Hinweise zum Umgang mit „sexuell belästigenden“ Demenzkranken in der Langzeitpflege

(C) bilderstoeckchen

Wer lange genug in der Pflege Demenzkranker tätig war, wird Erfahrungen wie die folgende mindestens einmal selbst gemacht oder zumindest aus dem Kreis der Kolleginnen als Bericht gehört haben:

„Eines Morgens als ich bei einem demenzkranken und bettlägerigen Mann die Intimpflege durchführte, griff er mir plötzlich in meinen Zopf und versuchte, meinen Kopf zu seinem Penis zu drücken. Er sagte: “ Nimm ihn in den Mund, du Luder.“ Ich reagierte geschockt und versuchte, mich aus dem Griff zu winden. Dabei zog er an meinen Haaren und sagte:“ Stell dich nicht so an, meine Frau ist nicht da.“ Geschockt verließ ich den Raum. Da ich in unserer Einrichtung die einzige Fachkraft war und bei dem Mann ein SPK-Verband anstand, musste ich mich erneut zu ihm begeben. Jetzt machte er „nur“ verbale Anspielungen. Dies ist eine meiner schlimmeren Geschichten, wobei ich in meinem Beruf mehrmals sexueller Belästigung ausgeliefert war, bei einigen Bewohnern teilweise täglich. Der hier beschriebene Mann belästigte häufig das weibliche Pflegepersonal. Zudem zeigte er auch abwehrendes Verhalten und körperliche Gewalt.“

Erfahrungen der beschriebenen Art sind glücklicherweise nicht die Regel. Offenbar sind sie aber auch nicht die seltene Ausnahme. Sie betreffen überwiegend das weibliche Pflegepersonal und treten mit zunehmender Demenz häufiger auf, um beim Übergang in eine schwere Demenz wieder seltener zu werden. Im Hinblick auf die Vorgänge im Gehirn geht man davon aus, dass im Bereich des Vorderhirns angesiedelte Hemmungsmechanismen aufgrund der Demenz nachlassen. Dies kann bei immer schon lustbetonten Personen zu „überschießenden“ sexuellen Impulsen führen, die von den Kranken dann nicht mehr kontrollierbar sind. Es gibt bislang nur wenige Studien, die sich mit der Häufigkeit „unangemessenen Verhaltens“ Demenzkranker beschäftigen. Eine Studie von Zeiss und Mitarbeitern (1996), die zeitlich sehr genau „problematisches Verhalten“ in der Öffentlichkeit erfasste, berichtet folgendes Ergebnis: Nur in 1,6 Prozent der gesamten Beobachtungszeit kam es zu eindeutig „sexuell unangemessenem“ Verhalten der Kranken. Andere Studien registrieren ein „unangemessenes sexuelles Verhalten“ bei lediglich 5 Prozent der Demenzkranken (Miller et al. 1995; Cummings et al. 1990, Harris et al. 1998). Dass problematische Verhaltensweisen vergleichsweise häufiger aus stationären Einrichtungen berichtet werden als aus dem häuslichen Bereich, mag daran liegen, dass das Zusammenleben vieler Betroffener auf engem Raum Probleme fördert, die sich im häuslichen Bereich oder im öffentlichen Raum weniger stellen. Im Übrigen wird eine sich entwickelnde Demenz eher vom Nachlassen sexueller Interessen begleitet als von einer Zunahme der Libido. Erstes wirkt jedoch nicht sensationell und findet daher keine öffentliche Beachtung. Dagegen kann „sexuell belästigendes Verhalten Demenzkranker“ Schlagzeiten machen und den Eindruck erwecken, als handele es sich um ein regelhaftes und damit häufigeres Phänomen.

Die genannten Zahlen und allgemeine Erkenntnisse zur Entwicklung sexuellen Verhaltens im Rahmen einer Demenz allein helfen jedoch nicht, pflegerisch überfordernde Situationen wie die eingangs geschilderte zu bewältigen. Leider gibt es dazu auch kein Patentrezept. Vielmehr wird es immer darum gehen auszuprobieren, welche von vielen möglichen Strategien im Einzelfall am besten greifen. Diese gilt es, konsequent beizubehalten bzw. dem weiteren Verlauf der Demenz anzupassen.

