Fragmente mit Blick auf Psychiatrie und Pflege

Dem großen Dichter und Denker zum 250. Geburtstag

Hölderlin

„O es ist ein seltsames Gemische von Seligkeit und Schwermut, wenn es sich so offenbart, daß wir immer heraus sind aus dem gewöhnlichen Dasein.“ (Friedrich Hölderlin)

Am 10. März 1770 wurde Johann Christian Friedrich Hölderlin in Lauffen am Neckar im Kreis Heilbronn, einem bekannten Weinort in Baden-Württemberg geboren. Er starb 1843 in der Universitätsstadt Tübingen. Friedrich Hölderlin besuchte die Lateinschule in Nürtingen, wo die Familie inzwischen lebte und verfolgte zunächst den Beruf des Pfarrers auf Wunsch der Mutter. Deshalb waren die nächsten Stationen nach der Konfirmation und bestandenem „Landexamen“ die evangelischen Klosterschulen Denkendorf und Maulbronn, um das Gymnasium zu besuchen. Anschließend war er Stipendiat im Tübinger Evangelischen Stift und studierte an der Universität. Er befreundete sich mit den späteren Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. Geprägt wurde er von seinen Lehrern Karl Philipp Conz und Nathanael Köstlin, letzteren verehrte er wie seinen Vater. Hölderlin und Hegel, die beiden Schwaben, beide vor 250 Jahren geboren, beschlossen im Tübinger Stift auf keinen Fall Pfarrer zu werden und verdienten ihr Geld als Hauslehrer, in diesem Zusammenhang trafen Sie sich in Frankfurt am Main wieder. Danach trennten sich ihre Wege für immer. Hegel wurde berühmt als Philosoph und Systemdenker, während Hölderlin erst nach seinem Tod Ruhm zuteilwurde.

Rathgeb stellt in seinem Buch fest, dass das Interesse an beiden geblieben ist, da beide nicht in der Lage waren, in einfachen Worten zu sagen, was sie dachten und fühlten. Er stellt fest, dass es Hölderlin und Hegel zwei Mal gibt – nämlich einmal als Werk und Dokument und andererseits als Auslegung und Analyse. Wörtlich schreibt Rathgeb: „Hegel und Hölderlin geben ihr Bestes, der eine unterwarf die Wörter der Vernunft, der Logik und der Wissenschaft, der andere der Einbildungskraft, den Gesetzen der Poesie und dem Empfinden, aber welche Einsichten und Bilder ihnen auch gelangen, ihr Werk war für ein letztes Wort in dieser Angelegenheit immer noch nicht gut genug. Ein letztes Wort wird es nicht geben, weil Wörter für letzte Worte in diesem großen, umfassenden Sinne nicht gemacht sind.“ (Rathgeb, 2019, S. 13)

Annäherung an Friedrich Hölderlin

Häufig kennen wir Hölderlin als Dichter im Kontext unserer Schulbildung, durch seine Briefe, Prosa und Gedichte. Sich in das Leben eines Menschen einzufühlen, das so ganz anders verlief als das eigene, ist eine Herausforderung und geschieht natürlich immer mit dem eigenen Lebenshintergrund. Vielen Menschen erscheint Hölderlin mit seinem Werk rätselhaft und dunkel, der Zugang zu den Inhalten ist vordergründig nicht einfach. Beispielsweise muss man seine Gedichte genauer betrachten, um die Botschaft, die darin steht zu ergründen, dann wird man jedoch feststellen, dass sie schön, auch noch heute nicht veraltet ist und zum Nachdenken anregt. Wie den ausgewählten Literaturhinweisen zu entnehmen ist, haben sich zahlreiche Schriftsteller mit Hölderlin beschäftigt-

Peter Härtling (1933-2017) schreibt einleitend in seinem Hölderlin-Roman: „Ich weiß nicht genau, was ein Mann, der 1770 geboren wurde, empfand. Seine Empfindungen sind für mich Literatur. Ich kenne seine Zeit nur aus Dokumenten. Wenn ich ‘seine Zeit‘ sage, dann muß ich entweder Geschichte abschreiben, oder versuchen, eine Geschichte zu schreiben. Was hat er erfahren? Wie hat er reagiert?“ (Härtling, 19.., S. 9). Geschichte schreiben bedeutet in diesem Kontext vielleicht auch, das Vergangene zu benennen und festzuhalten sowie sich vor diesem Hintergrund Gedanken zur heutigen Situation zu machen, um mit der Geschichte lernen zu können.

