Fernab aller Resonanz

(C) Sergey Nivens

Derzeit ist der Begriff „Einsamkeit“ in aller Munde. Die Medien greifen das Thema auf; zuletzt sorgte das Buch des Ulmer Psychiaters Manfred Spitzer „Einsamkeit – die unerkannte Krankheit. Schmerzhaft, ansteckend, tödlich“ für viel Wirbel und brachte ihm zugleich zahlreiche Schelte aus der Fachwelt ein. Es ist traurig genug und zugleich symptomatisch, dass ein Phänomen erst dann in den Blickwinkel der öffentlichen Diskussion gerät, wenn es um das (Über-)leben geht. Tatsache ist, dass Millionen Menschen, nicht nur alte, sich einsam fühlen. Die Ursachen hierfür sind vielgestaltig. Da Einsamkeit keine Diagnose ist und zugleich niemand offen artikuliert, dass er sich verlassen fühlt, muss man auf die Suche nach Anzeichen begeben. Im Gesundheitswesen begegnen uns Einsame in unzähligen Kontexten: chronisch Kranke, Menschen mit psychischen Problemen, Alte, Sterbende, Flüchtlinge, Arme, pflegende Angehörige, … Ihnen gilt es mehr Aufmerksam zu schenken.

Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen; immerhin verbringt er 80 % seiner Zeit mit anderen Menschen. Wem es nicht gelingt bzw. wem es nicht vergönnt ist, die Gesellschaft mit anderen zu pflegen, obwohl dies sein Wunsch ist, leidet, denn er ist einsam. Einsamkeit bezeichnet das Gefühl, von anderen Menschen getrennt zu sein. Schwab (1997, S. 22) sieht in ihr „das quälende Bewusstsein eines inneren Abstands zu den anderen Menschen und die damit einhergehende Sehnsucht nach Verbundenheit in befriedigenden, sinngebenden Beziehungen.“ Einsam sein unterscheidet sich vom freiwilligen Alleinsein darin, dass es unfreiwillig und unerwünscht ist. Einsamkeit wird als belastend und äußerst unangenehm, teilweise sogar als schmerzhaft empfunden.

Das Gefühl, einsam zu sein, wird also ausgelöst durch das Fehlen mitmenschlichen Kontakts, durch einen Mangel an Zuwendung und Unterstützung und durch den Ausschluss aus sozialen Gruppen. Es wird oft begleitet von Rückzugsverhalten und von Gefühlen der Unzulänglichkeit und Hoffnungslosigkeit; Angst und Depression können die Folge sein (Sonnenmoser, 2018).

Cacioppo (2011) weist aber auch darauf hin, dass das Erleben von Einsamkeit nicht das Gleiche ist wie die soziale Isolation selber. Eine verheiratete Mutter kann sich inmitten eines erfüllenden Berufslebens und eines Privatlebens mit glücklicher Partnerschaft einsam fühlen, genau wie ein junger Student, dem seine Depression nicht erlaubt, ernsthafte Beziehungen einzugehen. Auf der anderen Seite muss sich ein allein lebender Single nicht einsam fühlen, genauso wenig wie ein 95-Jähriger, dessen Frau und Freunde verstorben sind, der aber zufrieden auf sein Leben zurückblickt. Soziale Isolation und Einsamkeit korrelieren, sie sind aber nicht dasselbe.

Einsamkeit und Gesundheit

Wenn auch Einsamkeit nicht direkt als Krankheitsursache bezeichnet wird, ist unzweifelhaft, dass sie die Gesundheit massiv beeinträchtigen und sogar zum frühzeitigen Tode führen kann. Studien zeigen den Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Mortalität auf. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass es meistens nicht eine alleinige Ursache für ein Symptom, eine Erkrankung oder ein Defizit gibt, sondern dass in der Regel mehrere, oft interagierende Ursachen verantwortlich sind. Darüber hinaus besteht häufig eine Wechselwirkung. Das bedeutet, dass Einsamkeit zum Beispiel eine Erkrankung mit auslöst, sie mit aufrechterhält oder sie verstärkt. Sie wird durch die Erkrankung aber selbst wiederum ausgelöst oder verstärkt (Sonnenmoser, 2018).

