„Gestalten und genießen dürfen“

Sexualität in der Pflege unter der Lupe

(C) Thomas Reimer

Ist es Zufall oder Fügung gewesen? In der kommenden Woche erscheint quasi ein Sonderheft der Zeitschrift „Pflege Professionell“ zur Sexualität in der Pflege. Für viele Kolleginnen und Kollegen wird es möglicherweise ein Tabubruch sein. Denn für viele Menschen gehören Sexualität und Geschlechtlichkeit in den privaten Raum. Dies hängt mit den eigenen Werten zusammen, die sich durch Erziehung und Sozialisation, Menschen im sozialen Umfeld und prägende Institutionen, aber auch persönliche Erfahrungen gebildet haben. Kurz vorher erreicht mich das Buch „Unerhörte Scham in der Pflege“, das druckfrisch in den Buchhandel gekommen ist.

So wundert es nicht, dass ich zwischen diesen beiden Geschehnissen ins Grübeln komme. Welche Rolle spielt die Scham in meiner pflegerischen Arbeit? In welchen Momenten habe ich Menschen beschämt, um die ich mich während der beruflichen Tätigkeit sorgen muss? Hat denn Scham immer auch mit Sexualität und Geschlechtlichkeit zu tun?

Natürlich hat das Erleben von Scham und Beschämung nicht nur mit Sexualität und Geschlechtlichkeit zu tun. Die Pflegewissenschaftlerin Ursula Immenschuh zeigt in dem Buch „Unerhörte Scham in der Pflege“ auf, wie vielfältig die Scham und die Beschämung in pflegerischen Handlungsfeldern sein kann. Immenschuh nennt die Scham „ein grundlegendes, die Pflege mehr oder weniger ständig begleitendes Phänomen“ (Immenschuh, 2020, S. 21). Sie schreibt auch darüber, dass Pflegende sich nicht mehr an Schamerlebnisse erinnern können. Sie interpretiert dies in der Weise, dass Scham dann von Pflegenden nicht bewusst gefühlt wird.

Dankenswerterweise habe ich an der einen oder anderen Stelle positive Erfahrungen gemacht, die mich für Jahre geprägt hat. In jungen Jahren hatte ich die Gelegenheit, an einem Seminar zur „Sexualität in der palliativen Begleitung“ teilzunehmen. Dort hatten wir zum Auftakt die Aufgabe, an einem Strichmännchen oder Strichweibchen mit roten Stiften zu markieren, welche Körperstellen wir als intim ansehen und es nicht wünschen, dass uns dort jede oder jeder berührt. Mehr als 25 Jahre später denke ich noch an diese Erfahrung und lässt mich vorsichtig werden, wenn ich die eine oder andere körperliche Grenzüberschreitung vollziehe.

Vor gar nicht allzu langer Zeit hat sich die Medienwissenschaftlerin Nicola Döring für Lebenslust ausgesprochen, wenn es um die Sexualität in der Pflege geht. Eine erfüllende Sexualität sei keinesfalls nur jungen, gesunden, schönen und fitten Menschen vorbehalten. Selbstbestimmt ausgelebte Sexualität führe zu Wohlbefinden, das wiederum als Teil der Gesundheit angesehen wird. Döring geht sogar noch weiter bei ihrem Wunsch nach Enttabuisierung der Sexualität und Geschlechtlichkeit in der Pflege. Professionelle Pflege solle sich an sexualfreundlichen Werten orientieren.

Für viele Pflegende muss dies sicher einen Prozess der Selbstbesinnung und Selbstreflexion zur Konsequenz haben. Mit dem „Iiiiihhh!“ und dem „Baaaahhh!“ werden professionell Pflegende den zeitgenössischen Menschen sicher nicht gerecht. Sexualität und Geschlechtlichkeit sind Alltagserfahrungen, die Freude machen und dazu führen (sollen), dass sich Menschen bei sich daheim fühlen. Oder anders formuliert: Es macht keinen Sinn, die existentielle Erfahrung von Sexualität und Geschlechtlichkeit in der Weise zu erleben, dass es um Verbote geht. Es sind Erfahrungen, die Menschen in aller Individualität gestalten und genießen dürfen – wenn persönliche Grenzen nicht überschritten werden. Dann bekommt auch die Scham einen ganz eigenen Wert.

Literatur

Döring, N. (2019). Sexualität in der Pflege – Zwischen Tabu, Grenzüberschreitung und Lebenslust. In Aus Politik und Zeitgeschichte, 69 (33-34), 24-30.

Immenschuh, U. (2020). Unerhörte Scham in der Pflege – Über die Notwendigkeit einer unbeliebten Emotion. Frankfurt am Main: Mabuse.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 217 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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