Pierre Bertaux (1907-1986) beschäftigte sich mehr als 50 Jahren mit Friedrich Hölderlin, seine Einschätzung über den psychischen Zustand Hölderlins war wie folgt und ist im Vorspann seiner Hölderlin-Biographie zu lesen: „Sehr einfach und in wenigen Worten zusammengefaßt läßt sich die hier von mir vertretene These folgendermaßen formulieren: Hölderlin war nicht geisteskrank. […] Ich dagegen bin heute der Meinung: die pathologische Interpretation von Hölderlins Geistesverfassung – von seiner, wie man sich schonend ausdrückt ‘geistiger Umnachtung‘ – ist nichts anderes als eine romantische, heute wissenschaftlich überholte Legende, die allzu lange ihr Unwesen getrieben hat und mit der es jetzt abzurechnen gilt“ (Bertaux, 1978, S. 12). Zudem betont Bertaux, dass ein revolutionär gesinnter Hölderlin, von der politischen Entwicklung in Deutschland enttäuscht, sich eher bewusst in eine weltabgewandte Gedankenwelt hineingeflüchtet hat, um so der schlechten Wirklichkeit zu entkommen.

Navid Kermani (*1967) schreibt im Nachwort seiner Auswahl aus Hölderlins Werke „Als ich es mit siebzehn, achtzehn Jahren das erste Mal mit Hölderlin versuchte, nahm ich an, daß er von den Göttern spricht, wie der Humanismus, die Aufklärung, der Idealismus und die Romantik eben von ihnen sprachen, als Sinnbildern der eigenen, also menschlichen Vorstellung, die von der christlichen oder überhaupt monotheistischen Religiosität unterschieden waren. Ich nahm an, niemand im achtzehnten, neunzehnten Jahrhundert glaube im Ernst noch an Zeus und Apollon, wenn sie bereits in den antiken Dramen allzu menschlich auftraten. Ich kam nicht weit bei der Lektüre, solange ich Hölderlins Gottheiten ebenfalls für Kunstfiguren hielt“ (Hölderlin, 2020, S. 250). Er betont, dass er zudem ein Schulsystem durchlief, das in der Folge der Achtundsechziger der humanistischen Bildung den Kampf angesagt hatte.

Ein Blick in Hölderlins „Psychiatrie-Zeit“

Friedrich Hölderlin wollte nach dem Studium Schriftsteller werden, für seinen Roman Hyperion und seine komplizierten und vielschichtigen Gedichte finden sich jedoch keine Leser. Er arbeitete als Hauslehrer und war auch da wenig erfolgreich. Es wird in unterschiedlichen Schriften erwähnt, dass er sich zunehmend als Außenseiter fühlte und erlebte. Er reagiert mal mehr aggressiv und reizbar, dann wieder eher wie gelähmt.

Friedrich Hölderlin war 36 Jahre alt, als er, veranlasst durch seine Mutter, im September 1806 in die Autenrieth‘sche Anstalt in Tübingen gewaltsam eingewiesen wurde. Inwieweit Isaac von Sinclair, deutscher Diplomat, Schriftsteller und Freund Friedrich Hölderlin, bei dem Hölderlin zu dieser Zeit in Homburg (Hessen) lebte, dies veranlasst hatte, soll hier vernachlässigt werden, da sonst zu sehr über Sinclair ausgeholt werden müsste.

Der Leiter der Tübinger Irrenanstalt Professor Johann Ferdinand von Authenrieth, späterer Kanzler der Universität Tübingen, hatte in seiner Anstalt Neuerungen eingeführt. Die Anstalt verfügte über heizbare Räume und frische Luft in den Krankenzimmern durch eine neuartige Luftumwälzkonstruktion. Die Geisteskranken wurden nicht mehr nur aufbewahrt, sondern Therapien unterzogen. Diese sind für uns heute eher Torturen als Behandlung. Die Therapie bestand in Zwangsjacken, Kaltwasserbädern und Gesichtsmasken, aber auch im Verabreichen von Digitalis (Fingerhut), Belladonnna (Tollkirsche) und Opium oder Mixturen dieser Beruhigungsmittel.

