Florence Nightingale – Die Frau hinter der Legende

„Leuchtendes Beispiel für ihre Zeit“

Viele Menschen idealisieren die Vordenkerin der modernen Krankenpflege. Andere äußern ihr Missfallen über die heroisierte Florence Nightingale. Der Historikerin Hedwig-Herold-Schmidt gelingt es mit dem Buch „Florence Nightingale – Die Frau hinter der Legende“, mit Sachlichkeit und einer gesunden Distanz auf den „Engel der Menschlichkeit“ zu schauen. Mehr noch: Herold-Schmidt schreibt eine lebendige Erzählung über ein erfülltes Leben und orientiert sich dabei immer an einer differenzierten wissenschaftlichen Sichtweise.

In diesem Jahr wird der 200. Geburtstag Nightingales begangen. So lebt das Bild der „Lady mit der Lampe“ immer wieder auf. Schon früh stellt Herold-Schmidt fest, dass die Reduzierung auf die idealisierte Persönlichkeit heiße, „viele wichtige Felder ihres Schaffens während ihres langen, neunzigjährigen Lebens zu vernachlässigen“ (S. 7). Nightingale muss trotz aller Widrigkeiten des viktorianischen Zeitalters, in das sie hineingeboren wurde, eine engagierte Zeitgenossin gewesen zu sein. Schmidt-Herold beschreibt sie als Expertin für alle Fragen der Gesundheitsfürsorge und des Militärsanitätswesens, als international anerkannte Krankenhausreformerin, als Propagandistin für Sozialreformen, als Kämpferin für Frauenrechte und Pionierin der Statistik.

Es beschleicht einen während der Lektüre der Eindruck, dass die Fülle des Engagements Nightingales eigentlich gar nicht in einen Alltag, in ein Leben passen kann. Doch scheint Nightingale unermüdlich für unzählige Anliegen aktiv und unterwegs gewesen zu sein. Dies verwundert umso mehr, wenn Herold-Schmidt immer wieder auf die Konflikte und Probleme mit der Familie eingeht, die Nightingale erlebt hat. Nightingale hätte ein leichtes Leben haben können, hätte sie sich auf die Ehe mit einem standesgemäßen Herrn eingelassen. Bei aller Ambivalenz, die sie wohl erlebt hat, hat sie sich immer für die eine oder andere Sache eingesetzt.

Nightingale kann sicher als Vorbild dienen, wie man sich kenntnisreich und strategisch für einzelne gesellschaftliche Fragen einsetzt. Ihr Wissen hat sie unter anderem aus einer engagierten Lektüre von Büchern und Dokumenten gezogen. Sie ist aber auch dorthin gegangen, wo es weh tut (so würde man es heute sagen). In Kaiserswerth lernte sie die Diakonissen und den Sozial-Pionier Theodor Fliedner kennen. Fliedner ist es auch gewesen, der sie bat, ihre Erlebnisse und Erfahrungen in Kaiserswerth aufzuschreiben. Diese 32-seitige Schrift sei ein Dokument des frühviktorianischen Feminismus gewesen. Die Diakonissen knüpften an eine frühchristliche Tradition an, den Armen und Kranken zu helfen. Nie zuvor hätten Frauen so viel Möglichkeiten gehabt, ihre Fähigkeiten zu entwickeln.

Aus heutiger Sicht lesen sich solche Gedanken etwas befremdlich. Die Tatsache, dass nicht nur in konfessionellen Kontexten eine große Aufbruchstimmung bezüglich des Anpackens der sozialen Frage geherrscht hat, lässt vermuten, dass selbst in der Gegenwart ganz andere soziale Hilfesysteme existieren würden, hätten im 19. Jahrhundert nicht engagierte Frauen und Männer Ordensgemeinschaften und Hospitäler begründet.

Nightingale wird von Herold-Schmidt einerseits als Frau vorgestellt, die anpackend zu den leidenden Menschen gegangen ist. Andererseits stellt sie Nightingale als gründliche Arbeiterin am Schreibtisch und strategische Gesprächspartnerin in politischen Strukturen dar. Nightingale scheint vieles verkörpert zu haben.

Sicher ist Nightingale nicht die Heldin gewesen, für die sie bis heute gehalten wird. Sie ist eher ein Beispiel dafür, dass Paradigmen durch persönlich gelebtes Leben gesetzt werden können und Zeiten überdauern können. Aus der Distanz Schmidt-Herolds, die man bei der Lektüre immer wieder wertschätzt, erscheint sie als leuchtendes Beispiel für ihre Zeit.

Hedwig Herold-Schmidt: Florence Nightingale – Die Frau hinter der Legende, WBG Theiss Verlag, Darmstadt 2020, ISBN 978-3-8062-4055-9, 320 Seiten, 30 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 203 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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