Herausforderndes Verhalten bei Menschen mit psychischen Störungen – Ein Interview mit Christoph Müller

Christoph Müller ist der deutsche Herausgeber des neuen Buches „Herausforderndes Verhalten bei Menschen mit psychischen Störungen: Praxisbuch für Pflege und Gesundheitsberufe“ des Psychologen Bo Hejlskov Elvén und seiner psychiatrie-erfahrenen Tochter Sopie Abild McFarlane. Jonathan Gutmann interviewte den Herausgeber für Pflege Professionell.

Lieber Herr Müller, welche speziellen Verhaltensweisen von Menschen, die an einer psychischen Störung leiden, gelten für psychiatrisch Tätige als besonders herausfordernd?
So konkret wie Sie fragen, will ich die Frage nicht beantworten. Wenn wir über herausforderndes Verhalten sprechen, so reden wir ja über Verhalten, mit dem psychiatrisch Tätige oder Angehörige psychisch erkrankter Menschen nicht zurechtkommen. So hat das Phänomen des herausfordernden Verhaltens immer auch eine subjektive Seite. Die Subjektivität ist mit vielen anderen Einflussfaktoren verbunden. So haben psychiatrisch Tätige und Angehörige eine Tagesform, bei der sie mit auffälligem Verhalten nicht umgehen können. Manchmal triggert das Verhalten eines Betroffenen sein Gegenüber, weil damit Erfahrungen und Erlebnisse aus dem eigenen Leben wachgerufen werden. Gleichzeitig ist es nicht mein Ziel, den Begriff des herausfordernden Verhaltens beispielsweise auf gewalttätige Übergriffe zu reduzieren. Herausforderndes Verhalten kann ja auch das Resultat missglückter Interaktionen zwischen dem Ich und dem Du sowie von unglücklichen Umgebungsfaktoren sein.

Aus gerontopsychiatrischer Sicht treten Verhaltensweisen, insbesondere bei Menschen mit Demenz häufig auf: Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen, ruheloses Umhergehen (Wandering) sowie Schreien und Rufen. Die englische Bezeichnung «behaviour that challenges» weist nicht in erster Linie darauf hin, dass der Betroffene ein Problem hat und «Träger» des herausfordernden Verhaltens ist, sondern dass seine Reaktion oder Verhaltensweise uns herausfordern sollte, darüber nachzudenken, welche Ursachen, Einflussfaktoren, Stressoren oder unbefriedigten Bedürfnisse diesem Verhalten zugrunde liegen.


Wie „normal“ ist herausforderndes Verhalten im Rahmen einer psychischen Krise eigentlich?
Der Psychiater Asmus Finzen hat den Begriff des Normalen mit dem Begriff der Gesundheit in Verbindung gebracht. So sympathisch ich diesen Gedanken finde, so schwierig bleibt er. Wenn Menschen in eine psychische Krise geraten, so ist dies erst einmal ein Zeichen für eine Sensibilität der Betroffenen. Sie kommen mit dem Alltag und der Wirklichkeit, in der sie sich bewegen, nicht parat. Auf einer akutpsychiatrischen Station sind meist Menschen untergebracht, deren Symptome und deren Verhalten sehr auffällig sind. Sie begegnen dort anderen Menschen, denen es vergleichbar mies ergeht. In dieser oft angespannten und gereizten Atmosphäre sollen sie gesund werden. Dies kann aus meiner Sicht nicht gelingen. So kommt es in diesem Umfeld zu auffälligem Verhalten, um auf sich aufmerksam zu machen. Halten Sie dies für unnormal? Ich erinnere an einen manisch auffälligen Mann, der mir an einem ruhigen Sonntagmorgen eine App auf seinem Tablet zeigte, die die Lautstärke auf der Station gemessen hatte. Er fragte mich mit einer Klarheit, die mich aufgrund der Akuität seiner Symptome überraschte: „Herr Müller, können Sie mir sagen, wie ich bei diesem objektiv nachvollziehbaren Krach gesund werden soll?“