Im Behandlungskontext verfügte Authenrieth, dass Justinus Kerner (Medizinstudent) sich um den unfreiwillig in der Klinik befindlichen Hölderlin kümmerte.  Kerner führte das Krankenbuch, allerdings lassen sich darin keine Angaben zur medizinischen Behandlung entnehmen. Kerner schätzte den um deutliche Jahre älteren Hölderlin und war von ihm als Dichter fasziniert. Justinus Andreas Christan Kerner (1786-1862), wurde bekannt als Arzt, medizinischer Schriftsteller und Dichter. Er äußerte sich in Veröffentlichungen nie hinsichtlich Hölderlins Erkrankung oder Behandlung. Allerdings besuchte er Hölderlin Zuhause im Turm nach seiner Entlassung aus der Tübinger Irrenanstalt.

„Die Behandlung Hölderlins, so wie sie rekonstruiert werden kann, weist nach, dass Hölderlin mindestens phasenhaft im Blick seines behandelnden Arztes den Verstand »verloren« hatte und dass er, die bei Autenrieth übliche Behandlung erfuhr. Aus damaliger Sicht handelte es sich freilich um eine vorzügliche Behandlung, in welcher sich der Arzt sorgsam darum bemühte, den kranken Menschen nicht unmenschlich zu behandeln und nach allen Regeln der ärztlichen Kunst alles Menschenmögliche unternahm, um dem Geisteszerrütteten wieder zu vollem Verstandesgebrauch zu verhelfen. Aus heutiger Sicht muss die Behandlung Hölderlins jedoch als unmenschlich bezeichnet werden und hat mit einiger Wahrscheinlichkeit den weiteren Verlauf des psychischen Befindens Hölderlins eher verschlechtert denn verbessert, auch wenn sie bester Absicht entsprang, aspekthaft vielleicht sogar als hilfreich oder entlastend erlebt wurde und – jedenfalls so der Betreffende Zugang zu diesem exklusiven klinischen Setting gefunden hatte – zeitgenössisch üblich war“ (Gonther & Schlimme, 2010, S. 106).

Klaus Dörner schreibt im Vorwort des zuvor zitierten Buches Hölderlin und die Psychiatrie: „Als Hölderlin 1806 – durchaus mit Gewalt – von seinem letzten Arbeitsplatz, der Schlossbibliothek in Homburg, wie das auch heute wohl geschehen würde, zumindest in die Nähe seiner Herkunftsfamilie in Nürtingen geschafft wurde, also in das Universitätsklinikum Tübingen, gab es noch keine organisierte Psychiatrie, befand sich der Umgang mit psychisch Kranken im Umbruch. Wer immer sich damals darüber Gedanken machte und insofern fortschrittlich war, lehnte das bisherige System des Rationalismus/Merkantilismus des 18. Jahrhunderts ab, war also als Deinstitutionalisierer gegen das als inhuman empfundene System der Zucht- oder Arbeitshäuser, der hôpitaux généraux, das alle abweichenden Unvernünftigen aus der Gesellschaft der Vernünftigen ohne weitere Differenzierung ausgegrenzt hatte. Er bekannte sich vielmehr zum liberal-humanistischen Pathos der Aufklärung, oder wollte romantisch die Tagesseiten des Menschen wieder um seine Nachtseiten vervollständigen oder bemühte sich naturphilosophisch um die Zusammenschau der hoffnungsvoll aufstrebenden Naturwissenschaften mit der etablierten idealistischen Philosophie. Die Freiheit des Individuums war die oberste Norm sowohl in den sozialen Beziehungen der Menschen als auch in der marktförmigen Organisation der beginnenden Industrialisierung. Eine solche relative Deinstitutionalisierung realisierte sich aber in Wirklichkeit nur als eine Uminstitutionalisierung; denn auch Pinels Befreiung der Irren von ihren Ketten symbolisierte ja eher nicht etwa nur das Ende der hôpitaux généraux des Ancien Régime, sondern ersetzte diese lediglich durch das »stählerne Gehäuse« (Max Weber) moderner Disziplinierung eines Systems von hôpitaux spéciaux von nach Diagnosen differenzierten Spezialinstitutionen, von denen eine das flächendeckende System psychiatrischer Krankenhäuser/Anstalten werden sollte, welches noch einmal nach Heilbaren und Unheilbaren differenziert.“ (Gonther & Schlimme, 2010, S.9 f.).

