„Hoffnungsbilder geben Aufschluss über die Welt“

Michaela Hans über den Begriff der Hoffnung

(C) Philip Steury

In der psychiatrischen Pflege kennen sämtliche Beteiligte Momente der Hoffnung und der Hoffnungslosigkeit. Dass sich Pflegende diesen Phänomenen nähern, hat Seltenheitswert. Die Pflegefachfrau Michaela Hans hat sich mit dem Buch „Hoffnung vermitteln im Pflegeprozess“ auf den Weg gemacht, den Begriffen mehr Leben einzuhauchen. Bei einer Tasse heiße Schokolade hat sie Christoph Müller von der persönlichen Expedition erzählt.

Christoph Müller Im Fokus Ihrer Betrachtungen stehen die Hoffnungslosigkeit und die Hoffnung. Was bedeuten für Sie ganz persönlich diese Begriffe?

Michaela Hans Mit Hoffnung sind für mich Bilder oder Gefühle verbunden, die eine wichtige Bedeutung für mich haben. Zum Beispiel das Bild vom tiefen Vertrauen zum Leben. Ich habe festgestellt, dass ich dieses Vertrauen will immer wieder bewusst wachrufen kann, wenn ich will. Ich habe als Erwachsene in einem Album meiner Eltern ein Foto von mir gefunden. Da stehe ich mit vier Jahren auf einem Vorsprung einer hohen Mauer, hinter mir ist ein etwas lottriger Maschendrahtzaun, an dem ich mich mit beiden Händen festhalte. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich dort hinaufgekommen bin. Es sieht gefährlich aus. Ich lasse mich nach vorn hängen. Unter mir geht eine Straße vorbei. Ich schaukele jauchzend vor und zurück. Ich kann mich an das Gefühl erinnern, dass ich damals hatte.

Erwachsene würden entsetzt rufen: „Um Gottes Willen, Kind! Halt dich fest! Komm sofort runter!“ Anscheinend ruft da niemand, aber irgendjemand sieht es, dieser Jemand hat das Foto gemacht. Ich sehe glücklich aus, ganz in mir selbst vertieft. Es scheint, dass ich großen Genuss an diesem Zustand habe. Wenn ich das Foto sehe, dann spüre ich diese Freude wieder, es ist fast so wie Fliegen. Ich habe keine Angst, dass etwas passieren könnte. So habe ich noch andere Begriffe in mir gefunden, die ich mit Hoffnung verbinde. Diese Begriffe leben in mir als Geschichten, die besonders gute Gefühle auslösen.

Auch habe ich in Märchen Weisheiten gefunden, die mich besonders ansprechen. Oder ich erlebte in der Natur etwas, das ich einem wichtigen Hoffnungsbegriff zuordnen konnte – wie zum Beispiel „tiefe Dankbarkeit“, „Verzückung“, „Friede“, „Gelassenheit“. Hoffnung hat auch mit Wahlfreiheit und mit Sinnfindung zu tun. Für mich bedeutet es, stets offen für das Leben, man könnte auch sagen, offen für das Schicksal sein. Eine optimistische Ausstrahlung zu haben, ist eher einfach. Hoffnungsvoll zu bleiben, wenn es einmal nicht so läuft, wie ich es mir vorstelle, ist mit Arbeit verbunden und schwierig. Dabei helfen mir meine Hoffnungsbilder. Schwierige Erkenntnisprozesse oder Kompromisse finden oder Zugeständnissen machen, dies fällt mit diesen Bildern leichter.

Um hoffnungsvoll zu bleiben, muss ich es schaffen, einer unglücklichen Sache einen Sinn abzuringen. Aber ich kenne auch die Nuancen von Hoffnungslosigkeit. Da beginnt ein Ringen in mir, zwischen „ja, pack es an“ und „nein, ich kann es nicht“ oder „das wird nie was“ oder „nein, die Person schnallt es eh nicht, der Einsatz lohnt sich nicht“. Dies ist so etwas wie ein Aufgeben-Wollen, bevor man es probiert hat oder bevor man es bis zur Gänze ausgetragen hat.

