Hoffnung ist Power

(C) LoloStock

Die thailändische Gruppe in der überfluteten Höhle hat im Frühsommer 2018 gleich nach Entdeckung angegeben, dass sie zuversichtlich waren, gefunden und gerettet zu werden. Auch die Retter haben ausgesagt, dass sie die Hoffnung nicht aufgegeben haben, dadurch haben sie Kraft und Energie gefunden,  weiterzumachen.

Hoffnung ist eine der grossen menschlichen Ressourcen, in allen Epochen, Lebenslagen, Religionen spielt sie eine Rolle. Dabei wird erst seit wenigen Jahrzehnten wissenschaftlich über Hoffnung gearbeitet – früher war sie eher ein Thema der Philosophie; z.B. bei Ernst Bloch (Das Prinzip Hoffnung). Inzwischen gibt es eine interdisziplinäre „Hoffnungsforschung“ – verwandte Konzepte finden sich in manchen Bereichen, etwa beim Kohärenzgefühl, bei der Selbstwirksamkeit, beim Coping oder der Placeboforschung.

Hoffnung erscheint inzwischen als Erfolgsfaktor des Lebens, den hoffenden Menschen geht es besser, sie nutzen mehr Möglichkeiten, suchen Wege, mit Problemen fertig zu werden. Offenbar kommen wir mit einer kleinen Hoffnungsausstattung auf die Welt, das meiste wird dann aber gelernt – je nachdem, wie wir Lebenserfahrungen interpretieren (Glas halb voll oder halb leer). Im Laufe des Lebens deuten wir viele Ereignisse und gehören so eher zu den Menschen, die rasch aufgeben – oder zu der Gruppe mit mehr Selbstwert und Sinngefühl. Dies ist eine recht stabile Eigenschaft, eine Lebenseinstellung im Zusammenspiel von Kognition und Emotion.

Vernetzung

Hoffende Menschen aktivieren ihr soziales Umfeld, sie sind gut vernetzt, wollen selbst Einfluss nehmen und gestalten. Sie setzen sich realistische Ziele und motivieren sich selbst – sie entwickeln einen „Plan B“, wenn es nicht klappt. Diese stete Neuausrichtung ist auch der Unterschied zu einfachem Optimismus, Hoffnung bleibt, beinhaltet auch die Möglichkeit des Scheiterns, sie passt sich an.

Die „Hoffnung stirbt zuletzt“ heisst es, gerade in der letzten Lebensphase ist Hoffnung wichtig: auf ein sanftes Hinübergleiten, auf ein sinnvolles Leben und bei Gläubigen auf ein neues Dasein. Spezifische Geschichten aus dem Palliativbereich finden sich in einer Hoffnungsbroschüre zum kostenlosen Download (www.caritas-paderborn.de/Hoffnung).

Hoffnung darf nicht verwechselt werden mit einer Schönfärberei oder Wunschdenken nach dem Motto „alles wird gut“.  Wenn Menschen sich Illusionen hingeben, dann verdrängen sie die Realität, bei negativen Entwicklungen wird der Überlebenswille zerstört.

Medikament Hoffnung

Auch in Pflege und Medizin ist die enorme Wirkung von Hoffnung längst erkannt, Kranke genesen eher, Schwerkranke können sogar gesunden.  Offenbar werden hilfreiche neuro-hormonale Kreisläufe in Gang gebracht, die Hirnforschung wird hier weitere Erkenntnisse liefern. Hoffnung schützt die Menschen, lässt Therapien besser ertragen und richtet den Blick in das Kommende.

Pflegende können viele Wege nutzen, um Hoffnung zu unterstützen. Zunächst ist wichtig, die Sichtweise des Patienten/Angehörigen einzuschätzen. Es gibt spezielle Assessments  zur Hoffnung, diese sind aber in der Versorgungspraxis ungebräuchlich. Wichtig sind Gespräche, um das Hoffnungspotential einzuschätzen – manchen Pflegenden und Ärzten sei einfach geraten, Hoffnung nicht vorschnell zunichte zu machen (leider geschieht dies oft). Ich wünsche mir eine „hoffnungsgestützte Pflegeplanung“, mit Rückmeldeschleifen, Fallbesprechungen u.ä..