Friedrich Hölderlin wurde nach 231 Tagen stationärem Aufenthalt am 03. Mai 1807 aus der Anstalt als unheilbar entlassen und in die Obhut des Tischlermeisters und späteren Obermeisters der Tübinger Schreinerzunft Ernst Friedrich Zimmer entlassen, wo er 36 Jahre im sogenannten Hölderlinturm lebte. Rückblickend schreibt Zimmer 1835: „Ich besuchte Hölderlin im Clinikum und Bedauerte ihn sehr, daß ein so schönner Herlicher Geist zu Grund gehen soll. Da im Clinikum nichts weiter mit Hölderlin zu machen war, so machte der Canzler Autenrit mir den Vorschlag Hölderlin in mein Hauß aufzunehmen, er wüßte kein pasenderes Lokal“ (StA 7,3, Nr. 528, zitiert nach Wikipedia, abgerufen 13.05.2020).

Der Alltag wurde dann von Ernst Friedrich Zimmer an Hölderlins Mutter so beschrieben: „Hochgeehriste Frau Kammerräthe! […] Gestern bin ich zum erstenmahl mit Ihrem Lieben Sohn  wieder ausgegangen, derselbe ist seitdem mein Vater seine Zweschen herunter gethan hat nicht mehr aus dem Hauß gekommen, damahls war Er auch mit drausen und Lachte recht, wenn man schüttelte und die zwerschten Ihm auf den Kopf fielen. Im heim gehen begegnete uns Professor Konz und grüßte Ihren Sohn, nannte Ihn Herr Magister, sogleich erwiederte Ihr Sohn, Sie sagen Herr Magister, Konz bat ihren Sohn um Verzeihung und sagte bey uns alte Bekante kommt es nicht darauf an wie mir uns Titullliren bey diesen Worten zog Konz den Hommer aus der Tasche und sagte und sagte, sehen Sie ich habe auch unseren Freund bey mir, Hölderlin suchte eine Stelle darin auf, und gab Sie Konz zum leßen. Konz laß die Seite Ihrem Sohn ganz Begeister vor, dadurch wurde Ihr Sohn ganz enzükt, mir gehnen dann auseinander und Konz sagte, leben Sie recht wohl Herr Biebledekarius das machte Ihren Sohn ganz zufrieden. Aber 3 Tage nachher brach er aus und sagte in der heftigkeit. Ich bin kein Magister ich bin Fürstlicher Biebledekarius schimpfte und Fluchte auf das Consistorium und war lange unzufrieden darüber, jetzt ist er aber wieder ganz ruhig. Trauben bekam Er alle Tage zum Essen, ich weiß wohl daß sie Seinem zustandt zuträglich sind. Mir sind gottlob alle gesund und sind auch daß ganze Jahr von Krankheiten frey geblieben. Ich Empfehle mich Ihnen u der Frau Professorin und Verbleibe Ihr gehorsamer Dinner Ernst Zimmer“ (Wittkop et. al., 1993 S.29/30).

Hölderlin verbrachte sein restliches Leben als umgänglicher Bewohner mit Unterstützung von Familie Zimmer im Turm mit Blick auf den Neckar.

Die Aussicht
Der offne Tag ist Menschen hell mit Bildern,
Wenn sich das Grün aus ebner Ferne zeiget,
Noch eh‘ des Abends Licht zur Dämmerung sich neiget,
Und Schimmer sanft den Glanz des Tages mildern.

Oft scheint die Innerheit der Welt umwölkt verschlossen,
Des Menschen Sinn, von Zweifeln voll, verdrossen,
Die prächtige Natur erheitert seine Tage,
Und ferne steht des Zweifels dunkle Frage

Was beschäftigt uns auch heute …

Der psychiatrischen Spur in Hölderlins Leben, in der Tischlers-Familie Zimmer, die ihn in Pflege genommen hatte, etwas nachzuspüren und uns Gedanken darüber zu machen, wie Krankheit wahrgenommen und Verhalten interpretiert wird und in diesem Zusammenhang Fragen aufzuwerfen wie darf sich ein Mensch anders verhalten und darf der Einzelne anders sein als diejenigen, die sich für die Norm halten, führt dazu Spuren zu entdecken und nachdenklich zu werden.

Auch wenn Vorsicht walten muss, wenn der psychiatrische Rahmen zur Zeit Friedrich Hölderlins mit unseren heutigen Gegebenheiten in einen Zusammenhang gebracht werden, tauchen doch Fragen und Situationen auf, die uns auch heute im beruflichen Kontext beschäftigen und nicht grundsätzlich anders sind als zu Hölderlins Zeiten.