Ich war selbst noch nie ganz tief hoffnungslos in meinem Leben. Ich erlebe Hoffnungslosigkeit bei Patienten, die bis zu einer lebensauslöschenden Macht anschwellen kann. Hoffnungslosigkeit kommt oft schleichend mit dem Zweifeln, bis hin zum Verlust des Vertrauens zu sich selbst und den eigenen Kräften. Tiefe Hoffnungslosigkeit hat keine Zukunftsvorstellungen, sondern lediglich ein Nichts vor sich. Hoffnungslos lässt passiv, engstirnig, hart, ängstlich, wütend, aggressiv, einseitig und klein werden. Man sollte gebührenden Respekt vor dieser bodenlosen Hoffnungslosigkeit haben. Lässt man nämlich diese negativen Kräfte zu, zieht sie dich in den Schmerz und in die Angst förmlich hinein. Du fühlst dich dieser Macht ausgeliefert. Entscheidet man sich aber für die Hoffnung, dann sagst du ja zum Kämpfen und Ringen um das Lebendig-Sein. Damit meine ich: „Du lässt dich konkret auf deine Fragen zu deinem Leben ein – trotz Schmerz, Angst und Ungewissheit.“ Wenn man einmal begriffen hat, dass man immer frei wählen kann, dann entsteht eine unglaubliche Gelassenheit in dir. Wenn ich Hoffnung vermittle, dann betone ich in allem die eigene Handlungsfreiheit, die Wahlmöglichkeiten. Dies muss nicht im Handeln liegen, es kann auch die Umdeutung eines Zustandes oder Ereignisses sein und überhaupt das Aktiv-Bleiben.

Christoph Müller Aktiv werden, sich auf den Weg machen. Was bedeutet dies für einen psychisch erkrankten Menschen? Was heißt dies für einen psychiatrisch Pflegenden?

Michaela Hans Vorher habe ich von Wahlmöglichkeit und Sinnfindung gesprochen. Dies klingt zwar gut, ist aber für Patienten, die traumatisiert sind, die selbst schlecht von sich selbst denken, die mit Schuld und Scham kämpfen, sehr schwer umzusetzen. Darum muss man, wenn man Patientinnen und Patienten dabei helfen will, sich zunächst um einige grundsätzliche Dinge zu kümmern. Es fängt schon mit der Sprache an. Zum Beispiel verwende ich die Definition „psychisch krank“ bewusst nicht. Weil die übliche Vorstellung von krank – „ich liege im Bett“ – und die übliche Vorstellung von psychisch krank – „ich ticke nicht richtig im Kopf und liege im Bett“ – ist. Schon bei den ersten gemeinsamen Arbeitsschritten versuche ich zu vermitteln, dass Patientsein eine vorübergehende Rolle darstellt und psychisch krank sein nur ein Aspekt des Menschen ist.

Wenn wir von Hoffnung vermitteln sprechen, dann muss man unbedingt des ganzen Menschen, alle seine Lebensumstände und seine Rollen und Werte in eine Ordnung bringen, ins richtige Licht rücken. Dies geht einfach, wenn ich bewusst die Kundenrolle betone. Ich sage: „Hier sind Sie Kunde.  Wenn Sie sich nicht als Patient sehe, sondern als Kunde, wie würden Sie reagieren?“ Oder ich stoppe das Gespräch, wenn das Wort „immer“ auftaucht und frage ganz genau nach, ob der Patient, die Patientin wirklich immer traurig ist oder ob auch noch andere Gefühle vorhanden sind.

