Erkenntniswege in der Pflege

(C) Alex

Hier darf ich einen zwanzig Jahre alten Beitrag vorstellen, er wurde damals nur in unserer kleinen Hochschulzeitung veröffentlicht. Es geht um Detektivarbeit und Pflegediagnostik. Ich habe mich stets für polizeiliche Ermittlungen interessiert, lese gerne Krimis, habe auch an 2 Krimis selbst mitgearbeitet und für meine zweite  Dissertationsprüfung an unserer Universität einen Vortrag über die Ermittlungsarbeit in Dostojewskis „Verbrechen und Strafe“ gehalten. In den 80/90 Jahren war ich in meinem Studium der Erziehungswissenschaften/Soziologie sehr beeinflusst durch den Ansatz der „objektiven Hermeneutik“.

Es geht mir darum, für die Pflegearbeit ganz unterschiedliche Erkenntniswege offen zu halten. In meiner Pflegeausbildung, Ende der 60 Jahre, folgten wir streng dem medizinischem, deduktivem Paradigma. Die „Krankenbeobachtung“ (!) bestand aus Messrunden nach ärztlicher Anordnung, eigene Eindrücke  waren unerwünscht, Prognosen aus der Pflege verboten. So haben wir etwa dreimal täglich ritualisiert Temperatur bei allen Kranken gemessen und in Fieberkurven eingetragen – ohne weitere Auswirkungen. Diese Empfehlung entstand etwa um 1880 herum, Entdeckung der Fiebertypen, sie besteht fast bis heute, weil pflegerische Datensammlungen nicht fundiert sind. Alle unsere Pflegelehrbücher folgen dem alten Kanon.

Im Grunde fehlen seit Jahrzehnten Performancetest für die täglichen Aktivitäten, ob der Kranke sich ein Glas Wasser eingiessen  oder sich eine Jacke anziehen kann, ob er aus dem Sitzen aufstehen oder sich auf die Seite drehen kann u.a.m., die bestehenden geriatrischen Tests bilden nur wenig ab oder sind wie der Barthel- Index zu grob für die Selbstpflege.

Nach dem Examen arbeitete ich auf einer unfallchirurgischen Intensivstation, zweimal konnte ich dort eine Gasbrandinfektion am Geruch erkennen, lange bevor eindeutige Symptome auftraten – dies wurde überrascht zur Kenntnis genommen. Durch die Medien ging im Herbst 2019, dass eine schottische Krankenschwester Parkinsonpatienten riechen kann (Neshitov, 2019). Im Laufe der letzten Jahrzehnte habe ich immer wieder Pflegende kennengelernt, die so etwas wie einen „7. Sinn“ entwickelt haben, auf Normalstationen, in der Psychiatrie und besonders in der Intensivpflege. Durch Zeitmangel ist dies inzwischen bedroht. Auch die neue stetige Mischung der Fachgebiete in Kliniken behindert in Deutschland die Ausbildung einer krankheitsspezifischen Fachexpertise in der Pflege, die Case-Mix-Erfordernisse innerhalb der DRGs sortieren Patientengruppen auf den Stationen bunt durcheinander- die fachärztliche Betreuung bleibt dabei natürlich erhalten. Pflege wird allerdings als einfache und oberflächliche Dienstleistung gesehen. Untersuchungen dazu gibt es nicht.

Dankbar bin ich für die Arbeiten von Benner, sie hat dem „Bauchgefühl“ zur Anerkennung verholfen. Intuition ist nicht „aus der Luft gegriffen“, sie vollzieht sich durch langjährige Erfahrung und zeichnet die Experten aus. Die neurowissenschaftliche Forschung heute zeigt, dass Intuition auf Mustererkennung beruht. In der Pflege bedeutet dies eine ganz feinsinnige Komposition verschiedener Sinneswahrnehmungen. Wie ist die Muskelspannung des Patienten beim Positionswechsel, wie wird ein Gegenstand entgegengenommen, wie sind Hautfarbe, Feuchtigkeit, Gesichtsausdruck. Pflegeprofis registrieren feinste Veränderungen, ein tiefer Atemzug, Stirnrunzeln und Anklammern beim Umdrehen. Bei wachen Patienten könnten hinzukommen, wie sind Sprache und Stimme, wie ist die Reaktionsgeschwindigkeit . All dies spielt „offiziell“ in der Zustandsbeurteilung keine Rolle – weil es nicht in messbaren Daten ausgedrückt werden kann – der lange Arm der Medizin unterdrückt das Pflegefachwissen. Ich wünsche mir Forschung zu diesen Aspekten, ich wünsche mir auch einen täglichen kurzen schriftlichen Bericht in der Pflegedokumentation über das Patientenbefinden, sowohl aus der Sicht der Experten als auch der Patienten selbst. Befund und Befinden klaffen oft auseinander. Ein Nachteil ist, dass etwa in Deutschland die Fachgebiete in Krankenhäusern ständig neu zusammengelegt werden (DRG,Casemix), eine spezifische krankheitsorientierte Expertise kann dadurch kaum entwickelt werden.

Pflegediagnostik ist ein kontinuierlicher Prozess und bezieht vielmehr Bereiche ein, als eine übliche medizinische Erhebung. „Clinical Assessment“, das anfängliche Erheben körperlicher (!) Daten für die Ärzte halte ich für eine Fehlentwicklung in der Pflege – zumindest dann, wenn es nicht zum pflegerischem Vorgehen beiträgt. Pflegende haben dichteren Kontakt zu den Patienten (und Angehörigen) – vielmehr als die Mediziner bei einer kurzen „Visite“. Notwendig wäre, den pflegerischen Untersuchungsgang zu beschreiben, wissenschaftlich zu stützen und ihn neu zu strukturieren. Dies würde den Wert von Pflegearbeit weiter verdeutlichen. (Selbst-) Pflege ist Verhalten, kein organisches Geschehen. Zwar gehen grundlegend Beschwerden von der Pathophysiologie aus, seien es ein niedriger Hämoglobinwert oder eine unzureichende Sauerstoffsättigung – aber schon die Schmerzwahrnehmung ist komplex. Die Reaktionen sind immer umfassend, werden manchmal auch ausgeglichen. Ich bin nach wie vor Anhängerin der Bedürfnistheorie von Maslow (1981). Er sieht etwa 20% der Anlässe im körperlichen Bereich (Vitales), darauf folgt aber ein komplexer Überbau – sicherlich mit noch mehr Kategorien als er es vorläufig beschrieben hat.

Zahlreiche Beiträge aus unterschiedlichen Wissensgebieten zeigen ähnliche Erkenntniswege des wissenschaftlichen Arbeitens, der kriminalistischen Tätigkeit und des ärztlich-pflegerischen Vorgehens auf. Eigene Erfahrungen bestätigen diese Zusammenhänge: während meiner Doktorarbeit über Bettlägerigkeit kam ich mir oft genug wie ein Detektiv vor, immer ging es darum, Verborgenes an die Oberfläche zu heben. Die Fragen zur Erhöhung der theoretischen Sensibilität im Forschungsansatz der Grounded Theory (Strauß/Corbin 1996): wer? wann? wo? was? warum? wieviel? wie? könnten aus dem Arbeitsarsenal eines Polizeibeamten stammen.

In der Tat gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen Feldforschung, Kriminalarbeit und dem diagnostischen Gang bei Patienten. Hier wie dort wird gesucht, gesichert, gemessen und nach Ursachen gefahndet. Es wird interviewt, vertextet, beschriftet, dokumentiert, typisiert, kategorisiert, kurzum: es werden Spuren gesichert, Daten erhoben und erschlossen und immer wieder die Gültigkeit des Wissens in Frage gestellt. Was dort Verdacht heißt, wird in anderen Prozessen Hypothese oder Vermutungen genannt und auch Ärchäologen, Paläontologen und viele andere Wissenschaftler, die auf Rekonstruktion angewiesen sind, kennen Arbeitsschritte mit „Lupe und Logik“. Aber es gibt natürlich auch Unterschiede, nicht nur in der Theoriebildung.

