Gewalt eine Form Mann zu sein? – Über den Zusammenhang von Männlichkeit und Gewalt (1)

24. Oktober 2022 | Bildung | 0 Kommentare

Die  österreichische „Gerichtliche Kriminalstatistik 2019“ [1], dokumentiert, dass Verurteilungen für Vergehen, in denen es um Gewalt geht, in erster Linie Männer treffen. Bei diesen Angaben handelt es sich um sogenannten Hellfelddaten, die all jene Gewalttaten umfassen, die von einer staatlichen Behörde oder öffentlichen Institution bereits erfasst und bearbeitet worden sind. Es ist allerdings davon auszugehen, dass Hellfelddaten eher die Spitze eines Eisbergs darstellen und der Großteil gewalttätiger Handlungen von Behörden oder Institutionen nicht erfasst werden. Sie verbleiben im Dunkelfeld. Um dieses Dunkelfeld zu beforschen werden Gewaltprävalenzstudien durchgeführt. Die 2011  in Österreich erstmalig durchgeführte Prävalenzstudie [2] bestätigt das unterschiedliche Erleben von Gewalt von Frauen und Männer. Demnach erfahren Frauen in allen Formen deutlich häufiger Gewalt als Männer. Einzige Ausnahme ist die physische Gewalt, von der Männer etwas häufiger betroffen sind. Zusammenfassend lässt sich sagen, Männer begehen die meisten schweren Gewalttaten, aber sind auch in der Mehrheit Opfer der wieder von Männern ausgeführten physischen Gewalt. Nur im Bereich der sexuellen Gewalt sind vorwiegend Frauen Opfer, während wieder mehrheitlich Männer die Täter sind. Es fällt auf, dass Gewalt überproportional häufig im Zusammenhang mit Männlichkeit steht.

Die Frage nach Gründen für diese Überproportionalität, steht doch Gewalt als Machtressource beiden Geschlechtern zur Verfügung, führt zur Frage, wie Männlichkeit entsteht. Raewyn Connell versucht mit ihrem Konzept der „hegemonialen Männlichkeit“ unterschiedliche Formen männlichen Geschlechtshandelns zu fassen. Mit Blick auf diese unterschiedlichen Formen beschreibt Michael Meuser die Konstruktion von Männlichkeit: „Männlichkeit wird konstruiert und reproduziert in einer Abgrenzung sowohl gegenüber Frauen als auch gegenüber anderen Männern.“ [3] Die Konstruktion von Männlichkeit gründet so in einer „doppelten Distinktions- und Dominanzlogik.“ [4]

Männlichkeitsideale bleiben nicht äußerlich. Sie werden in die Persönlichkeit übernommen, sie werden verkörpert oder – um mit Pierre Bourdieu zu sprechen – sie werden habitualisiert [5]. Der vorzügliche Ort dieser Habitualisierung ist die Gruppe der Männer. „Konstruiert und vollendet wird der männliche Habitus in Verbindung mit dem den Männern vorbehaltenen Raum, in dem sich, unter Männern, die ernsten Spiele des Wettbewerbs abspielen.“ [6] In diesen Spielen wird die männliche Libido als „libido dominandi“ konstituiert, „als Wunsch, die anderen Männer zu dominieren, und sekundär, als Instrument des symbolischen Kampfes, die Frauen.“ [7] In modernen Gesellschaften werden diese Wettbewerbe „in all den Handlungsfeldern gespielt, welche die Geschlechterordnung der bürgerlichen Gesellschaft als Domänen männlichen Gestaltungswillens vorgesehen hat: in der Ökonomie, der Politik, der Wissenschaft, den religiösen Institutionen, im Militär, aber auch in semi- und nicht-öffentlichen Handlungsfeldern, in denen Männer unter sich sind: in Vereinen, Clubs, Freundeskreisen.“ [8] Gewalt kann dann eine Ressource darstellen, um in diesem Wettbewerb zu bestehen.

