Gedanken zu Florence Nightingales „Bemerkungen zur Krankenpflege“

„Die Kunst besteht darin, sein Wissen anzuwenden und gleichzeitig das Befinden des Einzelnen sowie seine Gegebenheiten in Einklang zu bringen und gemeinsam zu handeln“ - Christoph Müller & Hilde Schädle Deininger

(C) Pinky Sony

Am 12. Mai 2020 wäre Florence Nightingale 200 Jahre alt geworden. Sie wird sicher zurecht als die Begründerin der modernen Krankenpflege in Westeuropa beschrieben. Mit ihren „Bemerkungen zur Krankenpflege“ hat sie Spuren hinterlassen, die bis in die Gegenwart rezipiert werden sollten. Hilde Schädle-Deininger und Christoph Müller wagen es, die Ideen in die heutige Pflege zu übertragen.

„Es ist unmöglich, mit einem Buch einer Person, die für Kranke verantwortlich ist, beizubringen, wie man Kranke pflegt. Genauso unmöglich ist es, ihr beizubringen, wie man organisiert“ (Nightingale, 2019, S. 23).

Christoph Müller Die Gefahr, die beiden Sätze zu überlesen, ist groß. Sie klingen so banal. Dabei zeigt sich bei näherem Hinschauen, dass Sprengstoff in diesen einfachen Sätzen steckt. Es sind nicht die Worte, an denen Menschen erkennbar sind. Es sind die Taten. Die innere Haltung, mit denen jemand einen Menschen pflegt, lässt sich zwar über die Lektüre von Fachliteratur erarbeiten. Doch die Feuerprobe zeigt sich in der konkreten Umsetzung. Die Feuerprobe zeigt sich in den unterschiedlichen Settings, in denen Pflegende heilsam wirken.

Oft ist mir in meiner pflegerischen Arbeit der Spiegel vorgehalten worden. Tue Deinem Nächsten nicht, was Du selbst nicht ertragen willst. Als jemand, der in der psychiatrischen Pflege tätig ist, begegne ich oft „herausforderndem Verhalten“. Schnell bin ich geneigt, demjenigen, der sich auffällig zeigt, böse Absichten zu unterstellen. Folglich habe ich besonders in den frühen Jahren erlebt, dass Menschen mediziert worden sind oder ihnen die Freiheit entzogen worden ist. Natürlich will ich dies nicht selbst erleben. Es ist ein langer Weg gewesen, alternative Reaktionsweisen für mich ganz persönlich zu erarbeiten.

Was ist in diesem Zusammenhang bedeutsam gewesen? Ich habe Menschen erlebt, die mir auf ganz unterschiedliche Weise vorgelebt haben, wie ich mit Menschen umgehen sollte, deren Seelen aus der Balance geraten sind. Am Modell habe ich mich reiben und erproben können.

Hilde Schädle-Deininger Ich erinnere mich an die Aussage einer Stationsschwester auf dem Heidelberger Internationalen Fortbildungskongress für Schwestern, Pfleger und Sozialarbeiter in der Nervenheilkunde 1970 oder 1971, bei dem Themen wie „akademische Pflegebildung“ oder unterschiedliche „Bildungsgrade“ zur Sprache kamen: „Wir brauchen Mitarbeiter, die anpacken und keine, die unnötig diskutieren und damit Zeit verschwenden“. Einzelne Pflegende, die die Auseinandersetzung anstoßen wollten, wurden häufig als praxisfremd abgetan. Es brauchte bis in die jüngste Zeit, um diese Inhalte breit zu diskutieren.

Wir haben in Arbeitskreisen noch Anfang der 1990er Jahren gewitzelt, dass der Trend auch in der Pflege zum Zweitbuch geht. Es war für Arbeitgebern nicht selbstverständlich Fachliteratur zur Verfügung zu stellen, geschweige denn für die einzelne Krankenschwester oder -pfleger üblich, eine Fachzeitschrift zu abonnieren. Lehrbücher waren in der Regel, im Gegensatz zu den angloamerikanischen Ländern, von Ärzten geschrieben. Das hat sich inzwischen gravierend verändert und ich hoffe, dass sich die Pflegeliteratur weiter vermehrt!

Dankbar bin ich dafür, dass mir schon früh in meinem beruflichen Tun durch unterschiedliche Begegnungen deutlich wurde, wie wichtig eine gute und fundierte Ausbildung ist und wie zentral lebendlanges Lernen.