Beispielsweise beschäftigen wir uns mit den Umständen einer Einweisung, damit wie sich Zwang verhindern lässt und wie rechtzeitig Hilfe angeboten werden kann. Anders-Sein, Toleranz und Vielfalt oder Diversität sind Themen, die immer wieder diskutiert, ausgelotet und bearbeitet werden müssen. Dabei geht es einerseits um notwendige “Schutzräume“ und andererseits um Freiräume. Oder auch die Thematik um Diagnose und Stigmatisierung, vor allem des sich Bewusstseins der Balance zwischen “So-Sein-zu-können“, ohne eine Krankheit zu verleugnen und gemeinsam mit dem Betroffenen nach Wegen und eigenen Erklärungen zu suchen und nicht “konforme“ Lösungen auszuhalten und gemeinsam durchzuhalten. Die Bedeutung der Rahmenbedingungen, der Nützlichkeit unterschiedlicher Hilfeformen, sei es Begleitung, Normalität, Familienpflege, Besuche im häuslichen Umfeld usw. nicht zu unterschätzen und bedarfs- und personenorientiert unter Einbezug von Angehörigen und Betroffenen weiterzuentwickeln.

Das von Uwe Gonther und Jann Schlimme zum 250. Geburtstag im Psychiatrie Verlag herausgegebene Buch “Hölderlin – Das Klischee vom umnachteten Genie im Turm“ nimmt u. a. ein Thema auf, das auch heute sehr zentral ist, nämlich “Hölderlin als Experten in eigener Sache“. Sie gehen davon aus, dass Hölderlin in seinen Selbstdarstellungen, in Briefen an seine Familie und an Freunde, aber auch in seinen Gedichten Auskunft über sein Selbstverständnis hinsichtlich seiner gesundheitlichen und psychischen Befindlichkeit gibt. Dabei schöpfe er immer aus seiner eigenen Erfahrung und seinem Erlebten, beziehe jedoch andere bekannte und vertraute Ereignisse mit ein.

Zur Veranschaulichung ein Brief an seine Mutter: „Verehrungswürdigst Mutter! Ich mag es nicht versäumen, einen Brief an Sie zu schreiben. So erfreulich die Gegenwart. so ist doch das Zeichen der Seele, das nicht lebendige, eine Wohlthat für den Menschen. So wenig sich eine Vorzüglichkeit der Seele, wie Güte, oder herzliche Mittheilung, oder tugendhafte Ermahnung oft scheint vergelten zu lassen, so ist auch Äußerung der Empfänglichkeit doch etwas in das Leben und seine Erscheinung. Nicht nur die gleich starke Mittheilung, auch Äußerung  und Empfindung ist eine Gestalt des Moralischen, ein Theil der Geistes- und Erscheinungswelt. Wie Leib und Seele ist, so ist auch die Seele und ihre Äußerung. Nemlich der Mensch soll äußern, aus Verdienst etwas Guthes zu thun, gute Handlungen ausüben, aber der Mensch soll nicht nur auf die Wirklichkeit, er soll auch auf die Seele wirken. Die moralische Welt, die das Abstracte mit sich führt, scheint dieses zu erklären. Nehmen Sie mit diesen Äußerungen vorlieb und beglüken Sie ferner mit Ihrer Gewogenheit, verehrungswürdigste Mutter Ihren gehorsamen Sohn Hölderlin“ (Wittkop et. al., 1993, S. 50).

