„Es geht darum, den Menschen mit dieser Natur interagieren zu lassen“

Andreas Niepel über die Gartentherapie

(C) powerstock

Das Arbeiten in und mit der Natur bewegt im Menschen viel. In der therapeutischen Arbeit ist der Wert etwas verlorengegangen. Der Gartentherapeut Andreas Niepel hat mit Gabie Vef-Georg nun das „Praxishandbuch Gartentherapie“ in zweiter Auflage herausgegeben. Christoph Müller hat sich mit Andreas Niepel in die Natur begeben und dem Sinn gartentherapeutischen Arbeitens nachgespürt.

Christoph Müller Der Begriff der Gartentherapie beeindruckt bei der ersten Wahrnehmung. Was ist eigentlich darunter zu verstehen?

Andreas Niepel Schauen wir einmal auf die Definition der Internationalen Gesellschaft Gartentherapie (IGGT): „Gartentherapie ist eine Maßnahme, bei welcher pflanzen- und gartenorientierte Aktivitäten und Erlebnisse genutzt werden, um zielgerichtet Interaktionen zwischen Mensch und Umwelt zu unterstützen und das mit dem Ziel der Förderung von Lebensqualität und der Erhaltung oder Wiederherstellung funktionaler Gesundheit“. Da sieht man, dass es im Kern darum geht, den Menschen als Naturwesen mit dieser Natur interagieren zu lassen.

Ansonsten sind Störungen zu erwarten. Wir sprechen ja auch mittlerweile vom Natur-Defizit -Syndrom.  Wir sehen insbesondere im Gesundheitsbereich, denken Sie an geschlossene oder intensivpflegerische Bereiche, dass wir Menschen der Natur entziehen. Dementsprechend ist es zwingend notwendig, hier zu unterstützen. Das ist die Basis der Gartentherapie. In der detaillierten Ausführung kann es sehr unterschiedlich aussehen, kann es erlebnis-, erinnerungs- oder auch handlungsbezogen sein. Es geht um Pflanzen, um Natur und den Garten, der ja genau das darstellt, ein Übergangsobjekt zwischen Mensch und Natur. Der Garten steckt tief in uns drin.

Christoph Müller Sie arbeiten in einem beruflichen Umfeld, Herr Niepel, in dem es eine Gartenkultur gibt. Viele Pflegefachleute und Ergotherapeut_innen finden keine vergleichbaren Voraussetzungen. Wie können diese Kolleg_innen es trotzdem ermöglichen, dass Gartentherapie seinen eigenen Ort hat?

Andreas Niepel Da haben Sie recht. Ich habe den glücklichen Umstand, einen nicht unerheblich großen Park zur Verfügung zu haben. Hundertfünfzigtausend Quadratmeter. Allerdings arbeite ich mit Patienten, die von der körperlichen Situation her, oder aufgrund des Behandlungskontextes, von diesem Garten dort gar nicht so sehr profitieren können.

Es gibt glücklicherweise, wenn Sie das Wort schon benutzen, eben auch die Gartenkultur, die diese Menschen mitbringen. Erinnerungen an Gartenbesuche, Ideen von traumhaften Orten, Fähigkeiten mit Pflanzen, Vorlieben, Duftvorstellungen – all das ist oft in ihnen vorhanden. Für mich und auch für meine Kolleg_innen ist es oft ein erster Ankerpunkt. Wir beginnen genau an dieser Stelle, kommen ins Gespräch, bringen einzelne Pflanzen mit, lassen uns den Garten der Patienten erklären, alles Dinge, die in dieser Phase, in der es ja auch um Beziehungsaufbau und Kennenlernen geht, mit der individuellen Gartenkultur im Hintergrund zu tun haben, selbst , wenn wir das Krankenzimmer gar nicht verlassen, um in diesen Park zu gehen .