„Auf jeden Fall kann man sicher sagen, daß eine Krankenschwester nicht alles auf einmal und zur selben Zeit machen kann: sich um den Kranken kümmern, die Tür öffnen, ihre Mahlzeiten einnehmen, eine Nachricht überbringen. Trotzdem scheint die Person, die Verantwortung trägt, niemals der Tatsache ins Gesicht zu sehen, daß so etwas unmöglich ist“ (Nightingale, 2019, S. 25).

Hilde Schädle-Deininger Was passiert, wenn sich morgens herausstellt, dass zu wenig Pflegende im Dienst sind, die Ergotherapie ausfällt usw. Die verbliebenen Mitarbeiter*innen der Pflege richten das schon. Pflegerische Gruppen fallen aus, das gemeinsam mit Frau Schmidt in ihre Wohnung zu gehen, um die Entlassung vorzubereiten wird verschoben, die Bezugspflegegespräche fallen kurz aus usw.

Professionelles pflegerisches Handeln setzt voraus, dass deutlich wird, wann „gefährliche Pflege“ stattfindet. Hier soll nochmals Florence Nightingale zu Wort kommen: „[…] Unzureichende Maßnahmen wie der Versuch ‚immer selbst zur Stelle zu sein‘, verstärken die Angst des Patienten, anstatt sie zu vermindern. Sie sind nämlich zwangsläufig unzureichend“ (S. 26).

Das Spannungsfeld zwischen die Station, den Alltag „am Laufen zu halten“ und des Handelns beruflicher Pflege wird im Alltag zu wenig diskutiert und praktikable Lösungen für Notfälle gesucht. Hier sind im Alltag mehr berufsübergreifende Resultate gefragt.

Christoph Müller Als Pflegende spielen wir nicht bloß die Rolle des Mädchen für alles. Das Bedenkliche daran ist, dass wir die Rolle gerne ausfüllen. Für viele unter uns ist das Gefühl wichtig, gebraucht zu werden. Dafür gehen wir alle oft an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit. Dafür vergessen wir oft nicht nur die Selbstsorge. Wir ziehen Menschen aus dem eigenen Umfeld mit in den Strudel der Selbstvergessenheit, vernachlässigen soziale Kontakte, geben möglicherweise der eigenen Familie nicht den Raum, der ihr zusteht.

Selbstsorgend mit sich umzugehen ermöglicht ein gelingendes Auf-den-Anderen-Zugehen. Wenn ich meine Kräfte einteile, dann wird es mir auch gelingen, mit meinem Nächsten zu erarbeiten, was Selbstsorge individuell bedeuten kann. Oft glaube ich, dass es uns nicht gelingt, weil wir uns darauf begrenzen, uns um vieles und möglichst alles zu kümmern.

Oder auch anders gedacht: In diesen Zeiten sprechen wir viel von Pflegefachlichkeit. Es erweckt immer wieder den Eindruck, dass ein Schlagwort in das eine oder andere Gespräch geworfen wird. Es geht häufig nicht zwingend darum, die eigene Fachlichkeit zu zeigen, sondern um ein Mithalten im Konzert der Professionen. Dabei würde es dem eigenen Beruf und dem eigenen Auftreten Kontur geben, Eigenverantwortlichkeit zu zeigen. 

„Eine Krankenschwester sollte nichts anderes tun als zu pflegen. Wenn man eine Putzfrau will, so nehme man eine. Die Krankenpflege ist ein Spezialgebiet“ (Nightingale, 2019, S. 28).

Christoph Müller Eine ganz alltägliche Szene auf einer Station. Die Assistenzärztin oder der Assistenzarzt ist mit den Blutentnahmen fertig. Auf der Arbeitsfläche herrscht ein völliges Durcheinander. Die Medizinerin, der Mediziner verlässt die Szene mit dem einfachen Satz: „Ich habe alles erledigt“. Die Szene erscheint banal. Viele werden einwerfen, dass diese Zeiten vorbei sind. In der pflegerischen Praxis kommen solche Szene häufiger vor als wir dies glauben wollen, da bin ich sicher. Geradezu reflexhaft räumen daraufhin Pflegende die Arbeitsfläche auf.

