Gehen & Heilen – Emotional gesund durch Geh-Therapie in der Natur

„Das Gehen und der innere Frieden“

Schon einmal etwas von der Geh-Therapie gehört? Der Psychotherapeut Jonathan Hoban hat eine Idee davon entwickelt, was es sein könnte. Aus seiner Sicht hat es einen psychologischen, einen physiologischen und einen spirituellen Anteil. Dabei geht es Hoban, der selbst einmal Erfahrungen mit einer seelischen Erkrankung gesammelt hat, trägt Zeit in der Natur dazu bei, „mehr inneren Frieden und Ruhe zu erlangen, was wiederum zu mehr Verbundenheit mit dem Leben an sich führt“ (S. 203).

Was Hoban in dem Buch „Gehen & Heilen“ gelingt, ist eine Sympathiebekundung für ein Leben mit und in der Natur, das unbedingt therapeutisch genutzt werden müsste. Im Zusammenhang mit dem Erleben einer seelischen Erkrankung spielt das Gehen und Wandern eine wichtige Rolle. Menschen mit einem depressiven Erleben gelingt es nicht, den Weg zum Spaziergang oder zum Wandern zu finden, während es Menschen mit manischen Erfahrungen kaum zu bremsen sind. Hoban geht es darum, die positiven Seiten des Gehens und Wanderns hervorzuheben. „Das Gehen hat auf mich die gleiche Wirkung; irgendetwas am Aufenthalt in der Natur wärmt meine Seele und versorgt mich mit weiser und liebevoller Energie“ (S. 204), schreibt Hoban unter anderem.

Es sind viele richtige Worte, die Hoban zum Gehen und Wandern findet. Als Interessent_in und Leser_in spürt man den Drang, den Aufforderungen Hobans nachgehen zu wollen. Dabei bleibt die Überzeugungskraft jedoch begrenzt. Zu sehr fokussiert er sich als Autor auf den Begriff der Geh-Therapie, versucht nicht subkutan die therapeutischen Wirkungen auf die Zeitgenoss_innen wirken zu lassen.

Den Stress der Gegenwart disqualifiziert er als „Ungeheuer“ (S. 23). Stress sei eine Urreaktion auf alles, „was wir als Bedrohung erleben und er versetzt uns in den Kampf-, Flucht-oder Erstarrungsmodus“ (S. 30). Wenn dies stimmen sollte, dann erscheint es schlüssig, dass viele Menschen in der Gegenwart gereizt und angespannt wirken. Auf dieses Ungleichgewicht des Alltags sollte natürlich mit einer Begegnung mit und in der Natur reagiert werden.

Während der Lektüre wirkt es, als läute das Buch „Gehen und Heilen“ einen Paradigmenwechsel in therapeutischen Handlungsfeldern ein. Das ist nicht so. Es setzt einen weiteren Stein am Wegesrand, der dazu ermutigt, sich mit dem Gehen als Möglichkeit auseinanderzusetzen, um die Seele und den Körper ins Gleichgewicht zu bekommen. Zeit mit sich selbst gehört laut Hoban auf die Prioritätenliste der Zeitgenoss_innen. Für Hoban gehört auch eine gewisse Vorbereitung zum Gehen und Wandern. So bedeutet aus seiner Sicht das Aufsuchen eines Outdoor-Ladens, „dass Sie sich körperlich und mental bereit für die Reise machen“ (S. 43).

Möglicherweise sind solche Akte notwendig, um sich als Mensch selbst zu überlisten. Stress verbindet Hoban auf jeden Fall mit der Arbeitswelt. So schreibt er darüber, die Macht selbst abzugeben. Das Bemühen, sein eigenes Selbst abzuschalten, hat für ihn etwas mit dem Einschalten der eigenen Möglichkeiten zu tun: „Setzen Sie … also eine persönliche Grenze, indem Sie Ihr Handy für die Dauer des Spaziergangs abschalten … Lernen Sie erneut, Ihre Umgebung genau zu beobachten – Menschen, Farben, Geräusche, Gerüche -, was dazu beitragen wird, Ruhe, Gelassenheit und Erfüllung in Ihr Leben zu bringen“ (S. 95).

Wenn er denn mal Recht hätte …

Jonathan Hoban: Gehen & Heilen – Emotional gesund durch Geh-Therapie in der Natur, Knaur Verlag, München 2020, ISBN 978-3-426-65859-8, 247 Seiten, 18 Euro.

9783426658598

Autor:in

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    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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