Generation Corona, Positivgesellschaft und die Attraktivität der Pflegeberufe

(C) Davide Angelini

Der südkoreanisch-deutsche Philosoph Byung-Chul Han hat in seinem Buch „Infokratie. Digitalisierung und die Krise der Demokratie“ unter vielen anderen wichtigen Aussagen zwei Feststellungen getroffen, die die gegenwärtige Gesellschaftsordnung besonders treffend charakterisieren. Erstens, „Der Like schließt jede Revolution aus“ und zweitens, „Revolution und Konsum schließen sich aus“. In einem seiner älteren Bücher hat Han schon festgestellt, dass unsere Gesellschaft nach und nach zu einer „Positivgesellschaft“ verkommt, die sich jede Kritik und jede Negation verbietet. Schon bei Hegel kann der menschliche Geist überhaupt nur existieren, wenn er in der Lage ist, „dem Negativen ins Antlitz zu schauen“. Wer sich dagegen nur durch das Positive zappt, der ist ohne Geist und bleibt deshalb frei von revolutionären Ideen, weltbewegenden Zukunftsentwürfen oder kreativen Problemlösungen. Er taumelt, bezaubert und betäubt von wirklichkeitsverleugnenden positiven Beschwörungsformeln ohne der Fähigkeit zur Veränderung durch eine Welt, auf die er keinen wirkungsvollen Zugriff hat.

Neben der hohlköpfigen narzisstischen Selbstinszenierung und dem oberflächlichen Motivationsgeschwätz auf den suggestiven Plattformen des digitalen Kapitals sorgt die Kulturindustrie durch das Überschütten der Menschen mit Konsumangeboten für die Narkotisierung und Passivierung des Staatsbürgers. Am Ende heißt Mitbestimmen in einer Positivgesellschaft, Ja-sagen zu den Vorschlägen der Herrschenden oder zu schweigen.

Die Kultur der Positivität spaltet die Gesellschaft

Die Kultur der Positivität trägt zur Spaltung der Gesellschaft bei, indem sie mit ihrer suggestiven verhaltensökonomischen Rhetorik nur mehr das oberste Gesellschaftsdrittel motivieren und integrieren kann, die Mitte der Gesellschaft aber immer mehr in die Indifferenz abdriften lässt, während das unterste Drittel nach und nach zur offenen Rebellion gegen die Eliten tendiert.

Die Jugendforschung in Corona-Zeiten zeigt, dass Arbeiter- und Mittelklassen sich immer mehr von den autoritären Staatsmaßnahmen wie Lockdowns und Ausgangssperren distanzieren, während das oberste Gesellschaftsdrittel jede „Verschärfung“ und Einschränkung für die dumme Masse euphorisch bejubelt. Es entsteht der Eindruck, als hielten sich vor allem die Bildungsschichten für einen kollektiven Philosophenkönig, der in einer abgehobenen Sphäre der wahren Erkenntnis über dem Pöbel schwebt und sich so erhaben fühlt, dass er glaubt, dass sich die Mehrheit der „normalen“ Menschen ihm ohne Widerspruch zu unterwerfen habe.

„Die Zeit der Diskussionen ist vorbei“, dekretiert mit Bezug auf Corona-Angelegenheiten auch der neue Bundeskanzler Schallenberg und das subalterne Volk nimmt den Vorschlag an und zieht sich nach und nach aus der Sphäre der Demokratie zurück. Fast 50% der Wahlbürger gingen bei der letzten österreichischen Kommunalwahl in Graz nicht mehr zu den Urnen. Tangiert hat es niemanden. Als wäre nichts gewesen, bildeten die siegreichen Kommunisten mit Grünen und SPÖ eine Stadtregierung. In einer Positivgesellschaft ist der Blick auf das Negative untersagt. Und so schweigen auch der Geist und die Kritik zum Wahlbeteiligungsdesaster.

Die Tendenz zur Wahlenthaltung zeigt sich auch in den jungen Zielgruppen. Getrieben ist dieser Trend vom völligen Versagen der Politik, was die Kommunikation mit den unter 30-Jährigen betrifft. 70% von ihnen geben jedenfalls bei Umfragen zu Protokoll, dass sie sich in Corona-Zeiten von der Politik ignoriert und vergessen fühlen. Eine dermaßen große Gruppe von politikentfremdeten Menschen ist ein Nährboden für Radikalisierung und anomische Verhältnisse. In vielen europäischen Städten gab es in den letzten Jahren Randale. Auch bei uns werden sie kommen, ändert die herrschende Politik nicht ihren Umgang mit den Menschen.