Als pars pro toto steht eine solche Szene. Jede Pflegende, jeder Pflegende wüsste unzählige Situationen zu erzählen, die vergleichbar funktionieren. Schade eigentlich. Als Pflegende haben wir eine eigene Fachlichkeit. Ich erlebe mich in keiner Abhängigkeit zu einer anderen Berufsgruppe. Wenn ich mit Menschen, die im Maßregelvollzug untergebracht waren, ins Fußballstadion gegangen bin, so konnte ich klarmachen, dass dies eine psychosoziale Aktivität mit einem ganz eigenen Profil ist, bei der ich soziales Verhalten mit den Betroffenen erproben und reflektieren konnte. Dies muss ich nicht in Abhängigkeit von anderen Berufsgruppen machen. Wenn sich in der Palliativpflege Pflegende ans Bett setzen, ein längeres Gespräch führen, so ist dies Alltagunterstützung, Alltagsbewältigung im Hier und Jetzt.

Hilde Schädle-Deininger Krankenpflege als Spezialgebiet, als Beruf basiert auf dem sicheren, fachlichen und korrekten Ausüben der pflegerischen Tätigkeiten im alltäglichen Zusammenhang. Dazu benötigt professionelle Pflege menschliche und ethische Grundlagen sowie personale, soziale und fachliche sowie methodische Kompetenzen. Berufliche Identität und berufliches Engagement sind schwer voneinander zu trennen, da beide abbilden, wie sich der/die Einzelne auf seine/ihre Arbeit bezieht und wie sie/er subjektiv Arbeitsprozesse erlebt und gestaltet. Das Spannungsfeld pflegerisch- berufliche Identität zwischen Selbstverwirklichung und den Anforderungen der Gesellschaft bilden die jeweils eigenen Maßstäbe, die kontinuierlich reflektiert und gegebenenfalls angepasst werden müssen. Die Bedeutung des subjektiven Erlebens sowie der Realitätsüberprüfung sind wichtige Elemente in der Berufsausübung.

Im Alltag ermöglicht eine umfassende Handlungskompetenz angemessenes Tun in einer bestimmten Situation. Wenn Pflege nichts anderes tun soll als pflegen, bedeutet dies sich der pflegerischen Konzepte, theoretischen Grundlagen und Erkenntnisse der (Pflege-)Wissenschaft zu bedienen und mit diesen zum Behandlungsprozess sowohl im (teil-)stationären, ambulanten und komplementären Bereich beizutragen.

„Unzureichende Maßnahmen wie der Versuch, „immer selbst zur Stelle zu sein“, verstärken die Angst des Patienten, anstatt sie zu vermindern. Sie sind nämlich zwangsläufig unzureichend“ (Nightingale, 2019, S. 28).

Hilde Schädle-Deininger Die Balance zwischen zu viel und zu wenig Hilfestellung, Unterstützung und Begleitung wird immer wieder neu abzuwägen und vor allem zu begründen sowie zu verantworten sein. Patienten haben das Recht auf Autonomie und Selbstständigkeit und es ist eine zentrale Aufgabe professioneller Pflege, dies zu fördern und zu fordern. Von daher ist im Alltagshandeln Rechenschaft darüber abzulegen, warum ich jemanden etwas abnehme und ihn nicht dabei unterstütze, es selbst zu tun.

Das gemeinsame Aushandeln, was der einzelne erkrankte Mensch an pflegerischer Hilfe braucht und die regelmäßige Reflexion über den „Nutzen“ der Pflege sowie die Intensität der Betreuung und Begleitung muss selbstverständlicher Bestandteil der Pflegebeziehung sein.

Abhängigkeit verhindert soziales Lernen und stärkt möglicherweise das Selbstbild des/der Patient*in, hilflos und unselbstständig zu sein. Damit verstärken wir das geringe Selbstwertgefühl und häufig auch die Angst, etwas Neues auszuprobieren. Auch wenn wir den zeitlichen und persönlichen Spielraum von Patienten unbegründet einengen kann das Gegenüber die Arbeitsbeziehung nicht nach seinen Bedürfnissen mitgestalten. Eine konstruktive Arbeitsbeziehung lebt von gegenseitiger Akzeptanz und der Anerkennung von Expertentum aus Erfahrung und Fachlichkeit.

