Geschichten aus der Pflege: Der Knopf

Geschrieben von Michaela Abresch (www.michaela-abresch.de)

(C) Jackie Matthews

Die Zeit, in der ich als Krankenschwester in einer Klinik arbeitete, liegt viele Jahre zurück. Inzwischen habe ich das Tätigkeitsfeld gewechselt und bin in der pflegerischen Beratung in einer Einrichtung der Behindertenhilfe beschäftigt. Die Geschichte, die ich erzähle, ist wahr. Sie ereignete sich vor einiger Zeit in einem Krankenhaus, doch weder dessen Name noch der Fachbereich der Station spielen eine Rolle, denn sie könnte sich genauso in jeder anderen Klinik oder in einem Pflegeheim zutragen.

Als ich das Krankenzimmer zum ersten Mal betrete, um eine unserer Bewohnerinnen dort zu besuchen, fällt mir an der zweiten Patientin nichts weiter auf. Eine ältere Dame in einem Bett mit hochgestellten Seitenteilen, schlafend, Blasenkatheter, halbvoller Schnabelbecher auf dem Nachtschrank.

Bei meinem nächsten Besuch tags darauf höre ich sie jammern und rufen, als ich mich dem Zimmer vom Flur aus nähere. Die Tür steht offen. Ich klopfe, trete ein, begrüße die Patientin, wegen der ich dort bin.
Die Mitpatientin hört nicht auf zu lamentieren, ihr Klagen wird laut und eindringlich. Mein Versuch, sie anzusprechen, scheitert – sie reagiert nicht.

Irgendwann erscheinen zwei Mitarbeiterinnen (Pflegefachkräfte? Auszubildende? Stationshilfen?). Energisch lösen sie die Bremsen des Bettes und schieben es mitsamt der lärmenden Patientin nach draußen. „Das Geschrei hält ja kein Mensch aus!“
Ich weiß nicht, an wen der Satz gerichtet ist – an die Patientin zur Information? An mich als Erklärung? An die beiden selbst?.
Ruhe kehrt ein, aber als ich kurz darauf gehe, höre ich die Patientin aus dem Nebenzimmer noch immer rufen.

Bei meinem dritten Besuch (frühmorgens gegen acht) finde ich die Zimmertür zum ersten Mal geschlossen vor. Allem Anschein nach hat noch niemand im Frühdienst das Zimmer betreten. Beide Patientinnen sind wach. Die Dame an der Wand hat alles aus dem Bett und vom Nachtschrank geworfen, was nicht in der Lage war, sich zu wehren: Bettdecke, Kopfkissen, Socken, Inkontinenzhose, Schnabelbecher, ein Handtuch. Sie liegt entblößt bis zum Bauchnabel, ist aber ruhig. Ich decke sie zu, spreche sie an, sie reagiert nicht.
Bis zu diesem Zeitpunkt bin ich der Überzeugung, ihre dementiellen Veränderungen seien so weit fortgeschritten, dass sie nicht mehr oder kaum noch auf Ansprache reagiert. Schon gar nicht auf die einer Fremden.

Mein letzter Besuch ändert alles.

Ich betrete das Zimmer und höre sie unentwegt rufen: „Helfen Sie mir! Helfen Sie mir doch!“
Nach den Erfahrungen der letzten Tage glaube ich nicht daran, dass sie mich beachten wird. Andererseits habe ich sie bis dahin nie einen Satz so deutlich artikulieren gehört wie dieses Mal. Ich versuche es. „Was brauchen Sie denn?“
Augenblicklich verstummt sie, dreht ihr Gesicht in meine Richtung und sieht mich aus wachen, klaren Augen an.
„Helfen Sie mir?“
„Ja.“
„Wirklich?“
Ich lächele sie an und bemerke, wie sich ihre Mundwinkel heben. Ganz zögerlich. Aber unverkennbar. Sie lächelt. Und sie spricht so deutlich, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. „Sie sind die Erste, die mir hier zuhört“, sagt sie.
„Ehrlich?“
„Ja, glauben Sie’s mir.“
„Wie lange sind Sie denn schon hier?“, frage ich.
„Viel zu lange. Aber das entscheiden ja andere.“ Sie trägt ein Nachthemd und darüber eine beigefarbene, zugeknöpfte Strickjacke. Mit beiden Händen nestelt sie am Halsausschnitt.
„Was kann ich denn tun, um Ihnen zu helfen?“
„Was ist das hier?“ Sie zerrt an ihrem Halsausschnitt. „Das soll weg!“
„Das ist Ihr Nachthemd“, sage ich.
„Es muss weg.“
„Ist es ihnen ein bisschen zu eng da am Hals? Soll ich einen Knopf aufmachen?“
„Ja bitte.“ (Sie sagt wirklich „Ja bitte“!).
Ich öffne die beiden obersten Knöpfe ihrer Strickjacke. „Besser?“
„Viel besser, danke!“

Und dann kommen wir ins Plaudern. Ich nenne ihr meinen Namen und erfahre, dass sie Felizitas heißt. Als ich sie frage, wo sie wohnt, antwortete sie: „Ich lebe frei.“

Was auch immer sie damit meint. Etwas Angenehmes wohl, denn sie lächelt wieder und ich sage ihr, dass sie hübsch aussieht, wenn sie lächelt und da greift sie nach meiner Hand.

Und wie ich sie so betrachte, denke ich darüber nach, dass sie einmal ein Kind war (das einen Krieg überlebt hat), ein junges Mädchen, vielleicht eine Ehefrau, Mutter, Geliebte, Großmutter… eine Frau, die möglicherweise die ganze oder auch nur Teile der Palette aus Liebe, Sehnsucht, Gewalt, Angst, Glück, Ablehnung, Freundschaft, Hunger, Hass, Leidenschaft… kennt und zu einer Generation gehört, in der die meisten Frauen ein entbehrungsreiches Leben, die wenigsten von ihnen aber Raum für eigene Wünsche, Sehnsüchte und Träume haben.

Was würde Felicitas wohl antworten, wenn man sie fragte, wer und was nun, in betagtem Alter, von Wert für sie ist?

Ich erfahre es nicht. Aber ich gehe mit dem Bewusstsein, dass ein paar Minuten genügen können, um die Bedeutung zu ermessen, die etwas so Banales wie ein Knopf für einen Menschen haben kann.

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