„Hingegeben ans Leben“

Christoph Müller im Gespräch mit Matthias Heißler:

Der Psychiater Matthias Heißler gilt als Visionär. Seine hemdsärmelige Persönlichkeit ist geprägt durch eine große Nachdenklichkeit. Sein Handeln will er begründen können. Mit dem Buch „Psychiatrie ohne Betten“ ist ihm dies einmal mehr gelungen. Mit Christoph Müller hat er einen Kaffee getrunken.

Christoph Müller In dem Buch unterstreichen Sie mehr als deutlich, dass wir eine neue Psychiatrie brauchen. Viele Jahre haben Sie die psychiatrische Versorgung in verantwortlichen Funktionen mitgestaltet. Was bewegt Sie zu dieser deutlichen Aussage?

Matthias Heißler Als wir 2008 die psychiatrische Versorgung in Geesthacht über ein Regionales Psychiatrie Budget anders gestalten konnten, gingen wir davon aus, dass wir durch die Umwandlung einer Station in eine Akuttagesklinik und ein mobiles Kriseninterventionsteam höchstens eine Station einsparen können. Von ursprünglich 3 Stationen mit je 18 Betten blieb letztendlich nur eine übrig. Statt 17.000 stationären Tagen brauchen wir lediglich noch ca. 7.000, und weniger.

In Lauenburg ist quasi ein gemeindepsychiatrisches Zentrum für ca. 30.000 Bürger entstanden mit einer Ambulanz, einer aufsuchenden und nachgehenden Ergotherapiepraxis, die im Verbund mit einem Verein und einem Pflegedienst ambulante Wohnpflegegruppen mit einer Assistenz rund um die Uhr an 7 Tagen der Woche betreibt. Zusätzlich können noch Zuverdienstfirmen aufgesucht werden. Viele stationäre Aufnahmen wurden überflüssig. Statt auf einer Station werden Menschen in Krisen von psychiatrisch Tätigen mobiler Teams zu Hause begleitet, einige nutzten Krisenbetten in Wohngruppen, einige in Krisenfamilien. Wenn, waren die stationären Aufenthalte nur kurz. Wenn eine stationäre Aufnahme geboten ist, wird die oft in internistischen Betten, statt auf einer psychiatrischen Station, durchgeführt.

Z.B. wurde Herr P. wegen einem Schlaganfall auf der Inneren aufgenommen. Er war leicht geistig behindert, hatte in frühen Zeiten zu viel getrunken und war auch zeitweilig psychotisch. Nach Übernahme auf die Psychiatrie, wurde er einige Tage später in eine Wohngruppe in Lauenburg verlegt. Dort wurde er peu a peu fitter und damit mobiler und wollte unbedingt in sein Haus zurück. Auf allen Vieren robbte er sich zur Eingangstür und versuchte die Wohngruppe zu verlassen. Was machen? In seinem Haus lebte er nach dem Tod seiner Eltern alleine. Bemühungen, die leerstehenden Zimmer als Krisenbetten zu nutzen oder als Wohnraum, hatte er bis zu diesem Zeitpunkt immer abgelehnt.  Auf der Station war gerade Frau H., die nach dem Tod ihres Mannes rückfällig wurde und eine Tätigkeit brauchte. Wir fragten sie, ob sie zusammen mit einer anderen Psychiatrieerfahrenen, Frau G., sich vorstellen könne, bei Herrn P. für eine gewisse Zeit einzuziehen, um die Versorgung von Herrn P. sicherzustellen.  Frau H. zog bei Herrn P. ein. Neben der Sorge um Herrn P. renovierte sie zusammen mit Frau G. das Haus. Aus den leerstehenden Räumen wurden Krisenzimmer. Und aus seinem Garten ein urban gardening Projekt für Lauenburger. Dies ist eines von vielen Projekten, die in Zusammenarbeit mit Peers und Bürgern gelang.