Simmank (2018) problematisiert diesbezüglich: „Eine Krankheit (…) ist Einsamkeit definitionsgemäß nicht. Wäre sie ein körperliches Leiden, müssten nachweislich ein oder mehrere Organsysteme in Mitleidenschaft gezogen sein. Wäre sie ein anerkanntes psychisches Leiden, dann gäbe es diagnostische Kriterien, die anhand von Verhalten, Empfinden und Gedankengängen Gesunde von Kranken trennen. Niedergeschlagen zu sein, ist eben auch keine Krankheit, sondern nur eines der Symptome etwa einer Depression. Einsamkeit ist ein Gefühl. Und als solches kann sie – wenn überhaupt – nur als mögliches Symptom einer psychischen Krankheit angesehen werden. Oder auch einfach nur so bestehen.“

Zudem relativiert er gleich mehrere der in den letzten Jahren veröffentlichten Studien: (…) im März dieses Jahres erschien eine Studie im britischen Fachblatt Heart, die den Zusammenhang von gefühlter Einsamkeit und Krankheit generell infrage stellte. Die Analyse, in die die Daten von mehr als einer halben Million Britinnen und Briten einflossen, zeigte: Die Probanden, die sich einsam fühlten, hatten häufiger Herzinfarkte und Schlaganfälle und starben sogar früher als diejenigen, die sich nicht einsam fühlten. Nachdem die Forscherinnen und Forscher jedoch andere Risikofaktoren wie chronische Krankheiten, Depressionen und Gesundheitsverhalten in die Analyse aufnahmen, verschwand der Zusammenhang. Einsamkeit und Krankheit hingen nicht mehr statistisch signifikant miteinander zusammen.

Anders war es im Fall der sozialen Isolation: Sie zeigte, auch nachdem andere Risikofaktoren berücksichtigt worden waren, einen – wenn auch schwachen – Zusammenhang zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen.“

Gesichter der Einsamkeit

Wie schwer sich gesundheitliche Probleme auf soziale Kontakte auswirken können, zeigt das Beispiel einer Patientin, die lange Zeit schon an einer Autoimmunerkrankung leidet: „Dennoch zerren natürlich dauernde Müdigkeit, Erschöpfung, Verzweiflung und Angst an den Ressourcen des Körpers. Erklären, dass dies im Zusammenhang mit einer ‚unsichtbaren‘ Erkrankung steht, ist mühsam und stößt nicht immer auf Verständnis. (…) In den Jahren nach der Diagnose – und ohne spürbaren Therapierfolg – zog ich mich mehr und mehr zurück. Ich glaube, es fiel nicht auf. Klar, gab es das eine oder andere Bedauern, wenn ich bei einer Aktivität nicht dabei war. Früher bin ich gerne noch nach der Chorprobe mit zum Eisessen gegangen – irgendwann rief ich nur noch ‚Tschüss, bis nächste Woche‘ oder begründete mein frühes Nachhausegehen mit ‚Ich bin einfach zu k. o.‘“ (Jahn, 2018).

Ergreifend und selbst bei professionell Tätigen Gefühle der Ohnmacht auslösend sind diesbezüglich die Bekenntnisse todkranker, sterbender Menschen:

„Ich weiss, dass ich bald sterbe, die Ärzte waren sehr ehrlich. Das macht mir nichts aus. Mich beunruhigt die Ungewissheit, wann und wie ich sterben werde. Den Tod sehe ich nicht als Knochenmann oder als Sensemann im schwarzen Gewand hinter oder neben mir gehen –mit dem könnte ich vielleicht noch reden. Ich stelle mir den Tod als hässlichen Virus vor, der sich in meinem Körper versteckt, unerreichbar ist und zu jeder Zeit ohne Vorwarnung zuschlagen kann. (…) Ein Wechselbad der Gefühle, die mit anderen schwer zu teilen sind, die man ja auch nicht belästigen will, gehört dazu. Die hilfreich gemeinten Worte der anderen (‚Du musst mehr essen‘, ‚Ich kenne da einen Arzt, den solltest du unbedingt konsultieren‘, ‚Ich habe von einer Heilerin gehört, die könnte dir vielleicht helfen‘) zeigen lediglich an, dass der Redner oder die Rednerin auf der anderen Seite der Kluft zwischen Leben und Tod steht. Die Einsamkeit im Alter, die Einsamkeit Sterbender, die gibt es, doch wie sie von ihnen erlebt wird, ist noch zu wenig bekannt. Die meisten Menschen wissen zu wenig darüber. In der Einsamkeit alter oder kranker Menschen, in der Einsamkeit Sterbender erleben wir mitten im Leben den Wiederhall unserer eigenen existienziellen Einsamkeit“ (Levend, 2018).

