Fachlichkeit – gut, besser, am besten?

Reflexionen aus dem Bildungsbereich

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In der Langzeitpflege gibt es Begriffe, mit denen scheinbar alles gesagt ist über die Qualität der eigenen Aktivitäten: „Haltung“ ist einer davon, ein anderer „Fachlichkeit.“ Als Bildungsmanagerin stellen mich beide vor Herausforderungen unterschiedlicher Art.

Haltung in Tagesseminaren oder Lehrgängen zu vermitteln, und zwar so, dass sie im Alltag wirksam wird, bleibt ein Ziel, dem man sich immer nur annähern kann. Ein messbarer Erfolg, ein neudeutscher „Impact“ bleibt ungreifbar. Trotzdem gibt es Momente, in denen spürbar wird, dass es gelingt, dass Person und Vermittlung einer Referentin so zusammenwirken, dass die Teilnehmenden bewegt sind und sich in ihnen etwas bewegt.

Die Fachlichkeit stellt sich vor allem im Bereich der Demenz noch vielschichtiger dar. In einem Umfeld der Akademisierung und immer stärkeren Differenzierung der Pflegeberufe wird sie zu einem Maßstab weit über das Handeln am Bewohner, an der Klientin hinaus. Sie bestimmt über Status, Einfluss und Einkommen und sie markiert Grenzen.

Als Bildungsmanagerin ist es verlockend, die Angebote an der Fachlichkeit auszurichten. Mehr Wissen, mehr Techniken, mehr Standards, mehr Studien – das alles lässt sich ohne große Schwierigkeiten in Bildungsplänen verpacken. Aber wohin geht eine solche Reise? Wollen wir als palliativ geprägte Einrichtung auch dorthin? Was bedeutet ein Streben nach immer mehr Fachlichkeit für unseren Anspruch an Interdisziplinarität und einen zivilgesellschaftlichen Zugang zur Demenz?

Peter Wißmann, Leiter von Demenz Support Stuttgart, kritisiert wortreich den „Glauben an den Vorrang professioneller Fachlichkeit.[1]“ Damit, so Wißmann, würden Befähigung und Beteiligung unterbunden. Bildungsangebote, z.B. für Ehrenamtliche, würden nur dazu führen, dass Intuition verloren geht zugunsten von eingelernten Systemen und statt eines unbefangenen Miteinanders eine „distanzierte Künstlichkeit“[2] Einzug hält.

Professionelle Pflegekräfte reagieren auf solche Hinweise mitunter heftig. So warf eine erfahrene Fachkraft Wißmanns Buch in den Papierkorb und postete ein Foto davon auf Facebook. Seine Aussagen über den Vorrang der Intuition, so ihre Begründung, seien fahrlässig. Auch ich war beim ersten Lesen empört. Nun hatten wir so schöne Angebote für ehrenamtliche Demenzbegleiter erfunden – und das sollte alles schlecht sein?

Zwei weitere Beispiele für problematische Auswirkungen eines vermuteten Vorrangs der Fachlichkeit, wie sie in Fortbildungen diskutiert wurden, möchte ich kurz beschreiben. Eines betrifft die Umgebung, in der bettlägerige Menschen zu Hause leben. Eine Referentin plädierte, im Sinne der Biografieorientierung und Normalität, dafür, dass das eigene Bett wesentlich zur Lebensqualität beitragen kann und dem Menschen, dem das wichtig ist, nicht genommen werden soll. Eine Pflegekraft wies dies für ihre Arbeit kategorisch zurück – ohne Pflegebett könne sie nicht fachlich richtig pflegen. In einem anderen Seminar wurde die Beteiligung von Angehörigen an der Pflege in einem stationären Kontext diskutiert. Als Möglichkeit, in der eigenen fachlichen Verantwortung noch gut abgesichert zu sein, wurde folgendes Vorgehen entwickelt: Die Tochter entkleidet die Mutter zum Waschen, ruft dann die Pflege, die den Körper „begutachtet“, danach kann sie die Körperpflege durchführen. Bei beiden Beispielen lässt sich der Zwiespalt ganz einfach nachvollziehen: Eine Person will einfach leben, wenn auch mit Assistenzbedarf, die andere will ihre Arbeit nach sinnvollen, anspruchsvollen Kriterien durchführen.