Selbst die übriggebliebene Station ist nicht immer voll belegt. Zeitweise haben wir deshalb in den leeren Betten neurologische Patienten behandelt. Weil vor 2018 unsicher war, ob die Kassen das Regionale Budget verlängern und wir zu einer konventionellen Versorgung zurückkehren mussten, trauten wir uns nicht, die Betten weiter zu reduzieren. Es war aber offensichtlich, dass noch mehr geht. In einem nächsten Schritt hätten wir aus den beiden im Kreis sich befindlichen Tageskliniken Gemeindepsychiatrische Zentren mit jeweils einem mobilen Kriseninterventionsteam gemacht und dabei auch die gemeindepsychiatrischen Anbieter mehr und mehr an der akuten Versorgung beteiligt. Damit sie im nächsten Schritt die weitere Assistenz nach einer akuten Krise nahtlos hätten übernehmen können.  Und, und und.

Es ist also offensichtlich, dass über ein Regionales Budget, Modelle wie in Triest oder Lille auch bei uns machbar sind. Heißt: Wenn die Psychiatrie sich Betten auf der Inneren bzw. allgemeiner formuliert, der Somatik leiht, mit dem Versprechen diese Patienten möglichst schnell über mobile Teams oder teilstationär weiter zu behandeln, braucht die Psychiatrie keine eigenen Betten mehr. Dies ist auch gut so, um die stationäre Versorgung weiter zu normalisieren und Stigmatisierungseffekte zu verringern. Selbstverständlich müssen jedoch psychiatrisch Tätige einschließlich Ärzten den somatischen Stationen für die Behandlung psychiatrischer Patienten rund um die Uhr zur Verfügung stehen.

Im Prinzip geht es darum, dass Menschen in Krisen nicht den Anschluss an das Leben verlieren dürfen. Das ist bei ihnen zu Hause besser gegeben, während dies in der Abgeschiedenheit einer Station vom Leben leichter passieren kann.

Christoph Müller Die Sozialraumorientierung beschreiben Sie als Bedingung für Veränderungen der Versorgungsstrukturen für Menschen, deren Seelen aus dem Gleichgewicht gekommen sind. Was macht denn den Nutzen dieser Perspektive aus? Überfordern Sie das persönliche Umfeld eines Menschen mit einer erschütterten Seele nicht, die oft selbst vom Leben überfordert sind?

Matthias Heißler Wir alle leben ja nicht nur in einer Familie, sondern treffen uns mit anderen, Bekannten, Verwandten, Nachbarn. Wir gehen in einen Kindergarten, später zur Schule und machen Ausbildung. In der Freizeit gehen wir ins Kino, zum Tanzen oder Essen, usw. Wir alle nutzen den  Sozialraum. Jedoch sind psychisch kranke Menschen häufig von den Möglichkeiten des uns umgebenden Raumes abgeschnitten. Viele finden keinen Arbeitsplatz, andere keine Wohnung. Einige sind so mutlos, dass sie sich nicht einmal mehr trauen, allein auszugehen, usw.

Der psychiatrisch Tätige hat Mittel und Wege zu kennen,  wie jemand eine Wohnung finden kann oder einen Arbeitsplatz. Das dürfen natürlich nicht x-beliebige Möglichkeiten sein. Sie müssen passen. Der psychiatrisch Tätige kann zum Beispiel den Kontakt zu einem möglichen Arbeitgeber herstellen, kann den psychisch kranken Patienten zu ihm begleiten, eine zeitweilige notwendige Assistenz, zum Beispiel in Form von supported employment oder Ergotherapie mit organisieren helfen und wenn notwendig, auch über die erforderliche Finanzierung über Reha oder das Jobcenter oder die Eingliederungshilfe sorgen.

