Gewaltfreie Kommunikation im Gesundheitswesen

„Sich einen neuen Sprachgebrauch zu eigen machen“

Für Menschen, die in einem helfenden Beruf tätig sind, erscheint die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg als ein Thema, das Konjunktur hat. So erstaunt es nicht, dass es in Fortbildungsprogrammen, aber auch in vielen Köpfen professionell Tätiger als Methode verstanden wird. Liest man sich durch das Buch von Melanie Sears, so wird schnell deutlich, dass Gewaltfreie Kommunikation viel mit einer persönlichen Grundhaltung zu tun hat.

Sears veranschaulicht dies, indem sie vor allem Entwicklungen darstellt – von Dominanz zur Partnerschaft, von Machtausübung zur Partnerschaft. Sie stellt Erfahrungen aus der Vergangenheit gewissen idealen Ideen entgegen. So formuliert Sears: „Wenn man destruktive Kommunikationsmuster auslebt, ohne sich dessen bewusst zu sein, wird man ungewollt zum Miturheber jener entmenschlichenden Kulturen, die nie die wirklichen Bedürfnisse der Beteiligten berücksichtigen oder erfüllen“ (S. 16).

Grundlegend führt Sears in die Gewaltfreie Kommunikation ein, erläutert kenntnisreich die vier Schritte der GFK. Beobachtungen, Gefühle, Bedürfnisse und Bitten – dies sind Begriffe, die zeigen, dass ein lebendiges Gesundheitswesen keinen paternalistischen Charakter haben sollte. Wenn sie den Begriff der Empathie diskutiert, dann zeigt sich, dass es kein Terminus ist, der daher gesagt werden kann. Von professionell Tätigen wird erwartet, dass sie sich in einem intensiven Prozess damit auseinandersetzen.

Eine Veränderung der Kommunikation geht stets von den handelnden Akteurinnen und Akteuren aus. Sears fordert auf, den Veränderungsprozess bei sich selbst zu beginnen: „Bitte denken Sie einmal darüber nach: Die Welt, in der Sie leben, beginnt buchstäblich sich zu verändern, wenn Sie Ihre Wahrnehmungen verändern und sich einen neuen Sprachgebrauch zu eigen machen“ (S. 26).

Sears hat selbst viel praktische Erfahrungen in der pflegerischen Arbeit. Auf dem Fundament psychiatrischer Settings zieht Sears Parallelen zwischen dem Alltagserleben von Menschen und dem beruflichen Erleben. Sie beschreibt eine Abhängigkeit als einen Nachteil von Dominanz. Sie konkretisiert, dass Patientinnen und Patienten im Gesundheitswesen davon ausgehen, dass Probleme mithilfe von Tabletten und Operationen gelöst werden – anstatt Verantwortung für das eigene Wohlergehen zu übernehmen.

Spannend ist es, wenn sich Sears zur Sprache im Gesundheitswesen äußert. An ganz einfachen Aussagen verdeutlicht sie, wie kränkend einzelne Sätze sein können. Sie unterstreicht, „dass man gezielt Worte verwendet, die Verbundenheit und Selbstvertrauen schaffen“ (S. 42). Das Buch schreibt sie in einer Weise, dass sich die Leserinnen und Leser in einem unmittelbaren Austausch mit der Autorin erleben.

Sears lässt darüber nachdenken, was die Kommunikation im beruflichen Alltag beeinträchtigt und hemmt. So wird deutlich, dass das Kommunizieren mit einem Herantasten an Menschen, an ihre Gefühle und an ihre Überzeugungen zu vergleichen ist. Da erscheinen die Überlegungen Sears zu Diagnosen und Etiketten als eine nachvollziehbare Schlussfolgerung. Etiketten schafften eine Distanz, die Sprache der Diagnose leugne die Realität, dass alles Leben im Fluss sei.

Sears Buch „Gewaltfreie Kommunikation im Gesundheitswesen“ setzt Veränderungsprozesse bei den Leserinnen und Lesern in Gang. Niemand kann nach der Lektüre seine Arbeit wie gewohnt machen.

 

Melanie Sears: Gewaltfreie Kommunikation im Gesundheitswesen, Junfermann-Verlag, Paderborn 2012, ISBN 978-3-87387-784-9, 137 Seiten, 19 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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