Geschichten aus der Psychiatrie

12. Oktober 2022 | Christophs Pflege-Café, Psyche | 0 Kommentare

Mit „Geschichten aus der Psychiatrie“ macht der Podcaster Cajetan Hartfiel seit einiger Zeit auf sich aufmerksam. Der Pflegefachmann aus Köln trifft in einem dunklen Keller Menschen aus den unterschiedlichen Berufsgruppen, die seelisch erkrankte Menschen begleiten. Er begegnet auch Menschen, die von einer Erkrankung betroffen sind, sowie deren soziales Umfeld. Christoph Müller hat mit Cajetan Hartfiel das Gespräch gesucht.

Christoph Müller „Geschichten aus der Psychiatrie“ erzählst Du mit Deinem neuen Podcast. Wie bist Du auf die Idee gekommen?

Cajetan Hartfiel Seit ich in der Psychiatrie arbeite, kamen immer Menschen auf mich zu, die mich fragten, wie meine Arbeit ist. Auf jeder Party, auf jedem Familientreffen kam man immer wieder auch auf meine Arbeit zu sprechen. Ich selber merke auch immer, was meine Arbeit und das, was ich da erlebe, mit mir macht. Man nimmt manchmal doch viel mit und denkt im Nachhinein noch über einige Dinge nach. So habe auch ich immer das Bedürfnis anderen Menschen mal mitzuteilen, was ich so erlebe. Ein Buch zu schreiben wäre naheliegend. Dennoch ist das nicht mein Metier. Ich selber habe aufgrund meiner zweiten Profession und meiner Hobbys viel mit Audio- und Videotechnik zu tun. Da war ein Videopodcast naheliegend. Das Schöne an der Sache ist, dass man andere Menschen einladen kann und somit die Geschichten nicht allein auf meine Erfahrungen beschränkt sind. Außerdem arbeite ich gern mit Menschen. So macht mir die Aufnahme noch mehr Freude, wenn ich das mit einem anderen Psychiatrie-„Profi“ oder auch einem „Betroffenen“ teilen kann. 

Christoph Müller Der Trailer hört sich an wie ein Kriminalfilm aus den 1960er oder 1970er-Jahren. Bilder von Verfolgungsjagden in rumpelnden Autos kommen dem Zuhörer in den Sinn. Inwieweit will Dein Podcast unterhalten oder vielleicht die eine oder andere Kriminalgeschichte erzählen?

Cajetan Hartfiel Ich wollte mit dem Intro direkt zeigen, dass man das doch sonst sehr ernste und stigmatisierte Thema „Psychiatrie“ etwas lockerer und „fluffiger“ angehen kann. Daher die Bilder aus den 1960er-bis 1980er Jahren „Arztserien“ der USA. Es soll also mehr „Quincy“ und weniger „Die Straßen von San Francisco“ sein. Mir ist es grundlegend wichtig, dass die „Profis“ oder „Betroffenen“, die mich besuchen eine Plattform bekommen, ihre wichtigsten Eindrücke aus ihrem Arbeitsleben oder ihrer Zeit in der Klinik zu erzählen. In welche Richtung das am Ende geht, ist erst mal zweitrangig. Wichtig ist mir dabei nur die Authentizität. Klar ist, dass wir dabei den Datenschutz akribisch beachten müssen. Aber ansonsten soll es so erzählt werden, wie es wirklich ist bzw. wie der Mensch, der es erzählt, auch wirklich empfunden hat. Somit schlage ich in meinen Augen eine Brücke zwischen Entstigmatisierung und Aufklärungsarbeit auf der einen und Unterhaltung auf der anderen Seite.

Christoph Müller Dein Podcast ist ja ein Beweis dafür, dass Du Psychiatrie aus dem Dunkel der Tabuzonen in das Licht der Entstigmatisierung rücken willst. Welche Ideen hast Du, damit die Multiprofessionalität der psychiatrischen Versorgung deutlich wird?

Cajetan Hartfiel Grundlegend ist jeder bei mir eingeladen, der Geschichten aus seinem Alltag erzählen mag oder dem etwas auf der Seele brennt, was er in dem Kontext loswerden mag. Daher können sich wirklich alle, die in der Psychiatrie arbeiten, bei mir melden. Von Reinigungskraft bis Chefarzt… Aber ich bin auch offen für Patienten, die ihre Sicht auf die Thematik darstellen wollen. Dadurch zeigt man auch mal der Öffentlichkeit, wie viele Menschen und wie viele Berufe eigentlich unser Arbeitsplatz vereinigt. Ich bin natürlich auch offen für jegliche Anfragen aus anderen Kliniken, Wohnheimen und Praxen.