Die Jugend ist wertekonservativ und hat Sehnsucht nach dem Gestern

Der überwiegende Teil der Jugend hat heute Zukunftsängste und möchte zurück in die Vergangenheit. Schon im Jahr 2017 attestierte der in der Zwischenzeit verstorbene Soziologe Zygmunt Bauman der Jugend „retrotopische“ Tendenzen. Die Jugend hat laut Bauman nicht Lust auf Zukunft, sondern Sehnsucht nach Vergangenheit. Die Vergangenheit soll durch die Anbetung alter Werte wieder hergestellt werden. Familie, Sauberkeit, Ordnung und Sparsamkeit sind die Kernwerte der heutigen Jugendkulturen. Zudem wünscht sich die Mehrheit der Jungen Stabilität und Ordnung statt Veränderung und kreatives Chaos. Auch das neue Österreichbewusstsein deutet auf ein grundsätzlich konservatives Wertesetting hin. Über 80 Prozent der Jugendlichen sind stolz darauf, Österreicher oder Österreicherin zu sein. Und wenn sie sich einen idealen Arbeitgeber vorstellen sollen, dann denken sie an ein großes österreichisches Unternehmen wie die OMV, die ÖBB oder die Erste Bank. Attraktiv ist heute auch wieder ein Job als Beamter beim Staat. Auch Polizei und Bundesheer werden häufig als Wunscharbeitgeber genannt. Gute Bezahlung, ein sicherer Arbeitsplatz und genügend Zeit für die Freizeit sind die wichtigsten Anforderungen, die die gegenwärtige Jugend an Beruf und Arbeitsplatz stellt. Vor allem die Arbeiter- und Mittelklassen sind materialistisch und pragmatisch. Sie stehen mit beiden Beinen fest am Boden und denken und handeln vernünftig und nach dem Realitätsprinzip. Utopismus und idealistische Weltrettungsideen überlassen sie den Kindern der Gesellschaftseliten, den Alterskolleginnen und Kollegen, deren Eltern Manager, Ärzte, Juristen, Politiker oder Unternehmer sind.

Restriktive Faktoren für die Akquisition junge Arbeitskräfte

Das höchste Vertrauen unter allen Institutionen des Landes bringen die 16- bis 29-Jährigen dem Gesundheitswesen entgegen. Auch wenn man sie nach den Branchen fragt, die für sie besonders für einen Job in Frage kommen, rangiert das Gesundheitswesen bei den Berufseinsteigern unter den Top 5. Über 40% der ganz Jungen, der 14- bis 18-Jährigen könnte sich auch dezidiert den Einstieg in einen Pflegeberuf vorstellen, bei den jungen Frauen sind es sogar 50 Prozent; männliche Jugendliche und solche, die in Bildungsgängen sind, die zu einem höheren formalen Bildungsabschluss hinführen, jedoch deutlich weniger. Von den Jugendlichen, die es sich vorstellen können, in einem Pflegeberuf zu arbeiten, will die überwiegende Anzahl mit Babys, Kindern und Jugendlichen als Patienten zu tun haben.

Wenn man sich nun mit der Frage auseinandersetzt, warum es in Österreich so schwer geworden ist, junge Menschen für Pflegeberufe zu gewinnen, so lassen sich deutlich drei restriktive Faktoren hervorheben. An erster Stelle steht dabei das vor allem von den postmodernen Helikoptereltern für ihre Kinder festgelegte Ziel der höheren akademischen Weihen. Eltern haben heute einen deutlich stärkeren Einfluss auf die Berufswahl ihrer Kinder als vor 30 Jahren. Und dieser Einfluss ist von den Jugendlichen auch erwünscht. Die Eltern glauben nun, dass das wichtigste Gegengift gegen den sozialen Abstieg ein akademischer Abschluss ist. Wenn Pflegejobs mit keinem solchen Abschluss verbunden sind, kommen sie daher für die Kinder der sich in Abstiegspanik befindlichen Eltern aus gehobenen Milieus nicht in Frage.

