Gesundheitskompetenz – Ein neues Handlungsfeld der Gesundheits- und Krankenpflege

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Die Kommunikation mit dem Gesundheitspersonal stellt viele Menschen vor große Herausforderungen. Ein alltagsfremder Fachjargon sowie eine Fülle an wichtigen Informationen in meist kurzer Zeit können dabei Probleme darstellen. Die Rolle des Pflegepersonals als Übersetzer:innen ist in diesem Kontext altbekannt. Für einen optimalen Therapieerfolg ist eine gute Verständlichkeit von krankheitsbezogenen Informationen jedoch essenziell. Studien konnten zeigen, dass der Behandlungserfolg stark vom Informationsverständnis beeinflusst wird. Werden wichtige Informationen seitens der Betroffenen gut verstanden, können diese auch entsprechend für die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung der Gesundheit genutzt werden. Das Verstehen ist hierbei jedoch nur ein Teilaspekt einer wichtigen Kompetenz. Health Literacy oder Gesundheitskompetenz umfasst sowohl das Finden und Verstehen als auch die Bewertung und individuelle Nutzung gesundheitsbezogener Informationen. Im heutigen Informationszeitalter gewinnen derartige Fähigkeiten zunehmend an Bedeutung. Im Rahmen der Covid-19-Pandemie wird dies immer deutlicher. Desinformation und Verschwörungserzählungen verbreiteten sich rasant und können von vielen Menschen nicht immer von seriöser Information eindeutig und zweifelsfrei unterschieden werden. „Corona lässt sich weggurgeln“, „Grippegeimpfte sind anfälliger für Covid-19“, „5G ist schuld an Corona“, „Impfen verändert die menschliche DNA“ sind nur einige populäre Falschinformationen. Der perfekte Nährboden – nicht für das Virus, sondern für Fake Facts – sind zudem Ängste und Verunsicherungen, die in dieser Pandemie kursieren.

Die Gesundheitskompetenz muss gefördert werden

Eine groß angelegte europäische Vergleichsstudie – der European Health Literacy Survey – untersuchte 2012 die Gesundheitskompetenz von über 8.000 Erwachsenen in acht europäischen Ländern. Die Resultate waren ernüchternd. Mehr als die Hälfte der Europäer:innen weisen demnach eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz auf. Auch in Österreich zeigte sich, dass über 50 Prozent der Bevölkerung Probleme im Finden, Verstehen, Bewerten und Anwenden von Gesundheitsinformationen hat. Benachteiligte Gruppen hinsichtlich Bildungsniveau und sozioökonomischer Faktoren sowie ältere Menschen und jene mit Migrationshintergrund sind hierbei besonders betroffen.

Die Auswirkungen einer niedrigen Gesundheitskompetenz können weitreichend sein, wie internationale Studien zeigen. Betroffene weisen unter anderem vermehrte Krankenhausaufenthalte auf, benötigen häufiger medizinische Notfalldienste, halten Behandlungsanweisungen seltener ein – wie zum Beispiel die richtige Einnahme von Medikamenten – und haben eine niedrigere Lebensqualität und Lebenserwartung. Um diesen Problemen entgegenzuwirken hat sich die österreichische Gesundheitspolitik das Ziel gesetzt, die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu stärken. Hierfür wurde 2014 eine nationale Plattform gegründet. Die Österreichische Plattform Gesundheitskompetenz, kurz ÖPGK, fokussiert neben der Stärkung persönlicher Fähigkeiten vor allem auf die Veränderung systemischer Strukturen. Gesundheitseinrichtungen sollen gesundheitskompetent ausgerichtet werden, sodass die Nutzer:innen sich darin besser zurechtfinden. Für viele Menschen ist das

Gesundheitssystem komplex. Das führt zum Beispiel dazu, dass Notfallambulanzen zu primären Anlaufstellen bei gesundheitlichen Problemen werden. Dies ist jedoch der teuerste Zugang zur Primärversorgung und in vielen Fällen auch nicht erforderlich. Besonders für Menschen mit Migrationshintergrund sind die systemischen Strukturen meist nicht ausreichend verständlich. Dagegen sollen Maßnahmen gesetzt werden, um für mehr Nutzerfreundlichkeit und Vereinfachung zu sorgen. Standardisierte Piktogramme können dabei Abhilfe schaffen.