Herausforderndes Verhalten gehört in der Akutpsychiatrie beispielsweise mehr oder weniger zur Tagesordnung. Warum fällt es psychiatrisch Tätigen oft so schwer, konstruktiv damit umzugehen und was müsste künftig verändert oder verbessert werden?
In den vielen Jahren, in denen ich psychiatrisch tätig bin, habe ich eines gelernt. Herausforderndes Verhalten gehört zur Begleitung von Menschen, deren Seelen aus der Balance geraten sind. Zu vielfältig sind die Faktoren, die die Auffälligkeit von Verhalten beeinflussen. Interaktion, Umgebungsfaktoren, subjektiv empfundene Belastungen sind nicht wie auf Knopfdruck regulierbar. Aus meiner langjährigen Erfahrung in der Geronto-, der Allgemein- und der forensischen Psychiatrie heraus glaube ich, dass wir die Sicht auf das herausfordernde Verhalten verändern können. Die Betroffenen zeigen dieses Verhalten nur in seltenen Fällen, um die Angehörigen oder die psychiatrisch Tätigen zu ärgern. Ich verstehe es als starken Ausdruck eines inneren Erlebens.

Als psychiatrisch Tätige rufen wir immer nach Struktur und Orientierung. In vielen Jahren haben wir dies durch Restriktionen umzusetzen versucht. Als ich in den 1990er Jahren mit dem psychiatrischen Arbeiten begonnen hatte, haben wir Menschen oft fixiert, weil sie die Medikamente nicht genommen haben. Damals war es so, dass die Betroffenen bei der Aufnahme erst einmal kräftig psychopharmakologisch versorgt worden sind. Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei.

Wir müssen uns darüber verständigen, was denn ein konstruktiver Umgang mit herausforderndem Verhalten sein kann. Statt nach Ordnung und Struktur zu rufen, sollten wir darüber nachdenken, wie wir Interaktionen gelingender gestalten können. Dies heißt natürlich auch, dass psychiatrisch Pflegende in Situationen, in denen sie Übergriffe von erkrankten Menschen befürchten, auch eine deutliche Sprache sprechen. Als psychiatrisch Pflegende sind wir diejenigen, die Orientierung geben müssen – in der unmittelbaren Begegnung mit den Betroffenen. Bei mir dreht sich der Magen um, wenn ich erlebe, dass nach dem Stationsarzt gerufen wird, wenn eine Situation schwierig wird und Pflegende möglicherweise gezwungen sind, Verantwortung zu übernehmen.

Welche Rolle spielen Haltung, Menschenbild, Krankheitsverständnis und Reflexion beim Umgang mit herausforderndem Verhalten in der Psychiatrie?
Die Haltung, das Menschenbild und das Krankheitsverständnis sind die richtungsgebenden Momente. Da kann ich nur auf meine eigene Sozialisation in der Psychiatrie schauen. Schon als Zivildienstleistender hatte ich das Glück, dass mir das Buch „Irren ist menschlich“ empfohlen wurde. Ursula Plog und Klaus Dörner haben dort für mich eine klare Sicht auf die Dinge grundgelegt. Da habe ich natürlich entdeckt, dass seelische Erkrankungen nicht nur auf neurobiologische und genetische Defekte zurückzuführen sind. Wenn mir in der pflegerischen Praxis manches psychiatrisches Phänomen begegnete, habe ich immer wieder geschaut, was Plog und Dörner dazu zu sagen haben. So hat sich ein eigenes Verständnis zum Menschen und den psychiatrischen Auffälligkeiten entwickelt. Diese Sicht hat natürlich auch meinen Blick auf herausforderndes Verhalten geprägt. Natürlich heißt dies, dass ich auch nach bald drei vollendeten Jahrzehnten in der psychiatrischen Versorgung immer wieder reflektieren muss, was ich Tag für Tag auf der Station mache. Vergleichbar geht es mir in der Reflexion zum Umgang mit herausforderndem Verhalten. Ich bin der Überzeugung, dass es keine vollendeten Sichtweisen auf psychiatrische Phänomene und herausforderndes Verhalten gibt. Es ist ein ständiges Ringen um das Ich, das Du und die eigenen Haltungen.