Kripobeamte raten nicht, sie schlußfolgern methodisch und die meisten berühmten Detektivromane oder Figuren folgen einem speziellen Aufklärungsansatz. Während die älteren Texte z.B. bei E.T.A. Hoffmann oder E.A. Poe noch eher dem „Geheimnis“ verpflichtet sind, lassen sich bei den späteren Detektiven oder Polizisten stets bestimmte Ansätze des Nachforschens erkennen. Columbo folgt Dostojewski, Nick Knatterton „kombiniert“. Erik Ode als Kommissar plagt sich mit Selbstzweifeln und glaubt längst nicht mehr an die „absolute Wahrheit“. Philip Marlowe und Maigret psychologisieren, Hitchcock und Wallace lassen die Umstände sprechen, Fleming teilt die Welt in Gut und Böse und schuldet höhere Mächte an. Recht gut „untersucht“ ist die Methode des Sherlock Holmes.

Bloch (1965) schreibt: „Sherlock Holmes geht naturwissenschaftlich-induktiv vor, aus dem Straßenschmutz an den Schuhsohlen seiner Besucher erkennt er, von welchen Stadtteilen Londons sie kommen, er unterscheidet alle Arten von Tabakasche, Chemie ist seine bevorzugte Wissenschaft“. Conan Doyle war Arzt, dem kritischen Rationalismus verpflichtet, läßt er Holmes und Watson logische Folgerungen entwickeln, Ausschlußdiagnosen betreiben und Indizes finden. Die Erzählfiguren spiegeln Doyles Erfahrungen im Edinburgher Krankenhaus wider. Sein ärztliches Vorbild, Professor Dr. J. Bell war bekannt für scharfsinnige Beobachtungen und überraschende Deutungen und Doyle hatte zweifellos die Absicht, eine streng wissenschaftliche Methode in die Kriminalarbeit einzuführen. Tatsächlich finden sich bei einer Medline-Recherche zahlreiche Titel zum „SherlockHolmes-Paradigma“ in der ärztlicher Ausbildung. Ein guter Arzt ist immer auch ein guter Detektiv, heißt es, Beobachtung und Deduktion sollen in der medizinischen Diagnostik im Mittelpunkt stehen. Gerade heute, im Zeitalter der Apparatemedizin und des Sammelns einer Vielzahl von Daten wird immer wieder angemahnt, dem ersten Eindruck vom Patienten Aufmerksamkeit zu widmen und sich dann systematisch den Details zuzuwenden.

Carlo Ginzburg (1983), Geschichtsprofessor aus Bologna, hat in seinem aufsehenerregenden Aufsatz „Spurensicherungen“ gleich mehrere Professionen in einem epistemologischen Modell zusammengeklammert. Die weit zurückreichenden Wurzeln des Vorgehens sieht er in der menschlichen Vergangenheit als Jäger und Spurensucher. Auch ihm geht es zunächst um Holmes, er stützt sich dann vor allem auf Morelli, einem Arzt und scharfsinnigen Kunsthistoriker, der Mitte der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts mehrere Aufsätze über italienische Malerei veröffentlicht hat. Morelli stellte eine Methode der kleinen Beweise vor, um Bilder einem bestimmten Künstler zuzuweisen oder Fälschungen zu identifizieren. Gemälde waren oft nicht signiert oder datiert, übermalt oder schlecht erhalten. Morelli sah vom Gesamteindruck und den großen Zügen der Bilder ab und meinte, daß Künstler sich durch Details, durch „Fingerabdrücke“ ebenso verraten wie Verbrecher, er achtete auf „Kleinigkeiten“ in den Gemälden, z.B. Form der Hände, Ohrläppchen u.ä.. Morellis Schriften hatten offenbar Einfluß auf Sigmund Freud. Er beruft sich mehrfach auf Morelli und konstatiert eine Verwandtschaft zwischen der Methode auf Details, auf unendlich feine Spuren zu achten und der Technik der ärztlichen Psychoanalyse. Ginzburg vermutet sogar, daß Morellis Methode „einen besonderen Platz in der Entwicklung der Psychoanalyse“ zukommt und referiert die Zeitpunkte, zu denen Freud sich mit Morelli beschäftigte.

Am Vorgehen Morellis macht Ginzburg das Aufkommen des „Indizienparadigmas“ in den Humanwissenschaften zwischen 1870 und 1880 deutlich. Auch in der gerichtlichen Beweisführung ging es nun um Spurensuche und dies fällt zeitlich zusammen mit dem Beginn der Sherlock-Holmes-Ära deduktiver Beweisführung und mit dem Entstehen von Detektivromanen überhaupt. Die frühere Epoche, lediglich Schuldzuweisungen oder (z.T. erpreßte) Geständnisse als ausreichend zu betrachten, ging damit zu Ende. Die Analogien zwischen Holmes, Morellis und Freuds Arbeitsweise werden von Ginzburg herausgestellt und er führt sie zurück auf ein Modell der medizinischen Semiotik, „einer Wissenschaft, die es erlaubt, die durch direkte Beobachtung nicht erreichbaren Krankheiten anhand von Oberflächensymptomen zu diagnostizieren …“.