Christoph Müller Einen anderen Gedanken will ich gerne in den Austausch einbringen. Bedeutung hat für mich der Eigensinn eines Menschen. Im persönlichen Umfeld habe ich einmal erlebt, dass eine pflegebedürftige Person die Autonomie bei Entscheidungen sprichwörtlich bis auf die Knochen verteidigt hat. Die Person lebte bereits in einem Pflegeheim. Sie litt über Jahrzehnte an einer entzündlichen Rheuma-Erkrankung. Die Mobilität war stark eingeschränkt. Bei einem Krankenhausaufenthalt wurde erst ein Bein, dann das andere Bein amputiert. Als jemand aus der Familie den Kontakt zu den behandelnden Medizinern suchen wollte, wurde dies durch die betroffene Person untersagt. Schwierig wurde es für die Angehörige, den Angehörigen, als Menschen aus dem Freundeskreis der betroffenen Person mit der Moralkeule kamen. Das Unterlassen von Unterstützung, das Sich-nicht-Sorgen stand im Raum und musste ausgehalten werden.

Aus dem professionellen Kontext geht es ja nun auch oft um Akzeptanz. Wenn eine Frau oder ein Mann aus dem Obdachlosenmilieu auf einer psychiatrischen Station aufgenommen wird, dann scheint es oft das erste Ziel professionell Pflegender zu sein, diesen Menschen unter die Dusche, seine Kleidung in die Waschmaschine und die Medikation in den Körper zu bekommen. Dabei haben wir es ja dann mit Menschen zu tun, die nicht nur schwer chronisch erkrankt sind – seelisch wie körperlich. Diese Menschen brauchen Zutrauen, ein Herantasten derjenigen, die sich um sie sorgen. Dies kann ich pflegefachlich begründen, ich muss es halt auch wollen. Und ich muss aushalten (wollen), dass mein Gegenüber eine andere Geschwindigkeit wünscht als ich es mir vorstelle.

„Patienten sind gezwungen, sich gegen ihre Krankenschwestern zu wehren“ (Nightingale, 2019, S. 32). 

Christoph Müller Wenn Patienten gezwungen sind, sich gegen die Pflegenden zu wehren, dann stimmt etwas nicht. Wir wundern uns in der häuslichen Umgebung, noch mehr im klinischen Umfeld, wenn Menschen herausforderndes Verhalten zeigen. Auffälliges Verhalten zu zeigen ist eine Ressource, wie ich glaube. Denn im Grunde ist es sicher als existentieller Ausdruck von Emotionen der Menschen zu verstehen, die sich häufig nicht anders zu helfen wissen. Sie machen auf sich aufmerksam. Diejenigen, die das Problem mit herausforderndem Verhalten haben, sind die Menschen im Umfeld.

Pflegende sind bekanntlich auf sehr eigene Weise sozialisiert. In Zeiten Florence Nightingales ist dies noch viel häufiger gewesen. Geradezu militärischer Gehorsam wird in einem viktorianischen Herrschaftssystem verlangt, wie es einmal ein Freund von mir ausgedrückt hat, der nun gar nichts mit dem Gesundheitssystem zu tun hat – es sei denn, er ist Patient. In diesem System liegt es natürlich nahe, selbst Erfahrenes an diejenigen weiterzugeben, um die sich eigentlich gesorgt werden sollte.

Hilde Schädle-Deininger Sich gegen etwas oder jemanden wehren müssen, bedeutet, dass ich mich bedrängt, bedroht oder in einer anderen Weise unwohl fühle. Wenn ich mich gegen eine Person wehren muss, dann erlebe ich ein Ungleichgewicht, vielleicht auch wenig Akzeptanz und Wertschätzung. Es kann auch sein, dass mich die Anforderungen des Gegenübers erdrücken oder nicht meinen Bedürfnissen entsprechen.

Im pflegerischen Beruf muss es immer darum gehen, dass ich mich auf den hilfsbedürftigen Menschen einlasse, seine Wirklichkeit als Ausgangspunkt nehme und mit ihm die Schritte gehe, die notwendig sind. Das kann auch gelegentlich in einer akuten Situation bedeuten, erst einmal für den Betroffenen zu handeln und mit ihm danach zu besprechen, warum in dem Moment keine andere Möglichkeit gesehen wurde und wie in ähnlichen Situationen künftig anders gehandelt werden kann.