Abschließend musste ich beim Vorbereiten dieses Artikels sehr kritisch auf ein weiteres meiner Arbeitsfelder blicken: den demenzfreundlichen Bezirk (in diesem Fall Hietzing – Ähnliches gilt aber wohl für mehrere solche Netzwerke). Mit großem Interesse und viel Engagement finden sich gar nicht so kleine Gruppen (rund 40 Personen) zusammen, um sich zu vernetzen und daran zu arbeiten, das Leben für Menschen mit Demenz in dem unmittelbaren Lebensumfeld zu verbessern. Was allerdings nur in Spurenelementen vorhanden ist, sind die unmittelbar Betroffenen: Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen. Von wirklichem Beteiligtsein sind wir noch ziemlich weit entfernt. Das wäre nicht so schlimm, solche Prozesse brauchen Ausdauer und Mut. Kritisch muss man aber anmerken, dass man es sich im Expertenkreis ganz gut einrichtet, es gibt genug zu besprechen und so wird aus einem eigentlich bürgerschaftlich und partizipativ gedachten Projekt schnell ein Expertenzirkel. Ebenfalls frappierend ist die Reaktion, wenn es Ideen zu freiwilligen Helfern geht: auch diese, so der Tenor, bräuchten eine fachliche Begleitung und vor allem Kontrolle.

Nun soll hier natürlich nicht der Abschied von Fachlichkeit gepredigt werden – im Gegenteil versuchen wir, für unsere Bildungsangebote möglichst gut qualifizierte und in der Praxis bewährte Referierende zu gewinnen. Wir suchen aber nach einer weiteren Qualität: Der Bereitschaft, das eigene Handeln nicht primär vor dem Vordergrund der Standards, der Theorien und Techniken zu entwickeln, sondern es auch und vor allem vor dem Hintergrund der Bedürfnisse der zu betreuenden oder pflegenden Personen zu reflektieren oder sogar in Frage zu stellen. Damit landen wir letztlich wieder bei der Haltung: Der wahre Experte, die wahre Expertin ist dann nicht mehr die Person mit der höchsten Fachausbildung, sondern der oder die Betroffene selbst. Wir geben zu den Bedürfnissen all das hinzu, was Körper, Psyche und Seele brauchen. Und nur dazu brauchen wir die Fachlichkeit: dies gut zu erkennen, einzuordnen und passende Interventionen professionell zu planen, durchzuführen und zu dokumentieren.

Egal in welchen Feld der Demenzbetreuung, egal in welcher Profession oder mit welchem Berufstitel, ob als Haupt- oder Ehrenamtliche, das ist für mich der einzige Sinn und Zweck, in den Bildungsangeboten nach einer hochwertigen Fachlichkeit zu streben: immer noch stärker auf die Person zentriert das Notwendige tun zu können – und alles andere bewusst zu lassen.

[1] Peter Wißmann: Beteiligt werden, beteiligt sein, beteiligt bleiben, in: Demenz Support Suttgart (Hrsg),  „Beteiligtsein von Menschen mit Demenz“, Mabuse 2017, S. 30

[2] Peter Wißmann: „Nebelwelten“, Mabuse 2015, S. 47

Petra Rösler
Über Petra Rösler 2 Artikel
Freiberufliche Bildungsmanagerin u.a. für Forum Palliative Praxis Geriatrie am Kardinal König Haus für das Netzwerk "Gut leben im 13. - inklusive Demenz" und den Verein Freiwilligenmessen. Schwerpunkte: Demenz, Freiwilligenarbeit und Nachhaltigkeit.

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