Was bedeutet für mich „Pflege“?

Gastkommentar von Gerda Kremser

(C) Ocskay Mark

Letztens nahm ich bei einem von 5 Sommergesprächen der Pflege teil. Krankenpflegepersonen verschiedenster Fachrichtungen und in unterschiedlichen Positionen trafen sich mit ÖGKV und GÖD um miteinander über eine positive Entwicklung der Pflege zu sprechen und Akzente zu setzen. Ein Punkt dabei war die Präsentation der Pflege nach außen. In den Medien ist der Pflegesektor derzeit oft erwähnt. Es ist von einem Pflegenotstand zu hören, von Arbeitsbedingungen die krank machen, vom schlechten Image, von einem Nachwuchsproblem in der Pflege und vielem mehr.

Dabei zeigte sich der Aspekt, dass unklar ist, was unter dem Begriff „Pflege“ erfasst wird. Gibt es ein gemeinsames Grundverständnis aller Disziplinen und Bereiche, das wir vermitteln wollen? Kann jeder Pflege? Was macht gute Pflege zur Kunst?

Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort. Einerseits arbeiten Pflegende in verschiedenen Kontexten in vielen Aufgabengebieten und mit unterschiedlichen Kompetenzen. Andererseits ist professionelle Pflege sehr vielfältig, komplex und einem steten Wandel unterworfen.

Ich stellte mir deshalb die Frage, was Pflege für mich persönlich bedeutet. Ich bin sein 25 Jahren DGKP und übe meinen Beruf nach wie vor mit viel Freude aus. Im Laufe der Jahre hat sich mein Arbeitsbereich jedoch stark verändert. Meine Zeit direkt am Patienten ist weniger geworden. Reine Grundpflege hat nachgelassen, Dokumentation und Administration haben zugenommen, die Anzahl der Untersuchungen ist gestiegen und es werden mehr Patienten in kürzerer Zeit durchgeschleust.

Was konkret ist denn die Aufgabe der Pflege?

Das österreichische Gesundheits- und Krankenpflegegesetz beschreibt es folgendermaßen: „Der gehobene Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege trägt die Verantwortung für die unmittelbare und mittelbare Pflege von Menschen in allen Altersstufen, Familien und Bevölkerungsgruppen in mobilen, ambulanten, teilstationären und stationären Versorgungsformen sowie allen Versorgungsstufen (Primärversorgung, ambulante spezialisierte Versorgung sowie stationäre Versorgung). Handlungsleitend sind dabei ethische, rechtliche, interkulturelle, psychosoziale und systemische Perspektiven und Grundsätze.

Der gehobene Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege trägt auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse durch gesundheitsfördernde, präventive, kurative, rehabilitative sowie palliative Kompetenzen zur Förderung und Aufrechterhaltung der Gesundheit, zur Unterstützung des Heilungsprozesses, zur Linderung und Bewältigung von gesundheitlicher Beeinträchtigung sowie zur Aufrechterhaltung der höchstmöglichen Lebensqualität aus pflegerischer Sicht bei.

Im Rahmen der medizinischen Diagnostik und Therapie führen Angehörige des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege die ihnen von Ärzten übertragenen Maßnahmen und Tätigkeiten durch.

Im Rahmen der interprofessionellen Zusammenarbeit tragen Angehörige des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege zur Aufrechterhaltung der Behandlungskontinuität bei.

Der gehobene Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege entwickelt, organisiert und implementiert pflegerische Strategien, Konzepte und Programme zur Stärkung der Gesundheitskompetenz, insbesondere bei chronischen Erkrankungen, im Rahmen der Familiengesundheitspflege, der Schulgesundheitspflege sowie der gemeinde- und bevölkerungsorientierten Pflege.“ ( GUKG§ 12 Absatz 1-5)

„Die pflegerischen Kernkompetenzen des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege umfassen die eigenverantwortliche Erhebung des Pflegebedarfes sowie Beurteilung der Pflegeabhängigkeit, die Diagnostik, Planung, Organisation, Durchführung, Kontrolle und Evaluation aller pflegerischen Maßnahmen (Pflegeprozess) in allen Versorgungsformen und Versorgungsstufen, die Prävention, Gesundheitsförderung und Gesundheitsberatung im Rahmen der Pflege sowie die Pflegeforschung.“ (GUKG§ 14 Absatz 1)

Im Rahmen eines Schweizer Projektes hat man professionelle Pflege ähnlich definiert. Zusätzlich wurden folgende Punkte als wichtig erachtet:

„Professionelle Pflege beruht auf einer Beziehung zwischen betreuten Menschen und Pflegenden. […] Die Beziehung erlaubt die Entfaltung von Ressourcen der Beteiligten, die Offenheit für die zur Pflege nötigen Nähe und das Festlegen gemeinsamer Ziele.

