Herausforderndes Verhalten – Herausfordernde Situationen mit alten Menschen meistern

„Wichtiger Beitrag zum fachlichen Diskurs“

Herausforderndes Verhalten ist ein Phänomen, das professionell Pflegenden in vielen Versorgungssettings auf verschiedene Weise begegnet. Bei einer tieferen Auseinandersetzung zeigt sich, dass es verstanden, ja geradezu durchdrungen werden muss. Wen wundert es, Pflegende haben natürlich das Ziel, mit herausforderndem Verhalten umzugehen, im besten Fall es zu bewältigen. Das Buch „Herausforderndes Verhalten“ des Psychologen und Psychoanalytikers Stephen Weber Long ist eine gute Unterstützung.

Ein entscheidender Punkt beim Umgang mit dem herausfordernden Verhalten ist die Haltung, mit der professionell Pflegende dem Phänomen begegnen. Da hilft es, dass Weber Long dafür wirbt, positives Verhalten zu fördern. Durch das eigene Handeln könnten die von der Pflege und Versorgung Abhängigen angeregt werden, „sich auf positive Weise zu verhalten und … problematische Verhaltensweisen zu reduzieren oder zu beseitigen“ (S. 35). Die Betroffenen müssten erleben, „dass ihnen auf diese Weise zugehört wird – oft beschrieben als das Gefühl, emotional unterstützt zu werden“ (S. 35).

Das Buch erzählt viele Geschichten von Menschen rund um das Phänomen des herausfordernden Verhaltens. Dabei wird für die pflegerische Praktikerin und den Praktiker nachvollziehbar, was alles damit gemeint sein kann. Für jede und jeden, der die berufliche Praxis kennt, sind Situationen nicht fremd, in denen im Kontext von Psychohygiene über problematisches Verhalten geschimpft wird – hinter geschlossener Türe. Weber Long bemerkt kritisch: „Vermeiden Sie gegenüber jemandem, der sich problematisch verhält, zu nörgeln, zu streiten, wiederholte Forderungen zu stellen, zu drohen oder sich zu revanchieren“ (S. 51).

Weber Long zeigt sich als Experte, dem es um Lösungen für herausforderndes Verhalten geht. Dabei setzt er auch darauf, kooperativ zu Lösungen zu kommen. Dabei fordert Weber Long auf, aktiv den Betroffenen zuzuhören und die Gefühle des Gegenübers zusammenzufassen. Er zeigt ein starkes Bemühen, mit den Augen der pflegebedürftigen Menschen die Problematik anzuschauen. Damit weist Weber Long professionell Pflegende sicher auf einen Paradigmenwechsel hin, den es künftig noch flächendeckend zu vollziehen gilt.

Besondere Aufmerksamkeit schenkt Weber Long dem Thema Stress sowie der Rolle des Denkens und Fühlens. Auch die Praxis der Vergebung bei psychischen Gesundheitsbedürfnissen nimmt er in den Blick. Und bei der Behandlungsplanung unterscheidet er zwischen dem Individualansatz und dem Teamansatz. Mit der Praxisorientierung sowie einem abwechslungsreichen und verständlichen Nutzen von Abbildungen, Tabellen und anderen Strukturelementen erhöht das Weber Long – Buch den Nutzen für professionell Pflegende.

Ergänzt wird das Buch durch einen Beitrag des Pflegeexperten Jürgen Georg, der den aktuellen Forschungsstand zu herausforderndem Verhalten bei dementiellen Veränderungen erläutert. Diese Aufarbeitung rundet das Buch „Herausforderndes Verhalten“ ab. Er stellt nochmals differenziert die Modelle dar, die herausforderndes Verhalten erklärbar machen. Jürgen Georg fasst zusammen, was bei der fachlichen Auseinandersetzung mit herausforderndem Verhalten noch fehlt: „Letztlich wäre es aus pflegediagnostischer Sicht nützlich, die Option einer Syndrompflegediagnose für herausforderndes Verhalten zu belegen und weiterzuentwickeln oder durch empirische Beobachtungen, logische Beweise und Konzeptanalysen zu falsifizieren“ (S. 248).

Weber Longs Buch „Herausforderndes Verhalten“ ist ein wichtiger Beitrag zum fachlichen Diskurs.

Stephen Weber Long: Herausforderndes Verhalten – Herausfordernde Situationen mit alten Menschen meistern, Hogrefe-Verlag, Bern 2021, ISBN 978-3-451-85737-4, 261 Seiten, 39.95 Euro.

Über Christoph Mueller 341 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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