Der Übergang  von zu Hause zu einem Arbeitsplatz oder zu einer Tätigkeit ist ein wichtiger Übergangsschritt, der neue Potenziale und Ressourcen freisetzen kann. Deshalb braucht der Patient für diesen Zeitraum eine Assistenz, jemanden zum Sprechen, damit sich dieser Prozess en passant voll entfalten kann. Ähnlich beim Suchen, Finden und Beziehen einer Wohnung. Es gilt das Prinzip: erst platzieren, dann trainieren. Aufgabe des psychiatrisch Tätige ist es, für entsprechende Möglichkeiten zu sorgen, die für den Patienten passend sind. Und ihn bei einem Übergang zu begleiten. Je fitter der Patient ist, desto mehr muss sich der psychiatrisch Tätige zurückhalten, je mutloser und unsicherer der Patient ist, desto mehr muss der psychiatrisch Tätige proaktiv tätig werden. Aber wie gesagt: Die entscheidenden Schritte werden auf dem Weg zu einem neuen Arbeitsplatz oder zu einer neuen Wohnung gemacht. Danach stellt sich allmählich Routine ein und das Leben wird wieder stressfreier. Nichtsdestotrotz muss der psychiatrisch Tätige im Hintergrund zur Verfügung stehen, um in kritischen Situationen einspringen zu können.

Wunderbar wäre es, wenn chronisch psychisch kranke Menschen ein bedingungsloses Grundeinkommen zur Verfügung stehen würde. Dies würde die Patienten von einem enormen Rehadruck befreien. Und würde ihnen die Möglichkeit geben, einer Tätigkeit nachzugehen, wenn es für sie passend ist. Sie könnten dann so viel und so intensiv arbeiten, wie es gerade für sie gut ist. Und wenn Sie einen Arbeitsplatz verlieren, würden sie nicht ins Bodenlose fallen, weil ja über das Grundeinkommen die Existenz gesichert ist. Zumindest sind dies Erfahrungen aus Dauphin in Kanada. Nach Einführung eines bedingungsloses Grundeinkommen verringerte sich die Zahl an psychisch kranken Bürgern in der Region beträchtlich.

Abschließend noch eine Idee: Vielleicht sollten wir statt von Sozialraum besser von Allmende sprechen. Allmende ist neben der Natur ein zwischenmenschlicher Raum, der wechselseitig von allen hergestellt wird und allen zur Verfügung zu stehen hat. Früher war es eine Waldwiese, heute frei verfügbare Software. Oder z.B. Wikipedia. Allgemein ist dieser  “Raum, der uns alle umgibt”, diese Allmende, die uns alle umgebende Umwelt, die wir – in der Beziehung zu ihr – zu etwas eigenem, persönlichem verwandeln. Und dieses Persönliche wird in der wechselseitigen Beziehung zur Welt wieder zu etwas Allgemeinem, zur Allmende. Aus diesem stofflichen und nichtstofflichen Austausch mit der Welt geht unsere Lebendigkeit hervor. Dieser Austausch, dieser Stoffwechsel, ist aber mehr als ein sozialer. Schon auf einer ganz basalen Ebene könnten wir ohne den Austausch von Sauerstoff und Kohlendioxid nicht leben. Allgemein: Ohne diesen Austausch werden wir nicht Teil des Lebens und Teil der Welt. Deshalb ist dieser Raum, unsere Umwelt, die unsere Mitwelt ist, überlebenswichtig. Jedoch steht dieser Raum mittlerweile nicht mehr allen frei zur Verfügung. Psychiatrisch Tätige haben die Aufgabe, zusammen mit engagierten Bürgern, diesen Raum, der den Sozialraum mit einschließt, die Allmende, psychisch kranken Menschen barrierefrei verfügbar zu machen, um die Nische finden zu können, die sie für ein gelingendes Leben brauchen.

Christoph Müller Wer sich in Deutschland in der psychiatrischen Versorgung umschaut, der gewinnt an manchen Stellen den Eindruck, dass die Versorgung sich dann verbessert, wenn sie dann doch im häuslichen Umfeld stattfindet. Ist dies nicht zu kurz gedacht? Was spricht denn grundsätzlich gegen die stationäre Versorgung von Menschen, die an sich selbst leiden?

Matthias Heißler In Deutschland gibt es im Vergleich zu anderen Staaten immer noch einen Überschuss an stationären Betten, einen Bettenberg. Gerade in den letzten Jahren sind wieder Betten dazugekommen. Und im Vergleich zu anderen europäischen Ländern findet in Deutschland mobile Krisenintervention im Lebensfeld noch kaum statt. Zwar ist StB seit 2018 verabschiedet, wird jedoch nur an wenigen Stellen routinemäßig angeboten. Nachweislich führt eine Behandlung über ein mobiles Kriseninterventionsteams zu Hause zu besseren Ergebnissen, weniger Wiederaufnahmen, weniger chronischen Entwicklungen, größerer Zufriedenheit. Ein Patient wird nicht  aus seinem Lebensfeld exkludiert. Der Anschluss ans Leben geht nicht verloren. Und Lösungen, die im Gespräch mit dem Patienten und den Bezugspersonen in seinem Lebensfeld gefunden werden, wirken nachhaltiger, weil von allen getragen, weil passgenauer bzw. persönlicher. Nichtsdestotrotz kann es Situationen geben, die auch Distanz zum Lebensfeld erforderlich machen. Das kann aber auch ein Krisenbetten in einer TK, einer WG oder sonstwo leisten. Vielleicht gibt es demnächst auch sowas ähnliches wie Couchsurfing für Menschen in psychischen Krisen, ausgehend z.B. von einem Recovery College. Auf jeden Fall ist dafür nicht unbedingt  eine psychiatrische Station erforderlich. Auf der Station gibt es schwer zu beeinflussende Strömungen, die die Genesung erschweren können. Trotzdem kann es sein, dass man um ein Bett im Krankenhaus nicht herumkommt. Alternativ kommt jedoch auch ein Bett in der Somatik infrage, wie zum Beispiel in Triest. Dort stehen Menschen in Krisen ein paar Betten auf einer Inneren Abteilung zur Verfügung. Sobald wie möglich wird die Behandlung dann teilstationär oder ambulant fortgesetzt. Alternativ in einem Gesundheitszentrum, wo es auch Krisenbetten gibt.

Christoph Müller Im Zusammenhang mit seelischen Krisen schreiben Sie von Harmonien und Dissonanzen. Dies drückt ja aus, dass Sie sich in der Begleitung verletzlicher Menschen stark an Phänomenen orientieren. Wird dies den Menschen gerecht? Inwieweit haben Sie neurobiologische Ursachen seelischer Störungen im Blick?

Matthias Heißler Es ist ein ökologische Ansatz. Es geht um Beziehungen zwischen Menschen, aber auch um Beziehungen zu Dingen und der Natur. Viele Dinge z.B. haben Bedeutendes zu sagen: Der Staub auf einem Tisch, die Essensreste auf einem auf dem Boden stehenden Teller, zugezogene Vorhänge, nicht geöffneten Briefe, verdreckte Kleider, ein eingeschalteter Fernseher, zahlreiche herumliegende leere Zigarettenschachteln und Kippen. Leere Flaschen, überquellende Abfalleimer, nicht gespültes Geschirr, etc. Oder auch das Gegenteil: die streng geordnete Wohnung, die quasi als Labor mahnt, ja nichts zu berühren und zu verstellen, die Kälte in einem Haus, strikte Regeln beim Betreten einer Wohnung, etc.  „Auch die Dinge haben eine Stimme“ formulierte schon Bruno Latour, der französische Soziologe. Manfred Bleuler sprach von Disharmonien zwischen Genen, auch von Disharmonien im Bereich des Körpers. Und alles, was wir wahrnehmen und erleben, spiegelt sich auch in unserem Gehirn wieder. Neurobiologisches kommt also auch vor, unter anderem. Wenn Eindrücke, Gefühle, Denken und Verhalten sich widersprechen, geht das auch mit disharmonischen Beziehungen im Gehirn einher.

Dissonanzen bzw. Disharmonien gibt es also, mit anderen Worten, auf allen Ebenen und auch zwischen den Ebenen. Das alles macht Stress!