Für die Patientinnen und Patienten ist es oft sehr schwierig, ihre Stimmungen selbst differenziert zu beobachten und zu benennen. Das muss man trainieren. Das Training können wir anleiten, trainieren muss aber jeder selbst. Im besten Fall beginnt sich über dieses verfeinerte Wahrnehmen und differenzierte Sprechen beginnt sich das übliche Denken über eine Situation, über sich selbst zu verändern. So kann es allmählich zu einer Werteklärung und zu einer Neuorientierung im Leben kommen. Wer Verantwortung für sein Denken und Fühlen übernimmt, beginnt bereits für sich selbst Verantwortung zu übernehmen und erlebt Selbstwirksamkeit. Die Patienten werden eingeladen, über ihren eigenen Tellerrand hinweg zu schauen und sich zu fragen, wer oder was bestimmt mein Leben und will ich das zulassen oder nehme ich es selbst in die Hand?

All diese Schritte haben mit Würde zu tun. Das Erkennen, dass Patienten nicht nur krank sind, dass sie selbst etwas tun können, dass sie entscheiden können was, das ist die Basis von Hoffnung. Dann beginnt erst die Suche nach den ganz persönlichen Hoffnungsbildern.

Es gilt übrigens auch für die Pflegefachpersonen. Sie müssen den Patienten etwas zutrauen, sie müssen aber auch sich selbst etwas zutrauen. Ich beobachte in der Praxis immer wieder große Angst, etwas falsch zu machen oder zu sagen. Sie haben Bedenken, etwas beim Gegenüber auszulösen, was sie selbst nicht ertragen, nicht ausbügeln, nicht zurechtrücken können. Vor allem junge Kolleginnen und Kollegen benötigen Anleitung, um sich auf solch tiefe Prozesse mit den Patienten einzulassen. Erst mit der Zeit füllt sich der Pflege-Rucksack mit Wissen, Techniken und Erfahrungen. Wir benötigen immer kluge und herzliche Führungskräfte, die helfen, verständnisvolle Kolleginnen und Kollegen, die Entlastung und Anregung geben können. Dies müssen übrigens nicht nur Pflegende sein. Ich würde mir mehr Offenheit für die Hoffnungsarbeit wünschen, auch die Bereitschaft, sich mit der Recovery-Arbeit auseinander zu setzen.

Christoph Müller Die Recovery-Orientierung taucht ja nicht nur in Ihrem Buch immer wieder auf, sondern in vielen neuen Veröffentlichungen der psychiatrischen Pflege. Auch wenn viele Pflegende sagen, dass sie sie Recovery als handlungsleitend sehen, so bleibt die Recovery-Orientierung doch oft leer. Wie kann sie trotzdem gelingen?

Michaela Hans Nun, dazu muss man wissen, dass Recovery kein fertiges Konzept ist. Am Anfang stand eine Initiative von Patienten, die forderten, dass ein Behandlungsteam an erster Stelle Hoffnung vermitteln müsse, Hoffung zu haben sei essentiell im Genesungsprozess. Sie fordern als Ziel Genesung nicht Symptomfreiheit und die Möglichkeit, ein zufriedenes erfülltes Leben zu führen. In der Arbeitspraxis zeigt sich nicht nur eine Diskrepanz zwischen dieser Forderung und der klassischen Psychiatriebehandlung, sondern auch die Patienten sind auf ihre vollständige Gesundung fixiert. Sie sagen oft: „Wenn ich gesund wäre, wenn ich keine Schmerzen hätte, dann würde ich ja alles machen, arbeiten, Ausflüge machen und so.“

Ich würde die Recovery-Orientierung nicht als „leer“ bezeichnen, sondern als eine komplexe Aufgabestellung unserer modernen Zeit und als tägliche Herausforderung in der Alltagspraxis. Hoffnung zu vermitteln ist im Krankenpflegeberuf ja keine neue Aufgabe. Ebenso ist bekannt, dass hoffnungsvolle Menschen länger leben. Neu ist, dass man nicht dem Zufall überlassen sollte, ob ein Behandlungsteam Hoffnung vermitteln kann oder will, sondern dass Hoffnungsvermittlung zu einer Standardbehandlung gehört, die allen Patienten zu Gute kommt. Dazu müssen Recovery-Konzepte nicht zuletzt in den Ausbildungsstätten vermittelt werden.

