„Es gibt wie gesagt keine Männer, die keine toxischen Anteile besitzen“

Sebastian Tippe bei einer Tasse Tee mit Christoph Müller

Der Pädagoge Sebastian Tippe lässt mit seinem Buch „Toxische Männlichkeit“ aufhorchen. Er nennt sich selbst einen feministischen Mann. Im Gespräch mit Christoph Müller erläutert er, welche Ideen und Haltungen hinter dem Buch stecken.

Christoph Müller Lieber Herr Tippe, Sie sprechen haben ein Buch über toxischen Männlichkeit geschrieben. Was genau kann man sich unter diesem Begriff vorstellen?

Sebastian Tippe Der Begriff ist kein neuer, jedoch ist er seit der metoo-Bewegung in allen Medien präsent. Er beschreibt problematische, sozialisationsbedingte Verhaltenseisen, Einstellungen und Präsentationen von Jungen und von Männern, mit denen sie vor allem Frauen Schaden zufügen, indem sie sie diskriminieren, benachteiligen, ausgrenzen oder ihnen gegenüber übergriffig oder gewalttätig sind. Darüber hinaus schaden Männer durch ihr Verhalten nicht nur anderen, sie schaden auch massiv sich selber. Es ist zudem ja allseits bekannt, dass Mädchen und Frauen in allen Lebensbereichen durch Männer diskriminiert und benachteiligt werden, während Männer Privilegien erhalten, die Frauen verweht bleiben. Die Vorstellung von Männlichkeit geht zudem mit der Abwertung mit allem vermeintlich weiblichen einher. Daher benötigen wir Feminismus, denn FeministInnen setzen sich für eine gleichberechtigte Gesellschaft ein, in der Frauen nicht mehr benachteiligt und diskriminiert werden.

Christoph Müller Können Sie ein paar Beispiele für toxische Männlichkeit nennen?

Sebastian Tippe Toxische Männlichkeit betrifft jeden Jungen und jeden Mann, da sie alle im Patriarchat sozialisiert sind. Daher finden wir toxische Männlichkeit auch in allen Lebensbereichen. Beispiele hierfür sind, wenn Männer Frauen permanent unterbrechen, ihnen die Welt erklären (mansplaining), wenn sie die Gedanken und Ideen von Frauen als die eigenen ausgeben, um dafür Lob und Anerkennung zu erhalten (hepeating), wenn sie sich Raum nehmen, der ihnen nicht zusteht zum Beispiel durch wildes Kämpfen, störendes hin- und herrennen, durch enorme Lautstärke oder durch breitbeiniges Sitzen in der U-Bahn, wodurch sie gleich mehrere Sitzplätze auf einmal belegen (manspreading) sowie wenn sich Männer permanent gegenseitig überbieten wollen und sich vergleichen. Darüber hinaus ist es toxisch männliches Verhalten, wenn Männer glauben, dass sie einfach weil sie Männer sind, kompetenter als Frauen wären. Dabei wissen wir, dass Frauen bessere Schul- und Universitätsabschlüsse machen, aber Männer Frauen daran hindern, in gut bezahlte Jobs und Führungspositionen zu gelangen.

Es ist toxisch, wenn Männer sexistische Sprüche machen, wenn sie Frauen in der Sprache durch das generische Maskulinum unsichtbar machen, wenn sie Frauen als Arbeitgeber weniger Gehalt bezahlen, wenn sie sich übergriffig verhalten durch Anstarren, Nachpfeifen oder unerlaubtes Anfassen oder Küssen, wenn Männer Frauen objektivieren und sexualisieren, wenn Männer Pornografie konsumieren, wenn Männer zu Frauen in der Prostitution gehen, wenn Männer gewalttätig werden oder wenn sie Frauen benachteiligen, weil sie Kinder haben, oder welche bekommen könnten, sei es im Bewerbungsverfahren oder auf der Arbeitsstelle. In der Familie zeigt sich toxische Männlichkeit beispielsweise wie alle Studien deutlich belegen, dass Männer ihre Partnerin mit den Sorgetätigkeiten, bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder beispielsweise dem Haushalt zum allergrößten Teil allein lassen. Das schadet natürlich auch der Beziehung zur Partnerin und den eigenen Kindern. Nach Trennungen brechen 50% der Väter den Kontakt zu ihren Kindern komplett ab. 50% alle Väter bezahlen darüber hinaus gar keinen Unterhalt für ihre Kinder und weitere 25% bezahlen zu wenig. Das bedeutet, dass nur ¼ aller Väter ihren Kindern überhaupt den richtigen Unterhaltssatz bezahlt. Das ist ein Skandal und bedeutet einen massiven Schaden für Kinder und Mütter!

In der Sexualität bedeutet toxische Männlichkeit, dass Männer vor allem auf die eigenen Bedürfnisse achten und nicht die der Partnerin. Die meisten Männer setzen Penetrationssex/Geschlechtsverkehr mit Sex gleich, wollen auch nur diese eine Form von auf männliche Bedürfnisse ausgerichtete Form von Sexualität und ignorieren dabei völlig, dass das für Frauen eben nicht der Fall ist. Diese Liste könnte ich beliebig fortsetzen.

Christoph Müller Sie beschreiben in Ihrem Buch auch die extremen Ausmaße von toxischer Männlichkeit. Welche sind das?

