„Gegenseitigkeit“

(C) skvalval

Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie es genießen, in einem Hotel zu Gast zu sein? Die wenigen Tage im Jahr, in denen Sie sich diesen Luxus gönnen können und wollen, kosten Sie sicher aus. Schon beim Frühstück lassen Sie sich verwöhnen. Die Service-Kraft bereitet Ihnen ein schmackhaftes Omelett vor, das Sie sich in den eigenen vier Wänden nicht herrichten. Sie lassen sich neben dem schmackhaften Kaffee Saft servieren. Und kommentieren das ganze Geschehen mit dem knappen Satz: „Ich gönne mir ja sonst nix.“

Kommen Menschen in ein Krankenhaus, haben sie oft einen vergleichbaren Anspruch. Von den Krankenkassenbeiträgen, die sie Monat für Monat zahlen, wollen sie profitieren. Sie wollen sich durch die Pflegefachkräfte verwöhnen lassen. Aus der eigenen Sicht ist eine Erkrankung Begründung genug, einmal für einen begrenzten Zeitraum die Menschen für sich arbeiten zu lassen. Dabei haben sie kein schlechtes Gewissen.

Als professionell Pflegende gönnen wir den Zeitgenoss_innen dies oft. Wir hinterfragen nicht, ob der erkrankte Mensch die Sprudelflasche nicht alleine auf dem Stationsflur holen kann. Wir hinterfragen nicht, ob sie oder er das Bett selbst frisch machen könne. Als Gutmenschen übernehmen wir die Aufgaben gerne – und freuen uns, wenn die Menschen mit voller Zufriedenheit nach einigen Tagen die Klinik wieder verlassen.

In der Gegenwart diskutieren wir nicht nur, was die Professionalität von Pflegenden ausmacht. Wir sprechen darüber, bei welchen Aufgaben Pflegende unbedingt Entlastung brauchen. Überfällig sind diese Diskurse, die darauf hinweisen, dass professionell Pflegende eine eigenständige berufliche Tätigkeit ausüben. So stellt sich die Frage, ob Pflegende besser bezahlt Hotel-Dienstleistungen anbieten wollen.

Schaut man wieder einmal in die Bücher des Psychoanalytikers Wolfgang Schmidbauer, so findet man die Begründungen für das Helfer-Syndrom, das Schmidbauer mit den Professionell Pflegenden verbindet. Unter anderem erkennt der Psychotherapeut ein unersättliches Verlangen nach Bestätigung und eine Vermeidung von Gegenseitigkeit.

Auch wenn Schmidbauers Forschungen schon älter als 40 Jahre sind, so haben sie bei professionell Pflegenden offensichtlich keine Folgen gehabt. Sie suchen unaufhörlich nach der eigenen Bestätigung, bemühen sich, den Hilfe-und Pflegebedürftigen und wem auch immer zu gefallen. Nachvollziehbar – schließlich tut es der eigenen Seele gut, immer mal wieder gestreichelt zu werden. Dass dafür der Preis gezahlt wird, vor allem innerlich auszubrennen, dies merken die meisten professionell Pflegenden meist zu spät.

Es hilft keine Klage über die nicht vorhandenen Personalressourcen und die ständige Überlastung. Es hilft, in einem anstrengenden und kräftezehrenden Berufsfeld die Sorge für sich selbst zu forcieren. So kann es sicher helfen, die Gegenseitigkeit zu betonen, wenn der Arbeitgeber wieder einmal fragt, ob man einspringen könne. Wer etwas nehmen will, der muss auch bereit sein, seinem Arbeitnehmer, seiner Arbeitnehmerin etwas zu geben.

Hotel-Dienstleistungen bergen die Gefahr in sich, letztendlich nur geben zu müssen. Das Rundum-Verwöhn-Paket ist mit hohen Ausgaben verbunden, die der Gast zahlen muss. Und auf hohe Löhne können Pflegende sicher noch lange warten.

Über Christoph Mueller 335 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen