Hölderlin und die Psychiatrie

„Nicht in der Lage, einen Menschen in seiner Gänze zu erfassen“

Die Diskussionen um die psychiatrische und literaturwissenschaftliche Bedeutung Friedrich Hölderlins verspricht immer eine gewisse Spannung. Dies zeigt der Band „Hölderlin und die Psychiatrie“, der auf eine Tagung im Jahre 2008 zurückgeht. Es findet sich viel Nachdenkliches in den Beiträgen der Hölderlin-Expertinnen und -Experten. Dies beginnt schon mit den einleitenden Gedanken des Sozialpsychiaters Klaus Dörner. Dörner stellt fest, dass die Zeit, zu der der Sonderling Hölderlin in der Tübinger Psychiatrie aufgenommen wurde, eine gesellschaftliche wie psychiatrische Zeit des Umbruchs gewesen sei. Hölderlin habe in dem damaligen Universitätspsychiater Johann Autenrieth einen Menschen gefunden, „der auch für die Zukunft alle Konzentrationen und damit auch alle großen Institutionen für psychisch Kranke ablehnte“ (S. 11).

Für Hölderlin ist dies bekanntlich ein Glücksfall gewesen. Schließlich hatte er Aufnahme bei der Familie Zimmer gefunden. Schlimme und Gonther selbst schauen auf „Hölderlins Behandlung im Tübinger Klinikum“. Sie unterstreichen: „Aus damaliger Sicht handelte es sich freilich um eine vorzügliche Behandlung, in welcher sich der Arzt sorgsam darum bemühte, den kranken Menschen nicht unmenschlich zu behandeln und nach allen Regeln der ärztlichen Kunst alles Menschenmögliche unternahm, um dem Geisteszerrütteten wieder zu vollem Verstandesgebrauch zu verhelfen. Aus heutiger Sicht muss die Behandlung Hölderlins jedoch als unmenschlich bezeichnet werden und hat mit einiger Wahrscheinlichkeit den weiteren Verlauf des psychischen Befindens Hölderlins eher verschlechtert denn verbessert …“ (S. 106).

Es ist ein breites Spektrum, das die Autorinnen und Autoren des Buchs aufgreifen: „Hölderlin und die Psychiatrie in seiner Zeit“, „Hölderlins Wahnsinn als Teil der Rezeptionsgeschichte“, „Hölderlin für unsere Zeit“. Es ist nicht nur die Vielfältigkeit der Sichtweisen, mit denen der Band Spuren hinterlässt. Es ist gleichzeitig die inhaltliche Tiefe, an denen die Leserin und der Leser große Freude haben.

Der Literaturwissenschaftler Wolfgang Emmerich nimmt den Begriff der Sorge um sich selbst im Kontext von Hölderlins spätesten Gedichten in den Blick. In diesem Kontext fällt der Terminus der „diätetischen Poetik“. Emmerich schreibt: „… am Anfang steht die Selbstbeobachtung eines Individuums, das spürt, dass es nicht gesund ist und weiß, dass der Krankheitszustand sich auch auf seine Seele erstreckt“ (S. 277). Ein Prozess des Nachdenkens über das Leben als solches und das eigene im Besonderen komme in Gang, „in dem das Individuum seiner Verstörungen, der Stürme und Gefahren innewird, die es besetzt halten“ (S. 277). Dichter wie Hölderlin fänden „in den weniger anschauenden und mehr erinnernden Vergegenwärtigung sanfter, friedlicher Natur-Bilder … Tröstung findet“ (S. 277).

Das Buch „Hölderlin und die Psychiatrie“ zeigt auf, wie inspirierend der Dichter Friedrich Hölderlin mit seinem literarischen Wirken, aber auch seiner psychiatrisierten Lebensgeschichte für viele Menschen bis in die Gegenwart ist. Schlimme und Gonther resümieren deshalb zum Ende: „Es bedeutet aber auch, dass wir als Psychiater in der Auseinandersetzung mit der Person Hölderlin und dem Werk Hölderlins lernen, dass auch das genaueste und menschenfreundlichste Krankheitskonzept nicht in der Lage ist, einen Menschen in seiner Gänze zu erfassen und zu bestimmen. Das Eingeständnis dieser intersubjektiven und subjektiven Unmöglichkeit macht uns vielleicht nicht in einem wissenschaftlichen Sinn klüger, aber sicherlich in einem menschlichen Sinn menschlicher“ (S. 289).

Uwe Gonther & Jann E. Schlimme (Hrsg.): Hölderlin und die Psychiatrie, Psychiatrie-Verlag, Bonn 2010, ISBN 978-3-88414-513-5, 302 Seiten, 30 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 189 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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