Länger bestehende Disharmonien und Stress haben die Menschen nicht gerne, wenn auch Dissonanzen im Leben nicht zu vermeiden sind. Sie fordern, sie schreien geradezu nach einer Antwort. Wenn wir keine Antwort finden, weiten sich Dissonanzen zu Disharmonien aus und wenn wir immer noch keine Antwort finden, geht das ab einem bestimmten individuell unterschiedlichen Tipping Point, einem Kipppunkt, in Fühlen, Denken und Verhalten über, das wir als symptomatisch bezeichnen. Aufgabe von psychiatrisch Tätigen ist es also mit dem Patienten und seinem Lebensfeld nach Antworten zu suchen, sodass sich  Disharmonien und Dissonanzen reduzieren und der Stress abnimmt. Und dafür steht bei einem Hausbesuch die ganze Bandbreite an Interventionsmöglichkeiten, die der Alltag bzw. das Leben so zu bieten hat, zur Verfügung – Verbales und Nonverbales, Psychotherapeutisches, Soziales, Medizinisches, mit und ohne Medikamente, Spaziergänge, z.B. im Wald, sogar Waldbaden, Musik, Tanz, Disco, Sport, Kino, Theater, Volkshochschule, Uni, Arbeit, Selbsthilfegruppen, Philosophie, Internet, kurzum alles was passend sein könnte, um Spannungen zu verringern.

Christoph Müller Krisen können, wenn ich Sie richtig verstehe, Ausgangspunkte für Veränderungen, gar Metamorphosen im individuellen Leben sein. Diese Bereitschaft scheinen Sie ja auch von professionell Tätigen (was immer dies ist?!?!?) einzufordern. So ist für Sie offenbar nicht das Verschwinden von Symptomen Zeichen einer gelingenden Genesung. Das klingt vielleicht nach zu viel Realismus, oder?

Matthias Heißler Gelingende Beziehungen brauchen zu Beginn ein geteiltes Sein. Eine Brücke zwischen mir und einem Anderen, einem Du, im Kontext der Wirklichkeit. Ein Teilen, das nicht verwechselt werden darf mit Mit-teilen, Ein-Teilen, Ver-Teilen, Aus-Teilen, Unter-Teilen, Zer-Teilen, etc.. Ein Teilen, ohne Wenn und Aber. Es ist ein passives sich Aussetzen einem Anderen oder Anderem, pur, ohne Filter, unmittelbar, soweit wir sowas zulassen können bzw. soweit sowas überhaupt geht. Teilen gelingt, wenn voraussetzungslos.

Dem steht im Weg, dass wir permanent bestrebt sind, allem, was uns widerfährt, Bedeutung zukommen zu lassen, schon allein um uns und anderen mitzuteilen, dass wir uns auf eine Situation verstehen, dass wir uns auskennen, uns Nichts unbekannt ist. Aus Angst.

Und gerade deswegen, wegen der beständigen Sucht, allem Bedeutung zu geben, unsere Bedeutung, versperren wir uns Fremdem, Neuem, Unbekanntem. Und erlauben es unserer Neugier nicht, jemand kennen zu lernen in einem neuen, noch unbekannten Modus. Uns einzulassen auf eine uns noch unbekannte Art.

Wenn wir jedoch den Anderen nicht so behandeln wollen wie jeden anderen, bleibt nichts anderes übrig, als zu versuchen, uns ihm auszusetzen, ihn auf uns wirken zu lassen, uns verletzlich zu machen, für ihn. Teilen signalisiert Bereitschaft, dass wir das Leid, die Not und die Sorgen anderer uns zu eigen machen wollen. Dafür genügt ein Moment, ein Momentum, ein Blick, eine Geste. Danach können wir uns der Fülle des Lebens stellen.

