Heim und Heimweh – Zur Sehnsucht alter Menschen an einem befremdlichen Ort

Als professionell Pflegenden ist uns meist nicht bewusst, welche Bedeutung das eigene häusliche Umfeld für die zu versorgenden Menschen hat. Der Gerontologe Gerd Schuster hat in der beeindruckenden Studie „Heim und Heimweh“ versucht, den Kern der individuellen Tragik und Dramatik herauszuarbeiten. Er hat mit seiner Forschungsarbeit das Ziel verfolgt, Einblick in die emotionale Welt der betroffenen Menschen zu bekommen bzw. beleuchtet, „wie sie mit der Situation im Pflegeheim zurechtkommen und welche Rolle dabei ihre Sehnsucht nach dem verlassenen Zuhause spielt“ (S. 13).

Schuster hat qualitativ gearbeitet und Interviews mit betroffenen alten Menschen und deren Angehörigen sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Altenhilfeeinrichtungen gemacht. Diese Multiperspektivität macht die Studie „Heim und Heimweh“ zu einem kleinen Juwel. Die Multiperspektivität ist ein Gewinn zum phänomenologischen Forschungszugang, den Schuster gewählt hat.

Schuster betrachtet Heimweh in Anlehnung an ein älteres Modell „als komplexes Syndrom, das sich aus Verzweiflung, psychoneurotischen Symptomen, Geistesabwesenheit, zwanghaften Gedanken an Zuhause, Unzufriedenheit mit der neuen Situation, hohe wahrgenommene Herausforderungen bei gleichzeitig geringer Kontrolle bezüglich der neuen Situation, wenig Entscheidungskontrolle beim Umzug und depressiven Gefühlen vor dem Umzug zusammensetzt“ (S. 34). Da erscheint es nachvollziehbar, dass sich alte Menschen beim Umzug in eine Heimeinrichtung überfordert fühlen.

Erschreckend ist Schusters Feststellung ist, dass eine intensive Sichtung relevanter Literatur zum Heimweh alter Menschen in Pflegheimen noch nicht stattgefunden hat. Es lohnt sicher nicht, etwaige Hypothesen zu diesem Missstand zu formulieren. Letztendlich führen sie in eine Ernüchterung. Vielmehr lohnt es sich den Fokus auf die „Wohnwelt Pflegeheim“ zu legen. Schuster betont, dass der alte Mensch beim Einzug ins Pflegeheim Räume und Plätze verlässt, in und an denen er sich geborgen gefühlt habe (S. 89). Der Übergang sei ein „herausragendes kritisches Ereignis“ (S. 89).

Diese Zugangssuche zum Forschungsfeld ist Schuster gelungen. Es wird in seinen Darstellungen deutlich, wie schwierig es ist, traditionelle Vorstellungen vom Pflegeheim der Gegenwart anzupassen. Neugierde erzeugt, dass sich dies unter anderem an der Sprache zeigt. Während die Institutionen das eigene Selbstverständnis verändern, so fällt es den Bewohnerinnen und Bewohnern sowie deren Angehörigen schwer: „Bewohner und Angehörige vollziehen in ihrer Sprachverwendung die begriffliche Entwicklung zum Heimparadigma der sogenannten vierten Genration nur in seltenen Fällen mit, ja verharren generationsbedingt bei der Begrifflichkeit der ersten und zweiten institutionslastigen Heimgeneration. So kommt es nicht selten zu einem Auseinanderklaffen im Sprachgebrauch zwischen Pflegeperson und Bewohner“ (S. 161).

In den Interviews mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wird nach den Schilderungen Schusters deutlich, dass in der Kommunikation zwischen Pflegenden und Gepflegten oft Wahrheiten ausgespart würden und das ehemalige Zuhause zum Thema gemacht werde (S. 178). Bei Besuchen der Angehörigen sei es wichtig, „dass das Pflegeteam stets einen guten Eindruck macht, optisch und durch einen liebevollen und heiteren Umgang der Menschen dort“ (S. 190). Aktivitäten des Bewohners in Gemeinschaft mit anderen, Humor und Erzählen seien deutliche Indizien, „dass die schmerzliche Sehnsucht nach dem Verlorenen ein lebendiges Gegengewicht erhält und umso besser mit seiner Situation zurechtkommt“ (S. 191). Deutlich wird, wie wichtig es in der gerontologischen und pflegewissenschaftlichen Forschung es sein sollte, phänomenologische Zugänge zu existentiellen Erfahrungen Betroffener zu finden. In der Praxis muss es Ziel sein, in die Schuhe der Betroffenen zu schlüpfen.

Gerd Schuster: Heim und Heimweh – Zur Sehnsucht alter Menschen an einem befremdlichen Ort, Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main 2016, ISBN 978-3-86321-305-3, 313 Seiten, 42.95 Euro.

Christoph Mueller
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Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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