EX-IN Genesungsbegleitung

„Spürbare Menschen“

Was qualifiziert einen Menschen eigentlich, in der psychiatrischen Versorgung zu arbeiten? Ist es bloß das staatliche Examen engagierter Mediziner*innen oder Pflegender? Ist es das Diplom aufmerksamer Psycholog*innen oder Sozialarbeiter*innen? Bei den Genesungsbegleiter*innen kommt die Expertise aus der eigenen Erfahrung mit einer seelischen Erschütterung. Expert*innen aus Erfahrung werden sie in den multiprofessionellen Teams in psychiatrischen Kliniken oder Wohnheimen genannt.

Das Buch „EX-IN Genesungsbegleitung“ zeigt nun auf vielfältige Weise, wie sich Frauen und Männer in die Begleitung seelisch angeschlagener Menschen einbringen, die selbst einmal Patient*innen oder Bewohner*innen gewesen sind. Aus der Sicht von Jörg Utschakowski, der als Psychiatrie-Referent des Landes Bremen arbeitet, ist der Einsatz von Erfahrungsexpert*innen „nicht länger eine Ausnahme, sondern wird mehr und mehr zur Regel“ (S. 7). Dabei legt Utschakowski den Fokus nicht auf die Betroffenen, sondern nimmt die psychiatrisch Tätigen in die Pflicht: „Wenn Genesungsbegleitung als wirksamer Ansatz in der Psychiatrie betrachtet wird, müssen sich auch die übrigen Mitarbeitenden fragen, wie sie mehr als spürbare Menschen wahrgenommen werden können“ (S. 8)

Dass die Einbeziehung von Betroffenen in die Hilfe-Arbeit mit einem Paradigmenwechsel verbunden ist, dies wissen die Erfahrungsexpert*innen auf jeden Fall. Sie müssen in dem Setting, in dem sie aktiv sind, nicht bloß für Verständnis sorgen. Sie müssen vor allem als Genesungsbegleiter*innen ihren Weg und ihre Rolle finden. Davon zeugen auch die vielen Praxisberichte, die Susanne Ackers und Klaus Nuißl für das Buch gesammelt haben.

An unterschiedlichen Orten und mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen sind Expert*innen aus Erfahrung in psychiatrischen Versorgungskontexten tätig. Diesen Eindruck vermitteln die lebhaften und differenzierten Beiträge. Die Texte zeigen, dass die ehemals Betroffenen nun vor allem ein ausgeprägtes Reflexionsbewusstsein, das manchem professionell Tätigen zu wünschen wäre. Professionell tätig sind die Genesungsbegleiter*innen inzwischen natürlich auch. Sie durchleben einen Rollenwechsel, der es in sich hat. Auch dies machen die Texte anschaulich.

Aufhorchen lassen die Artikel. Vor allem wenn Gwen Schulz „Solidarität als Haltung“ vorstellt, kommen psychiatrisch Tätige unbedingt ins Nachdenken. Schulz berichtet davon, dass die eigenen psychiatrischen Aufenthalte stark mit Entwertung verbunden seien. Sie setzt dem ein eigenes Verständnis der Genesungsbegleitung entgegen. Konkret schreibt sie: „Symptome machen für mich Sinn, und sie werden erst dann überflüssig oder auch weniger gefährlich, wenn wir sie verstehen, wenn wir die annehmen und nicht gegen uns selbst kämpfen“ (S. 50 / 51).

Als psychiatrisch Tätige*r diesen Gedanken zu folgen, provoziert natürlich die Frage, welchen Nutzen die Peer-Arbeit im Versorgungssetting bringt und insbesondere wo die Lerneffekte für die Professionellen verborgen sind. Antworten auf solche Fragen werden nicht zwingend direkt gegeben. Leser*innen sind aufgefordert, sich mit den Erfahrungsexpert*innen auf den Weg zu machen. Auch Vladimir Bojic sieht in der menschlichen Begegnung eine Frage der Haltung. Da beruhigt ein Blick, wie ihn Bojic auf psychiatrisch Tätige hat: „Vielleicht ermutige ich so sogar Profis, offener mit ihren eigenen Krisenerfahrungen umzugehen, die sie zweifelsohne – wie jeder Mensch – besitzen“ (S. 118).

Das Wichtige an dem Buch „EX-IN Genesungsbegleitung“ ist, dass es ein Dokument für einen grundlegenden Wandel in der Versorgung ist, wo Subjektivität eine angemessene Bedeutung bekommt. Gut so …

 

Susanne Ackers & Klaus Nuißl (Hrsg.): EX-IN Genesungsbegleitung – Erfahrungsberichte aus der Praxis, Psychiatrie-Verlag, Köln 2021, ISBN 978-3-96605-076-0, 223 Seiten, 20 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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