Wenn eine Person ihr Leben mit uns teilen will, wenn sie uns ohne oder mit Worten anspricht, entsteht im professionell helfenden Kontext oft auch ein Gefühl der Überforderung. Wir spüren instinktiv, dass es sich nicht um eine fachliche Frage handelt, sondern dass es um Fragen des Lebens geht, um Lebens-fragen. Wie sollen wir auf Fragen des Lebens einer anderen Person antworten? Warum sollen wir kompetent sein für ein Leben, das jemand anders zu führen hat? Wir neigen dazu, ihn auf vermeintlich kompetente Experten zu verweisen, wie einen Arzt oder eine Psychologin. Vielleicht auch eine Philosophin oder Geistlichen. Es geht aber nicht um eine fachlich korrekte Frage und Anfrage. Es wird kein spezialisierter Fachmann gesucht. Es wird ein Mensch in seiner Mit-Menschlichkeit angesprochen, der bereit ist, mit einem anderen das Leben und seine Widerfahrnisse zu teilen. Ein Verweis auf andere, und seien sie noch so kompetent, geht fehl, weil es den Wunsch – Emmanuel Levinas würde sagen den Anspruch des anderen – zurückweist. Und zwar auf einer ganz basalen Ebene, einer Ebene vor aller Worte und erst recht vor jeder Kompetenz. Es kommt fast einer Verweigerung zu Mit-Sein gleich.

Teilen ist unverfügbar und kann deshalb weder geplant noch delegiert werden. Teilen ist auch unbezahlbar. Für noch so spezialisierte Behandlungsverfahren und eine noch so gute Versorgungsstruktur bleibt dies deshalb unerreichbar. Teilhabe ohne teilen führt nicht zur Teilhabe. Wir haben, besitzen gewissermaßen, zwar dann Teile, Teile des sozialen Lebens. Das ist aber nicht dasselbe wie teilhaben. Wir können etwas besitzen und trotzdem nicht teilhaben. Nur Teilen verbindet, Versorgung ohne teilen distanziert, trennt. Meistens.

Damit wird klar, dass ich in der Begegnung mit einem andern nicht unverändert wieder herauskomme, gesetz der Fall, ich war zum Teilen bereit. Voraussetzungslos.

Noch zu Recovery:  Dorothea Buck, Patricia Deegan und Ron Coleman haben vorgemacht und vorgelebt, wie man nach einer schweren psychischen Erkrankung genesen kann. Vielen weltweit haben sie mit ihren Worten aus der Seele gesprochen. Aus dieser Erfahrung ist die Recovery Bewegung entstanden. Psychiatrieerfahrene unterstützen andere Psychiatrieerfahrene, wie man das einem Widerfahrene nutzen kann, um sein Leben zu ändern und trotz Weiterbestehen der Vulnerabilitäten ein gelingendes Leben zu führen. In diesem Prozess kommt es weniger auf ein Verschwinden der Symptome an, wie es die Evidence-based-Medizin messen will.

Entscheidend ist, wie man das Erfahrene gelingend in seinen Alltag und sein Leben einfügen kann. Dabei haben sich einige Schlagworte herauskristallisiert, die auf dem Weg zu Recovery helfen können, zusammengefasst in dem englischen Akronym CHIME. Auf deutsch:  Verbundenheit, Sinn, Identität, Empowerment, Hoffnung.

In der Klinik sind die Erkenntnisse aus diesen Recovery-Prozessen bis heute kaum angekommen. Die Klinik hat überwiegend die akute Behandlung im Fokus, während sie die weitere Assistenz bei schweren psychischen Erkrankungen der Eingliederungshilfe, sprich der Gemeindepsychiatrie, zuschiebt. Diese Spezialisierung zwischen akuter Behandlung und längerfristiger Rehabilitation bei schweren psychischen Erkrankungen besteht unsäglicher weise seit den Zeiten der Psychiatrie-Enquete.

  • Auf der einen Seite das System der Krankenhäuser und Kliniken, zuständig für akute Behandlungen und
  • auf der anderen Seite das Heimsystem, später ergänzt durch das Betreute Wohnen, zuständig für längerfristige Assistenz.

Durch diese Trennung konnten Recoveryprozesse nur ausnahmsweise zum Thema akuter Behandlung werden. Den psychiatrisch Tätigen blieb – eingesperrt auf ihren Stationen – aufgrund von WYSATI – what you see is all there is –  die intentionale Ausrichtung des Menschen verborgen, ebenso wie Konzepte wie Sinn, Verbundenheit, Empowerment und Hoffnung.

