Fixierungen vermeiden – Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen in der Pflege

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge

Die Möglichkeit, als Verfahrenspfleger im betreuungsrechtlichen Kontext tätig sein zu können, hat seinen Reiz. Schließlich geht es bei dieser Aufgabe darum, mit einer Pflegeeinrichtung Perspektiven erarbeiten zu können, um freiheitsentziehende Maßnahmen verhindern zu können. Mit dem Buch „Fixierungen vermeiden“ liegt ein Handbuch für diese dankbare Aufgabe vor. Thomsen zeigt zahlreiche Impulse und Ideen auf, wie die Lebensqualität von Menschen möglichst hoch gehalten werden kann, obwohl sie beispielsweise herausforderndes Verhalten zeigen.

Trotzdem kann dieses Buch nur mit einem lachenden und einem weinenden Auge gelesen werden. Mit großer Sorgfalt beschäftigt sich Thomsen mit den juristischen Fragen um freiheitsentziehende Maßnahmen herum. Dafür spricht auch Tamara Bachlers Beitrag zu den spezifischen Fragestellungen zum Thema in Österreich und in der Schweiz. Ausführlichkeit zeigt er auch, als es um Alternativen zu mechanischen Einschränkungen wie Fixiergurten und Bettgittern geht. Doch vernachlässigt er in seinem gründlich recherchierten und anschaulich geschriebenen Buch beispielsweise Fragen bezüglich Milieugestaltung und Reizabschirmung.

Das fixierungsfreie Pflegeheim sieht Thomsen als Qualitätsmerkmal (S. 4/5). Dieses Streben ist unbedingt zu unterstützen. Doch reicht die Vorstellung der Alternativen seinerseits nicht aus, so dass Thomsen schreibt: „Bei manchen Patienten reichen auch pharmakologische Therapien nicht aus, um neben dem subjektiven Leidensdruck auch Fremd-und Selbstgefährdungen auf ein vertretbares Maß zurückzufahren“ (S. 5). Gleichzeitig sind Aussagen zu bestärken, die er beim Ansprechen von freiheitsentziehenden Maßnahmen und Leitungspersonen formuliert. Wörtlich: „Das Vermeiden freiheitsentziehender Maßnahmen ist ein Gebot der pflegerischen Fachlichkeit einerseits und eine zentrale Aufgabe der Leitungen in den Heimen andererseits. Hierbei stehen aber nicht nur die korrekte Anwendung von Techniken oder die kommunikativen Kompetenzen im Vordergrund, sondern entscheidend ist, die Haltung von Mitarbeitern und Leitungen nachhaltig zu verändern“ (S. 5).

Irritierend erscheint es, wenn Thomsen in einem kompletten Kapitel über „Fixierungsbedarfe“ schreibt. Es sind fragliche Wegmarken, die Thomsen setzt. Denn einen kritischen Blick hat Thomsen, wenn er berichtet, dass immer wieder das Engagement Angehöriger und das subjektive Gefühl von Belästigung seitens Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern zu freiheitsentziehenden Maßnahmen führt (S. 62). An einer anderen Stelle geht ein wichtiger Satz fast unter. Nicht das Verhalten von Bewohnerinnen und Bewohnern sei problematisch, sondern die fehlende Lösung (S. 64).

Bei Menschen mit Lauftendenz betont Thomsen: „Wichtig ist, dass die Pflegenden nicht in eine Diskussion über die richtige Realität mit dem Betroffenen einsteigen. Der Diskussion ist der Demenz-Kranke so oder so nicht mehr gewachsen. Vielmehr sollten die Pflegenden versuchen, das treibende Gefühl, seinen Antrieb, zu erkennen und sich auf die momentane Erlebniswelt des Gesprächspartners einschwingen können. Erst wenn es gelingt, die eigenen und die Gefühle des Gesprächspartners wahrzunehmen und zu benennen, kann das Weglaufen als Hinlaufen begriffen und ein gemeinsamer Weg gefunden werden“ (S. 70).

Mit dem Buch „Fixierungen vermeiden“ hat Thomsen ein deutliches Zeichen gesetzt. Die diskutablen Passagen sollten Ermutigung sein, in einer weiteren Auflage inhaltlich zu feilen. Denn die Frage der Humanität in Pflege-und Wohnheimen entscheidet sich vor allem an freiheitsentziehenden Maßnahmen.

Michael Thomsen: Fixierungen vermeiden – Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen in der Pflege, Springer Verlag, Berlin 2019, ISBN 978-3-662-557551-2, 163 Seiten, Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 58 Artikel
psychiatrisch Pflegender, Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag), Fachautor

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