Es schmeckt wieder!

Wenn eine Dysphagie-Patientin ein Kochbuch schreibt.

(C) Wildbild für Verlag Anton Pustet

Menschen, denen wir in der stationären Pflege begegnen, sind oft in akuten Ausnahmesituationen. Nicht selten werden Patienten unvermutet und plötzlich aus ihrem gesunden Leben geworfen, hinein in ein Leben mit Krankheit und auch Krankheitsfolgen. Es ist die Aufgabe der Akteure des Gesundheitssystems, Patienten den Weg zurück in den Alltag zu leiten. Dass aber dieser Weg zurück in ein normales Leben nicht am Klinikausgang endet, sondern von den Betroffenen auch danach häufig enorme Bewältigungsarbeit geleistet werden muss und auch geleistet wird, macht die Dysphagie-Patientin Claudia Braunstein derzeit eindrücklich sichtbar. Sie hat ein Kochbuch geschrieben für Menschen mit Schluckbeschwerden und damit einen Verkaufsrenner gelandet.

Claudia Braunstein, 1962 geboren, ist verheiratet und Mutter von vier Kindern, als es sie im Juli 2011 aus ihrem Leben schleudert. Plattenepithelkarzinom am rechten Zungenrand. Ob sie sich je wieder auf normalem Weg ernähren wird können, ist ungewiss. Doch Claudia Braunstein bezeichnet sich nicht ohne Grund als „Stehauffrau“. Sie kämpft sich zurück ins Leben, in einen beinah normalen Alltag und sie setzt sich das Ziel, dass lustvolles und gutes Essen wieder Teil ihres Alltages werden muss.

2012 eröffnet sie einen Food-Blog für Menschen mit Schluckbeschwerden und gibt ihm den poetischen Namen „Geschmeidige Köstlichkeiten“.  Der Blog wird vielfach prämiert. 2015 erhält Claudia Braunstein den Jurypreis beim Food Blog Award Deutschland, im gleichen Jahr ist sie Finalistin beim österreichischen AMA Food Blog Award und 2016 sogar Finalistin beim German Food Blog Award.

Als Exotin unter den Food-Bloggern macht Claudia Braunstein aber nicht nur bei Prämierungen Furore, auch ihre Leserinnen und Leser adeln sie Monat für Monat, denn der Blog  “Geschmeidige Köstlichkeiten” wird monatlich von 20.000 Menschen besucht und viele Betroffene bedanken sich bei Claudia Braunstein für Engagement und Rezepte.

2018 erscheint “Es schmeckt wieder! Viskose Gaumenfreuden”, ein Kochbuch für Menschen mit Schluckbeschwerden. 

Interview mit Claudia Braunstein

Lesen Sie hier ein Interview mit Claudia Braunstein über ihren Weg zurück in den Alltag, über ihre Wahrnehmung bezüglich Pflege, ihre Motivation ein Kochbuch zu schreiben und warum sie sich wünscht, dass ihr Kochbuch auch Pflegepersonen lesen.

Sie betreiben seit Jahren erfolgreich einen Food-Blog für Menschen mit Schluckbeschwerden. Jetzt haben Sie für diese Zielgruppe sogar ein Kochbuch herausgegeben. Steht hinter diesen Aktivitäten eine persönliche Geschichte?

Ich würde sagen eine sehr persönliche Geschichte. Im Sommer 2011 wurde bei mir ein Plattenepithelkarzinom am Zungenrand diagnostiziert, was den Verlust eines Teiles meiner Zunge zur Folge hatte. Ich trug vorübergehend ein Tracheostoma und hatte eine PEG-Sonde, da ich mich über Wochen nicht oral ernähren konnte. Mit Hilfe intensiver logopädischer  Betreuung, großem Willen und viel Training, habe ich wieder eine orale Nahrungsaufnahme erlernt. Bis heute leide ich an Dysphagie und kann viele Nahrungsformen nicht aufnehmen. Dazu gehören stärkehaltige Nahrungsmittel, wie etwa Nudeln, Reis oder Brot, weil ich diese mit meiner verkürzten Zunge nicht abtransportieren kann. Fasriges Fleisch, hartes Gemüse oder Obst, Schnittlauch und noch vieles mehr steht nicht mehr auf meinem Speiseplan. Meine Ernährung würde ich zwischen breiig und bröckelig einstufen, kommt auch auf die Tagesverfassung an. Diese Einschränkungen und auch ein Gespräch mit der Partnerin eines ebenfalls Betroffenen, waren der Grund, meine Rezepte im Internet zu veröffentlichen.

Welche Bedeutung hatte gutes Essen in Ihrem Leben vor der Diagnosestellung?