Erst 2018 wurde dieser eklatante Mangel zumindest auf Gesetzesbasis abgestellt: jeder psychisch kranke Bürger hat seitdem auch einen Anspruch auf medizinische Rehabilitation im Anschluss an eine akute Phase, genauso wie das somatisch kranke Bürger seit Jahrzehnten haben. Stichwort: Anschlussheilbehandlung.

Ausdrücklich ist im §40 SGB V darüber hinaus der Anspruch auf mobile Rehabilitation für psychisch kranke bzw. behinderte Bürger verankert.

Damit wird endlich das zusammengefügt, was zusammengehört, akute Phase und ihre Verarbeitung, akute Phase und Rehabilitation mit einer entsprechenden Assistenz, die sich aus dem Wechselspiel einer Person mit ihrer Umwelt ergibt (Teilhabe). Psychiatrisch Tätige sind aufgrund der UN-Behindertenrechtskonvention und durch die jetzt veränderte Gesetzeslage, ausformuliert auch im Entlassmanagement, schon zu Beginn einer akuten Behandlung angehalten, Wege hin zu Recovery, sprich Rehabilitation, zu öffnen und einzuschlagen. Bei Home Treatment bzw. StäB ist das alles selbstverständlich.

Es könnte der Beginn sein, dass wir das Konzept der Anstalt endgültig beiseitelegen können!

Christoph Müller Im Buch „Psychiatrie ohne Betten“ begegnen Leser_innen, psychiatrische Praktiker_innen dem Begriff der Resonanz, den in den letzten Jahren der Soziologe Hartmut Rosa geprägt hat. Welche Bedeutung hat der Begriff für Sie auf dem Fundament einer jahrzehntelangen psychiatrischen Arbeit?

Matthias Heißler Zwischenmenschliche Beziehungen lassen sich mit Empathie beschreiben. Jedoch eignet sich dieser Begriff nicht zur Beschreibung einer Beziehung zwischen Mensch und materieller Umgebung, zwischen Mensch und Natur. Für die Beschreibung der einen Art, wie der anderen bietet sich „Resonanz“ an. Die Basis dieses Beziehungsnetzwerkes ist uns in Form von neuronalen Netzwerken von Geburt an gegeben. Dazu gehören u.a. Spiegelneurone und Selbst-Systeme. Diese neuronalen Netzwerkstrukturen ermöglichen uns die Gefühle und Handlungen anderer unbewusst zu imitieren und zu lesen. Dadurch wird der Andere als Du von Anfang an Teil von uns selbst und umgekehrt. Während die Anderen Teil von uns sind, sind wir auch Teil der Anderen. Diese neuronalen Netzwerke sind die neuronale Basis, der Träger, auf der alles andere „reitet“, bis hin zu den Leistungen, die die jeweils vorhandene Kultur als haltende Kultur entwickelt hat.

Die Übertragung des wechselseitigen Austausches findet jedoch nicht nur auf neuronaler Ebene  statt, sondern auch über Wahrnehmungen, Handlungen bzw. Sprache. Rosa hat darauf insgesamt seine Soziologie als Weltbeziehungstheorie aufgebaut.

Ohne Resonanz sind wir nicht überlebensfähig. Ohne Resonanz können wir nicht Teil der Welt werden. Und Resonanz vollzieht sich vor aller Worte.

Resonanz besteht nach Hartmut Rosa aus vier konstituierenden Elementen.

  1. aus dem Moment der Affizierung oder Berührung. Wir werden von einem Menschen angerufen.
  2. dem Moment der Emotion, verstanden als antwortender Akt.
  3. dem Moment der Transformation: wir verändern uns durch diese Beziehung.
  4. das Moment der konstitutiven Unverfügbarkeit: Resonanz lässt sich weder befehlen noch instrumentell herstellen.