Man erwartet von Pflegenden zu Recht, dass ihre Handlungen nachvollziehbar und transparent gestaltet, dass sie genau einschätzen und prognostizieren können, welche Interventionen bei welchen Problemen geeignet sind. Dazu gehört auch die Fähigkeit, die eigene Arbeit durch kritische Betrachtung zu reflektieren und Maßnahmen ggf. anzupassen – das alles unter enger gesteckten Zeitbedingungen. Damit Hoffnung vermitteln und Hoffnungslosigkeit rechtzeitig erkannt werden kann, keine leere Worthülsen bleibt, braucht es Konzepte, Instrumente und Handlungsanweisungen für die Praxis. Es wird nicht von Heute auf Morgen gehen, sondern Zeit brauchen, vielleicht sogar einen Generationswechsel. Dies sollten keine Ausreden sein, um sich nicht täglich um die Umsetzung der Recovery-Orientierung zu kümmern. Schlußendlich geht es um einen achtsamen Umgang mit den Errungenschaften der Medizin – zum Wohl des Menschen! Als meine Nachbarin, die nichts von Psychiatrie versteht, mein Buch gelesen hat, sagte sie: „Wenn man wirklich so in einer Klink vom Personal behandelt wird, wie du es beschreibst, habe ich keine Angst mehr, psychisch krank zu werden.“

Christoph Müller An einer Stelle schreiben sie, dass humorvolle Situationen nicht abgewartet werden müssten, sie könnten auch geschaffen werden. Was haben Humor und Heiterkeit mit Hoffnung aus Ihrer Sicht zu tun?

Michaela Hans Nun, vorher haben wir kurz über die komplexen Anforderungen und auch über den Zeitmangel gesprochen. Dann kann die Forderung nach Humor bei den äußerst stressigen und herausfordernden Arbeiten von Pflegenden fast wie Hohn wirken. Die Arbeit soll nicht nur recovery-orientiert sein, sie soll auch noch Freude machen. Patienten sollen es merken, sie sollen von der guten Laune und der hoffnungsvollen Stimmung der Pflegenden angesteckt werden – wohlgemerkt bei chronischem Personalmangel! Da antworte ich: Es gibt eine Lösung! In der Pflege fehlen 36’000 Stellen, die Regierung verspricht 8000. Mit anderen Worten: Es fehlen36’000 Pflegestellen und ein Mathematiker. Ich weiß nicht, ob das für Sie lustig ist, aber mich erheitert das. Humor brauchen wir nicht nur für unsere Patienten. Humor brauchen wir auch für uns selbst.

Versetzen wir uns in die Lage einer Pflegeperson, die über die edlen und hohen Werte von Recovery grübelnd nachdenkt. Da wird der Person schnell klar, dass sie eigentlich hilflos äußeren Umständen ausgesetzt ist und sie denkt: „Ich als kleines Würstchen kann da eh nichts ändern“. Diese Person trifft am nächsten Tag auf einen Mitarbeiter, der schlechte Laune hat, auf eine Patientin, die weint und drei andere Patienten, die nicht am Programm teilnehmen wollen. Dann kommt der Chef und fragt, ob sie am Wochenende in der Spätschicht einspringen kann. Diese Person wird mit großer Wahrscheinlichkeit frustriert sein und spätestens jetzt selbst Laune bekommen. Macht da die Arbeit Spaß? Nein!

Darum denke ich mir: Mein Arbeitsplatz ist sicher. Keiner will ihn. – Ja, eist so! – Ein Witz hilft, sich über das Niveau der eigenen Beschränktheit und den Druck von außen zu erheben. Damit will ich auf keinen Fall sagen, den reellen Pflegenotstand bagatellisieren! Ich versuche nur, mich über die Gegebenheiten einer Alltagssituation zu erheben und – Obacht, jetzt wird es paradox- mich genussvoll dem Unvollkommenen hinzugeben. Damit ist das Urphänomen des Komischen beschrieben. Das Komische ist erfrischend, belebend und tut gut. Schweres wird plötzlich leicht und heiter. Kompliziertes entlädt sich in einem Lachen. Sich über eine Sache stellen, regt auf spielerische Weise zum Nachdenken an. Vielleicht entsteht im Schmunzeln, ein kleiner Funke eines mutigen Gedankens wie: „Ich kann das, ich schaffe es, es sollte doch irgendwo eine Lösung zu finden sein“.