Diese Semiotik ist in der Medizin durchaus vor langer Zeit von Hippokrates begründet worden, „in einer Medizin, die ihre Methoden definierte, indem sie den entscheidenden Begriff des Symptoms (semeion) durchdachte“. Bis heute wurde damit die Medizin als Indizienwissenschaft begründet im Spagat zwischen streng mathematischnaturwissenschaftlichem Vorgehen und der Anerkennung des individuellen Elementes, stets dem Verdacht der Unsicherheit oder auch Unwissenschaftlichkeit ausgesetzt. Kriminalarbeit und auch Kriminalliteratur bedienen sich eines ähnlichen Erkenntnismodells. Auch hier spielen Indizien und Vermutungen eine Rolle – ein rein deduktives Vorgehen, in denen der Fall durch rationales Denken und auf der Grundlage einer Hypothese gelöst wird, ist wohl die Ausnahme. Selbst Holmes geht induktiv vor, obwohl er dies stets verneint. „Die erste Wahrnehmung von Ähnlichkeiten, auf der die Induktion beruht, ist spekulativ“ schreiben Klein und Keller (1998) und meinen, daß vieles, was als logisches Denken bezeichnet wird, wohl eher auf Intuition oder Spekulation beruhen. Sie erteilen der reinen Deduktion eine Absage, zitieren gar Popper (1934) „wir wissen nicht, sondern wir raten“. Weiter berufen sie sich auf Kuhn (1967) und dessen Gedanken, daß die Grundlagen, auf der wir unsere Konzepte formen, unsere Erfahrungen sind (und daß deswegen der größte Teil wissenschaftlichen Denkens in engen Bahnen verläuft).

Zwischen der Wahrnehmung der ersten feinen Hinweise und der folgenden Hypothesengenerierung gibt es eine nicht- lineare Verbindung, eine irrationale Einsicht, deren Zustandekommen nicht erklärt werden kann. Ein ganzes Genre qualitativer Sozialforschung beschäftigt sich auch empirisch mit Kriminal- bzw. Polizeiarbeit. Neben Milieubeschreibungen geht es immer wieder auch um den zugrundeliegenden Ermittlungsprozeß.

Reichertz (1991) hat sich aus Sicht der verstehenden Sozialforschung mit Ermittlung und Deutung in der Polizeiarbeit beschäftigt, er stützt sich auf die Annahmen von Peirce zum „abduktiven Schließen“. Zahlreiche andere Autoren sehen hier ebenfalls Analogien.

C.S. Peirce, ein amerikanischer Philosoph, begründete im ausgehenden 19. Jahrhundert den „Pragmatismus“. Seine Schriften haben erst viele Jahrzehnte später, auch durch Übersetzungen, Bedeutung erlangt. Peirce betätigte sich gelegentlich als „Hobbydetektiv“, er entwickelte eine Theorie darüber, “warum man oft so zutreffend rät”. Neben Deduktion und Induktion stellte er die Hypothese, später Abduktion genannt; eine kreative Schlußfolgerung, die neue Ideen produziert und Raum für plötzliche Einsichten läßt. Den Weg des Erkenntnisgewinns teilt er in deduktiv/analytisch auf der einen und synthetisch auf der anderen Seite, zu den synthetischen Verfahren zählt er Induktion und Abduktion (Hypothese).