Kann Humor dabei auch eine wichtige Rolle spielen, und wenn ja, welche?
Was bedeutet in diesem Kontext Humor? Wenn es um auffälliges Verhalten geht, so finde ich Begriffe der Heiterkeit und Gelassenheit glücklicher. Herausforderndem Verhalten kann ich ja nicht unbedingt in der Weise begegnen, dass ich mir eine rote Clownnase aufsetze und die Auffälligkeiten finden ein Ende. Heiterkeit und Gelassenheit haben etwas damit zu tun, wie ich mit auffälligem Verhalten umgehe. In den vielen Jahren meiner beruflichen Praxis habe ich mir angewöhnt, die Phänomene, die mir begegnen, immer auch gegen den Strich zu denken. Dies führt nicht bloß dazu, dass ich zu mehreren Handlungsoptionen komme. Ich finde immer auch die heiteren Seiten eines Phänomens. So gelingt es mir ganz persönlich, mit Gelassenheit auch herausforderndem Verhalten zu begegnen. Dies ist nicht das Patentrezept, doch ein Weg, um mit dem Ich und dem Du zurechtzukommen.

Sie betonen in Ihrem Vorwort zum Buch die Wichtigkeit des Trialogs. Warum genau ist der Trialog Ihrer Meinung nach so wichtig?
Wir Menschen neigen dazu, dass die eigene Sicht auf die Welt im Allgemeinen und die Phänomene im Besonderen als einzig richtige zu kennzeichnen. Dies hat zur Folge, dass wir das eigene Denken und Handeln für den Mittelpunkt der Welt anschauen. Dies ist nach meiner Meinung nicht gut.

Im Trialog kommen alle Beteiligten zu Wort, beschreiben ihre Positionen. Wenn wir diese Positionen anhören, sie erst einmal nebeneinanderstellen, so haben sie ein und dieselbe Berechtigung. Die Begegnung auf Augenhöhe gibt die Möglichkeit, die jeweils subjektive Sichtweise zu Wort kommen zu lassen. Da wir aufeinander angewiesen sind – ob im häuslichen Umfeld oder in der psychiatrischen Versorgung -, haben wir die Chance, zu gemeinsamen Standpunkten zu kommen. Wenn ein erkrankter Mensch in der eigenen Häuslichkeit auffällig wird, so kann dies das Ergebnis eines unglücklichen Miteinanders mit den Angehörigen sein. Im gemeinsamen Austausch und in der Reflexion (die vielleicht auch der psychiatrisch Tätige moderieren kann) kann ein für alle verträgliches Miteinander erarbeitet werden.

Als ich vor Jahren einen massiven Übergriff durch einen psychisch erkrankten Menschen im Maßregelvollzug erlebte, hat mir der Austausch mit einer Psychiatrie-Erfahrenen sehr geholfen. Sie hat die Sicht der Betroffenen differenziert dargestellt. So hatte ich die Gelegenheit, darüber nachzudenken. Das war eine beeindruckende Erfahrung, die Krisengespräche mit einem Psychotherapeuten oder der Austausch mit mir nahestehenden Menschen ergänzte.

Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!

 

Bo Hejlskov Elvén, Sophie Abild McFarlane
Herausforderndes Verhalten bei psychischen Störungen.
Praxisbuch für Pflege- und Gesundheitsberufe
2020, 1. Auflage
Softcover, 152 Seiten
26,95 Euro
Hogrefe Verlag
ISBN: 9783456860008

 

Jonathan Gutmann
Über Jonathan Gutmann 2 Artikel
Fachpfleger für Psychiatrische Pflege und Stabsstelle Qualitätssicherung und Pflegeentwicklung in der Klinik Hohe Mark in Oberursel, Autor des Buches „Humane Psychiatrie - Psychosoziale Versorgung zwischen Anspruch und Wirklichkeit“

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