„Hilfe bei Demenz“ – Interview mit Mag.a Gabriele Graumann

Mag.a Gabriele Graumann ist die Geschäftsführerin des Kuratorium Wiener Pensionisten-Wohnhäuser. Mit seinen 30 Häusern zum Leben und den 150 Pensionistenklubs der Stadt Wien ist das KWP österreichweit die größte, erfahrenste und wichtigste Organisation auf diesem Sektor.  4.200 Mitarbeiter sorgen für nahezu 9.000 BewohnerInnen und wöchentlich Tausende KubbesucherInnen. Das KWP bietet eine ganze Reihe von Workshops und wertvolle Hilfestellungen für pflegende Angehörige von demenziell Erkrankten an.

Frau Mag.a Graumann, was sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit der Krankheit Demenz?

Bevor ich Geschäftsführerin des Kuratorium Wiener Pensionisten-Wohnhäuser (KWP) wurde, war ich Direktorin im Haus Augarten und täglich mit dem Thema Demenz und den vielen, persönlichen Schicksalen – sowohl von BewohnerInnen als auch von Angehörigen – und den verschiedensten Verläufen und Aspekten der Krankheit hautnah konfrontiert. Die Expertise des KWP half sowohl den Betroffenen und ihren Familien als auch mir. Seit über 50 Jahren betreuen und pflegen FachexpertInnen Menschen bei Erkrankung oder Pflegebedürftigkeit in den 30 Häusern zum Leben. Zudem profitieren wir stetig von neuen praktischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Diesen Erfahrungsschatz geben wir nun auch an Angehörige und Interessierte weiter.

Welche Angebote findet man im KWP?

Die Palette reicht von Workshops für Angehörige mit viel fachlichem und persönlichem Austausch über „Granny Makeover“, bei dem BewohnerInnen liebevoll frisiert, geschminkt und gestylt werden, bis hin zum Brunch, gemeinsamem Backen mit Kindergartenkindern oder Tanzkränzchen mit demenzerkrankten BewohnerInnen. Weiters bieten DemenztrainerInnen mitunter Workshops für Familien mit Kindern und deren betroffene Angehörige an. Das KWP möchte Ressourcen aufzeigen und beleuchten, was alles mit der Diagnose Demenz möglich ist. Der Eintritt ist stets frei.

Was sind die Inhalte der Workshops? Gibt es auch praktische Tipps für pflegende Angehörige?

Das Themenspektrum reicht hier von Workshops für pflegende Angehörige zum Thema Wundversorgung über praktische Übungen zur Vermeidung von Stürzen bis hin zu Vorträgen über Lebensqualität und Vielfalt samt Demenz.
Sowohl Angehörige von demenziell Erkrankten als auch generell pflegende Angehörige sind herzlich willkommen. Wir unterstützen Hilfesuchende, den Alltag als Pflegeperson mit vielen praktischen Tipps gut zu meistern! Die jeweiligen Termine können Sie telefonisch erfragen (Info-Tel.: 01 313 99 0) und auf unserer Website einsehen (www.kwp.at).

Was sind die konkreten Sorgen von Betroffenen und Angehörigen, bei denen Sie Hilfestellungen geben können?

Das reicht von „Das Durcheinander im Kopf – Was ist Demenz eigentlich und wie wirkt sie sich aus?“ über „Was können wir noch miteinander tun?“ und „Welche Entlastungsmöglichkeiten gibt es?“ bis hin zu „Rechtsansprüche von Rezeptgebührenbefreiung bis Mindestsicherung“. Betroffene und Angehörige können jederzeit in die Veranstaltungsreihe einsteigen. Die TeilnehmerInnen erhalten umfassende Informationen zu den einzelnen Fragestellungen. Anschließend besteht die Möglichkeit zum Austausch, wo auch Situationen aus dem eigenen Alltag besprochen werden. Eine Betreuung von Angehörigen ist – falls erforderlich – möglich.

Gibt es in den 150 Pensionistenklubs der Stadt Wien, die ja zum KWP gehören, auch Angebote für Betroffene?