Christoph Müller Wenn wir einmal in den privaten Kontext schauen, so ist die Arbeit im eigenen Garten für viele Menschen ein wichtiger Ausgleich im anstrengenden Alltag. Eine somatische oder seelische Krise ist auch eine Zeit großer Anstrengungen. Was leistet Gartentherapie da eigentlich?

Andreas Niepel Private psychische Krisen oder auch so etwas wie sich anbahnende Krisen haben ja sehr häufig damit zu tun, dass die unterschiedlichsten psychischen Grundbedürfnisse durch unseren Alltag erheblich angegriffen werden. Und wo ein Alltag angreift, braucht es einen Ausgleich, sprich Situationen, die nachweislich für deren Befriedigung sorgen können. Schaut man sich alle geläufigen Konzepte dazu an, so kann man diese gut mit dem Schlagwort positiv zusammenfassen. Sprich: Es gilt (P)ositive Emotionen zu erleben, beispielsweise durch Genuss oder Belohnung, eine (O)ekologische Einbindung des Menschen zu erhalten,- also, wie zu Angang beschrieben, das Thema Naturentzug. Wichtig ist natürlich die (S)oziale Integration und dass wir unsere (I)dentität und unsere Selbstwert erhalten oder stärken.  T bedeutet (T)onusregulierung, also dass wir ein gutes Verhältnis von Bewegung und Entspannung brauchen, I für (I)ntention, also den Bereich Antrieb und Sinnfindung und der letzte Punkt ist dann  das V, womit (V)erstehbarkeit und das Gefühl von Kontrolle  gemeint ist.

Entsprechend dieser gut wissenschaftlich belegten Ansätze habe ich gemeinsam mit einer Kollegin sogar innerhalb des cc- Konzeptes eine eigene Therapieform entwickelt, die sogenannte POSITIVe Basistherapie. All diese Bedürfnisse und deren Gefährdung sind auf einen jeden übertragbar. Der Garten ist ein ideales Medium. Sie können das Punkt für Punkt durchgehen. Am Thema „Wie kann ich auf dieser Basis konkret mein Wohlbefinden gezielt im Garten fördern?“ schreibe ich übrigens gerade …

Christoph Müller Lassen Sie uns auf seelische Erkrankungen schauen. Menschen, die affektive Störungen oder Psychosen erleben, haben im besten Sinne die Erdung zu sich und zum Alltag verloren. Wie kann ihnen geholfen werden?

Andreas Niepel Ich denke, ein wichtiger Moment, einer, an dem zumindest die Gartentherapie ansetzen kann, ist eben der Verlust des  Kontrollgefühls.. Die Kontrolle über die äußere Umgebung, über die eigenen Gefühle, den eigenen Körper, ja das Denken zu verlieren, das ist eine fürchterliche Erfahrung. Und ungebremst führt dies schnell in einen Kreislauf von Pessimismus, geringer Selbstschätzung und Erwartung von Versagen.

Mit der Pflege eines Gartens jemandem das Gefühl zu geben, gestalterischen und pflegerischen durchaus Einfluss nehmen zu können, kann ein guter erster Schritt sein, ganz praktisch durch positive Erfahrungen, entsprechende Überzeugungen und Erwartungen wiederaufzubauen, diesen Kreis zu durchbrechen. Dass dieses nicht nur in einem Luftraum, also durch Wörter im Kopf, sondern durch die Hände im Boden geschieht, ist unbedingt ein förderlicher Faktor.

Christoph Müller Der Mensch lebt davon, dass er die Ergebnisse der eigenen Arbeit am Ende eines Tages erblicken kann. Bei der Arbeit im Garten ist dies natürlich so. Im Buch „Gartentherapie“ wird deutlich, dass auch das Sammeln und Verwerten von Kräutern und anderem als bereichernd erlebt werden. Was hindert professionell Tätige daran, mit den erkrankten Menschen Pflanzen zu sammeln und beispielsweise Kräutersalze, Sirupe oder Essige herzustellen?

