Fahren auf Sicht

12. Oktober 2022 | Bildung | 0 Kommentare

12Die zu Beginn des Jahres 2020 ausgebrochene Pandemie, eine stetig steigende Zahl von Naturkatastrophen weltweit sowie der Ende Februar 2022 begonnene Krieg in der Ukraine haben der Menschheit in nicht mehr zu ignorierender bzw. verdrängender Weise vor Augen geführt, dass Gewissheit eine Illusion, nichts sicher ist. Diesem Umstand gilt es sich zu stellen, um Perspektiven zu gewinnen, die eine Zukunft trotz aller Unwägbarkeiten ermöglichen und dabei den Wert des Lebens achten sowie schützen.

Sehr konkret, nicht selten unter Bedrohung der Lebensperspektive, müssen sich (schwer) erkrankte Menschen Fragen nach dem Morgen stellen, da sie nicht wissen, welchen Weg ihr Leiden nimmt.

Sowohl auf grundsätzliche Daseins- und Sinnfragen als auch auf durch Ungewissheit bedingte emotionalen Notlagen muss und kann in angemessener, professioneller Weise reagiert werden. In den Gesundheitsberufen bieten sich hier zahlreiche Möglichkeiten – vorausgesetzt, das Problem wird erkannt!

Ungewissheit ist ein dynamischer Zustand, „in dem die Wahrnehmung besteht, dass man nicht in der Lage ist, Wahrscheinlichkeiten für Ergebnisse zuzuordnen, was ein unangenehmes, unbehagliches Gefühl hervorruft, das durch kognitive, emotionale oder verhaltensbezogene Reaktionen oder durch den Ablauf der Zeit und Veränderungen in der Wahrnehmung der Umstände beeinflusst (verringert oder verstärkt) werden kann. Die Erfahrung von Ungewissheit ist in der menschlichen Erfahrung allgegenwärtig und wird durch Gefühle von Zutrauen und Kontrolle vermittelt, die sehr spezifisch (ereignisorientiert) oder globaler (Weltanschauung) sein können“ (Penrod, 2001, S. 241).

Ungewissheit, das Gefühl der Unvorhersehbarkeit von Ereignissen also, ist zu einem allgemeinen Lebensgefühl geworden. Lantermann (2022, S. 15) bietet eine Erklärung, wieso es hierzu kommen konnte:

„Die atemberaubende Dynamik gesellschaftlichen Wandels berührt den Lebensalltag von ökonomisch Abgehängten genauso wie den Lebensalltag in der Mitte der Gesellschaft.

Die Welt erscheint heutzutage weniger kontrollierbar, unsicherer und unübersichtlicher gegenüber früheren Zeiten, als die Welt noch in Ordnung schien, als ‚Globalisierung‘, ‚Neoliberalismus‘, ‚Individualisierung‘, ‚Digitalisierung‘ und ‚Pandemie‘ Fremdworte waren und man sich in Zeiten der Not noch auf die Familie, Nachbarn, Freunde und den Staat verlassen konnte. Spätestens seit der immer noch grassierenden Pandemie macht sich heute keiner mehr die Illusion, auf einer Insel des fraglosen Überblicks, garantierter Sicherheiten und des verlässlichen Miteinanders zu leben.“

Es gehört zum Wesen des Menschen, auf allen Ebenen seines Seins nach Gesichertheit und Gewissheit zu streben. Dieses Streben kann jedoch nur bedingt erfolgreich sein. Schüßler (2022, S. 55) resümiert, dass uns das „Großereignis Pandemie“ dreierlei deutlich gemacht hat:

  1. dass das Leben grundsätzlich fragil ist,
  2. dass die Medizin, bei allen zweifelsfrei gemachten Fortschritten, nicht alle Krankheiten heilen und den Tod nicht verhindern kann,
  3. dass die Frage nach dem Sinn des Lebens wieder verstärkt in den Fokus rückt.

Die geo-, öko- und biopolitische Situation „des ‚Dauer-Ausnahmezustands‘ konfrontiert implizit mit dem intrapsychischen existenziellen Dauerausnahmezustand (Sinnlosigkeitsangst, Todesangst, Einsamkeit, Freiheitsangst)“ (Vogel, 2022, S. 264).