Gonther und Schlimme gehen davon aus, dass der Zugang zu Hölderlin ein hermeneutischer sein muss. „Mit Hans-Georg Gadamer (1960) nehmen wir an, dass alle Verständigung immer in einem Verständnis ruht, das den Rahmen des Verstehens abgibt. Ein geradezu klassisches Vorverständnis ist das Klischee des umnachteten Genies im Turm, das wir hinter uns lassen müssen, wenn wir uns dem Menschen Friedrich Hölderlin nähern wollen. Erst dann können wir versuchen, den Menschen und seine Lebenswelt weitgehend zu verstehen. Dies ist zwar niemals vollständig möglich, aber insbesondere im direkten Gespräch können wir Menschen einander oft gut verstehen, auch über kulturelle und historische Grenzen hinweg. Jedoch ist uns das direkte Gespräch mit Hölderlin, in dem wir klärende Rück- und Verständnisfragen stellen könnten, nicht möglich. Stattdessen müssen wir die Gesprächsebene und damit unser Verständnis sekundär erschließen“. Es wird betont, dass Hinterlassenschaften, Hölderlinforschung, Handbücher und Gesamtwerke das Lesen der Hölderlin-Lektüre nicht ersetzen können, vor allem ersetze es nicht das eigene Vorverständnis zu erkennen und anzuerkennen. Das beinhalte vor allem Hölderlin als umnachtetes Genie in Frage stellen und die Verständlichkeit und Sinnhaftigkeit seiner Äußerungen anzunehmen, dies aufzuzeigen und mit dem vorhandenen Material zu belegen. Uwe Gonther und Jann Schlimme „Wir sind nach mittlerweile fast zwei Jahrzehnten Auseinandersetzung mit Hölderlins Turmzeit überzeugt, dass Hölderlin auch in seiner Turmzeit weiterhin einen klaren Blick auf den Menschen hatte und diesen auch klar und deutlich mitteilte“ (Gonther & Schlimme, 2020, S. 28/29).

Deutlich wird in der punktuellen Betrachtung, dass Gesundheit und Krankheit sich auf einem Kontinuum bewegen und nicht so ohne Weiteres eindeutig zugeordnet werden kann. Außerdem wie zentral das subjektive Empfinden eines Menschen und seine sachkundige Erfahrung, also sein Expertentum hinsichtlich der eigenen Erkrankung ist.

Anregungen für den pflegerischen Alltag

Pflege als mitmenschliche Tätigkeit zeigt sich im Zusammenhang mit der Pflegefamilie Friedrich Hölderlins, in der klinischen Behandlung gab es, soweit ich es in der zugrunde liegenden Literatur wahrnehmen konnte, wenig Hinweise auf beruflich pflegerische Tätigkeiten. Ein Zitat aus dem Tübinger Anstaltsalltag: „Als ‘Belohnung für Wohlverhalte‘ nannte Autenrieth beispielsweise einen ‘Spaziergang im Felde unter Aufsicht eines hinlänglich starken und verständigen Wärters‘. Die Betonung des unbedingten Gehorsams, welcher den Kranken dazu zwinge, die Vorstellungen des Arztes zu übernehmen, hat bei Autenrieths Darstellung der auf die arzneiliche Behandlung folgenden psychisch-erzieherischen Behandlung Vorrang (Gonther & Schlimme, 2010, S. 74 f.).

Um den Kontext zur Zeit Hölderlins herzustellen noch ein Zitat von Klaus Dörner:

„Und erst in diesen – nunmehr modernen – Institutionen konnten helfende Berufe entstehen, wurde menschheitsgeschichtlich erstmals das Helfen nicht nur institutionalisiert, sondern auch professionalisiert, wurden die neuen Gesundheits- und Sozialprofis bezahlt für den Schutz der ‘Schutzbefohlenen‘, also für den Schutz der psychisch Kranken vor der kälter werdenden, in Industrialisierung befindlichen Gesellschaft, aber zugleich auch für den Schutz dieser Gesellschaft der Starken und Leistungsfähigen vor den unberechenbaren und unverstehbaren psychisch Kranken, damit sie nicht mehr Sand im Getriebe des Fortschritts sein könnten. Seither glauben wir Sozialprofis nur, wir seien für die Integration der psychisch Kranken da; in Wirklichkeit bekommen wir unser Geld eher für die Verhinderung der Integration – für die Aufrechterhaltung der auch räumlichen Trennung der Starken von den Schwachen, der Brauchbaren von den Unbrauchbaren, der Reichen von den Armen, der Gesunden von den Kranken und der Jungen von den Alten – als gesellschaftliches Groß-Paradigma der Industriegesellschaft, damit diese möglichst reibungslos und störungsfrei ihre Produktivitätsmaximierung erreichen könne. Während tatsächlich nie Sozialprofis, sondern nur Bürger andere Bürger integrieren können“ (Gonther & Schlimme, 2010, S. 10).

