Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit

„Extrem individueller Kontext“

Es ist eine Frage, die Pflegenden und Angehörigen auf den Nägeln brennt. Der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF) wird Menschen, die krank oder gebrechlich sind, nicht in seiner Unbedingtheit zugestanden. Vielmehr wirft der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit zahlreiche ethische und rechtliche Fragen auf. Coors, Simon und Alt-Wipping stellen schon früh fest, worum es bei dem Diskurs geht: „Die Diskussion wird dadurch verkompliziert, dass es primär nicht nur um die Frage geht, ob der FVNF eine Form des Suizids ist oder nicht, sondern darum, welche moralischen Verpflichtungen sich ergeben, wenn ein Mensch den Wunsch nach FVNF bzw. nach Begleitung beim FVNF äußert“ (S. 7).

Einen multiperspektivischen Zugang zu dem Phänomen des freiwilligen Verzichts auf Nahrung und Flüssigkeit ermöglichen die Expertinnen und Experten, die zum Buch beigetragen haben. Geriatrisch und psychiatrisch, aus Sicht Pflegender und niedergelassener Hausärzte wird auf den freiwilligen Verzicht geblickt. Der Allgemeinmediziner Roland Hanke betont, dass der freiwillige Verzicht „ein existentielles Ereignis im extrem individuellen Kontext“ (S. 26) ist. Wichtig erscheint es, dass Hanke die Zugehörigen und die Familie als „Versorgungspartner“ (S. 29) versteht. Dabei kommt es zu entscheidenden Situationen, wenn Hanke aus seiner beruflichen Erfahrung berichtet: „Der Hausarzt kann hierbei als Moderator der Gespräche unter den Familienmitgliedern und dem Sterbewilligen aufgrund seiner ihm von der Gesellschaft zugewiesenen Rolle als wissendem, doch aufgrund seines Schweigepflichtgebots verschwiegenen Träger auch der dunklen Geheimnisse seiner Patienten dienlich sein“ (S. 32).

Die Psychiaterin Barbara Schneider stellt die Gemeinsamkeit zwischen dem freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit sowie dem Suizid dar. Gemeinsam sei, „dass es sich bei Suizid und dem freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit um eine selbst verursachte Handlung mit dem Ziel, tot zu sein, und in dem Wissen oder der Erwartung, dass man mit der angewandten Methode das Ziel – Tod – erreicht. Im Gegensatz zum Suizid findet beim freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit eine Einwirkung von außen nicht statt, es handelt sich um einen natürlichen Tod“ (S. 62).

In dem übersichtlichen Kompendium geht es gleichzeitig um moralische Ungewissheiten und ethisch reflektierte Entscheidungen, um empirische Daten und theologische Bewertungen. Dieser multiperspektivische Zugang zum freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit erleichtert einen Einstieg in die schwierige Fragestellung. Gleichzeitig sollte einer erneuten Auflage empfohlen werden, sich noch einen phänomenologischen Zugang zu ermöglichen. Faktisch erscheint das Buch solide und hilfreich. Es gelingt jedoch nicht, eine Spurensuche zum Thema zu wagen.

Was die pflegerische Praktikerin oder der pflegerische Praktiker im Sinne behalten muss, dies fassen Coors, Simon und Alt-Wipping auf eindrückliche Weise zusammen: „Es gibt gute Gründe, den FVNF nicht als eigenständige Handlungsentität, sondern als Teil eines breiten Spektrums divergierender Handlungen zu verstehen. Dementsprechend kann die ethische Bewertung nicht einheitlich sein und die postulierte Bewertung des freiwilligen Verzichts auf Nahrung und Flüssigkeit als Form des Suizids muss in ihrer Pauschalität zurückgewiesen werden“ (S. 166).

Michael Coors, Alfred Simon & Bernd Alt-Wipping (Hrsg.): Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit – Medizinische und pflegerische Grundlagen – ethische und rechtliche Bewertungen, Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 2019, ISBN 978-3-17-034195-1, 177 Seiten, 35 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 90 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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