„Es braucht Rituale“

René Reichel bei einer Mélange mit Christoph Müller

(C) Drobot Dean
Rene Reichel

Schweigen und Stille stehen im Mittelpunkt der Betrachtungen von René Reichel und Fritz Betz. Sie sind Psychotherapeuten und sehen das Schweigen und die Ruhe als Quelle. Christoph Müller hat das Gespräch bei einer Mélange gesucht und nach der Bedeutung im pflegerischen Handlungsfeld geschaut.

Christoph Müller Aus der psychotherapeutischen Arbeit kennen Sie das Schweigen und die Stille sehr gut. Wie sind Sie darauf gekommen, diese Phänomene näher unter die Lupe zu nehmen?

René Reichel In meinen Lebenserfahrungen und besonders durch meine Beschäftigung mit Sterben (mein voriges Buch) bin ich immer wieder darauf gestoßen, dass sich Menschen über bestimmte Situationen hinwegschwätzen oder dass etwas zu früh gesagt wird und dadurch die besondere Qualität einer Situation gestört wird. Manchmal kommt etwas Wichtiges nur dann zum Vorschein, wenn man zunächst schweigt. Das gilt für Erschreckendes, aber auch für Überraschendes oder für besonders Schönes.

Christoph Müller In menschlichen Interaktionen bieten Sprechpausen und das Schweigen immer wieder Gestaltungsräume. Wieso fällt es so schwer, diesen Aspekt wertzuschätzen?

René Reichel Ja, das ist eine wirklich wichtige Frage, auf die es wohl mehrere Antworten gibt. Natürlich steckt hinter vorschnellem Reden zunächst mal Angst, aber oft auch nur Gewohnheit. Manche Menschen haben in ihrer Kindheit und Jugend auch gelernt: “Wenn ich abwarte, komme ich nie mehr zu Wort.“ Hinzu kommt, dass es außer bei Rhetorikschulungen kaum fachliche Reflexionen über Sprechpausen gibt. Das hat mich zusätzlich motiviert, da genauer hinzuschauen.

Christoph Müller Sie erinnern an den Gedanken Paul Watzlawicks, dessen 100. Geburtstag Ende Juli begangen wird, dass nicht nicht kommuniziert werden könne. Inwieweit ist Schweigen Kommunikation? Wie kann Schweigen das Selbstgespräch ausfüllen?

René Reichel Schweigen ist mehr als nur Nichtreden, Schweigen ist ein Verhalten, das vieldeutig ist. Es lässt Stimmungen sich verstärken oder ganz neue auftauchen, es produziert Vermutungen oder Hoffnungen oder Ärger, usw. Während wir schweigen oder jemanden schweigend wahrnehmen, verändern wir uns.

Christoph Müller In der therapeutischen Beziehung, aber auch in beratenden Situationen bieten Sprechpausen die Möglichkeit, der gemeinsamen Interaktion eine Richtung zu geben. Wie entscheidend sind demnach Sprechpausen für die Reflexion des eigenen Denkens und Handelns?

René Reichel In der Psychotherapie, aber auch in vielen anderen Situationen bieten Sprechpausen verschiedene Chancen. Einmal gewinnt das Gesagte an Bedeutung, wenn nicht gleich „wie aus der Pistole geschossen“ (!) darauf reagiert wird. Ich zeige als Hörender, dass ich das Gesagte ernst nehme (falls ich nicht gleichzeitig auf mein Handy schaue). Gleichzeitig ermögliche ich meinem Gegenüber, das selbst Gesagte quasi noch einmal nachzuhören und dadurch zu überprüfen. Da kommen dann manchmal überraschende Nachsätze: „Naja, eigentlich stimmt das so nicht ganz, denn …“ oder „Jetzt habe ich das doch gesagt, obwohl ich das gar nicht wollte“ oder „Das hätte ich mir gar nicht zugetraut.“ Da gilt so ein netter Grundsatz: „Wie kann ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage.“

Christoph Müller Verstehen Sie Sprechpausen, aber vor allem das Schweigen als Gegenpol zur Flüchtigkeit und Geschwätzigkeit der Gegenwart?

René Reichel Auf jeden Fall. Das zu hohe Tempo in der Alltagskommunikation verringert auch das Ernstnehmen des Gesagten, und das verringert auch das Ernstnehmen der Person, der eigenen wie der anderen.

Christoph Müller Blickt man in die Geschichte der christlichen Klöster, so zeigt sich, dass Zeiten der Stille dem Alltag einen Rhythmus geben bzw. gegeben haben. Ist dies vielleicht auch eine Fertigkeit, die es für das alltägliche Leben außerhalb von Klostermauern auch einzuüben gilt?

René Reichel Ein wunderbarer Gedanke. Tatsächlich lohnt es sich (nicht nur in Beratung und Therapie), den eigenen Tagesablauf gelegentlich zu überdenken, vor allem die eigene Pausenkultur. Momente, in denen „nichts“ geschieht, sind kostbar, weil da auch das Gehirn Zeit für Verdauungsprozesse hat. Die sind nicht direkt spürbar, aber für die geistige Gesundheit sehr wichtig.

Christoph Müller Wie können sich aus Ihrer Sicht Pflegende in das Schweigen und die Stille einüben? Wie können professionell Pflegende dies für die Beziehung mit den zu pflegenden Menschen nutzen?

René Reichel Dazu kann ich nur etwas Prinzipielles sagen, weil mir für die praktische Umsetzung das Know-How und die Erfahrung fehlen: Es braucht Rituale! Und dazu braucht es kleine Pausen, und das heißt natürlich: Der auch in diesem Berufsfeld übliche Zeitdruck ist kontraproduktiv. In einem Kontakt nicht gleich zur Sache kommen, sondern jemandem etwas länger in die Augen schauen, speziell bei der Frage nach dem heutigen Befinden. Ich stelle mir z.B. auch vor, wie sich eine Pflegende, ein Pflegender vor den Patienten hinstellt, durchatmet und dann sagt: „So, jetzt bin ich da“. Und dann vielleicht auch die Hand eine Sekunde länger hält. Das alles muss natürlich zu der pflegenden Person passen, aber es dauert nur Sekunden, hat aber vermutlich eine große Wirkung auf Patient*innen.

Christoph Müller Herzlichen Dank für den ungewöhnlichen Austausch, lieber Herr Reichel.

 

Das Buch, um das es geht

Fritz Betz & René Reichel: Schweigen macht Sinn – Zur Bedeutung von Sprechpausen, Stille und Verschwiegenheit in Beratung, Psychotherapie und Alltag, Facultas-Verlag, Wien 2021, ISBN 978-3-7089-2074-0, 177 Seiten, 24.90 Euro.

Über Christoph Mueller 323 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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