Vereinsamung und soziale Isolation haben vielfach ökonomische Ursachen: Dass der Anteil an Personen mit wenigen oder überhaupt keinen sozialen Beziehungen in der Bevölkerung mit niedrigen Einkommen besonders hoch ist, wurde in den letzten 15 Jahren in mehreren sozialwissenschaftliche Untersuchungen aufgezeigt. Etwa zeigen Auswertungen des „European Quality of Life Suvey“ von 2003 für zahlreiche europäische Länder, dass die Bevölkerung im unteren Einkommensbereich sehr viel weniger in soziale Beziehungsnetzwerke eingebunden ist als die Durchschnittsbevölkerung. Zum gleichen Ergebnis kommen der „European Union Survey of Income and Living Conditions“ (EU-SILC) aus dem Jahr 2006 und der „European Social Survey“ (ESS) aus dem Jahr 2008. Beispielsweise liegt in Deutschland und Österreich laut EU-SILC 2006 der Anteil derjenigen, die angaben, sich niemals mit befreundeten Personen zu treffen, in der Bevölkerung unterhalb der sogenannten Armutsgefährdungslinie (60 % des medianen bedarfsgewichteten Netto-Haushaltseinkommens) mehr als doppelt so hoch wie in der restlichen Bevölkerung (Eckhard, 2018).

Wachsamkeit und Reaktion

Stefan und Kollegen (2009, S. 378 ff) identifizieren eine stattliche Zahl von gesundheitlichen Risikofaktoren, durch die ein Mensch in die Situation geraten kann, ungewollte und negativ erlebte Gefühle der Trennung und Abgeschiedenheit zu anderen Menschen zu entwickeln. Als Risiken gelten:

  • der Verlust einer Bezugsperson (Tod/Scheidung)
  • beeinträchtigte Mobilität (Lähmung/Amputation)
  • Unfähigkeit, die Wohnung zu verlassen
  • Unfähigkeit, gewohnte Transportmittel in Anspruch zu nehmen
  • extreme Fettleibigkeit
  • Inkontinenz
  • veränderte Sinneswahrnehmung (Beeinträchtigung des Sehens, Hörens und Fühlens)
  • Kommunikationsbarrieren (z. B. Sprachstörung)
  • mentale Beeinträchtigungen
  • Armut
  • Arbeitslosigkeit
  • Hospitalismus
  • Pensionsschock
  • soziale Isolation
  • beeinträchtigte Realitätswahrnehmung
  • Wechsel in einen anderen Kulturkreis (unbekannte Sprache, Religion)
  • Missbrauch von Alkohol, Drogen und Medikamenten
  • beeinträchtigtes Körperbild (Hautveränderungen, Operationsnarben, anus praeter, …)
  • allgemeine Schwäche

Was gilt es zu tun? Sicherlich muss es vorrangiges Ziel sein, die umfangreichen Facetten von Einsamkeit vermehrt und dabei offensiv in das Bewusstsein zu rücken. Dabei sollte gerade bei allen im Gesundheitswesen Tätigen die Wahrnehmung geschärft werden. Vorhandene therapeutische, pflegerische und Konzepte der Sozialarbeit sind geeignet, Licht ins Dunkel zu bringen und (zumindest) eine Verbesserung des Zustands zu bewirken (Hax-Schoppenhorst, 2018).  Allein durch einen sensibleren Umgang mit dem Phänomen und durch das Zulassen bislang vielleicht nie gestellter Fragen kann ein erster wichtiger Schritt getan werden. Zudem ist es zwingend, psychotherapeutische Angebote für jene zu ermöglichen, bei denen die (langanhaltende) Einsamkeit bereits Spuren hinterlassen hat, die durch eigene Energie oder Zuwendung aus dem Umfeld (so noch abrufbar) nicht zu bearbeiten sind.

Auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene ist guter Rat teuer. Unzweifelhaft können politische Entscheidungen, z. B. Armutsbekämpfung, die bessere Integration von alten Menschen, die Bereitstellung von Mitteln für innovativen Wohnungsbau, helfen, die Fahrt in die Vereinsamungs-Sackgasse zu bremsen. Es ist aber nicht damit getan, Forderungen ‚an die da oben‘ zu richten – im Gesamten bedarf es ebenfalls eines Perspektivenwandels!

Prof. Dr. Hartmut Rosa, an der Universität Jena lehrender Soziologe, kritisiert vehement, dass unsere Gesellschaft seit der Industrialisierung immer stärker darauf ausgelegt ist, Weltreichweite zu vergrößern, weil alle ihre Bereiche auf Steigerung ausgelegt sind. Er will die Gesellschaft, deren Beschleunigung er immer beklagt, durch zwischenmenschliche Anerkennung verbessern.

