„Es geht um Heiterkeit, nicht um das zwanghafte Losprusten“

Zufriedenheit - Glück
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Kennen Sie eigentlich auch Menschen, die Sie als Glücksbotschafter bezeichnen würden? Ist dies denn für Sie erträglich, wenn Sie grübelnd und melancholisch auf der einsamen Bank am nahegelegenen See sitzen? Die Politologin und Journalistin Juliane Marie Schreiber kippt mit ihrem aktuellen Buch „Ich möchte lieber nicht“ Salz in die Suppe. Sie zeigt Kante gegen die positive Psychologie und die sogenannte Glücksforschung. Die Rehabilitierung des Pessimistischen ist das Ziel ihres Schreibens.

Hin und her gerissen bin ich während der Lektüre des lebhaften und gut lesbaren Buchs. Ja, mir ist die Hinwendung zum Positiven manchmal auch zu viel. Es ist den Zeitgenoss_innen nicht damit geholfen, wenn sie Tag für Tag nach dem Glücklichsein streben. Gerade in pflegerischen Handlungsfeldern bewegen wir uns im Alltag vieler Menschen, nehmen teil an den Nöten und Sorgen, die durch Krankheit und Pflegebedürftigkeit entstehen. Da reicht es natürlich nicht, seinen Mitmenschen entgegenzulächeln. Ein freundliches Gesicht führt nicht unbedingt zur Lösung individueller Probleme.

Es kommt immer mal vor, dass sich Menschen wechselseitig die Frage stellen: „Bist Du eigentlich glücklich mit Deinem Leben?“. Die wenigsten würden daraufhin unmittelbar mit einem klaren Ja antworten. Die Hürden des Alltags erscheinen subjektiv oft zu hoch, um überschwänglich dem Gegenüber Freude zu zeigen. Wenn aufgrund des Alters die Kräfte schwinden, dann geht es vielen sicher eher um Zufriedenheit.

Was heißt es eigentlich, zufrieden zu sein? Ein Blick in Lexika und Wörterbücher gibt Richtungen an. Dort liest man von Wohlbehagen und Harmonie, Freude und Erfüllung. Während ich darüber nachdenke, kommen mir Assoziationen in den Sinn: mit sich im Reinen sein, zu sich stehen können, realistische Alltagsziele haben.

Schaue ich in den pflegerischen Alltag, kommen mir manche Zweifel, ob uns die Bedeutung der Zufriedenheit eigentlich bewusst ist. Irgendwie streben wir immer wieder danach, alles besser, schöner, schneller zu machen. Dies führt dazu, dass die Menschen, die uns in pflegerischen Settings anvertraut sind, formal versorgt sind. Verbände sind erledigt, ein freundliches Gesicht ist gemacht, Medikamente und Infusionen sind verabreicht. Reicht das zur Zufriedenheit der Patient_innen?

Die Antworten kann sich jede und jeder in einer ruhigen Stunde selbst geben. „Jeder ist seines Glückes Schmied“, heißt es in einem alten Sprichwort. Manchmal braucht es dazu jedoch Wegbegleiter_innen, die Mut zusprechen, die Resonanz geben, die vielleicht auch einmal den entscheidenden Anstoß geben. Manche sprechen auch vom notwendigen Tritt in den Hintern.

„Jeder ist seiner Zufriedenheit Schmied“, mag ich lieber sagen, nachdem ich mir die vielen Impulse Schreibers durch den Kopf gehen lasse. Ja, ich lebe nicht ständig in Hochstimmung. Deshalb erscheint mir ein scheinbar relativierender Begriff wie die Zufriedenheit sympathisch. Schlüpfe ich in die Rolle der sich mir anvertrauenden Menschen, so schätze ich sicher das eine oder andere Gespräch, die Aufmerksamkeit auf dem Flur, vielleicht auch einmal flüchtige körperliche Nähe.

Schreiber macht die Türen für so manches zu, habe ich den Eindruck. In der Begegnung mit Menschen, die erkrankt oder pflegebedürftig sind, ist es meine Aufgabe, nach Gestaltungsräumen und Resonanzböden zu schauen. Deshalb schenke ich manchmal gerne ein Lächeln, in der Hoffnung, dass ich dem Gegenüber nicht die Zähne zeige. Für mich geht es um Heiterkeit, nicht um das zwanghafte Losprusten. Lassen Sie sich inspirieren.

 

Das Buch, um das es geht

Juliane Marie Schreiber: Ich möchte lieber nicht – Eine Rebellion gegen den Terror des Positiven, Piper-Verlag, München 2022, ISBN 978-3-492-06284-8, 208 Seiten, 16 Euro.

Autor:in

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    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at