„Man staunt über das Gesicht, mit dem Freunde – Laien wie Ärzte – hereinkommen und den Patienten mit Empfehlungen, das eine oder andere zu tun, beunruhigen. Dabei haben sie doch genausowenig Kenntnisse, was die Durchführbarkeit, oder sogar die Sicherheit für ihn betrifft, wie wenn sie jemandem körperliche Übungen empfehlen würden, ohne zu wissen, daß er ein Bein gebrochen hat. Was würde der Freund sagen, wenn er der behandelnde Arzt wäre und der Patient sollte seine Anordnungen mißachten, und die Empfehlungen des anderen annehmen, weil irgendein anderer Freund aufgetaucht ist, weil jemand, irgendjemand, niemand etwas, irgendetwas, nichts empfohlen hatte? Aber die Leute denken nie an so etwas“ (Nightingale, 2019, S. 67).

Hilde Schädle-Deininger Das Gegenteil von gut ist gut gemeint (Erich Kästner). Diese Worte sind für die Pflege zentrale Grundlage im Alltagshandeln. Zwar ist der erste Eindruck einer Situation wichtig, er muss jedoch überprüft werden. Selbst- und Fremdwahrnehmung können extrem differieren und es bedarf einer Annäherung der unterschiedlichen Wirklichkeiten, um eine Beurteilung des Zustands oder des Zusammenhangs vorzunehmen. Helfen kann vor allem ein Perspektivwechsel, also sich in die Lage des Anderen versuchen zu versetzen.

Oft ist es im Alltag widersprüchlich, da wir gerade im psychiatrisch-psychosozialen Feld nicht alles faktisch und evidence-basiert erfassen und erklären können, sondern nach einem gangbaren Weg oft tasten müssen. Die Kunst besteht darin, sein Wissen anzuwenden und gleichzeitig das Befinden des Einzelnen sowie seine Gegebenheiten in Einklang zu bringen und gemeinsam zu handeln.

Christoph Müller Ich will aus einer anderen Perspektive schauen. Mir sind Tugenden im Alltag wichtig. Mir sind die kleinen Dinge wichtig. Wenn es um das Tasten nach einem gangbaren Weg geht, dann ist es an mir, einer oder einem Betroffenen zuzuhören. Irgendwie geht es ja oft um die leisen Töne. Meine praktische Erfahrung ist es, wenn dort die Aufmerksamkeit liegt, erfahre ich eine Menge mehr als wenn ich Assessment-Bögen abfrage und ausfülle. Eine Tugend ist für mich auch, Zurückhaltung zu üben. Gerade in psychosozialen Handlungsfeldern können wir schnell der Verlockung erliegen, dass wir unserem Mitmenschen sagen, wo die Lösung ist, wo der Weg gewiesen werden kann. Diesem Reiz muss ich als professionell Pflegender widerstehen. Die Betroffene, der Betroffene muss ihren, seinen Weg selbst finden. In ihrer, in seiner Geschwindigkeit. Dies muss ich als helfender Mensch aushalten. Gleiches gilt für die Ambivalenzen, die jemand erlebt, wenn künftige Wege nicht klar sind.

Vor vielen Jahren habe ich einmal gehört, dass in kommunikativen Situationen derjenige lenkt, der Fragen stellt. Ich habe dies nicht glauben wollen. Nachdem ich dies einmal erprobt habe, musste ich zugestehen, dass es richtig ist. Von einem Kollegen und Freund habe ich eine weitere Erfahrung in meine berufliche Praxis mitgenommen. Als Professioneller muss ich mich manchmal bremsen, zu viel aus meinem Leben, von meinen Verletzlichkeiten zu offenbaren. Trotzdem habe ich bei der Bewältigung von Krisensituationen Erfahrungen gemacht, die weitergegeben werden können. Eben weil sie gelingende Bewältigungsmuster waren. Er riet mir damals, dann von einem Onkel oder Cousin zu erzählen, obwohl die eigenen Erfahrungen gemeint sind. Dies ist oft geglückt. Und schon kann die Betroffene, der Betroffene eine Annäherung der unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten erleben. Oder etwa nicht?

„Noch einmal: Die Krankenschwester muß zwischen den individuellen Besonderheiten der Patienten unterscheiden. Der eine möchte gern all sein Leiden allein durchstehen und dabei so wenig betreut werden wie möglich. Ein anderer hat es gern, daß man ständig viel Aufhebens um ihn macht, ihn bemitleidet, und er immer jemanden um sich hat. Man könnte diese beiden Eigenschaften viel mehr beachten und ihnen nachgeben, als es der Fall ist“ (Nightingale, 2019, S. 79).