Das Gegenmittel zu der allseitigen Entfremdung sollen die „Resonanzerfahrungen“ sein, mit denen Menschen in der Welt Anklang finden und sich in ihr „zu Hause“ fühlen können. Resonanz ist die Grundsehnsucht nach einer Welt, die einem antwortet. Und die in jedem Menschen angelegt ist, weil wir Beziehungsmenschen sind. Die entscheidenden Fragen des Menschen sind dabei: Steht mir die Welt als etwas Antwortendes, Gütiges gegenüber? Oder als etwas Feindliches? Wenn diese Sehnsucht eingelöst wird, weil jemand aufgeht in einem bestimmten Bereich, führt er in Rosas Sicht ein gelungenes Leben. Dabei kann man Resonanzmomente in allen gesellschaftlichen Sphären erleben – in der Kunst, wenn man im Museum vor einem Bild steht, beim Singen im Chor, … oder wenn man in seiner Arbeit aufgeht (Rosa, 2018). Darin sieht er die Basis für ein Mehr an persönlicher Zufriedenheit und einem wachsenden Interesse an den Mitmenschen.

Rosa kommt zu dem Schluss: „Was wir also brauchen in dieser Gesellschaft, als einzelne Menschen und als politische Gemeinschaft, ist nicht mehr Wachstum, sind nicht höhere Innovationsraten, sondern: ein Verständnis zu gewinnen und eine politisch folgenreiche und wirkmächtige Verständigung zu suchen darüber, was uns Resonanzachsen stiftet und gewährt in dieser Welt und was ihre Ausbildung und Aufrechterhaltung verhindert, was uns in Zustände dauerhafter Entfremdung zwingt, die durch den Verlust solcher Weltbeziehungen charakterisiert sind“ (Thöne, 2016).

Zugegebenermaßen ist es bis zur Erreichung solcher Zustände ein weiter Weg, dennoch dürfte es sich auf lange Sicht lohnen, ihn zu begehen, um dem Problem der Einsamkeit Einhalt zu gebieten.

„Einsamkeit […] wird zunehmend als eine unfreiwillige Kondition empfunden, die sich mit den modernen Lebensverhältnissen ausbreitet“, resümiert der Philosoph Peter Sloterdejk (zitiert in Simmank, 2018). Somit stellt sich auch die Frage, von welchen modernen Lebensverhältnissen wir auf Dauer Abschied nehmen wollen bzw. ob wir es (noch) können.

Literatur

Hax-Schoppenhorst, T. (2018). Das Einsamkeits-Buch. Wie Gesundheitsberufe einsame Menschen verstehen, begleiten und integrieren können (im Druck). Bern: Hogrefe.

Eckhard, J. (2018). Einsamkeit als Folge von Armut und Marginalisierung. In: Hax-Schoppenhorst, T.

Jahn, C. (2018). Wenn der Körper zur Last der Seele wird. Ein Erfahrungsbericht zum sozialen Rückzug bei ‚unsichtbaren Erkrankungen‘. In: Hax-Schoppenhorst, T.

Levend, H. (2018). Lebensphänomen Einsamkeit. In: Hax-Schoppenhorst, T.

Rosa, H. (2018). Was brauchen Menschen? Vom Schweigen der Welt und von der Sehnsucht nach Resonanz. In: Hax-Schoppenhorst, T.

Schwab, R. (1997). Einsamkeit. Grundlagen für die klinisch-psychologische Diagnostik und Intervention. Bern: Huber.

Simmank, J. (2018). Einsamkeit – eine tückische Trenddiagnose. Zugriff am 25.04.208 unter: https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2018-04/psychologie-einsamkeit-manfred-spitzer-gefuehl-krankheit-alleinsein-isolation

Sonnenmoser, M. (2018). Einsamkeit und Gesundheit. In: Hax-Schoppenhorst, T. (2018) (im Druck).

Stefan, H.; Allmer, F.; Eberl, J.; Hansmann, R. (2009). POP – PraxisOrientierte Pflegediagnostik – Pflegediagnosen – Ziele – Maßnahmen. Wien/New York: Springer.

Thöne, E. (2016). Achtsamkeit als Trend. Langsamer machen reicht nicht. Interview mit Hartmut Rosa. Spiegel online. Letzter Zugriff am 13.03.2018 unter: https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/resonanz-statt-beschleunigung-hartmut-rosas-gegenentwurf-a-1082402.html

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 3 Artikel
psychiatrisch Pflegender, Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag), Fachautor

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