Gutes Essen war in meinem Leben vor der Erkrankung ein sehr großer Faktor. Daran hat sich auch nichts geändert, allein das Angebot ist ein wenig eingeschränkter und anders.

Nach Ihrer Operation konnten Sie längere Zeit nicht essen, wurden über eine Sonde ernährt. Erinnern Sie sich noch an jenen Moment, an dem Sie das erste Mal wieder etwas gegessen haben. Was war es? Welche Bedeutung hatte dieser Moment für Sie?

Dieser Moment ist mir auch heute noch sehr präsent. Ich durfte gut eine Woche nach der Operation das erste Mal mit einem Teelöffel essen. Die Erwartung war sehr groß und endete in einer bitteren Enttäuschung, denn es wurde mir ein Schoko-Sahnepudding serviert und ich hatte da schon seit Jahren nichts Süßes gegessen, weil ich es einfach nicht mochte. Ja, ich bin tatsächlich in Tränen ausgebrochen, weil ich mich so ekelte. Das konnte natürlich niemand so richtig nachvollziehen.

Von der Diagnose über die Operation bis zum Weg zurück in den Lebensalltag wurden Sie von vielen Professionisten des Gesundheitssystems unterstützt. Welchen Beitrag haben dabei Pflegepersonen geleistet?

Das Personal auf der Station war über Wochen hinweg so etwas wie meine erweiterte Familie. Die Abteilung Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie an den Salzburger Landeskliniken ist eine relativ kleine Station, deshalb kennt man sich sozusagen nach wenigen Tagen. Ich habe in diesen sehr leidvollen Wochen so viel Wertschätzung, Unterstützung und auch Emotionen erhalten, dass ich auch heute noch gerne an diese Zeit denke, obwohl ja mein gesundheitlicher Zustand sehr zu wünschen ließ und meine Aussichten auch nicht sonderlich charmant waren.

Sie haben sich zurück gekämpft ins Leben. Auf vieles wurden Sie wahrscheinlich von den Professionisten des Gesundheitssystems vorbereitet. Auf welche Herausforderungen wurden Sie nicht vorbereitet?

Ich war technisch gut für den Alltag zu Haue gerüstet, zum Beispiel was die Sondennahrung anbelangte. All die sozialen Belange, wie Pensionsantrag, hatte meine Mutter übernommen und deshalb war die Hilfe des Sozialdienstes nicht notwendig. Ich denke, ich war auf meinen neuen Alltag nicht wirklich vorbereitet, was aber nicht am Klinikpersonal lag. Ich hätte mir damals jemanden gewünscht, der selber betroffen ist und einfach Erfahrungen weitergeben kann. Das hat eindeutig gefehlt. Diesen Weg habe ich selbst dann eingeschlagen und eine Selbsthilfegruppe gegründet. Ich bin lange Zeit als Betroffenenbegleiterin in der Klinik unterwegs gewesen. Habe sogar eine Fortbildung zur Psychoonkologin gemacht und hätte diese Tätigkeit gerne beruflich ausgeübt. Leider bin ich aber an der Bürokratie gescheitert. Für eine Betroffene als Expertin, selbst wenn sie eine Ausbildung gemacht hat, ist in unserem Gesundheitssystem kein Platz. So bleibt es halt beim Ehrenamt.

Warum dieses Kochbuch? Welchen Beitrag wollen Sie damit leisten?

Ein Kochbuch war eigentlich vor sechs Jahren mein Ziel. Die Umsetzung scheiterte daran, dass sich kein Verlag für dieses, nicht so populäre Thema, interessierte. Nach mehreren Absagen war mein Wunsch nach einem Buch erledigt. Mein Blog war ja inzwischen bekannt, ich schreibe mittlerweile seit drei Jahren einen zweiten Blog, einen virtuellen Bauchladen in dem auch mein Leben mit Behinderung eine Rolle spielt. Ich thematisiere dort auch Reisen mit Dysphagie. Voriges Jahr durfte ich dann in einer bekannten TV -Sendung über mein Schicksal berichten, das ja nicht nur wegen meiner Erkrankung in den letzten Jahren vor der Diagnose sehr tragisch war. Nach dieser Fernsehsendung standen plötzlich vier Verlage vor meiner Türe. Nach langem Zureden habe ich mich für die Veröffentlichung durch den Salzburger Traditionsverlag Anton Pustet entschieden.

Ich möchte durch mein Kochbuch natürlich vor allem Menschen mit Dysphagie unterstützen und auch zeigen, dass so eine verdammte Erkrankung mit all ihren Langzeit- und Spätfolgen, die den Alltag auch tatsächlich beeinträchtigen, kein Grund sein muss sich selbst auf das Abstellgleis zu stellen. Es mag sehr abwegig klingen, aber der Krebs hat mir zu einem neuen Leben verholfen, das aber bei weitem nicht zu verachten ist, es ist nur anders.