Für eine verbesserte Gesprächsqualität im Gesundheitssystem bietet die ÖPGK außerdem evidenzbasierte Schulungen an, die Health Professionals bei einer effizienteren Kommunikation mit ihren Patient:innen und Klient:innen unterstützen. Dadurch soll das Selbstmanagement der Betroffenen gefördert und die Behandlungs- und Versorgungsqualität gesichert werden.

Die Rolle der Pflege

Eine wichtige Instanz bei der Förderung der Gesundheitskompetenz unterschiedlicher Zielgruppen bildet der gehobene Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege. Im Rahmen edukativer Gesundheitsförderungsmaßnahmen übernehmen Pflegepersonen verschiedene Verantwortungsbereiche. Laut § 14, Abs. 2 (7) des österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes stellt die Förderung der Gesundheitskompetenz eine pflegerische Kernkompetenz dar. Um diesem Handlungsfeld künftig gerecht werden zu können, sollte die Thematik schon in der Ausbildung verstärkt adressiert werden. Eingeschränkte Gesundheitskompetenz zu erkennen, Gesundheitskompetenz zu messen sowie evidenzbasierte Förderungsmaßnahmen zu setzen sind bis dato jedoch vernachlässigte Ausbildungsinhalte. Dieses Defizit ist vermutlich auch der Tatsache geschuldet, dass die Gesundheitskompetenzforschung im deutschsprachigen Raum noch weit am Anfang steht. Derzeit werden nationale Aktionspläne zur Stärkung der Gesundheitskompetenz erst entwickelt und implementiert. Aus internationalen Studien ist jedoch bereits bekannt, dass Maßnahmen, wie zum Beispiel die Teach-Back-Methode, helfen können, die Gesundheitskompetenz zu fördern. Anhand dieser einfachen Technik sollen Patient:innen die erhaltenen Informationen nochmals in eigenen Worten wiedergeben, um mögliche Unklarheiten unmittelbar zu erkennen und beheben zu können. Hierbei soll dem Gegenüber jedoch nicht das Gefühl vermittelt werden, überprüft zu werden. Vielmehr geht es um ein Feedback zur eigenen Gesprächsführung und Informationsvermittlung. Auch die Initiative Drei Fragen für meine Gesundheit trägt dazu bei, die Interaktion zwischen Patient:innen und Health Professionals auf einfache Art und Weise zu verbessern. Die drei leicht zu merkenden Fragen Was habe ich? Was kann ich tun? Warum soll ich das tun?, mit denen man sich auf ein anstehendes Gespräch – zum Beispiel mit einer Ärztin – vorbereitet, sollen Patient:innen dazu ermutigen, sich in der Kommunikation mit dem Gesundheitspersonal insgesamt stärker zu beteiligen und alle für sie wichtigen Fragen zu stellen.

Pädagogisch orientierte Fortbildungen zum Thema gesundheitskompetente Gesprächsführung, Information, Beratung und Schulung sollten künftig vermehrt angeboten und in Anspruch genommen werden, um ein stärkeres Bewusstsein für die Wichtigkeit der Gesundheitskompetenz zu schaffen und Handlungskompetenz seitens der Pflegenden zu ermöglichen. Denn das beste fachliche Wissen kann unter Umständen nicht entsprechend vermittelt werden, wenn zu wenig Augenmerk daraufgelegt wird, wie informiert, beraten und geschult wird. Auch bietet die Covid-19-Pandemie die Chance, Gesundheitskompetenz bereits im Kindes- und Jugendalter systematisch zu fördern, indem Gesundheitsförderung und Prävention bzw. Gesundheitserziehung als eigenes Fach in den Schulalltag integriert wird. Auf lange Sicht wäre dies ein sinnvoller und zukunftsorientierter Ansatz. Mit der künftigen Etablierung von Community Nurses in Österreich eröffnet sich hier ein bedeutsamer neuer Verantwortungsbereich für die professionelle Pflege.

Autor:in

  • Universitätsassistent am Institut für Pflegewissenschaft der UMIT – Private Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik; Doktor der Philosophie im Fach Pflegewissenschaft (Dr. phil.); Master of Science in Health Science Education (M.Sc.); Bachelor of Education (B.Ed.); Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger (DGKP)