Möglichkeiten der Hoffnungsaktivierung

Es gibt viele Quellen von Hoffnung: durchgemachte Krisen (was hat Ihnen geholfen?), wichtige Bezugspersonen/Freunde, der Glaube, Hobbies und Ablenkungen wie Musik oder Texte . Die Pflege hat viele Möglichkeiten der Wohltaten über kleine Freuden im Alltag, über Berührungen und Erleichterungen. Ein gutes Schmerzmanagement unterstützt Hoffnung – Schmerzen lassen alles viel schlimmer erscheinen als es ist und die Lebensqualität sinkt. Eine ähnliche Funktion wie Hoffnung hat  Humor –   auch dazu gibt es seit einigen Jahren zahlreiche Beiträge. Eine Grundlage für Zuversicht ist das Vertrauen in die Betreuer, Pflegende und Ärzte sollten „wahr“ bleiben und auch die Angehörigen in eine Hoffnungsplanung einbeziehen.

 

Hoffnungsspaziergang

Im Rahmen der bekannten Klinikspaziergänge zur Mobilitätsförderung habe ich 2017 einen „Hoffnungsspaziergang“ entwickelt (www.stiftung-pflege.de). Die elf Poster greifen Aspekte von Zuversicht auf u.a.: ein Kerzenlicht, ein neuer Morgen, Blick zurück, Dankbarkeit, Blick nach vorne, ein Regenbogen und vor allem Natur. Grün ist die Hoffnung – diese Ansicht resultiert aus dem stetigen Werden und Vergehen der Natur. Die Poster sollten ergänzt werden durch „hoffnungsvolle Orte“ der Einrichtung, einer Kunstbetrachtung, einem Blick aus dem Fenster, der Kapelle usw..Inzwischen hängen Bilder in Krankenhäusern, Wartezonen, Arztpraxen, Hospizen oder Altenheimen. Zur Zeit überlegen wir in einer Klinik, die Bilder des Spazierganges auch als Postkarten auszugeben, für bestimmte Patienten, verbunden mit einem Gespräch.

Hoffnungsunterstützung wertet Pflegearbeit auf

Meine ersten Erfahrungen zum Thema Hoffnung machte ich als „Schwesternschülerin“ 1970, ich heiratete vorzeitig meinen Mann, schwer krebskrank und von den Ärzten als „hoffnungsloser (!) Fall bezeichnet. Immerhin haben wir 20 Jahre eine gute Ehe geführt, bevor er 1991 starb. Ich denke, dass unsere Zuversicht diese Zeit ermöglicht hat, trotz vieler Operationen und anderer Therapien.

In diesen ganzen Jahrzehnten habe ich mich mit der Wirkung von Hoffnung beschäftigt, 1999 habe ich ein sehr gutes US-Buch zur Hoffnung übersetzen lassen und eine deutsche Fassung herausgegeben. Das Buch von Farran,C., Herth, K.A., Popovich,J.M. ist leider lange vergriffen – alle drei sind Pflegewissenschaftlerinnen.

Um von dem Image als „Handlanger“ weg zu kommen, sollte die interaktive Seite der Pflegearbeit viel deutlicher präsentiert und dokumentiert werden.

Inzwischen sind mehrere Bücher aus anderen Disziplinen zur Hoffnung auf dem Markt, in den letzten Jahren haben viele Journale das Thema aufgegriffen – ich wünsche mir aber sehr, dass die Hoffnungsunterstützung von der Pflege entdeckt und umgesetzt wird. Wir haben den meisten Kontakt zu Patienten und Angehörigen. Ich kann mir viele förderliche Interventionen vorstellen, möchte ganze Einrichtungen auf Ermutigung einstellen und „hoffe“, dass endlich Forschung dazu in Gang kommt. Es ist schwierig, dafür Finanzen zu erhalten – wenn „Hoffnung“  als Tablette verkauft werden könnte, sähe dies anders aus. Gerne unterstütze ich Projekte oder Abschlussarbeiten in diesem Bereich.

Literatur

Zegelin, A. (2009): Hoffnung- Energiequelle in schwierigen Zeiten. Die Schwester/Der Pfleger 48 (3)290-294

Zegelin, A. (2018): Hoffnungsunterstützung – eine Pflegeaufgabe. Pflegezeitschrift 71 (5) 29-31

Literaturliste unter: www.angelika-zegelin.de/Materialien

Angelika Zegelin
Über Angelika Zegelin 2 Artikel
Krankenschwester/Pflegewissenschaftlerin i.R., vormals Universität Witten/Herdecke und Mathias Hochschule Rheine,

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