Insgesamt sieht Bauman (2008, S. 11) „die Notwendigkeit des Handelns (…) unter den Bedingungen einer endemischen Ungewissheit.“

Gefühle von Ungewissheit finden ihren Ausdruck weniger in, um ein Bild zu verwenden, ‚lauten Posaunenklängen‘, vielmehr sind sie vergleichbar mit einer sehr leisen, mitunter düsteren Hintergrundmusik im ‚Film des Lebens‘, in dem bei schneller Bildfolge der Lärm des Alltags diese zwar übertönt, aber dennoch Spuren hinterlässt.

Es erfordert folglich Mut, Ungewissheit und Zweifel immer wieder zu bearbeiten, sich neu zu orientieren und dabei dem Zweifel, der Verunsicherung und den individuellen wie gesellschaftlichen Wandlungsprozessen schöpferischen Raum zu geben. Mit durchaus provozierender, zugleich befreiender Klarheit formuliert Keil (2022, S. 87) ihre Bilanz: „Leben hat nichts versprochen. Es hat die Ungewissheit und Unsicherheit konstitutiv an seiner Seite, weil es offen und in Raum und Zeit verfügbar bleiben will, um unser eigenes Leben werden zu können. Das Leben stellt uns die Fragen und nicht umgekehrt wir dem Leben. In keiner Wiege lag irgendeine Gebrauchsanweisung! Umstellt von mehr oder weniger guten Ratschlägen und unterschiedlichsten Lebensbedingungen suchen wir individuell nach dem eigenen wie den gemeinsamen Wegen. Leben ist gefährdet und gefährlich, kein sicherer Fahr- und Zeitplan, voller Hindernisse und Stolpersteine,

aber genau in dieser herausfordernden Ungewissheit und Unverfügbarkeit liegen sein

Auftrag, seine Aufgaben und seine spezifischen Möglichkeiten.“

Ungewissheitstoleranz

Mit dem Gefühl, nicht zu wissen, wie die Dinge sich entwickeln werden, vermögen Menschen in unterschiedlicher Weise umzugehen. Da Ungewissheiten allgegenwärtig sind, ist es von großem Vorteil, möglichst sachlich und ausgewogen mit dem Ungewissen umgehen zu können. „Das heißt, sich vielleicht nicht unbedingt absichtlich in völlig ungewisse Situationen zu stürzen, aber die Spannung eines ungewissen Ausgangs schon ausreichend gut aushalten zu können, um einigermaßen ruhig und handlungsfähig

zu bleiben“ (Spitzer, 2022, S. 234). Der (In-)Toleranz gegenüber Ungewissheit kommt tragende Bedeutung zu. Diesbezügliche Intoleranz besteht aus der Überzeugung, „dass es (a) für alle Situationen Gewissheit gibt, und (b), dass es möglich und (c) absolut zwingend ist, einer zukünftigen Entwicklung gewiss zu sein. Und zudem, dass es (d) schlimme Folgen (Gefahr, Belastung, Handlungsunfähigkeit, personale Abwertung) hat, wenn das, was auf einen zukommt, ungewiss bleibt. Außerdem (f) ist es ungerecht, wiederholt Ungewissheit im Leben ausgesetzt zu sein“ (Spitzer, 2022, S. 234).

In Ungewissheitsintoleranz ist ein wichtiger Vulnerabilitätsfaktor für vielfältige psychische Probleme zu sehen. Neben der in diesem Zusammenhang häufig genannten Generalisierten Angststörung werden als Diagnosen mit einer geringen Toleranz in Verbindung stehend genannt: Zwangsstörung, Hypochondrie, Soziale Phobie, Panikstörung, Posttraumatische Belastungsstörung, Depression und Anorexie (Spitzer, 2022, S. 238).

Was tun? Inzwischen liegen bezüglich der Ungewissheitstoleranz mehr oder weniger ausführliche verhaltenstherapeutische Therapieprogramme und Anleitungen zur Selbsthilfe vor. „Am Ende einer erfolgreichen Psychotherapie steht ein entspannterer Sinn für das Ungewisse. Die Fähigkeit, sich mit unvermeidbaren ungewissen Umständen im Leben zu arrangieren, soll sich deutlich verbessern. Ungewisse Situationen

erscheinen nicht mehr übermäßig bedrohlich und die eigene Handlungsfähigkeit ihnen gegenüber ist deutlich größer“ (Spitzer, 2022, S. 240).