Im „Bohnenbeispiel“ demonstriert Peirce die Ableitungen und das hypothetische Schlußfolgern. Bekannterweise ist die Deduktion die Anwendung von Regeln auf den Fall und die Induktion der Schluß von Fall und Resultat auf die Regel. Die Hypothese ist der Schluß von Regel und Resultat auf den Fall. Peirce geht es darum, das abduktive Schließen auch einer logischen Kritik zugänglich zu machen, Intuition etwa lehnt er ab. In seinen frühen Aussagen gelingt ihm allerdings die Unterscheidung zwischen Induktion und Abduktion nicht so überzeugend. Induktion wäre eher das Erproben einer Hypothese, während die Abduktion nach Fakten sucht, offener sei. Die Induktion bewege sich eher in den Grenzen unserer Erfahrung. Die Abduktion ist kühner und riskanter, läßt eine gewagte Deutung zu – sie ist in der Regel von einer Emotion, einer „eigentümlichen Empfindung“ begleitet. Möglicherweise meint Peirce hier Gefühle der Gewißheit, des Triumphes durch plötzliche Einsicht. Alltagssprachlich könnte hier die Redewendung „einen richtigen Riecher haben“ zutreffen.

Die verschiedenen Elemente einer Hypothese sind nach Peirce dabei durchaus „vorher im Kopf“, dies führe dazu, daß die Annahmen wesentlich häufiger zutreffen, als es durch reinen Zufall sein könnte. Peirce räumt dem menschlichen Abduktionsvermögen einen breiten Raum ein: „… Ich vollziehe eine Abduktion, sobald ich das von mir Gesehene in einem Satz ausdrücke. In Wahrheit stellt das gesamte Gefüge unseres Wissens nicht mehr als eine dichtverwobene Schicht von reinen Hypothesen dar, die mittels Induktion bestätigt und weiterentwickelt worden sind“ (zit. nach Sebeok, Umiker-Sebeok 1979). Dabei geht Peirce davon aus, daß sich menschliches Denken evolutiv, in naturgesetzlichen Bahnen entwickelt hat und dadurch zutreffende Mutmaßungen über die Welt anstellen kann.

Dieser geistige Akt ist allerdings nicht immer kognitiv darzustellen, nicht immer rational nachvollziehbar – er beschreibt die Bildung einer Hypothese als plötzliche Einsicht, als Vermutung, die uns „wie ein Blitz trifft“. Mehrmals sind die Vorgehensweisen von Holmes mit dem Ansatz von Peirce verglichen worden. Sebeok und Sebeok/Umiker(1979) stellen eine Menge Gemeinsamkeiten zwischen beiden Erkenntniswegen fest. Sie leiten ihren Beitrag mit Zitaten von Sherlock Holmes in denen er sagt, nie zu raten und von Peirce ein, in denen gesagt wird, daß die Welt durch Raten erobert wird oder gar nicht. Dann kommen sie zu dem Schluß, das Sherlock Holmes deswegen so erfolgreich sei, weil „er das Raten so vortrefflich beherrscht“. Holmes wird häufiger mit einem Spürhund verglichen, der intuitiv Spuren sammelt, um (viel) später eine Hypothese zu formulieren.

Holmes äußert immer wieder, daß sich seine Methode auf die Beobachtung von Belanglosigkeiten gründet. Im Gegensatz zu seiner Arbeitsweise verliert die Polizei im Anfangsstadium der Ermittlungen sehr oft die Spur, weil sie „Belanglosigkeiten“ ignoriert und rasch die Hypothese annimmt, die die wahrscheinlichste Erklärung für ein paar Hauptfaktoren anbietet. Holmes warnt, daß nichts trügerischer als eine offensichtliche Tatsache sei und sieht als entscheidenden Fehler der Polizei, daß sie theoretisiert, bevor alle Beweise zusammengetragen sind. Ein Ergebnis sei, daß unmerklich die Tatsachen so verdreht würden, daß sie sich den Theorien anpassen, anstatt die Theorien an den Fakten auszurichten. Ein Umstand, der auch in vielen wissenschaftlichen Forschungen droht.

Zahlreiche weitere Autoren weisen nicht nur auf die Bedeutung des Ratens bei Sherlock Holmes hin, sie unterstellen auch – auf der Grundlage hervorragender Beobachtungsgabe – Intuition, Spekulation und Phantasie, wie auch oben Klein und Keller (1998). Es handele sich eben nicht nur um „reine Deduktion“. Bei Peirce und auch Holmes finden sich Phasen der Kreativität, der Versenkung, des beschaulichen “GedankenNachhängens” oder  des Spiels. Immer wieder wird auch auf die Erfahrung und Vorstellungskraft des „Ermittlers“ abgehoben, nur so sei es möglich, die Indizien entsprechend einzuordnen. Es wäre sicher interessant, die Arbeiten Benners (1994) zur Kompetenzentwicklung in der Pflege auf dem Hintergrund dieser Thematik noch einmal anzusehen.

