Über die Grenzen hinaus

Christoph Müller Das Buch „Humanitäre Hilfe“ berichtet von Begegnungen und Erfahrungen in der weltweiten Krisenhilfe. Was hat sie motiviert, diese Arbeit zu tun?

Joachim Gardemann Bis heute bin ich sehr dankbar dafür, dass ich in den siebziger Jahren als Kind einer nichtakademischen Familie studieren konnte, was damals noch keineswegs selbstverständlich war. Im Studium und in der Klinik durfte ich sehr viel lernen und habe immer schon den Wunsch und auch die Verantwortung gespürt, den Menschen irgendetwas dafür wieder zurückzugeben. Wir alle übernehmen ja auch immer Verantwortung nicht nur für das, was wir tun, sondern für das, was wir gelernt haben und können. Die Entscheidung, einen Gesundheitsberuf zu erlernen, fällt ja völlig freiwillig. Wenn wir aber dann unsere beruflichen Erfahrungen gesammelt haben, müssen wir sie auch verantwortungsvoll einsetzen. So war es für mich 1995 überhaupt keine Frage, auf Anfrage des Roten Kreuzes in meinen ersten Auslandseinsatz zu gehen. In meinen Seminaren habe ich immer gesagt: Es zwingt dich niemand, zur Feuerwehr zu gehen, aber, wenn du einmal bei der Feuerwehr bist, dann musst du auch hingehen, wenn es brennt.

Christoph Müller Die Illustrationen des Buchs sind gleichfalls aus Ihrer Feder. Was gibt es Ihnen, nicht nur die Geschichten niederzuschreiben, sondern auch Momente in Zeichnungen zu verewigen?

Joachim Gardemann Einerseits ist es mir sehr wichtig, auf das viele Leid in unserer Welt hinzuweisen. Andererseits möchte ich die mir anvertrauten Menschen in ihrer Not nicht durch Fotos öffentlich bloßstellen. Für mich selber war die Erstellung der Illustrationen während und nach meinen Einsätzen eine Möglichkeit zur Wahrung der Würde der Opfer und immer auch ein Mittel der eigenen Verarbeitung und der Reflexion des Erlebten.

Christoph Müller Es gibt viele Momente in den Erzählungen, in denen Sie den Blick für das Einzigartige zeigen. Inwieweit geben diese Momente Ihnen Kraft für die Arbeit in der Krisenhilfe?

Joachim Gardemann Angesichts der für mich abstrakten und unbegreiflich hohen Opferzahlen einer Katastrophe ist es immer die Begegnung mit einzelnen Menschen, die mich ergreift. Der Blickkontakt mit dem Gesicht des kranken, verletzten oder sterbenden Mitmenschen schafft eine innig vertraute Verbundenheit und lasst mich zu einem mitleidenden Teil des gesamten Geschehens werden. Und selbst in Momenten größter Not kann ich die Würde, die Anmut, den Stolz und die Schönheit meiner Mitmenschen erkennen. Diese darzustellen war mir auch immer ein wichtiges Anliegen, daher sind meine Bilder auch farbig und zeigen immer wieder auch lachende Gesichter.

Christoph Müller In den ganz unterschiedlichen Regionen der Erde, wo Sie medizinische Hilfe geleistet haben, mussten Sie oft an die Kulturen und Traditionen anpassen. Hat dies Ihre Sicht auf den Umgang mit den unterschiedlichen Wurzeln der Menschen verändert? Wie würden Sie denn beispielsweise den Begriff der Transkulturalität definieren (wollen)?

Joachim Gardemann Unsere enge Zusammenarbeit mit den jeweiligen nationalen Rotkreuz- oder Rothalbmondgesellschaften bringt uns vom ersten Einsatztag an die Kultur des jeweiligen Einsatzgebietes näher. Immer habe ich mich bei unseren örtlichen Kolleg*innen nach den lokalen Gesundheits- und Krankheitsvorstellungen, nach Ritualen bei Geburt, Krankheit oder Tod, nach höflichen Verhaltensweisen, Begrüßungen und vermeidbaren Fettnäpfchen erkundigt. Ich habe auf diese Weise sehr viel lernen können, habe mir aber weiter meine unstillbare Neugier auf die Menschen bewahrt. Ich bin sehr froh darüber, traditionelle Geburtshelferinnen in Tansania und im Sudan und Voodoo-Heilerinnen in Haiti kennengelernt zu haben. Viele kulturelle Gebräuche habe ich schätzen gelernt, einige haben mich aber auch entsetzt, wie beispielsweise die rituelle Entfernung der Eckzahnanlagen bei Säuglingen, die weibliche Genitalverstümmelung oder die extreme Stigmatisierung von Kindern mit Pigmentanomalien. Besonders beglückend waren für mich immer die überall erkennbaren transkulturellen und globalen Werte wie die Bindung zwischen Mutter und Kind oder der Respekt vor Schwangerschaft und Alter. Und selbst in bewaffneten Konflikten gibt es oft immerhin eine stillschweigende Übereinkunft bezüglich ritterlicher Kriegsführung, erlaubter und verbotener Kriegshandlungen, leider aber nicht immer. Auch innerhalb des Teams aus internationalen und lokalen Einsatzkräften setzen sich Empathie, Teamgeist und Respekt durch. Gerade die traditionellen Hierarchien unseres hiesigen Gesundheitswesens spielen in der internationalen Nothilfe überhaupt keine Rolle mehr, hier hat die Einsatzleitung, wer über die umfangreichste Erfahrung im Einsatzland verfügt. Gerade diese freundschaftliche, neugierige, respektvolle und leidenschaftliche Teamarbeit ist im Einsatz sehr beglückend und motiviert uns schon für das nächste Mal.

Christoph Müller So hilfreich Ihr Wirken als Arzt in der Krisenhilfe gewesen ist, so gefährlich ist sie sicher auch häufig gewesen. Ich muss die Frage einfach loswerden: Würden Sie sich immer wieder auf den Weg in die Krisenhilfe machen?

Joachim Gardemann Ich selber habe die Gefahren nie so deutlich gespürt, weil ich viel zu beschäftigt war. Meiner Familie ging es da schon ganz anders. Zu Hause sind wir ohnmächtig den schrecklichen Bildern ausgeliefert, jetzt beispielsweise aus der Ukraine. Im Einsatz können wir ja aktiv zur Bewältigung der Notlage beitragen, das nimmt uns die Angst und gibt uns die notwendige Motivation und Kraft. Ich befürchte allerdings für mich selber, dass ich mittlerweile altersbedingt die erforderlichen arbeitsmedizinischen und tropenmedizinischen Untersuchungen nicht mehr erfolgreich durchlaufen würde. Durch meine berufliche Tätigkeit als Hochschullehrer konnte ich aber mittlerweile viele jüngere Menschen motivieren, sich selber in die humanitäre Hilfe einzubringen, darüber freue ich mich sehr.

Christoph Müller Danke für das Inteview.

 

Das Buch, um das es geht

Joachim Gardemann: Humanitäre Hilfe – Begegnungen mit notleidenden Menschen, Hogrefe-Verlag, Bern 2022, ISBN 978-3-456-86228-6, 110 Seiten, 19.95 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at