Ich erlebe hoffnungslose Menschen, die mit einer schier erdrückenden Bürde von Verantwortung beladen sind, mit großen Erwartungen an das Leben, an sich selbst und andere, die – realistisch betrachtet – nicht erfüllbar sind. Das wirkt dann knorrig, erstarrt, öde und s-e-h-r ernst. Der Witz ist ein schnelles und unkompliziertes Sich-Hinausschwingen über den eigenen Tellerrand, ein Perspektivenwechsel besonderer Art, ein sich schwungvolles Erheben über scheinbar Unüberwindliches. Der Witz erzeugt ein heiteres Gefühl, das ein Feuerchen des Durchhaltens entfacht. Man gewinnt Zeit und Freiräume, in denen eine Idee und später eine wirklich geeignete Tat entstehen kann.

Christoph Müller Die Komik beschreibt also einen Weg zur Hoffnung. Diese ergibt sich bekanntlich aus einer Haltung heraus, die gelebt wird, durch persönliche Glaubwürdigkeit. Wie können es psychiatrisch Pflegende, diesen Sprung schaffen?

Michaela Hans Patricia Deegen, eine Betroffene und Hauptstreiterin der Recovery Bewegung sagte: „Recovery ist eine Art zu leben“. Dem stimme ich absolut zu. Ich behaupte, dass Pflegepersonal grundsätzlich von ihrer Persönlichkeitsstruktur dieser Art zu leben entspricht. Sie entscheiden sich, mit Menschen zu arbeiten. Es setzt bereits eine gewisse Empathiefähigkeit voraus, sie wollen sich für Menschen engagieren. Es setzt eine gewisse Handlungsbereitschaft voraus, sie sind kommunikationsfreudig, was ein gewisses soziales Einfühlungsvermögen bereits beinhaltet. Sie sind bereit, sich auf schwierige Lebensthemen einzulassen, also bringen sie auch eine gewisse Belastbarkeit bereits mit und sind reflexionsbereit, das könnte man auch als eine Art Neugierde bezeichnen. Meines Erachtens stellen sich ganz andere Fragen: Wie können Pflegfachleute so auf ihren Beruf vorbereitet werden, dass ihre oftmals schon vorhandenen Eigenschaften noch einen besonderen Schliff bekommen? Wie können die Arbeitsbedingungen gestaltet werden, dass diese Eigenschaften sicher und voll wirksam in ihren Handlungen zu tragen kommen? Wie können sie selbst von ihren Eigenschaften in ihrem persönlichen Leben profitieren? Wie können sie sich selbst vor traumatisierenden Ereignissen schützen, damit sie nicht selbst krank werden oder sich von ihren Patienten abschotten müssen? Was muss installiert werden, dass Pflegenden schnell und unproblematisch weitergeholfen wird, mit den Schwierigkeiten ihres Alltages fertig zu werden?

Eine optimistische Haltung, immer allem Schweren gegenüber zu stellen, fällt nicht einfach so vom Himmel. Es braucht ein Klima der Ressourcenorientierung, der Wertschätzung. Ein positiver Umgang mit Fehlern und eine flach gehaltene Hierarchie braucht Personen, die das wollen. Da kann ich den Pflegenden nur sagen: „Schafft großzügige Freiräume für eure Kreativität, diskutiert offen über eure Haltungen und erfindet eueren Arbeitsplatz und euer Zusammenleben und Zusammenarbeiten jeden Tag neu“. Wir müssen nicht darauf warten, bis es die andere für uns machen, wir müssen einfach selbst handeln. Dies wirkt auch inspirierend auf Patienten.

Christoph Müller Wenn es stimmt, dass Pflegende von Haus aus schon viele Fähigkeiten mitbringen, wieso brauchen Pflegende dann das Gezeiten-Modell und die Pflege-Diagnostik, um sich dem Phänomen der Hoffnung zunähern?