Die hier skizzierten Möglichkeiten einer (therapeutischen) Intervention beziehen sich auf eher ‚moderate‘ Ungewissheitskonstellationen. Somit ist hervorzuheben, dass es sehr unterschiedliche Grade der Belastung durch Ungewissheit gibt. Es macht in der Tat einen großen Unterschied, ob ich mir den Kopf über einen Stellen- bzw.- Ortswechsel zerbreche, oder ob eine unerwartete Diagnose mich zwingt, von heute auf morgen umzudenken.

Kontext Krankheit

Das Leben von Schlaganfallbetroffenen z. B. verändert sich meist im wahrsten Sinne des

Wortes schlagartig. „Daher ist der Schlaganfall in allen seinen Facetten sowohl retrospektiv (Entstehungsgründe) als auch prospektiv (Wiederholbarkeit) für die Betroffenen – und in vielen Fällen selbst für die Fachpersonen – auch nach der Behandlung und professioneller Hilfe weiterhin unbestimmbar“ (Steudter, 2022, S. 145). Behandlungskonzepte (Steudter, 2022) sind daher primär darauf ausgerichtet, eine Leben mit der Unbestimmbarkeit als Ziel anzusehen; eine solche Veränderung der Perspektive wird von Betroffenen als Möglichkeit betrachtet, nicht gänzlich mit der Ungewissheit ‚unterzugehen‘.

Die immer wiederkehrende Auseinandersetzung mit der Erkrankung MS (Multiple Sklerose) im körperlichen, psychischen und sozialen Bereich stellt eine für Erkrankung charakteristische Herausforderung dar. Sorgen und Ängste vor dem zukünftigen Verlauf einer chronischen Erkrankung werden unter dem Begriff der Progredienzangst subsummiert. Auch Angehörige können von Zukunftsängsten betroffen sein, da MS auch für die Familie und Partnerschaft ein erhebliches Maß an Ungewissheit bedeutet. Psychotherapeutische Begleitung ist in jedem Fall anzuraten:

„Durch den Versuch, die durch MS auftretende Krise und damit einhergehenden Gefühle zu akzeptieren, lässt sich die Resilienz stärken. Eine optimistische, flexible und proaktive Haltung, die Vermeidung von Selbstanklagen und das Gefühl, sich etwas zutrauen zu können, sind weitere wichtige Faktoren, die zur Stärkung der psychischen Widerstandsfähigkeit führen. Neben der Akzeptanz der Erkrankung bzw. Behinderung gilt es auch, Lösungen für die aktuelle Situation zu finden. Auch mit der Ungewissheit kann ein guter Umgang gefunden werden, wenn Menschen mit MS nicht am Grübeln und Zweifeln hängenbleiben, sondern Unterstützung auch außerhalb der Familie suchen und insgesamt warme und stabile Beziehungen pflegen (Asimakis & Huber-Eibl, 2022, S. 153).

Ungewissheit hindert viele Patient*innen daran, eine kognitive Struktur für krankheitsbedingte Ereignisse zu bilden, was zu schlechteren Entscheidungen, psychosozialen Problemen, geringerer Lebensqualität und posttraumatischem Stress führen kann (Mishel, 1999) Daher versuchen die meisten Menschen, die Ungewissheit durch verschiedene Strategien zu bewältigen. Wenn dies jedoch nicht möglich ist, wird versucht, die Auswirkungen der Ungewissheit zu minimieren.

So spielt Ungewissheit auch eine zentrale Rolle im Leben von Menschen mit CED (chronisch-entzündliche Darmerkrankungen). „Es betrifft und belastet alle Lebensbereiche und erfordert eine Vielzahl von Strategien, um im Alltag zurechtzukommen. Ungewissheit tritt oft mit den ersten Symptomen auf und setzt sich in Zusammenhang mit der Diagnose fort – vor allem, wenn die Symptome ohne ersichtlichen Grund auftreten. Auch nach vielen Jahren der Krankheit dominiert oft Ungewissheit das Leben: Sie prägt die meisten Alltagssituationen, Erfahrungen, Gedanken und Gefühle der Betroffenen“ (Palant, 2022, S. 163).

Die Liste der Beispiele ließe sich beliebig fortsetzen…

Entscheidend ist, dass die als maximale Belastung erlebten Ungewissheitsgefühle von den im Gesundheitswesen Aktiven gesehen, akzeptiert und auch thematisiert werden.