…erfasst die Ressourcen und den Pflegebedarf der betreuten Menschen, setzt Ziele, plant Pflegeinterventionen, führt diese durch (unter Einsatz der nötigen zwischenmenschlichen und technischen Fähigkeiten)und evaluiert die Ergebnisse;

…basiert auf Evidenz, reflektierter Erfahrung und Präferenzen der Betreuten, bezieht physische, psychische, spirituelle, lebensweltliche sowie soziokulturelle, alters- und geschlechtsbezogene Aspekte ein und berücksichtigt ethische Richtlinien;

…erfolgt in Zusammenarbeit mit den betreuten Menschen, pflegenden Angehörigen und Mitgliedern von Assistenzberufen im multiprofessionellen Team mit Ärzten und Ärztinnen und Mitgliedern anderer Berufe im Gesundheitswesen. Dabei übernehmen Pflegefachpersonen Leitungsfunktionen oder arbeiten unter der Leitung anderer. Sie sind jedoch immer für ihre eigenen Entscheide, ihr Handeln und Verhalten verantwortlich;“ (Spichiger et al., 2006, S. 51)

Pflege hat also viele Gesichter!

Ich arbeite in einem Krankenhaus. Hier steht die Krankheit im Mittelpunkt: die Heilung von akuten Krankheiten, die Regeneration nach Unfällen sowie geplante Untersuchungen und Operationen. Es gibt andere Institutionen, die für die Rehabilitation danach zuständig sind, zur Remobilisation, zur Erholung, zur Diätberatung oder zur Schulung. Und doch werden viele dieser Aufgaben im Spital mitbetreut.

Es gibt viele Beteiligte und viele Zuständigkeiten. Jeder legt auf etwas anderes Wert: Ärzte auf die medizinische Komponente, Angehörige auf die bestmögliche Versorgung ihrer Lieben und vielen Patienten ist die Hotelkomponente, also die Unterbringung und das Essen, sehr wichtig. Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Diätberater, Sozialbetreuer und dergleichen sind zur Unterstützung da, stellen aber ebenfalls ihr Spezialgebiet in den Fokus ihres Interesses.

Die Pflege dient oft als Vermittler, als Öl im Getriebe, das die Maschinerie am Laufen hält. „Aufrechterhaltung der Behandlungskontinuität im Rahmen der interprofessionellen Zusammenarbeit“ nennt dies das GUKG. Aber auch – oder gerade das, ist professionelle Pflege – das Gesamtwohl des Patienten im Auge zu behalten.

Die Pflege selbst hat viele Aufgaben zu berücksichtigen: z.B. Durchführung und Überwachung von Pflegemaßnahmen, Gesundheitsüberwachung der Patienten, medizinische Therapie (Medikamente herrichten und verabreichen – am besten das Richtige dem Richtigen), oder Organisation und Vorbereitungen zu Untersuchungen und vieles mehr. Hat der Patient eine Venenverweilkanüle? Ist die Aufklärung unterschrieben und in der Akte? Ist der Transportdienst bestellt? Und dann bitte noch dokumentieren, was alles gemacht wurde. Das Telefon läutet, die Glocke läutet, die Angehörige will JETZT einen Arzt … Ja kümmert sich denn da keiner?

Alles im Blick zu behalten ist schwierig. Vielfach ist keine Perfektion möglich. Es bleibt oft nur die Entscheidung: Was ist jetzt im Moment am Wichtigsten und was kann etwas warten?

Im Gesundheitswesen gibt es viele Themen und Prozesse, die einer Verbesserung bedürfen. Personalmangel ist ein Aspekt davon. Es sollte auf jeden Fall gelingen, nachfolgenden Generationen Stolz und Freude an diesem Beruf zu vermitteln. Wie schon eine alte Redewendung sagt: Was man gern macht, macht man gut.

Also was ist es, was ich nach wie vor an meiner Arbeit liebe?

  • Jeden Tag gibt es neue Herausforderungen zu bewältigen, die zu Dienstbeginn noch nicht ersichtlich sind. Das macht es spannend und abwechslungsreich
  • Entscheidungen zu treffen im Sinne des Patienten und im besten Fall mit dem Patienten
  • Das Gesamtbild des Patienten nicht aus den Augen zu verlieren
  • Man hat als Pflegeperson sehr viele Möglichkeiten, ein pflegerisches Ziel zu erreichen
  • Hilfe zur Selbsthilfe, indem ich erkläre, berate, anleite… was selbst getan werden kann
  • Unterstützen, wo Hilfe erforderlich ist und es lassen, wenn es nicht nötig ist.
  • Mir Zeit zu nehmen genau hinzusehen, gerade WENN es stressig ist
  • Zu sehen, dass meine Maßnahmen Erfolge bringen
  • Das Miteinander im Team
  • Man kann Spaß haben – in und an diesem Beruf
  • In der Pflege arbeiten Menschen mit Menschen – das macht es so individuell – es gibt nicht unbedingt ein richtig oder falsch
  • Pflege ist kein Einzelkampf, Pflege ist eine Teamleistung und das kleinste Team besteht aus Patient und Pflegeperson

 

Spichiger, E., Spirig, R., Kesselring, A. & De Geest, S. (2008). Professionelle Pflege – Entwicklung und Inhalte einer Definiton.

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