Ja und zwar sowohl für Betroffene als auch für ihre Angehörigen. Menschen mit Demenz sind häufig vom sozialen Leben ausgeschlossen. Auch Angehörige leiden in der Folge oft unter sozialer Isolation. Mit der Wiener Initiative „Demenzfreundlicher Bezirk“ werden zahlreiche Veranstaltungen, Lesungen, Vorträge sowie Beratungen zum Thema angeboten. Der Fokus liegt darauf, Menschen mit Demenz ins Alltagsleben zu integrieren und ihnen ihren Platz zu geben. Das Angebot in Wien ist wirklich europaweit vorbildlich!

Welche Kriterien sind Ihres Erachtens beim Umgang mit demenziell Erkrankten wichtig?

Enorm wichtig sind die psychische und emotionale Sicherheit. Das Umfeld soll vertraut und alltagsnormal sein und einen Bezug zum Leben davor haben. Ist das gegeben, achten wir auf Orientierungshilfen, Stimulation, Anregungen, Autonomie und Selbstbestimmung. Wir achten etwa auf Barrierefreiheit – sprich: wenig und wenn möglich keine Rampen, dafür aber breite Türen und auf einen großzügigen Bewegungsradius für Rollatoren und Rollstühle. Wir meiden große Glasflächen, weil sie verwirrend für BewohnerInnen mit Sehschwäche und Demenz sind.

Wie kann man sich das Leben und den Tagesablauf einer/s demenziell Erkrankten in Ihren Häusern vorstellen?

Im Rahmen des Betreuten Wohnens sollen BewohnerInnen so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden leben können. Somit wird ein Aufenthalt im stationären Bereich hinausgezögert. Gerade für ältere Menschen bedeuten Veränderungen im Umfeld Stress, dazu zählt auch der Umzug in eine andere Wohnform aufgrund der Verschlechterung des Allgemeinzustandes und einer fortschreitenden Demenzerkrankung. In der Wohnung erhalten die BewohnerInnen bedarfsorientierte Pflege und Betreuung.

Eine zusätzliche Betreuungsform im Wohnbereich stellt die Tag.Familie dar. Hier liegt der Fokus auf der Aktivierung von Menschen mit Demenz, welche sich auf die individuelle Situation und das subjektive Erleben der BewohnerInnen anpasst. Die Tag.Familie bietet ein zielgerichtetes, zeitlich strukturiertes und kontinuierliches Angebot. Verschiedene Betreuungsaktivitäten, wie etwa Singen, Bewegen, Werken, Malen, Gartenarbeit und Ausflüge bereichern den Alltag der BewohnerInnen in der Tag.Familie. Um diese Aktivitäten für die SeniorInnen sinnvoll zu gestalten, wird im Rahmen von Bezugsbetreuung die individuelle Biographie dieser erhoben. Dadurch wird ein Rahmen geschaffen, der von Normalität, Nähe und Leichtigkeit geprägt ist.

Ergänzt wird dieses Angebot durch eine vollstationäre Aufnahme in das Betreuungszentrum Rosenberg. Die Spezialisierung liegt im Umgang mit bestehenden herausfordernden Verhaltensauffälligkeiten, wie zum Beispiel ausgeprägter Unruhe, Aggressionen oder rastlosem „Herumlaufen“. Durch spezielle Leitsysteme (farblich und räumlich-baulich) und ein offenes (Garten-) Areal können Menschen mit Demenz ihrem Bewegungsdrang nachgehen. Um auf die innere Uhr (Tag-Nacht-Umkehr) einzugehen, stehen an verschiedenen Orten Häppchen zum Essen zur Verfügung. Tagesabläufe inkl. Ruhezeiten sind auf die Erfordernisse der BewohnerInnen angepasst. Der individuelle Zugang ermöglicht es, auf die Bedürfnisse der BewohnerInnen reagieren zu können. Die Anbindung der Angehörigen und eine interdisziplinäre Zusammenarbeit spielen eine wesentliche Rolle bei der professionellen Betreuung und Pflege. Es ist wichtig, Menschen mit Demenz die Freiräume zu geben, um ihren individuellen Bedürfnissen gerecht zu werden.

Der technische Einsatz von Desorientierten-Systemen für BewohnerInnen mit der Tendenz sich zu verirren werden derzeit heiß diskutiert. Wie steht das KWP dazu?