Behandlung/Pflege

Haußmann (2022, S. 50–51) beschreibt grundsätzliche Aspekte der spirituellen Unterstützung in ungewissen Zeiten, die von allen an der Behandlung beteiligten Berufsgruppen berücksichtigt werden sollten (Auszug):

  1. Solidarität und geteilte Ungewissheit: Als Alltags-oder Krisenphänomen betrifft Ungewissheit alle Menschen gleichermaßen. Daher gilt es, sich auch der eigenen Ängste, Ungewissheit, Unsicherheiten bewusst zu sein. Sich selbst nicht nur als Helfende, sondern als selbst Bedürftige zu sehen, das kann ein erster Schritt zum Umgang mit solidarischer, gemeinschaftlicher Ungewissheit sein. Gemeinsam die Ohnmacht angesichts der faktischen Ungewissheit über die Zukunft des Lebens auszuhalten, kann für Helfende wie Hilfesuchende eine gemeinschaftsstärkende Erfahrung sein.
  2. Spirituelle Bedürfnisse: Welche religiös-spirituellen Überzeugungen, Praktiken und Gefühle Menschen mitbringen, kann zunächst im Gespräch ergründet werden. Daran schließt sich die Frage an, welche spirituellen Bedürfnisse jetzt gerade relevant sind, die von Stille über inneren Frieden bis hin zu Naturerlebnissen oder Gebet und Meditation reichen können.
  3. Zukünftiges imaginieren: Imagination kann helfen, das spirituelle Potenzial von Ungewissheit zu entdecken, indem sie zum Perspektivwechsel anregt. Was ungewiss ist, birgt auch Wunder, Überraschung, Schönes. Wer sich aktiv ausmalt, wie die Zukunft positiv aussehen kann und damit Träumen und Wünschen Raum gibt, hat Bilder und Verarbeitungsmöglichkeiten für das, was tatsächlich kommt.
  4. Ermutigen, Ungewissheit auszuhalten: Abhängig vom Grad der existenziellen Ungewissheit und orientiert an der Lebensgeschichte und der individuellen Belastung können Menschen auch ermutigt werden, Ungewissheit anzunehmen und auszuhalten.

Ungewissheit ist in einem breiten Spektrum wahrzunehmen, wobei alltagsgebundene Ängste und Unsicherheit von existenzieller Sorge und pathologischen Störungen zu unterscheiden sind. Die jeweilige Lebenssituation und der Kontext sind genauso im Blick zu behalten wie die gesellschaftliche ‚Großwetterlage‘.

Ungewissheit kann als eine aktuelle menschliche Reaktion definiert werden, „die sich als Unfähigkeit zeigt, den Sinn von Krankheitsereignissen oder Lebensprozessen zu bestimmen, wenn diese Ereignisse uneindeutig, unklar, sehr komplex, ohne Erklärung sind oder wenn medizinische Befunde oder die Entwicklung der Pflegesituation nicht vorhersagbar sind“ (Georg, 2022, S. 111).

Der Pflegeprozess „Ungewissheit steuern“ (Georg, 2022, S. 114) „ist ein logischer, klientenzentrierter, zielgerichteter, universell anwendbarer und systematischer Denk- und Handlungsansatz, den Pflegende während ihrer Arbeit nutzen (…). Im Rahmen dieses Prozesses werden aktuelle Gesundheitsprobleme (…), ein ‚Ungewissheitsrisiko‘, Entwicklungspotenziale und Ressourcen (…) eingeschätzt, diagnostiziert sowie gezielte Interventionen mit Personen geplant, ausgeführt und bewertet, die sich in ihrem Gefühl der Sicherheit und Gewissheit als beeinträchtigt oder gefährdet erleben oder die ihre Ungewissheitstoleranz verbessern möchten. Ziel ist es, Ressourcen und Möglichkeiten zur Förderung der Sicherheit, Gewissheit und Ungewissheitstoleranz zu nutzen, zu entwickeln und aktuelle und potenzielle Gesundheitsprobleme und Krisen zu lösen, zu lindern oder Menschen bei deren Bewältigung zu unterstützen.“

Eine Einschätzung der (Un-)Gewissheit oder Ungewissheitstoleranz eines Klienten ist besonders in Übergangs- und Krisensituationen notwendig. Im Rahmen des Assessments („Ungewissheit einschätzen“) können u. a. (ausführliche Darstellung in Georg, 2022, S. 116) folgende Fragen zielführend sein:

  • Wie erlebt die Person die Situation der Ungewissheit?
  • In welchem biografischen Kontext tritt Ungewissheit auf, was war vor der Erkrankung, welche Hoffnungen, Träume wurden mit ihr verändert oder zerschlagen?
  • Wie stark ist die krankheitsbedingte Ungewissheit während und nach der Behandlung, wie sehr leidet die Person unter der ungewissen Situation?
  • Welche zusätzlichen Stressoren in Form vergangener und gegenwärtig belastender Ereignisse steigern die Verunsicherung der Person?
  • Welche Schutzfaktoren fördern die Gewissheit, Sicherheit und Ungewissheitstoleranz einer Person? Was lässt die Person hoffen, was sind ihre Stärken?