Michaela Hans Wenn ich Hoffnung vermitteln will, muss ich eine Begegnung herbeiführen. Mit Begegnung ist hier ein wahres, ernsthaftes Interesse an der Person gemeint. Die Begegnung von Mensch zu Mensch ist Vorraussetzung, um zu einem Arbeitsbündnis zu kommen und eine gute Beziehung zu den Patienten ist die Basis für eine konstruktive Zusammenarbeit. Dann erst beginnt die Arbeit. Am Schluss meines Buches frage ich verschiedene Kolleginnen und Kollegen, wie sie es selbst schaffen, die Hoffnung in ihrem Arbeitsalltag zu behalten. Keine Antwort gleicht der anderen. Hoffnung ist individuell, das ist die Botschaft. Das ist interessant und gleichzeitig eine Herausforderung. Es gibt kein gültiges Rezept, wie man Hoffnung vermitteln kann. Die Pflegefachperson muss sich mit jedem Patienten aufs Neue auf die Suche nach den persönlichen Hoffungsträgern oder Hoffnungsbildern machen. Dazu braucht sie einen breiten Horizont und Offenheit für Fremde. Pflegende können dabei nicht von ihren eigenen Ideen und Vorstellungen ausgehen. Sie benötigen dafür einen kritischen Blick auf ihre eigene Denkweise, damit sie ihre Perspektive ändern können. Es geht darum, das Potenzial des Gegenübers zu entdecken. Das ist überhaupt nicht einfach. Da stellt sich schnell die Frage, mit welcher Haltung gehe ich auf eine schwierige Situation zu, mit welchem Thema beginne ich ein Gespräch, wo setzte ich während einem Gespräch weiter an, auf welches Fettnäpfchen gilt es zu achten, wie erzeuge ich Erleichterung beim Gegenüber?

Das Gezeiten-Modell eignet sich mit seinen personenzentrierten und ressourcenorentierten Ansatz ausgezeichnet, und mit den vorgegebenen Themen psychische Gesundheit wieder zu entdecken und schlussendlich wieder Kontrolle über das Leben zu gewinnen. Das Modell ist bedürfnisorientiert und der Fokus liegt auf dem Ermitteln und Entwickeln von Lösungen. Alles das ist notwendig, um einen gangbaren Hoffnungsweg zu finden. Wir haben hier ein Konzept vorliegen, das eine gute Struktur für eine recovery-orientierte Pflege darstellt. Die Darstellung der Pflegediagnosen dient vor allem der nachvollziehbaren Dokumentation des Pflegeprozesses. Das ist aus vielerlei Hinsicht wichtig. So muss schon organisatorisch und strukturell eine Rund -um- die -Uhr- Begleitung von verschiedenen Pflegenden möglich sein. Aus dem Dokumentationssystem zieht jede diensthabende Pflegekraft die Informationen, die es ihr erlauben, den Prozess beim Patienten weiter zu begleiten und zu unterstützen. Auch dienen die Pflegediagnosen der klinischen Beurteilung einer Reaktion von Menschen auf aktuelle oder potenzielle Gesundheitsproblem oder Lebensprozesse. Die psychiatrische Diagnose hilft der Pflegekraft da nicht weiter. Zu wissen, dass der Patient die Diagnose Depression hat, sagt nichts über seinen aktuellen Hoffnungsstand aus. Eine richtig gestellte Pflegediagnose kann zum Beispiel helfen, eine Problemdarstellung aufzeigen, um zum Beispiel rechtzeitig zu erkennen, wenn die Hoffnung nicht mehr trägt – das kann lebensrettend für den Patienten sein. So wie der Architekt einen Plan zeichnen muss, damit man ein Haus bauen kann, muss die Pflege auch einen Plan haben, um den individuellen Gegebenheiten der Situation und den Bedürfnissen des Patienten entsprechend handeln zu können.