Hier sind einige Vorschläge:

  1. Bleiben Sie immer ruhig. Ihre Ruhe kann ausstrahlen und den Demenzkranken beruhigen. Setzen Sie sich selbst als „Beruhigungsmittel“ ein. Durch Ihr Verhalten entscheiden Sie wesentlich mit darüber, ob sich eine „sexuelle Belästigung“ zu einem Drama entwickeln wird oder zu einem von Ihnen souverän bewältigten „symptomatischen Verhalten“ eines Kranken. Wie Sie selbst den Vorgang deuten („Vergewaltigungsversuch“) und bewerten („gefährlich“, „abnorm“), wird auf Sie auf Ihr weiteres Erleben und Verhalten zurückwirken.
  2. Prüfen Sie mögliche alternative Sichtweisen, bevor Sie ein Verhalten als „sexuell“ deuten. So kann ein „Herumnesteln“ zwischen den Beinen auch folgende Gründe haben: juckende Textilien, zu enge Kleidung, schlechte Hygiene, Miktionsdrang, Infektion der Harnröhre, Unterleibsschmerzen oder eine Situationsverkennung.
  3. Nehmen Sie sexualisierte Äußerungen eines Demenzkranken so wenig persönlich wie möglich. Wie Sie wissen, gehören Verwechselungen und Enthemmungen zum Krankheitsbild einer Demenz. Was immer der Patient „sexuell belästigend“ äußert („Luder“, „Nutte“), verrät vor allem etwas über ihn selbst. Über Sie und Ihre wahre Persönlichkeit besagt es gar nichts.
  4. Sprechen Sie sexuell wirkendes Verhalten eines Demenzkranken diesem gegenüber sofort und unmissverständlich an. Benennen Sie das Bedürfnis, das er zum Ausdruck bringt. Teilen Sie ihm klar und deutlich mit, dass Sie sein momentanes Verhalten nicht wünschen. Betonen Sie, dass zwischen Ihnen beiden ein rein professioneller Kontakt besteht („Ich sehe, dass Sie ein sexuelles Bedürfnis haben. Ich bin jedoch nicht Ihre Partnerin, sondern Ihre Pflegerin. Bitte nehmen Sie jetzt Ihre Hände weg, sonst verlasse ich sofort den Raum.“)
  5. Verzichten Sie darauf, dem Patienten zu drohen, ihn zu erziehen oder ihn zu beschämen („Hören Sie auf rumzufingern, sonst setzen wir Sie die Straße!“ „Schämen Sie sich denn nicht?!)
  6. Bieten Sie dem Patienten ein Alternativverhalten an („Bitte halten Sie mal kurz die Haarbürste.“) oder versuchen Sie eine Ablenkung („Wer ist die Person auf dem Foto, das dort an der Wand hängt?“)
  7. Nutzen Sie Ihr Vorwissen über den Patienten. Einem früher frommen Patienten kann der Hinweis Grenzen setzen: „Sie sündigen gerade! Wollen Sie das wirklich?“
  8. Falls der Patient Sie nicht loslässt: Unterbrechen Sie die Pflegehandlung und verlassen Sie sofort (Ruhe und Entschiedenheit ausstrahlend) den Raum. Rufen Sie notfalls mit ruhiger Stimme Hilfe herbei.
  9. Führen Sie bei bekanntermaßen problematischen Patienten die Körperpflege im Team durch. Dadurch wirkt die Pflege professionell und weniger intim. Bei Bedarf kann das andere Teammitglied Sie schützen.
  10. Bitten Sie nahe Angehörige, bei der Körperpflege dabei zu sein, wenn diese verfügbar und bereit sind und der Demenzkranke mit ihrer Anwesenheit einverstanden ist. Allein durch die Anwesenheit einer dritten Person kann sich die Wahrscheinlichkeit sexuellen Verhaltens verringern.
  11. Tragen Sie insbesondere bei der Körperpflege konsequent eindeutig erkennbare „Dienstkleidung“ (z.B. einen weißen Kittel). Verzichten Sie auf „Extras“, die Sie unnötig attraktiv machen. Vermeiden Sie vor allem ein „einladendes“ Dekolleté.
  12. Führen Sie die Körperpflege möglichst nie in Privaträumen durch (insbesondere nicht in einem Schlafzimmer). Wählen Sie dafür Orte, die auch sonst der Körperpflege dienen (Badezimmer).
  13. Achten Sie darauf, die Körperpflege bei optimaler Beleuchtung durchzuführen (also im Hellen!). Vermeiden Sie jegliche schummerige und Fehldeutungen fördernde Schlafzimmeratmosphäre.
  14. Wann und wo immer es geht, sollte der Pflegende möglichst das gleiche Geschlecht haben wie der oder die Gepflegte, sofern keine homosexuelle Orientierung vorliegt.
