Ethik in der Forensischen Psychiatrie und Psychotherapie

9783954663606In der forensischen Psychiatrie zu arbeiten bedeutet gleichzeitig, mit zahlreichen ethischen Fragen konfrontiert zu werden. Das Buch „Ethik in der Forensischen Psychiatrie und Psychotherapie“ zeigt auf, mit welcher inhaltlichen Breite und gelegentlich auch sachlichen Brisanz Menschen zu tun haben, die forensisch-psychiatrisch tätig sind.

Zuerst einmal macht es Sinn, sich mit dem Recht auf Selbstbestimmung zu beschäftigen. Denn die Frage nach der Autonomie hat in den vergangenen Jahren viele Gerichte beschäftigt und bedeutende Rechtsprechung hervorgebracht. Der Rechtswissenschaftler Hauke Brettel konstatiert in seinem Beitrag „Grenzen der Selbstbestimmung bei psychischen Erkrankungen“, dass die Situation der Behandler bei einer Zwangstherapie im Maßregelvollzug von großer Verantwortungslast bei gleichzeitiger Rechtsunsicherheit geprägt sei. Davon begünstigt werde die Gefahr einer Defensivmedizin, wie er es bezeichnet. Wer Haftungsrisiken entgehen wolle, verzichte lieber auf eine Therapie und betreibe stattdessen eine reine Gefahrenabwehr (S. 111).

Gerade Brettels Beitrag birgt Explosivität in sich. Denn er spitzt eine Fragestellung zu, die forensisch-psychiatrische Praktiker gegenwärtig an den Rand der eigenen Belastbarkeit zu bringen scheint. In seinen Augen darf das Haftungsrisiko nicht auf die Entscheidungsträger abgewälzt werden, „wenn ihnen keine allgemein-verbindlichen Entscheidungsvorgaben mitgeteilt werden“ (S. 112). Brettel sieht die Verantwortung bei der Rechtsgemeinschaft.

Vergleichbar kritisch zeigt sich der Psychiater Tilman Steinert im Aufsatz „Zwangsbehandlung, Isolieren, Festbinden? Ein ethisch-rechtliches Dilemma“. Er stellt fest, dass die gegenwärtige Praxis im Umgang mit Zwangsbehandlung unbefriedigend sei. Die extrem restriktive Genehmigungspraxis befriedige ein abstraktes Bedürfnis der Politik und der Justiz nach einer weitgehenden Wahrung von Autonomierechten (S. 121).

Von ethischen Dilemmata in der forensischen Psychiatrie der Gegenwart zu sprechen, scheint angebracht. Nicht umsonst haben Dudeck und Steger als Herausgeber die „Begutachtung und Gutachtenqualität“ unter die Lupe nehmen lassen. Autorinnen und Autoren schauen dezidiert nach „maßregelspezifischen Aspekten der Behandlung“. Sie konkretisieren aber auch den „gesellschaftspolitischen Diskurs“. Stichworte wie „Aufklärung und Einwilligung“, „Therapie von Sexualstraftätern, aber wie in geschlossener Umgebung?“ und „Riskante Anerkennung. Theologisch-ethische Herausforderung im Umgang mit Zwang“ fallen.

Es erscheint gegenwärtig heikel, in der forensischen Psychiatrie zu arbeiten. Es scheint eine Stimmung vorzuherrschen, bei der unmittelbare Reaktionen auf Fehler im System folgen und geradezu verheerend für den Entscheidungsträger sein können. Gleichzeitig muss aufhorchen lassen, was Manuela Dudeck über das totalitäre System Maßregelvollzug schreibt: „Befragt man das Personal innerhalb des Maßregelvollzugs nach ihren Hauptaufgaben, kommt überzufällig die Antwort, dass die Patienten in der Hauptwache zu bewachen und zu kontrollieren seien, denn die Kontrolle des sog. Bösen kann ungemein entängstigen“ (S.14). In einem Milieu, wo das Abnorme die normale Erwartung sei, werde das Normale niemals anerkannt (S.14).

Recht hat Dudeck. Doch erscheint es nicht nachvollziehbar, dass in diesem ebenso aktuellen wie aufschlussreichen Buch die größte Berufsgruppe im Maßregelvollzug, die Pflegenden, eher als Objekte der Betrachtung, denn als Subjekte, die sich an der ethischen Diskussion beteiligen können, wahrzunehmen sind. Schade.

Manuela Dudeck / Florian Steger (Hrsg.): Ethik in der Forensischen Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin 2018, ISBN 978-3-95466-360-6, 309 Seiten, 69.95 Euro.

Autor:in

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    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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