In unserem heutigen psychiatrisch-pflegerischen Selbstverständnis tritt die Diagnose in den Hintergrund und der einzelne Mensch mit seinem subjektiven Erleben sowie seinem individuellen Hilfe- und Unterstützungsbedarf in den Vordergrund. Das erfordert im täglichen Miteinander und in der Auseinandersetzung mit dem Betroffenen offen und flexibel pflegerisches Wissen und theoretische Konzepte im Einvernehmen anzubieten, anzuwenden und zu handeln. Dazu ist eine zentrale Grundlage Kontakte anzubieten und Beziehungen zu gestalten. Deshalb gilt es festzuhalten, dass die “Pflegekultur“ in einem Team sich in der gemeinsamen Arbeit an ethischen Werten orientiert und zeigt, aber auch gegenseitige Kontrollmechanismen beinhaltet müssen. Ein gelebtes Leitbild und gemeinsame inhaltliche Auffassungen von Pflege unterstützen die Orientierung. Umfassende Pflege nimmt den ganzen Menschen wichtig und nicht nur Auffälligkeiten.

Sich der eigenen Geschichte, der Geschichte der Psychiatrie und psychiatrischen Pflege bewusst zu sein und sich damit zu beschäftigen, erhöht professionelle Identität und das eigene Selbstverständnis und beeinflusst das pflegerische Handeln. Jubiläumsjahre können auch dazu beitragen sich wieder einmal neu Vergangenes lebendig werden zu lassen!

Zum Schluss

Die Stadt, der Neckar, die Universitäts-Nervenklinik (Authenrieth’sche Nachfolgeklinik) und Hölderlin sind mir aus in meiner Tübinger Zeit der 1960er bis Mitte 1970er Jahre sehr vertraut. Sich im Kontext des 250. Geburtstages wieder einmal intensiv mit Friedrich Hölderlin zu befassen, hat auf der einen Seite Freude und auf der anderen Seite nachdenklich gemacht. In Gedanken die alten Wege am Neckar, auch am Hölderlinturm vorbei zu gehen, sich mit einigen Mosaikteilchen Tübinger Geschichte zu befassen, weckte Erinnerungen an eine mich persönlich und beruflich prägende Zeit. Nachdenklich gestimmt hat mich, das Bild psychisch erkrankter Menschen durch die Jahrhunderte. Da bleibt der Wunsch, dass wir viel mehr über Etikettierung, Stigmatisierung und feststehende Kategorien nachdenken, sie kritisch beleuchten und “Irren als menschlich“ betrachten und dem einzelnen Menschen begegnen. Psychiatrie bzw. die psychosoziale Versorgung menschlich und hilfreich zu gestalten, muss unser wichtigstes Ziel sein, denn “Gesundheit ist keine Ware“! 

Literatur

Bertaux, P. (1978). Friedrich Hölderlin – Eine Biographie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Gonther, U. & Schlimme, J. E. (2010). Hölderlin und die Psychiatrie. Köln: Psychiatrie-Verlag.

Gonther, U. & Schlimme, J. E. (2020). Hölderlin – Das Klischee vom umnachteten Genie im Turm. Köln: Psychiatrie Verlag.

Härtling, Peter: (1995/2005). Hölderlin – Ein Roman, Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln, Deutscher Taschenbuch Verlag München 2005

Hölderlin, F. (2020). Bald sind wir aber Gesang. München: C. H. Beck.

Langer, B. (2001). Hölderlin und Diotima – Eine Biographie. Frankfurt am Main: Insel.

Langer, B. (2020). Übermächtiges Glück – Die Liebesgeschichte Hölderlin und Diotima. Frankfurt am Main: Insel.

Schmidt, J. (Hrsg.)(1984). Hölderlin-Gedichte. Leipzig: Insel.

Ott. Karl-Heinz: (2019). Hölderlins Geister. München: Hanser.

Rathgeb, E. (2019). Zwei Hälften des Lebens – Hegel und Hölderlin – Eine Freundschaft. München: Blessing.

Safranski, R. (2019). Hölderlin – Komm ins Offene. München: Carl Hanser.

Sattler, D. E. (Hrsg.)(2004). Friedrich Hölderlin – Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zeitlicher Folge. München: Luchterhand.

Wittkop, G. (Hrsg.) (1993). Hölderlin, der Pflegesohn – Texte und Dokumente 1806-1843 mit den neu entdeckten Nürtinger Pflegschaftsakten. Stuttgart: Metzler.

 

Hilde Schädle Deininger
Über Hilde Schädle Deininger 5 Artikel
Fachkrankenschwester für Psychiatrie, Lehrerin für Pflegeberufe, Fachautorin, Dipl. Pflegewirtin (FH), Dozentin in der Aus-, Fort- und Weiterbildung Pflegender

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