  15. Tragen Sie bei der Körperpflege immer (!) Handschuhe. Dies dient nicht nur der Hygiene. Visuell und taktil verschafft das Handschuhtragen einen Abstand und verdeutlicht, dass es sich um professionelle und keine intimen Handgriffe handelt.
  16. Verzichten Sie auf jegliche Zärtlichkeiten bei der Körperpflege. Diese können allzu leicht missverstanden werden.
  17. Erklären Sie bei jeder Pflegehandlung laut und deutlich, was sie pflegerisch gerade tun und welchem Zweck Ihr Vorgehen dient. Dadurch verringern Sie die Gefahr, dass Ihr Tun mit einer Intimhandlung verwechselt wird.
  18. Lassen Sie den Demenzkranken seinen Intimbereich selbst pflegen, soweit er dazu noch in der Lage ist.
  19. Überprüfen Sie, ob die Medikation des Patienten lustfördernd ist. Wenn ein Demenzkranker auch von Parkinson betroffen ist, kann es sein, dass die Parkinson-Medikamente luststeigernd wirken. Besprechen Sie mit dem verordnenden Arzt, inwieweit eine Umstellung der Medikation sinnvoll sein kann.
  20. Besprechen Sie Ihre Erfahrungen mit „sexueller Belästigung“ möglichst bald in Ihrem professionellen Team (unter Umständen unter Einbeziehung eines Supervisors). Geben Sie Ihre Erfahrungen mit einem bestimmten Patienten vor allem bald an Kolleginnen und Kollegen weiter, die den gleichen Demenzkranken ebenfalls betreuen, und tauschen Sie sich regelmäßig aus.
  21. Erarbeiten Sie für Ihre Einrichtung „Kriterien für den Umgang mit sexueller Belästigung“. In diese können auch die hier gemachten Hinweise einfließen.
  22. Überlegen Sie mit Ihrem Team, ob dem sexuell belästigenden Verhalten eines Demenzkranken nicht ein Bedürfnis zugrunde liegt, das man auf andere Weise so befriedigen kann, dass es nicht mehr zur sexuellen Belästigung kommt (z.B. Angebot vermehrter Bewegungs- oder anderer Kontaktmöglichkeiten). Erforschen Sie, unter welchen Umständen es bei einem Demenzkranken vermehrt zu „sexuellen Belästigungen“ kommt und wirken Sie auf diese ein.
  23. Begegnen Sie dem Patienten auch nach einer „sexuellen Belästigung“ weiterhin mit Respekt und Ruhe. Sein Verhalten ist Folge einer Krankheit und keine vorsätzliche Straftat.
  24. Verlassen Sie den Raum, wenn ein Demenzkranker in Ihrer Gegenwart zu masturbieren beginnt. Dahinter steckt selten ein krankhafter Exhibitionismus oder eine andere gegen Sie gerichtete sexuelle Belästigung. Für manche Demenzkranke ist es die letzte Möglichkeit, sich noch als sexuell lebendiger und kompetenter Mensch zu erleben und sich in einem oft nur noch tristen Lebensabschnitt zu einigen wenigen lustvollen Momenten zu verhelfen. Manche Demenzkranke sind danach entspannter und damit zugänglicher.
  25. Fragen Sie sich in einem ruhigen Augenblick, welche Einstellung zu Sexualität Sie selbst haben. Denn Ihre eigene Einstellung dazu wird Ihre Reaktion auf sexualisiert wirkendes Patientenverhalten wesentlich mitbestimmen.
  26. Sofern Sie selbst in Ihrem Leben schon einmal ein sexuelles Trauma erlitten haben, sollten Sie Ihre Kolleginnen und Kolleginnen bitten, bei Demenzkranken mit sexuell problematisch wirkenden Verhalten die Körperpflege zu übernehmen. Sonst besteht die Gefahr, dass schmerzhafte frühere Erfahrungen bei Ihnen wiederbelebt werden. Eine Retraumatisierung könnte dann die Folge sein.
  27. Denken Sie daran, dass umgekehrt auch Fälle vorkommen, in denen sich Demenzkranke durch Pflegehandlungen „sexuell belästigt“ fühlen, ohne dies angemessen zum Ausdruck bringen zu können. Hierbei wird es sich überwiegend um demenzkranke Frauen handeln, die panisch oder unverständlich auf männliches Pflegepersonal reagieren, weil sie in ihrer Vergangenheit einmal durch Männer sexuelle Gewalt erfahren haben.
Herbert Mück
Über Herbert Mück 1 Artikel
Dr. Dr. med. Herbert Mück ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Coach und Supervisor in Köln. Er hat mehrere Jahre die frühere Zeitschrift „Demenz-Spektrum“ als Chefredakteur gestaltet und Vorträge über Demenz und Sexualität gehalten. www.dr-mueck.de

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