Christoph Müller In sozialpsychiatrischen Kreisen gibt es das Bekenntnis, dass Psychiatrie trialogisch stattfinden muss. Wo finden sich bei Deinem Podcast die Betroffenen und die Angehörigen?

Cajetan Hartfiel Mir geht es primär um die Erfahrungen. Das kann das multiprofessionelle Team sein, aber gerne auch Betroffene und Angehörige. Dennoch gibt es immer zu bedenken, dass es hier um Öffentlichkeitsarbeit geht und jeder, der mich besucht, auf Bild und Ton aufgenommen wird. Da ist es eben auch wichtig im Rahmen des Datenschutzes, dass diese Person sich darüber im Klaren ist.

Betroffene und auch Angehörige sind demnach herzlich eingeladen, sich zu melden. Aber ich möchte auch, um niemanden bloßzustellen, dass die Betroffenen sich in einer stabilen Verfassung zeigen und natürlich keine Rückfälle durch das Erzählen der Geschichten triggern. Leider hatte ich bisher noch nicht so viele Kontakte zu potentiellen Interviewpartnern aus dieser Gruppe. Darüber hinaus ist es mir echt auch ein Anliegen, besonders den „Profis“ (also nicht nur aus meiner Klinik) eine Plattform zu bieten, die es so eben noch nicht gab.

Christoph Müller Die Geschichten, die erzählt werden, sind ja aus dem Nähkästchen geplaudert. Dürfen Stärken wie Schwächen bei sämtlichen Akteur*innen offenbar werden?

Cajetan Hartfiel Ich denke, es muss jeder selber entscheiden, inwieweit er da sich in seine eigene Seele blicken lässt. Aber alles, was man erlebt, macht etwas mit einem. Wenn das dann in dem Interview zu Tage tritt, unterstützt das nur meinen Wunsch zur Authentizität des Podcasts.

Christoph Müller Psychiatrische Versorgung findet bis auf den heutigen Tag oft nicht nur sprichwörtlich hinter geschlossenen Türen statt. Welche Ideen hast Du, die Schwellen in die psychiatrische Versorgung als Öffentlichkeitsarbeiter zu reduzieren?

Cajetan Hartfiel Vom Grunde her ist es mir erst mal wichtig all denen, die sich mit dem Thema nicht auskennen, die Möglichkeit zu bieten, einen Einblick zu bekommen. Dadurch wird das Thema in die Öffentlichkeit gezogen und zu einem weiteren Teil entstigmatisiert. Außerdem eröffnet es Berufsanfängern oder Interessenten die Möglichkeit, einen kleinen Einblick in die Materie zu bekommen. Darüber hinaus ist das klare „Gegengewicht“ von einer etwas entspannteren und skurrilen Atmosphäre in unserem „Bettenkeller“ auch so ein wenig ein „Icebreaker“ zum Thema. Somit werden die „geschlossenen Türen“ in meinen Augen wieder etwas „offener“.

Christoph Müller Was macht denn für Dich die Faszination der Arbeit in der Psychiatrie aus? Sind es die Freaks, denen Du begegnest? Sind es die heiteren Momente, die Du erlebst?

Cajetan Hartfiel Es mag vielleicht komisch klingen, aber ich mag die Ehrlichkeit der Patienten. Obwohl sie Ängste haben und obwohl sie durch ihre Krankheiten blockiert sind, ist es doch meist die pure Ehrlichkeit, die in ihren Aussagen steckt. Damit kann man in der Regel gut arbeiten. Darüber hinaus ist es in meinen Augen fast der einzige Bereich einer Klinik in der der Patient als ganzheitlich betrachtet wird. Wir haben halt nicht den „Blinddarm 2. Tag“, wir haben immer ein Schicksal und einen Menschen hinter der Krankheit. Und der wird nicht gesund werden, wenn man ihn nur als „Depression Tag  12“ betrachten würde. Aber ja auch die lustigen und heiteren Momente und auch diese „Hilfe zur Selbsthilfe“, die bei uns groß geschrieben wird, machen für mich die Faszination Psychiatrie aus.

Podcast bei Spotify:
https://open.spotify.com/episode/3Sh5gnusgocJ4YsD6sRGfp

Autor:in

  • Christoph Mueller

    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at