Christoph Müller Sie haben es schon angedeutet. Wenn ich die Selbstfürsorge im Blick habe, wird mir auch die Fremdsorge gelingen. Wie können psychiatrisch Pflegende Hoffnung für sich selbst gewinnen – alltäglich und beruflich?

Michaela Hans Pflegende können Fachbücher lesen. Oder ganz andere Bücher, zum Beispiel Romane, in denen über das Leben anderer erzählt wird oder einen guten Film anschauen oder in eine Kunst Ausstellung gehen. Überall finden sich Möglichkeiten über das Leben ins Nachdenken zu kommen, die verschiedenen Möglichkeiten erfahren, wie man mit Lebensfragen, die uns alle betreffen, umgehen kann. Dann könnte ein Sich-Besinnen auf seine eigenen Hoffnungsbilder oder Hoffnungskräfte beginnen. Vielleicht sehen Pflegende dann, dass man Hoffnung verlieren kann, wenn man nichts dafür tut. Dass man sie aber auch wieder zurückerobern kann. Das ist eine tolle Erkenntnis und gibt ein gutes Gefühl der Sicherheit. Es öffnet der Pflegefachperson einen grö?eren Handlungsspielraum im Umgang mit ihren Patienten.

Hoffnung ist ein sehr breitgefächertes Thema. Es geht darum Bedürfnisse zu erkennen und auszuleben, eigene Ressourcen zu entdecken, bis hin zur Wahrnehmung der eigenen Spiritualität, unabhängig von der Religion. Man kann über Philosophie einen Zugang zur Hoffnung finden. Wie immer, wenn man sich selbst in dem Erleben von Hoffnung und Hoffnungslosigkeit als eine Betroffene, als ein Betroffener erkennt, dann findet man auch einen Umgang mit diesen Begriffen und plant Hoffnung in sein eigenes Lebenskonzept bewusster ein. Dann kann man aber auch in der Patientenarbeit aus seinen eigenen Erfahrungen schöpfen, oder aus der Erfahrung der Patienten. Dann kann es zu einem gemeinsamen Austausch kommen, das ist sehr bereichernd für beide Seiten. Vielleicht lässt man sich von Patienten selbst Hoffnung geben -das funktioniert! Dann passiert nämlich etwas sehr Interessantes.

Die Hoffnungsbilder, die der Patient, die Patientin für die Pflegekraft entwirft, geben viel Aufschluss über seine, ihre Welt und wie sie die Welt und sich verstehen und interpretieren, das kann für einem selbst eine Horizonterweiterung sein. Durch das Annehmen von Hoffnungsbilder kann man eine unglaubliche Entlastung und Erleichterung erleben. Gemeinsam über Hoffnung zu sprechen, auch im Team, tut gut und bringt uns Menschen näher zusammen. Dann könnte man gemeinsam anfangen zu diskutieren, was Hoffnung ist, wie man sie gezielt für sich in den jeweiligen Situationen verwendet, wie man in einer Reaktion oder Interaktion Hoffnungslosigkeit erkennen kann. Ein Team kann dann bei Fallbesprechungen vielleicht auf ein tiefgründigeres Verständnis und eventuell auf andere Lösungsansätze, was der Arbeit vielleicht einen neuen Anstrich geben oder eine neue interessante Herausforderung darstellen kann. Der Kreativität ist hier keine Grenze gesetzt. Ich hoffe sehr auf weitere Beiträge und neue Erkenntnisse meiner Kolleginnen und Kollegen. Ich kann aus meiner eigenen Erfahrung nur sagen, seit ich mich so intensiv mit Hoffnung auseinandersetze, bin ich irgendwie zufriedener geworden.

Christoph Müller In diesem Sinn kann ich nur hoffen, dass die Hoffnung in den psychiatrischen Versorgungskontexten mehr wird. Herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Das Buch, um das es geht

Michaela Hans: Hoffnung vermitteln im Pflegeprozess, Psychiatrie-Verlag, Köln 2020, ISBN 978-3-88414-936-2, 149 Seiten, 25 Euro.

Christoph Mueller
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Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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