Andreas Niepel Es gibt wahrscheinlich eine große Unsicherheit, wie man mit den Produkten verfahren darf. Hier lohnt der einfache Seitenblick auf andere Angebote wie Kochgruppen, die sich ja auch mit der Verwendung mit Lebensmitteln beschäftigen. Dann kann es gut sein, dass manche junge Kollegen einfach nicht das Wissen über diese Pflanzen und ihre Verwendung haben. Mir macht dies Sorgen. Ich kann nur anraten, es gerade deswegen zu versuchen. Man wird erstaunt sein, welch profundes Wissen gerade bei älteren Klienten vorhanden ist.

Vielleicht ist aber auch eine gewissen Unsicherheit, die entsteht, wenn ich in den Beziehungskontext zwischen mir und dem Patienten ein Medium wie Kunst, Musik oder eben auch den Garten einbringe. Ein Stück weit muss ich dabei Kompetenzen an dieses Medium abgeben. Diese haben ihre eigenen Regeln, Abläufe und Geschichten – und das zuzulassen, dass fällt möglicherweise schwer.

Christoph Müller Wenn wir heute davon sprechen, dass uns die Beziehung zur Natur und zur Umwelt verloren gegangen sind, stellt sich doch die Frage, nach den Gründen. Haben Sie Ideen, wieso die zeitgenössischen Menschen den Draht zu sich und zur unmittelbaren Umwelt verloren haben?

Andreas Niepel Nun, schauen wir uns doch unsere Lebensbedingungen einmal ganz neutral an: mit fremd getakteten Abläufen, in teils verkleinerten und Teil überbordenden sozialen Netzen und in immer stärker urbanen Lebensräumen. Wenn wir dies mit dem vergleichen, wofür wir biologisch eigentlich geschaffen sind, was Bewegungsanforderungen, Ernährung, Lebensraum betrifft, dann muss man sicher feststellen, dass wir unserem natürlichen Lebensraum extrem entrissen sind. Bald einer Million Jahre menschlicher Entwicklung als Naturwesen stehen vielleicht 300 Jahre Leben in industriellen Verhältnissen entgegen. Es stellt sich folglich die Frage, wie man da nicht krank werden kann

Christoph Müller Es kommt, was kommen muss. Welche Auswege sehen Sie aus diesem Dilemma? Was kann Gartentherapie in diesem Zusammenhang leisten?

Andreas Niepel Natürlich wollen wir nicht zurück in die Höhle, auch wenn wir vielleicht dafür ganz gut konstruiert sind. Es gibt ein paar andere Dinge, die man aus meiner Sicht über den Garten und naturgestützte Therapien hinaus anbieten kann. Frische Luft oder Licht, Temperaturunterschiede oder Bewegung auf unterschiedlichsten Untergründen, das Erleben des Rhythmus der Jahreszeiten oder die Präsenz von Mitlebewesen – all dies sind Möglichkeiten.

Daheim empfehle ich den Gang in den Garten. So oft, wie möglich. Wir tun es ja instinktiv, wenn es uns schlecht geht. In den Gesundheitseinrichtungen ist dieser Naturentzug der Normalfall. Daher sorgt im Idealfall die Gartentherapie dort für ein Mindestmaß an Naturkontakten, sorgt quasi für ein Mindestmaß an Naturverbundenheit

Christoph Müller Ganz lieben Dank, Herr Niepel.

 

Die Bücher, um die es geht

Andreas Niepel / Gabriele Vef-Georg: Praxishandbuch Gartentherapie – Gartentherapie für Ergo-und Gartentherapeuten, Pflegefachpersonen und Gärtner, Hogrefe-Verlag, Bern 2020, ISBN 978-3-456-85927-9, 360 Seiten, 69.95 Euro.

 

Ann-Kathrin Scholz / Andreas Niepel: Das CC-Konzept – Integratives Therapiekonzept für Menschen mit Gedächtnisverlust und neurokognitiven Störungen, Hogrefe-Verlag, Bern 20, ISBN 978-3-456-85900-2, 328 Seiten, 39.95 Euro.

 

Christoph Mueller
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Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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