Es gibt viele Gründe, die Gewalt provozieren können. Sie reichen von persönlichen Verletzungen bis hin zu besonders frustrierenden sozialen Umständen. Dennoch bewirken diese Umstände nicht automatisch bei allen Personen gewalttätiges Handeln. Es sind auffällig viele Männer, die sie mit Gewalt zu bewältigen versuchen. Konkretes Gewalthandeln ist das Ergebnis einer individuellen Entwicklung innerhalb eines sozialen Prozesses. Einer Gewalthandlung geht die Gewaltakzeptanz, die sich auch zu einer Gewaltbereitschaft steigern kann, voraus. In gewissen Situationen und bei gewissen Personen kann diese Gewaltbereitschaft in eine Gewalthandlung münden. Gewalthandeln geschieht am ehesten dort, wo eine Person das Gefühl hat, dass sie diese Situation durch Gewalt mit Gewinn für sich abschließen kann. [9] Gerhart Schmidtchen spricht deshalb von einer „subjektiven Gewalt-Doktrin“ [10]. Diese subjektive Gewalt-Doktrin ist ein kognitiv-geistiges Produkt, eine Art persönlicher „Glaube, dass Gewalt für die Selbstbehauptung nützlich und vertretbar sei.“ [11] Die ernsten Spiele des Wettbewerbs unter Männern erweisen sich als jener Raum, in dem eine „subjektive Gewalt-Doktrin“ entwickelt werden kann. Es sind also die Normen und Werte eines traditionellen Männlichkeitsbildes, das von Dominanz, Konkurrenz und Hierarchie geprägt ist, die  einer überproportional viele Männer dazu bringt, sich gewalttätig zu verhalten.

Fußnoten

[1] Statistik Austria, Gerichtliche Kriminalstatistik 2019, Verurteilungsstatistik –  sämtliche Delikte: http://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/soziales/kriminalitaet/index.html (Stand 05.10.2020].

[2] Kapella Olaf/Baierl Andreas/Rille-Pfeiffer Christiane/Geserick, Christine/Schmidt Eva-Maria, Gewalt in der Familie und im nahen sozialen Umfeld. Österreichische Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männern. Wien: Österreichisches Institut für Familienforschung (ÖIF), 2011.

[3] Meuser Michael, „Doing Masculinity“ – Zur Geschlechtslogik männlichen Gewalthandelns, in: Dackweiler Regina-Maria/Schäfer Reinhild (Hg.): Gewalt-Verhältnisse. Feministische Perspektiven auf Geschlecht und Gewalt, Frankfurt a.M.: Campus 2002 (=Reihe Politik der Geschlechterverhältnisse 19), 53–80, 64.

[4] Meuser, „Doing Masculinity“, 64.

[5] Bourdieu Pierre, Die männliche Herrschaft, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2005,92

[6] Bourdieu Pierre, Die männliche Herrschaft, in: Dölling, Irene/Krais, Beate (Hg.): Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1997, 153–217; 203.

[7] Ebd., 215

[8] Meuser, Michael, Ernste Spiele. Zur Konstruktion von Männlichkeit im Wettbewerb der Männer, in: Baur, Nina/Luedtke, Jens (Hg.): Die soziale Konstruktion von Männlichkeit. Hegemoniale und marginalisierte Männlichkeiten in Deutschland, Opladen/Farmington Hills: Budrich 2008, 33–44, 33

[9] Stickelmann Bernd, Zur Einführung: Gegen – Gewalt – Jugendarbeit? Grundlagen einer sozialpädagogischen Reflexion, in: Stickelmann Bernd (Hg.), Schlagen oder Zuhören. Jugendarbeit mit gewaltorientierten Jugendlichen, Weinheim: Juventa 1996, 15

[10] Schmidtchen Gerhard, Wie weit ist der Weg nach Deutschland? Sozialpsychologie der Jugend in der postsozialistischen Welt, Leverkusen, 2. durchgesehene Auflage, 1997, 15

[11] Ebd., 288

Autor:in

  • Erich Lehner

    Mag. Dr. Erich Lehner ist Psychoanalytiker in freier Praxis; er lehrt und forscht im Bereich der Männlichkeits- und Geschlechterforschung und der Palliative Care. Er ist Vorsitzender des Dachverbandes für Männer-, Burschen und Väterarbeit Österreichs (DMÖ).