„Es geht um die eigene Haut“

(C) karepa

Es ist wieder einmal so weit. In den bundesdeutschen Kommunen wird für öffentliche Angestellte über den Tarifvertrag verhandelt. Nun liegt ein Angebot der öffentlichen Arbeitgeber vor, das etwas mehr als drei Prozent Lohnzuwachs über drei Jahre verspricht. Die Gewerkschaften stellen sich quer, haben für die kommende Woche mehrtägige Streiks angekündigt.

Vor einigen Monaten, so erinnere ich mich, haben viele Zeitgenossinnen und Zeitgenossen betont, dass wir als Pflegende systemrelevant sind und deutlich mehr Einkommen verdient haben. Um einen Vorgeschmack auf wachsende Löhne zu erleben, durften wir uns Beifall anhören. Und Politikerinnen und Politiker, die alles dafür tun wollen, dass sich grundsätzlich etwas an den Rahmenbedingungen und Einkommen Pflegender ändert.

Natürlich sind wir schon im Frühjahr als Pflegende skeptisch gewesen. Nicht das Geschwätz politisch Verantwortlicher muss ernstgenommen werden, vielmehr überzeugen Politikerinnen und Politiker, Tarifpartner und Verantwortliche in den Strukturen mit dem ganz individuellen Handeln. Oder etwa nicht? Nun kommen die Erklärungen, dass höhere Löhne in den Pflegeberufen refinanziert sein müssten und die wenigsten bereit seien, deutlich steigende Krankenkassenbeiträge zu bezahlen.

Diese Predigten kann ich nach all den Jahren in der Pflege wirklich nicht mehr ertragen. Muss jemand aufgrund einer Operation in die Klinik oder wegen zunehmender Pflegebedürftigkeit in ein Pflegeheim, so wird mit einer ausdrücklichen Selbstverständlichkeit erwartet, dass die bestmögliche Pflege geleistet wird. Dass dies bei den Personalressourcen und den Rahmenbedingungen für die professionell Pflegenden kaum möglich ist, ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite der Medaille ist, dass sich eine fachliche Betreuung und Begleitung nicht aus der Taschengeldkasse bezahlen lassen.

Es ist möglich, Kaufleuten bei Banken und Versicherungen deutlich höhere Entgelte zu zahlen. Es ist möglich, Informatiker so zu entlohnen, dass sie nicht nur gut (auch in Großstädten) leben können, sondern auch eine gute Grundlage für das Rentenalter aufbauen können. Auch in produzierenden Gewerben wie in der Autoindustrie muss nicht über eine Verarmung diskutiert werden. Wieso gelingt dies nicht in Berufszweigen, die als systemrelevant bezeichnet werden? Wieso gelingt es nicht in einem Berufszweig, mit dem die Mehrheit der Bevölkerung im Laufe der Biographie auf jeden Fall in Berührung kommt?

Es geht um die eigene Haut, kann ich den Zeitgenossinnen und Zeitgenossen nur zurufen. Wer jetzt nicht bereit ist, in die Menschlichkeit der Gesellschaft zu investieren, der braucht nicht die Erwartung zu haben, dass sie oder er in einigen Jahren oder Jahrzehnten fachlich gut und menschlich ordentlich von Pflegefachpersonen versorgt wird. Den Zeitgenossinnen und Zeitgenossen kann ich nur zurufen: „Bist Du es Dir wert?“

Als Pflegende ertragen wir es immer noch, dass Arbeitgebervertreterinnen und Arbeitgeber bei Kundgebungen verkünden, dass es mit dem Demonstrieren genug sei. Auf den Stationen warteten schließlich kranke und gebrechliche Menschen (so in Lüneburg). Oder im Kontext von Streikmaßnahmen gehen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmervertreter so weit auf den Träger einer Klinik zu, dass Notfallpläne vereinbart werden. Interessiert es eine Tramfahrerin, ob die Straßenbahn im Depot steht? Zeigt ein Müllwerker Empathie, dass die Mülltonnen stinkend in den Städten stehen? Wir können es nicht lassen, wir sind immer noch zu brav … und machen unsere Arbeit …

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 225 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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