Christophs Pflege-Café: Ethik hat ihren selbstverständlichen Ort

Als Angehöriger im Krankenhaus

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Sind Sie als Pflegende(r) einmal in der Rolle eines Angehörigen eines erkrankten Menschen gewesen? Wenn Sie diese Frage mit einem Ja beantworten, so stellt sich natürlich die Frage, was anders gewesen ist, als sie sich auf der Station bewegt haben, wo ihre Eltern, ihr(e) Partner(in), ihr Kind oder wer auch immer versorgt wurde? Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, wie plötzlich sich die Perspektive verändert oder Hoffnungen und Erwartungen eine ganz andere Wertigkeit bekommen.

Es ist etwas mehr als zwei Jahre her, als mein Vater im Sterben lag. Es fing schon damit an, wie froh ich war, als ich über seine Krankenhausaufnahme informiert wurde. Noch bevor das Pflegeheim, in dem er zweieinhalb Jahre einen Teil seines Lebensabends verbrachte, anrief, informierte mich eine Ärztin über seinen aussichtslosen Gesundheitszustand. Die Medizinerin entschuldigte sich für ihre pragmatische Frage, ob denn mein Vater eine Vorsorgevollmacht habe. Die positive Antwort blieb ich nicht schuldig. Im gleichen Atemzug informierte ich sie darüber, dass mein Vater keine lebensverlängernden Maßnahmen wünschte. Dies hatte er ganz offen über Jahre hinweg immer wieder gesagt. Seine langjährige Lebensgefährtin hatte er lange Monate sterben sehen. Es blieb mir die Zusicherung, dass ich zeitnah in das Krankenhaus komme, um nach dem Rechten zu sehen und die Vorsorgevollmacht mitzubringen.

Ich war dankbar dafür, dass ein kleines Krankenhaus am Rande einer rheinischen Großstadt eine pflegerisch-medizinische Ethik lebte, nicht bloß im Leitbild stehen hatte. In der Hektik des Alltags, zwischen Laborroutine und Sonographie, zwischen EKG und MRT haben heikle Fragen ihren ganz selbstverständlichen Ort. Diesen Eindruck gewann ich schon am Telefon. Die Atmosphäre auf der Station bestätigte dies. Es war wohltuend, freundlich begrüßt zu werden, als ich die Vorsorgevollmacht in treue Hände übergab. Die aussichtslose Gesundheitssituation wurde mir kurz erläutert, als professionell Pflegender war ich plötzlich betroffen – von der Endlichkeit des Lebens, vom Sterben eines mir tief verbundenen Menschen.

Von Tag zu Tag wurde der Allgemeinzustand meines Vaters schwieriger. Seine Niere machte nicht mehr die Arbeit, die sie erledigen sollte. Von Tag zu Tag wurde er schwächer. Die Frage, ob er uns noch erkannte, stellten wir uns nicht. Genauso egal war es, was er von dem Geschehen um ihn herum noch wahrnehmen konnte. Die Hauptsache war, dass wir ihm noch Momente des Dabeiseins, des Zusammenseins geben konnten.

Wir stellten uns unter anderem noch die Frage, was wir ihm Gutes tun können. Sein erfülltes Leben lang schmeckte ihm Altbier. Aus einer Hausbrauerei seiner geliebten Heimatstadt. Wir kauften eine Flasche dieses „leckeren Dröppke“ (Werbeslogan der Brauerei). Als wir ihn im Krankenhaus auf dem Bett liegen sahen, mussten wir feststellen, dass er es gar nicht mehr schaffte, aus einem Glas oder Becher zu trinken. Apropos Pragmatismus: wir tunkten große Wattestäbe ins Altbier, befeuchteten damit den Mund.

Was meinen Sie, was dann passierte? Immer wenn er die Wattestäbchen schmeckte, riss er die verschlafenen Augen auf, versuchte, den Oberkörper aufzurichten. Sein Leib zeigte ein unglaubliches Erinnerungsvermögen. Es war ein Kar-und Osterwochenende. Irgendwie hatte es etwas von einer Auferstehung. Als ein diensthabender Pflege-Kollege dies miterlebte, grinste er und sagte nur: „Macht weiter so. Er hat es sich wohl verdient.“

Mein Vater kämpfte noch etwas mehr als 48 Stunden mit seinem Leben. Es war zu erwarten, dass er diesen Kampf verlieren wird. Als die Stunde gekommen war, durften wir dabei sein. Wir durften ihn auf dem letzten Weg begleiten. Mit etwas zeitlichem Abstand bin ich dann zum Dienstzimmer, habe dem Pflege-Kollegen nur zugenickt. Ohne ein Wort ging er mit mir ins Patientenzimmer zurück. Als er sich des Todes versicherte, sagte er nur: „Bleibt so lange hier, wie Ihr wollt. Es ist jetzt Eure Zeit.“

Als Angehöriger habe ich diese Erfahrung als wohltuend erlebt. Es sind nicht die großen Worte, mit denen Pflegende Zeichen setzen. Es sind die kleinen und vor allem ehrlichen Handlungen, die Strahl-und Überzeugungskraft haben. Die Qualität eines Hauses zeigt sich nicht in der Strukturiertheit und Übersichtlichkeit der Flussdiagramme, sondern in der konkret gelebten Haltung den nächsten Menschen gegenüber.

Angehöriger zu sein heißt für mich inzwischen, die Perspektive ständig zu ändern. Oder um es mit den Worten aus einem Gespräch vor kurzem zu beantworten: „Angehöriger zu sein heißt vor allem, eine Doppel-Qualifikation für ein professionelles Handeln zu haben.“

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 81 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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