Wenngleich sich „Ungewissheit“ (noch) nicht in der offiziellen Klassifikation der NANDA-I-Pflegediagnosen findet und sich (noch) nicht eindeutig mit Merkmalen/Symptomen und Einflussfaktoren beschreiben lässt, so kann man sie doch im pflegediagnostischen Sinne als menschliches Reaktionsmuster auf aktuelle und potenzielle Gesundheitsprobleme identifizieren. Zahlreiche Berührungspunkte bestehen zwischen Ungewissheit/Unsicherheit und anderen Pflegediagnosen. So können Ungewissheit, Unsicherheit, Unvorhersehbarkeit und Verunsicherung als Symptom (S), Einflussfaktor (E), Risikofaktoren (R) oder Definitionsbestandteil (D) anderer Pflegediagnosen gesehen werden. Beispielsweise (ausführlich in Georg, 2022, S. 118):

Angst (S), Beeinträchtigte Religiosität (E), Risiko einer Machtlosigkeit (R) und Entscheidungskonflikt (D).

Pflegerische Interventionen variieren abhängig davon, ob es sich um eine symptombezogene, medizinische, alltagsbezogene oder ätiologische Form der Ungewissheit handelt.

„Zusammenfassend haben alle Pflegeinterventionen bei Ungewissheit orientierenden Charakter, d. h. in einer Situation herauszufinden, worum es in ihr geht, was in ihr zu tun ist, was aus ihr zu machen ist. (…) Die Kunst der Pflege besteht in Bezug auf Ungewissheit darin, Menschen Halt in haltlosen Situationen zu geben“ (Georg, 2022. S. 122).

Ausblick

Unsicherheit und Ungewissheit können, bleiben sie unartikuliert, in sehr unterschiedlichen Kontexten zu erheblichen Beeinträchtigungen führen und Betroffenen die (Lebens-)Energie rauben. Im Gesundheitswesen sollte ihre Wirkkraft auf allen Ebenen vermehrt Aufmerksamkeit finden, um daraus hilfreiche Interventionen abzuleiten.

Auf gesellschaftlicher Ebene ergibt sich ein nachdenklich stimmender Aspekt: „Der Psychologe Ernst-Dieter Lantermann (2016) forscht seit Jahren zur Ungewissheit und sieht in Reaktionen auf sie die ‚Logik des Fanatismus‘: Das Wegbrechen von ehemals verlässlichen Welt- und Selbstgewissheiten werde als Angriff auf die eigene Person erlebt – die Radikalisierung der eigenen Wahrnehmungen, Haltungen und Verhaltensweisen diene als Rettungsanker“ (Schellhammer, S. 80).

In den Anfängen der Pandemie 2020 erntete der damalige Ministerpräsident Nordrhein- Westfalens Armin Laschet harsche Kritik, als er in Bezug auf zu treffende Maßnahmen zur Eindämmung der hohe Infektionszahlen bekundete, man fahre derzeit „auf Sicht“, da das Wissen über COVID-19 noch nicht so ausgereift sei, dass man exakt voraussehen könne, was schließlich umfangreich Wirkung zeigt. So unbeholfen dieses Bekenntnis wirkte, so ehrlich war es… Damit verbunden war die schlichte Aufforderung, mit dem derzeitigen Kenntnisstand, mit der Ungewissheit zu leben.

Ungewissheit lässt sich nicht aus dem Leben verbannen. Dadurch aber, dass wir ihr mehr und dabei klar ‚in die Augen schauen‘, können wir den Umgang mit ihr üben und sie dabei sicherlich nicht ausschließlich als finstere Bedrohung erleben. Ein Versuch lohnt sich!

Literatur

Asimakis, J. & Huber-Eibl, K. (2022). Ungewissheit im Leben mit Multipler Sklerose. In T. Hax-Schoppenhorst & J. Georg, Ungewissheit und Unsicherheit durchleben. Wie mit Menschen in unvorhersehbaren Lebens- und Gesundheitssituationen umgehen? (S. 147–154). Bern: Hogrefe.

