, dass das Steuerungszentrum im Gehirn, das für rationales Handeln zuständig sei, in bedrohlichen Lebenssituationen blockiere. Statt mit Boxhandschuhen will Titze mit Worten schlagen.

So wundert es nicht, dass er in die Geschichte der Rhetorik schaut und einen Blick auf die altgriechischen Philosophen wagt. Er deutet an, dass die rhetorische Kunst für ihn etwas Spielerisches hat. Gleichzeitig betont er, dass die Körpersprache eine große Bedeutung hat. So folgert Titze: „Eine humorzentrierte Rhetorik basiert auf der Grundidee: Die Mimik kommt vor der Gestik und die Gestik kommt vor dem gesprochenen Wort“ (S.8). Körpersprache komme unmittelbar bei einem Gegenüber an, müsse nicht kognitiv dechiffriert werden, um verstanden zu werden. Wenn Titze dies in seinen Erläuterungen betont, kann sich die Leserin, der Leser dieser Erkenntnis nicht entziehen, kommt eher ins Nachdenken darüber, ob ihr oder ihm dies im Alltag bewusst ist.

Titze greift über die 135 Seiten hinweg immer wieder in die Schatzkiste der Erfahrungen. Der paradoxe Widersinn und die persönlichkeitstypische Rhetorik, der aggressive und regressive Aktionsradius – all dies nimmt Titze unter die Lupe. Als belebend wird erlebt, wenn Titze beispielsweise den närrischen Menschen vorstellt. Titze schreibt: „Im Gegensatz zum Spaßmacher und Witzeerzähler braucht der genuine Humorist kein Publikum, das ihm applaudiert. Ihm geht es nicht um die Außenwirkung. Er folgt allein seinem närrischen Eigensinn und tut das, wozu er gerade Lust hat. Das kann dann auch die einsame Siesta auf einer verlassenen Parkbank sein, inmitten eines Schneegestöbers“ (S. 62).

Dies muss man natürlich erst einmal können, geht einem durch den Kopf. Titze wäre nicht Titze, wenn er auf den Veränderungswillen und die Veränderungsbereitschaft eines Menschen setzen würde. Für ihn ist eine Entwicklung der persönlichen Rhetorik immer auch eine Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. So setzt er mit dem Buch „Humor in der Rhetorik“ ein klares Zeichen.

Apropos Entwicklung: Dazu gehört natürlich auch die Fähigkeit, selbstironisch zu werden bzw. zu sein. Selbstironie lebe von einer bedingungslosen Selbstkritik „die den Kontrahenten über kurz oder lang verwirren muss“ (S. 69). So werde dem Gegenüber Wind aus den Segeln genommen.

Das Buch „Humor in der Rhetorik“ ist wieder einmal eine Gelegenheit, über eine scheinbar äußere Schwäche den Weg zu sich selbst zu finden, sich selbst zu stärken. Titze macht klar, dass die Auseinandersetzung mit dem (therapeutischen) Humor mehr ist als die Belebung eines Wirkungsfeldes mit einer neuen Seite. Aus der Enge des Alltäglichen weist er den Weg in die Weite des persönlichen Wegs.

Michael Titze: Humor in der Rhetorik, Der Trainer Verlag, Mauritius 2020, ISBN 978-620-0-76787-5, 135 Seiten, 25 Euro.

Autor:in

  • Christoph Mueller

    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at