Es ist Ihnen ein Anliegen, dass Ihr Kochbuch auch Pflegepersonen erreicht. Welche Pflegepersonen sollten Ihr Kochbuch lesen und warum?

Ich würde mir wirklich sehr wünschen, dass „Es schmeckt wieder!“ auch von Fachpersonal gelesen, verwendet und empfohlen wird. Ich denke gerade in der Pflege wirft sich oft die Frage auf, was Patienten mit Schluckstörungen zu Hause essen können. Ich bearbeite das Thema ja nicht fachmännisch, sondern aus meinen eigenen, langjährigen Erfahrungen.

Haben Sie Vorstellungen davon, wie Pflegepersonen Ihr Buch in der Pflegearbeit einsetzen könnten?

Das kommt vermutlich darauf an, wo und wie die Pflege stattfindet. Oft gibt es ja auch noch pflegende Angehörige, die über jeden Tipp sehr froh sind. Gerade die Frage „Was soll ich denn dann kochen?“ höre ich sehr oft. Da könnte mein Kochbuch vielleicht einmal ein Standardwerk werden, das man einfach empfiehlt. Angehörige und auch Betroffene interessieren sich oft nicht für fachliche Hintergründe, sondern nur für die Umsetzung.

Sie sind ja auch in der Selbsthilfe für Menschen mit Schluckbeschwerden tätig. Gibt es etwas, was Sie als Dysphagie-Patientin uns Pflegepersonen mitteilen wollen?

Ja, doch. Ich kann nur ans Herz legen einmal die Speisen zu kosten, die man den Patienten so  vorsetzt, nur weil die Konsistenz passt. Nicht schlucken können, heißt nicht, dass man keinen Genuss mehr verspüren möchte. Ich würde mir generell wünschen, dass Schluckstörungen enttabuisiert werden, dass man Patienten Mut zuspricht und Selbstwert mitgibt.

Abschließend zurück zu Ihrem Kochbuch „Es schmeckt wieder!“ Verraten Sie uns Ihr Lieblingsrezept?

Diese Frage musste ja jetzt fast kommen. Eigentlich sollte ich natürlich sagen, dass alle 200 Rezepte meine Lieblingsrezepte sind. Ich persönlich esse aber tatsächlich am liebsten Tartar in allen Varianten. Davon gibt es ein paar Rezepte.

Nun sind Foodblog und Kochbuch fertig. Was ist Ihr nächstes Projekt?

Die Blogs noch weiter ausbauen, eine größere Reise ist in Planung und ich denke sehr darüber nach, meine persönliche Krankengeschichte nieder zu schreiben, die oft nicht ganz reibungslos war. Damit sollte ich mich eher beeilen, bevor die Erinnerungen immer mehr verschwimmen, was ja auch gut ist.

Als Pflegepersonen ein Kochbuch empfehlen

Wie das Interview mit Claudia Braunstein eindrücklich zeigt, muss nach einer schweren Erkrankung zuerst die Gesundheit zurückerobert werden, danach aber auch der Alltag.

„Es schmeckt wieder! Viskose Gaumenfreuden“ richtet sich an Menschen mit Dysphagie, die lernen müssen, genau diesen Alltag wieder positiv zu bewältigen. Ob Schluckbeschwerden bei vorübergehenden Zahnproblemen, ob eine einfache Halsentzündung oder ob eine schwerwiegendere Erkrankung im Mund- oder Halsbereich, das Kochbuch von Claudia Braunstein bietet Betroffenen unschätzbare Unterstützung. Gesundes und lustvolles Essen ist auch bei Einschränkungen möglich, so der Mut machende Tenor des Buches.

Wer nun glaubt das Kochbuch „Es schmeckt wieder! Viskose Gaumenfreuden“ wäre nur etwas für Menschen mit Kau- und Schluckproblemen, der irrt übrigens. Es finden sich viele Gerichte, von Aufstrichen, Suppen und Gemüsegerichten bis Desserts und Getränke, die auch „Normalesser“ schmecken, wie auch Kindern oder betagten Menschen.

Die Lieblingsrezepte der Autorin dieses Artikels, eine Gesundheits- und Krankenpflegerin, sind übrigens Schoko-Hummus und Paprika-Kokos-Suppe.

Sonja Schiff
Über Sonja Schiff 4 Artikel
MA (Gerontologie), diplomierte psychiatrische Pflegefachkraft. Gerontologische Beraterin und Trainerin, Altenpflegeexpertin, Bloggerin und Autorin. Ihr aktuelles Buch: „10 Dinge, die ich von alten Menschen über das Leben lernte. Einsichten einer Altenpflegerin“

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