Bauman, Z. (2008). Flüchtige Zeiten. Leben in der Ungewissheit. Hamburg: Hamburger Edition.

Georg, J. (2022). Ungewissheit – pflegerisch betrachtet. In T. Hax-Schoppenhorst & J. Georg, Ungewissheit und Unsicherheit durchleben. Wie mit Menschen in unvorhersehbaren Lebens- und Gesundheitssituationen umgehen? (S. 111–122). Bern: Hogrefe.

Keil, A. (2022). Ungewissheit – Wurzel der Neugier und Anstiftung zum Leben. In T. Hax-Schoppenhorst & J. Georg, Ungewissheit und Unsicherheit durchleben. Wie mit Menschen in unvorhersehbaren Lebens- und Gesundheitssituationen umgehen? (S. 85–96). Bern: Hogrefe.

Lantermann, E.-D. (2016). Die radikalisierte Gesellschaft: Von der Logik des Fanatismus. München: Blessing.

Lantermann, E.-D. (2022). Geleitwort. In T. Hax-Schoppenhorst & J. Georg, Ungewissheit und Unsicherheit durchleben. Wie mit Menschen in unvorhersehbaren Lebens- und Gesundheitssituationen umgehen? (S. 15–17). Bern: Hogrefe.

Mishel, M. H. (1999). Uncertainty in chronic illness. Annual Review of Nursing Research, 17, 269–294.

Palant, A. (2022). Krankheitserfahrungen bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. In T. Hax-Schoppenhorst & J. Georg, Ungewissheit und Unsicherheit durchleben. Wie mit Menschen in unvorhersehbaren Lebens- und Gesundheitssituationen umgehen? (S. 157–164). Bern: Hogrefe.

Penrod, J. (2001) Refinement of the concept of uncertainty. Journal of Advanced Nursing, 34(2), 238–245.

Schellhammer, B. (2022). Zum responsiven Umgang mit Ungewissheit. In T. Hax-Schoppenhorst & J. Georg, Ungewissheit und Unsicherheit durchleben. Wie mit Menschen in unvorhersehbaren Lebens- und Gesundheitssituationen umgehen? (S. 77–84). Bern: Hogrefe.

Schüßler, W. (2022). Über die positive Bedeutung der menschlichen Ungewissheit. In T. Hax-Schoppenhorst & J. Georg, Ungewissheit und Unsicherheit durchleben. Wie mit Menschen in unvorhersehbaren Lebens- und Gesundheitssituationen umgehen? (S. 55–61). Bern: Hogrefe.

Spitzer, N. (2022). Just to be certain. In T. Hax-Schoppenhorst & J. Georg, Ungewissheit und Unsicherheit durchleben. Wie mit Menschen in unvorhersehbaren Lebens- und Gesundheitssituationen umgehen? (S. 233–241). Bern: Hogrefe.

Steudter, E. (2022). Unbestimmbarkeit als zentrale Erfahrung bei akutem Schlaganfall. In T. Hax-Schoppenhorst & J. Georg, Ungewissheit und Unsicherheit durchleben. Wie mit Menschen in unvorhersehbaren Lebens- und Gesundheitssituationen umgehen? (S. 139–146). Bern: Hogrefe.

Vogel, R. T. (2022). Kollektive Verunsicherung – Tiefenpsychologische und therapeutische Überlegungen. In T. Hax-Schoppenhorst & J. Georg, Ungewissheit und Unsicherheit durchleben. Wie mit Menschen in unvorhersehbaren Lebens- und Gesundheitssituationen umgehen? (S. 263–272)). Bern: Hogrefe.

 

Autor:innen

  • Juergen Georg

    Jürgen Georg MScN ist Pflegefachmann, -lehrer und -wissenschaftler und Programmleiter PFLEGE des Hogrefe-Verlages in Bern

  • Thomas Hax-Schoppenhorst

    Pädagogischer Mitarbeiter der LVR-Klinik Düren (D) seit 1987; 16 Jahre im Maßregelvollzug tätig, seit 2003 Öffentlichkeitsbeauftragter und Integrationsbeauftragter der Klinik; Autor und Herausgeber von Büchern zu Fragen des Gesundheitswesens, Dozent an Pflegeschulen, Mitarbeiter bei verschiedenen Zeitschriften.