Die persönliche Freiheit, Menschenwürde und die persönlichen Rechte unserer BewohnerInnen stehen im KWP an oberster Stelle. Wir haben uns daher entschieden auf den Einsatz von flächendeckenden, alle BewohnerInnen betreffenden Deso-Systeme im KWP zu verzichten. Vor einer möglichen Anwendung eines individuellen Deso-Systems soll zuerst der Einsatz gelinderer Mittel im Fokus stehen. Dabei ist es uns wichtig, den Bewegungsradius der betroffenen BewohnerInnen so großflächig wie möglich zu belassen. Dies ist mit den neuen technisch modernen Systemen nun einfacher zu gestalten. Ein sehr interessantes Urteil des Obersten Gerichthofs hat sich intensiv mit dieser Thematik beschäftigt und kommt nun auch zum Schluss, dass eine Freiheitsbeschränkung auch dann gegeben ist, wenn die BewohnerInnen beispielsweise nicht mobilisiert werden und so die Möglichkeit einer Ortsveränderung nicht ermöglicht wird.

Welche Hilfestellungen, Guide-Lines und Schulungen bietet das KWP dem Pflegepersonal?

Um unsere MitarbeiterInnen fit zu machen für die bevorstehenden Herausforderungen, starten wir im Herbst 2018 eine Schulungsoffensive zum Thema Umgang mit Menschen mit psychosozialen Problemen. 70 % aller MitarbeiterInnen aus den Häusern werden geschult. Nach dem ersten komplett durchgeführten Schulungsdurchgang erfolgt eine methodische und inhaltliche Evaluierung und evtl. Adaptierung der Schulung. Nach Absolvierung aller vorgesehenen Module erfolgt die Einholung schriftlicher Feedbacks der TeilnehmerInnen. Als Indikator gilt die subjektive Einschätzung des Sicherheitsgefühls im Umgang mit herausfordernden Situationen. Intervisionen oder Fallbesprechungen vor Ort durch KollegInnen des interdisziplinären Leistungsmanagements dienen den MitarbeiterInnen als konkrete Hilfestellung bei praxisrelevanten Problemen.

Manchmal wird eine gute Beratung allein jedoch nicht reichen. Was passiert etwa, wenn pflegende Angehörige selbst erkranken? Welche Hilfestellungen bietet das KWP darüber hinaus an?

Die Pflegestrategie der Stadt Wien unter dem Titel „Pflege und Betreuung in Wien 2030“ definiert als wesentliche Leitlinie die Entlastung der Angehörigen als besonderen Schwerpunkt. Im Zuge dessen wurde ein Angehörigenpaket geschaffen. Dieses umfasst sowohl Informations-, Schulungs- als auch konkrete Entlastungs- und Unterstützungsangebote und setzt sich aus bestehenden und neu entwickelten Maßnahmen zusammen. Um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, haben wir die Angehörigenentlastung als wichtiges strategisches Ziel definiert.

Die Schaffung eines neuen Angebots im Rahmen der kurzfristigen Entlastungspflege und -betreuung gewährleistet unbürokratisch und rasch Abhilfe im Falle eines kurzfristigen Ereignisses wie zum Beispiel Erkrankung eines pflegenden Angehörigen. Ermöglicht werden die Schaffung eines Sicherheitsgefühls für pflegende Angehörige, eine fachgerechte Betreuung und Pflege der/des zu betreuenden bzw. pflegenden Kundin/Kunden entsprechend dem Leistungsangebot Betreutes Wohnen. Bei Bedarf auch fachliche Hilfestellung für die/den Angehörige/n und für Kundinnen und An- und Zugehörige das Kennlernen des Angebots des KWP.

Wer darf diese Leistung in Anspruch nehmen?

Unter folgenden Voraussetzungen können Sie unser Angebot nutzen: Sie sind über 60 Jahre alt. Sie haben einen Pflege- und Betreuungsbedarf im Umfang von zumindest Pflegegeld der Stufe 1. Sie werden zu Hause (auch) von Angehörigen betreut, die aus unterschiedlichen Gründen eine Auszeit benötigen. Ihr Hauptwohnsitz ist in Wien und Sie haben die österreichische Staatsbürgerschaft oder eine Gleichstellung. Das Angebot kann maximal 5 Wochen im Jahr in Anspruch genommen werden.

Markus Golla
Über Markus Golla 3549 Artikel
Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Studiengangsleitung (FH) und Vortragender im Bereich Gesundheit- und Krankenpflege, Kommunikation & Projektmanagement, Pflegewissenschaft BScN (Absolvent UMIT/Wien), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Masterstudent Pflegewissenschaft (UMIT/Hall)

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