Christoph Müller Wenn ich diese Gedanken Nightingales lese, so denke ich ganz zügig an die Autonomie des Einzelnen. Die einen betonen die Selbstbestimmung, andere scheinen sich in die erlernte Hilflosigkeit hineinfallen zu lassen. Als professionell Pflegender ist es meine Aufgabe, eine Balance hinzubekommen.

Diesen Gedanken zeigen natürlich auf, dass die Unterschiedlichkeit von Menschen zu einer Verschiedenheit von Bedürfnissen führt. Psychotherapeuten versuchen, mit den Betroffenen die Balance zu erarbeiten, indem sie nach den Ursachen für eine größere Bedürftigkeit schauen oder darüber nachdenken, weshalb jemand auf seinen Eigensinn pocht. Als Pflegende ist es unser Dienst am Menschen, das Hier und Jetzt mitzugestalten. In unmittelbaren, in konkreten Situationen müssen wir die Menschen auf dem Weg zur Eigenverantwortlichkeit unterstützen und die individuelle Unterstützung geben. Bewusst sein muss uns, dass es Menschen gibt, die die Eigenverantwortlichkeit nur sehr begrenzt erreichen werden. Zu chronifiziert ist ihr Leiden, ihre Vulnerabilität.

Hilde Schädle-Deininger Die „beiden Eigenschaften“ mehr zu beachten, als gegeben vorauszusetzen und in den Pflegeprozess einzubeziehen heißt, die Bedürfnisse und Vorstellungen des psychisch erkrankten Menschen als Ausgangspunkt zu nehmen. Eigene Wege zu gehen und das eigene Leben zu gestalten, ist das Grundrecht eines jeden Menschen, auch wenn wir Entscheidungen und Verhalten nicht ohne weiteres verstehen.

Die Unterscheidung, die im Zitat von Florence Nightingale angesprochen wird, bedeutet jede individuelle Situation und jeden einzelnen hilfe- und pflegebedürftigen Menschen als einmalig zu begreifen. Der Spagat zwischen „zu viel“ und „zu wenig“ pflegerischer Unterstützung muss uns permanent beschäftigen, so dass wir unsere Betreuung und Begleitung verändern und anpassen können und gleichzeitig wahrnehmen, wenn wir jemanden in einer kritischen Situation begründet auch Entscheidungen abnehmen (müssen).

Bei allem psychiatrisch-pflegerischen Tun spielt die Hoffnung, dass sich ein langandauernder Hilfebedarf mit der notwendigen Geduld und Anregung Neues auszuprobieren zu veränderndem Verhalten entwickeln kann, eine große Rolle. Es erfordert eine Haltung, immer wieder neu auf den Einzelnen neugierig zu sein, zu bleiben und gemeinsam aus der pflegenden Begleitung zu lernen.

Schlussbetrachtung

Florence Nightingale gilt zurecht als erste Pflegetheoretikerin. Uns ist einmal mehr bewusst geworden, welche Tradition die Pflege aufweist. Beim Schreiben sind wird immer wieder darauf gestoßen, dass viele Gedanken von Florence Nightingale im heutigen Pflegealltag durchaus Beachtung finden können und müssen, auch wenn wir uns einer anderen beruflichen Sprache bedienen.

Deshalb sollen an dieser Stelle Florence Nightingales wegweisende Bemerkungen zur Krankenpflege, „Notes on Nursing“ von 1860, also von vor 140 Jahren, besonders gewürdigt werden im Kontext ihres 200sten Geburtstags und zum internationalen Tag der Krankenpflege am 12. Mai eines jeden Jahres.

Die Zitate aus dem Buch „Bemerkungen zur Krankenpflege“ sind aus der Jahresgabe 2019 des Hogrefe-Verlags, mit dem den Autorinnen und Autoren für ihr publizistisches Engagement gedankt wird (ISBN 978-3-456-86038-1).

 

Hilde Schädle Deininger

Fachkrankenschwester für Psychiatrie, Lehrerin für Pflegeberufe, Dipl. Pflegewirtin (FH), Dozentin in der Aus-, Fort- und Weiterbildung Pflegender

schaedle-deininger@t-online.de 

Christoph Müller

Psychiatrisch Pflegender, Redakteur «Psychiatrische Pflege», Fachautor, Dozent in der Aus-, Fort- und Weiterbildung Pflegender

arscurae@web.de

Christoph Mueller
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Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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