Resonanz kann man auch mit Teilen vergleichen. Resonanz und Teilen vollziehen sich selbstvergessen, hingegeben ans Leben. Wir können Resonanz weder planen noch uns Resonanz vornehmen, genauso wie wir uns nicht vornehmen können uns auf der Stelle zu verlieben. Selbstredend führt eine noch so gute Analyse nicht zur Resonanz und zum Teilen, abgesehen davon, dass, wie in vielen Musikstücken, Dissonanzen und Disharmonien in Harmonien übergehen und umgekehrt und wir trotzdem für das gesamte Musikstück resonant bleiben. Auch würden wir Dissonanzen, Disharmonien und Pausen nicht als entfremdet erleben, vielmehr als Bereicherung für das Stück. Dissonanzen und Disharmonien gehören zwar zum Leben, trotzdem werden wir von der Sehnsucht getrieben, harmonische Verhältnisse zu suchen und zu ermöglichen. Dies ist menschlich.

Empfundene Dissonanzen sind Zeichen, dass irgendetwas nicht stimmig ist, irgendetwas nicht passt, sei es in uns, um uns herum oder zwischen uns. Eine Antwort wird fällig, die wir in der Regel auch finden bzw. geben können. Manchmal kommen wir jedoch trotz all unserem Bemühen nicht weiter. Ohne passende Antworten werden die empfunden Dissonanzen immer stärker, weiten sich zu Disharmonien auf allen Ebenen aus – körperlich, psychisch, in unserem Beziehungsnetzwerk –  und brüllen geradezu nach einer passenden Antwort. Das ist Stress! Ab einem individuell unterschiedlich geprägten Kipppunkt, einem Tipping Point, geraten wir aus den Fugen und fühlen, denken und verhalten uns “out of order”.

Wenn alle Möglichkeiten innerhalb der Familie oder des Lebensfeldes nichts gebracht haben, wenn alle Stricke reißen, suchen oder holen wir uns notgedrungen Support von einem Außenstehenden, z.B. von einem psychiatrisch Tätigen. Wenn wir Glück haben, kommt der sogar zu uns ins Haus und hilft uns in einem gemeinsamen Gespräch bei der Suche nach passenden Antworten als Auswege. Wenn dies gelingt, gehen die Spannungen zurück, die aus den Dissonanzen und Disharmonien entstanden sind, reduziert sich Stress und lässt uns gelassener werden, mit den Widrigkeiten des Lebens fertig zu werden. Wir können uns dem Leben wieder selbstvergessener hingeben.

Mir hilft das Resonanzkonzept bei diesem Vorgehen als Orientierung sehr.

Christoph Müller Die Lektüre des Buchs rüttelt auf. Persönlich wächst das Gefühl, nach dem Lesen kann man nicht mehr arbeiten wie bisher. Was können wir von Ihnen in der nächsten Zeit noch an Weckrufen erwarten?

Matthias Heißler Zur Zeit arbeite ich an einem Text, in dem es um die Komplexität des Lebens geht, einen „liebevoll” psychiatrisch Tätigen, abgeleitet bzw. übertragen aus einem Text von Olga Tokarczuk mit dem Titel „Der liebevolle Erzähler“ (The tender Narrator), den sie bei der Überreichung des Nobelpreises 2018 gehalten hat. Und es geht ums`s Teilen. Es geht um eine inklusiv eingebettete Psychiatrie: statt Betten. Im Kern um die Schule des Lebens statt einer psychiatrischen Sonderschule.

Zusammen mit Uli Krüger bin ich in Bremen an dem Projekt – Selbstbestimmung und Zwang – tätig.

Und demnächst werde ich wieder in Geesthacht als Chefarzt tätig sein. Unter anderem möchte ich gern den Anspruch jedes psychisch kranken Menschen auf mobile medizinische Rehabilitation realisieren. Dieser Anspruch ist seit 2018 im SGB IX verbrieft, bisher meines Wissens aber nur in einem Modellprojekt in Stuttgart umgesetzt. Das muss sich ändern!

Christoph Müller Ganz herzlichen Dank für den erfrischenden Austausch, lieber Herr Heißler.

 

Das Buch, um das es geht

Matthias Heißler: Psychiatrie ohne Betten – Eine reale Utopie, Paranus-Verlag, Köln 2022, ISBN 978-3-96605-139-2, 255 Seiten, 30 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at