An zweiter Stelle der restriktiven Faktoren finden wir eine materielle Barriere im engeren Sinn, das Einkommen. Wir wissen aus der Berufsberatung, dass sich junge Menschen der Arbeiter- und Mittelklassen primär aufgrund des durchschnittlichen Monatsverdienstes in den verschiedenen Branchen für einen Job entscheiden. Neben den zu geringen Verdienstmöglichkeiten wirkt sich bei den Pflegeberufen zusätzlich auch die schwer herzustellende Balance zwischen Arbeit und Beruf negativ auf die Berufsentscheidung pro Pflegeberuf aus.

Der letzte restriktive Faktor kommt aus dem Bereich des Ästhetischen. Die Gesundheitsberufe sind für viele nicht dafür geeignet, in ein attraktives Lebensstilkonzept integriert zu werden. Die Bilder, die von Pflegeberufen in Medien zirkulieren, sind weniger anziehend als jene, die aus Konkurrenzsparten kommen. Pflegeberufe haben aber nicht nur ein Lifestyle-Defizit, sondern auch ein Image-Problem. In einer Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft, in der Statuspositionen auch danach vergeben werden, ob man in einem attraktiven Berufsfeld tätig ist, können Berufe einer extrem hierarchisch strukturierten Branche, in dem das Image der Ärzteschaft, das alle anderen Beschäftigten überstrahlt und Pflegekräfte zudem als schlecht bezahlte Hilfskräfte der „Götter in Weiß“ erscheinen, nur sehr schwer punkten.

New Deal und neues Narrativ

Will man das Image der Pflegeberufe verbessern und junge Menschen in größerer Zahl als bisher für eine Berufsentscheidung zugunsten der Pflege motivieren, muss man von den Prinzipien der Positivgesellschaft entschieden abweichen, die da bedeuten, die kritische Reflexion über die Schattenseiten eines Berufes völlig aus dem Focus der öffentlichen Debatte auszuschließen und Zustände, die negativ sind, dadurch wegzuretuschieren, dass man die Menschen im Ausgleich für die Inkaufnahme von verheerenden Arbeitsbedingungen ins moralische Himmelreich der Opferhelden der Nation erhebt.

Die jungen Menschen der Gegenwart sind überwiegend pragmatisch und materiell motiviert. Es geht ihnen nicht um den moralischen Status von Helden der Arbeit, die einen selbstlosen Dienst an der Gemeinschaft verrichten. Im Gegensatz dazu wollen sie, wie es im neoliberalen Kapitalismus das Ideal ist, einen guten Deal machen. Ein guter Deal am Arbeitsmarkt kann auch darin bestehen, einen schweren und belastenden Job zu verrichten, aber dafür überdurchschnittlich gut entlohnt und bewundert zu werden.

Was heute nur mehr die wenigsten schlucken ist, wenn die Branche, in der man arbeiten soll, insgesamt über ein so mäßiges Image verfügt, dass sie keinen positiven Beitrag zum Image-Building ihrer Mitarbeiter mehr leisten kann.

Ein gutes Beispiel für eine herausfordernde Arbeit, die trotzdem für viele attraktiv ist, weil sie einen guten Deal anbietet, ist die Arbeit auf einer Bohrinsel. Die Arbeit ist schwer, aber sie ist gut bezahlt und hat zudem ein Bombenimage. Wer von seiner Schicht zurückkommt, den bewundert man, weil er viel Geld in der Tasche hat und weil er zudem über das Moralische hinaus ein Held der Arbeit ist. Die Pflegebranche muss besser bezahlen und braucht ein neues attraktives Narrativ jenseits des Opfermoralismus. Dann werden die jungen Leute in Scharen kommen.

Autor:in

  • Bernhard Heinzlmaier ist seit über drei Jahrzehnten in der Jugendforschung tätig. Er ist Mitbegründer des Instituts für Jugendkulturforschung und seit 2003 Vorsitzender. Hauptberuflich leitet er das Marktforschungsunternehmen tfactory Trendagentur in Hamburg. Am 20.12.2018 wurde Bernhard Heinzlmaier für seine verdienstvollen Leistungen als Meinungs- und Jugendforscher von Bundespräsident Van der Bellen der Berufstitel Professor verliehen.