Hoffnung vermitteln im Pflegeprozess

„Füllen Sie es mit Leben“

Es ist ein Begriff, den man gerne daher sagt: Hoffnung. In der Beiläufigkeit werden psychiatrisch Tätige der Hoffnung psychisch erkrankter Menschen sowie ihrer An-und Zugehörigen jedoch nicht gerecht. Deshalb können die Praktikerinnen und Praktiker dankbar dafür sein, dass sich die Pflegefachfrau Michaela Hans auf den Weg gemacht hat, der Hoffnung mehr Bedeutung beizumessen.

Hans macht es den Praktikerinnen und Praktikern nicht einfach, wenn sie erwartet, dass die psychiatrischen darum wissen, wie Hoffnung und Hoffnungslosigkeit entstehen. Psychiatrisch Tätige müssten nicht bloß wissen, „wie Hoffnung und Hoffnungslosigkeit entstehen“ (S. 15). Sie müssten auch die Wechselwirkungen mit der Umwelt und die persönlichen Faktoren verstehen. Hans findet noch deutlichere Worte: „Fachliche Kompetenzen sind jedoch nur in Kombination mit menschlicher Herzenswärme wahre Hoffnungsträger“ (S. 15).

Für psychiatrisch Tätige, insbesondere für psychiatrisch Pflegende ist dieses Buch starker Tobak. Denn in den Augen von Hans geht es darum, von einer reflektierten Haltung zu einem beruflichen Handeln zu kommen. Dies liegt besonders psychiatrisch Pflegenden nicht, die sich grundsätzlich als pragmatische Arbeiter verstehen, die schnell zu Lösungen kommen wollen. Hans äußert ihre eigene kritische Haltung noch aus einer anderen Richtung. Sie schreibt über Werte, die Halt und Orientierung geben. So wird in kleinen Schritten die Brücke zur Hoffnung gebaut, die Hans auf keinen Fall als leeren Begriff dastehen lassen will.

Wenn es um Hoffnung geht, dann geht es in der psychiatrischen Pflege natürlich auch um die Recovery-Orientierung. Dabei geht es in der Regel ja darum, den Menschen ihre eigene Geschichte zurückzugeben. Wenn Hans schreibt, dass jeder Mensch ein sensibles und kein urteilendes Verstehen will, dann läuft sie sicher auf dem richtigen Pfad. Für die Bezugspersonenarbeit formuliert sie die Aufgabe, „dass der Patient sensibel für das eigene Erleben wird, ohne sich ins Bett zu flüchten oder in ständiges Grübeln“ (S. 32).

Sich mit einem Phänomen wie der Hoffnung auseinanderzusetzen, erfordert vom psychiatrisch Tätigen, über den Tellerrand des eigenen Handlungsfeldes hinauszublicken. Theologen, Psychologen und Philosophen wissen etwas dazu zu sagen. Hans zitiert die Pflegewissenschaftlerin Angelika Zegelin, die Hoffnung als „eine elementare menschliche Erfahrung – eine Kraftquelle und wertvolle Ressource in allen Pflege-und Krankheitssituationen“ (S. 46) beschreibt. Dabei sollen nach Hans die psychiatrisch Pflegenden von sich persönlich ausgehen. Im Idealfall sei sich die Pflegefachperson ihrer eigenen Hoffnungsfähigkeit bewusst, reflektiere ihre eigenen Erfahrungen mit Hoffnung und Hoffnungslosigkeit (S. 61).

Hans Buch ist ein großer Wurf, wenn sich psychiatrisch Pflegende auf den Weg machen wollen, über die eigene Person und den hilfsbedürftigen Menschen nachzudenken. Es bietet die Möglichkeit, existentiell über ein Phänomen zu reflektieren, das einem im pflegerischen Alltag begegnet, gleichzeitig auch die fachlichen Werkzeuge wie Pflegediagnosen und Therapie-Manuale anzuwenden. Es ist eine Handreichung für die Praxis, die auf einem festen Fundament steht.

Liebe Pflegende, füllen Sie es mit Leben.

Michaela Hans: Hoffnung vermitteln im Pflegeprozess, Psychiatrie-Verlag, Köln 2020, ISBN 978-3-88414-936-2, 149 Seiten, 25 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 222 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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