Sebastian Tippe Extreme Ausmaße von toxischer Männlichkeit sind beispielsweise sexuelle Belästigung, Vergewaltigungen, Femizide, also wenn Männer ihre (Ex)Partnerinnen ermorden, die Pornografieindustrie, Prostitution, Amokläufe, Klimazerstörung, Diktaturen oder Krieg.

Christoph Müller Wie schaden sich Männer durch toxische Männlichkeit selber?

Sebastian Tippe Aufgrund von ihren problematischen Männlichkeitsvorstellungen sterben Männer durchschnittlich fünf Jahre früher als Frauen, weil sie sich riskanter verhalten, weil sie sich ungesünder ernähren, weil sie häufiger rauchen, häufiger Drogen nehmen und mehr Alkohol trinken, weil sie viel seltener zu fachärztlichem Personal gehen, weil Männer viel seltener als Frauen therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen und sich daraus resultierend drei Mal häufiger als Frauen umbringen. Studien belegen, dass in gleichberechtigteren Ländern, in dem es kaum Prostitution gibt, in denen Frauen nicht bei ihrer Lohnerwerbstätigkeit zum Beispiel bezüglich des Gehaltes benachteiligt werden, in dem Frauen nicht als Objekt oder Ware angesehen werden und sich Männer und Frauen auf Augenhöhe begegnen, dass in diesen Ländern Männer glücklicher sind, seltener an psychischen Erkrankungen leiden sowie gesünder und länger leben.

Christoph Müller Viele Männer reagieren allein schon bei dem Begriff toxische Männlichkeit enorm dagegen. Was steht da dahinter?

Sebastian Tippe Die meisten Männer wollen ihre männlichen Privilegien nicht abgeben und ihr problematisches Verhalten und ihre Einstellungen nicht hinterfragen. Daher ist der Begriff „Toxische Männlichkeit“ so wichtig. Damit wird darauf hingewiesen, dass es sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, dass mit Männlichkeitsvorstellungen und männlichen Privilegien einhergeht. Viele Männer reagieren – übrigens spielt es dabei keine Rolle, ob wir dabei von toxischer Männlichkeit sprechen oder es anders nennen – enorm und oftmals höchst aggressiv dagegen. Sie behaupten, dass es weder ein Patriarchat noch toxische Männlichkeit geben würde und wenn doch, dann würde das vor allem die anderen Männer betreffen, aber nicht sie selbst. Sie seien schließlich ja kein Vergewaltiger. Das ist ein bekanntes rhetorisches Mittel, um unsichtbar zu machen, dass Vergewaltigungen nur ein extremes Ausmaß von toxischer Männlichkeit sind, sie beginnt jedoch bei alltäglichen Situationen und ist bereits bei Jungen im Kindergartenalter zu beobachten. Mit diesen Reaktionen schieben die Männer das Thema aber schnell beiseite, denn so müssen sie sich nicht damit und mit ihren eigenen Anteilen beschäftigen. Interessant wird es, wenn man Frauen aus dem Umfeld der Männer fragt, ob und welche toxischen Verhaltensweisen diese an den Tag legen. Da fällt das Kartenhaus der Männer ganz schnell in sich zusammen. Es gibt wie gesagt keine Männer, die keine toxischen Anteile besitzen.

Christoph Müller Was können Männer machen, um sich von ihren toxischen Anteilen zu lösen?

Sebastian Tippe Neben der Politik und Bildung sind Männer selber gefragt. Sie müssen Verantwortung übernehmen und sich mit den eigenen toxischen Anteilen auseinandersetzen. Dabei ist wichtig: Es ist ein lebenslanger, wahrscheinlich niemals abgeschlossener Prozess, der viel Arbeit bedeutet. Aber dieser lohnt sich enorm und ist für eine gleichberechtigte Gesellschaft unerlässlich. Wichtig ist, dass Männer anerkennen, dass wir in einem Patriarchat leben, in denen Mädchen und Frauen permanent diskriminiert werden, während Männer bevorzugt werden. Es ist grundlegend, dass Männer Frauen zuhören, ihre Lebenswelten und Lebensrealitäten anerkennen und nicht infrage stellen, um dann zu beginnen, sich mit ihren eigenen toxischen Einstellungen, Verhaltensweisen und Präsentationen täglich auseinanderzusetzen, diese zu reflektieren und daran zu arbeiten, sie zu verändern. Dazu können sie sich mit anderen Männern, die sich ebenfalls auf den Weg gemacht haben, austauschen, sie können sich Feedback von Frauen oder auch der Partnerin holen, wobei sie diese nicht als Lehrerin ausnutzen dürfen. Die Verantwortung müssen Männer selber übernehmen. Der Ziel des Feminismus ist eine gleichberechtigte Gesellschaft, in der Frauen nicht wie Menschen zweiter Klasse, nicht wie eine Ware oder wie ein (Sex)Objekt angesehen und behandelt werden und in der sich Männer die Aufgaben paritätisch mit ihrer Partnerin teilen. Es ist wichtig, dass Männer ihren Kindern positive feministische Vorbilder sind. Sie sollten sich mit Feminismus und toxischer Männlichkeit beschäftigen, um die Zusammenhänge zu verstehen und zu erkennen, dass die Lebensrealitäten von Frauen und Männern völlig unterschiedlich sind aufgrund der patriarchalen Machtverhältnisse zu Gunsten von Männern und zum Nachteil von Frauen. Mein Buch richtet sich daher explizit an Männer, damit sie etwas an die Hand bekommen, mit dem sie Stück für Stück an sich arbeiten können.

 

 

Über Christoph Mueller 335 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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