Auch für Pflegearbeit ist es nützlich, sich mit Kriminallogik auseinanderzusetzen. Wie gute Ärzte stellen auch gute Pflegende ihre Hypothesen, neben dem Nachdenken über erhobene Fakten, mit Imagination, Vermutung und der Entdeckung plausibler Erklärungen auf. Ohne Neugier, Phantasie und Scharfsinn ist weder eine Wissenserweiterung, noch eine Lösung kniffliger Fälle möglich. Die Pflegediagnostik kommt ohne apparative Untersuchungen aus, sie bezieht, mehr als die Medizin, alltagsweltliche und biographische Aspekte ein. Auch hier gilt (mindestens) ein erweitertes „Sherlock-Holmes-Paradigma“. Möglicherweise könnten Pflegende bei den Detektivfiguren der Agatha Christie bessere Anleihen machen – Hercule Poirot und Miß Marple gehen nicht nur deduktiv vor, sie sehen „vorsätzlich“ die Ganzheit des Falls, finden Analogien und bekennen sich zur Intuition.

Die Eindrücke der Pflegenden wurden lange Zeit nicht offen kommuniziert, nicht dokumentiert – obwohl sie sicher wertvolle Hinweise geben könnten. Pikanterweise waren Pflegende Jahrzehnte darauf trainiert, quasi als „verlängerter Arm“ des Arztes, beliebige medizinische Daten zu sammeln und in „Fieberkurven“ einzutragen. Generationen von Krankenschwestern lernten deshalb in der Ausbildung eine Menge über die Erkennung eher seltener Phänomene wie „undulierendes“ oder „kontinuierliches“ Fieber, über spezielle Hautblutungen, Gerüche oder Atemtypen. Ein „pflegeeigener“ Ermittlungsgang ist deshalb bis heute unterentwickelt und nur mühsam auf den Weg zu bringen. Vielleicht sind die verbindenden Elemente allen rekonstruktiven Ermittelns, wenn es um menschliches Dasein geht, gar nicht so unterschiedlich.

Eco hat sich als Semiotiker und ebenfalls auch Kriminalautor immer wieder mit Schlußfolgern im Sinne „kreativer Spekulation“ beschäftigt. In der Nachschrift zum „Namen der Rose“ (1996) schreibt er: „Der Kriminalroman ist eine Geschichte, in der es um das Vermuten geht, um das Abenteuer der Mutmaßung, um das Wagnis der Aufstellung von Hypothesen angesichts eines scheinbar unerklärlichen Tatbestandes, eines dunklen Sachverhaltes oder mysteriösen Befundes – wie in einer ärztlichen Diagnose, einer wissenschaftlichen Forschung oder auch einer metaphysischen Fragestellung. Denn wie der ermittelnde Detektiv gehen auch der Arzt, der Forscher, der Physiker und der Metaphysiker durch Vermutungen vor (…) letzten Endes ist die Grundfrage aller Philosophie und jeder Psychoanalyse die gleiche wie die Grundfrage des Kriminalromans: wer ist der Schuldige?“

Literatur (Auszüge):

Benner, P. (2017): Stufen zur Pflegekompetenz. Hogrefe 2017. 3.Aufl.

Bloch, E. (1965): Philosophische Ansichten des Detektivromans, Suhrkamp-Verlag

Eco, U. (1996 ): Im Namen der Rose (Nachschrift), dtv, München

Ginzburg, C. (1983): Spurensicherungen, Wagenbach- Verlag, Berlin

Kelle, V. (1997): Empirisch begründete Theoriebildung, Deutscher Studien Verlag, Weinheim.

Klein, K.G.; Keller, J. (1986): Der deduktive Detektivroman, In: Vogt, J., Hrsg. (1998): Der Kriminalroman, W. Fink Verlag, München

Kuhn, T.S. (1967): Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt

Maslow,A. (1981): Motivation und Persönlichkeit. Rowohlt

Neshitov, T. (2019): Der Geruch von Moschus. Spiegel 46, 9.11.19, S.60

Peirce, C. (1976): Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus, Hrsg. v. Apel, K.O., Frankfurt

Popper, K.R. (1973): Die Logik der Forschung, 5.Aufl. Tübingen

Reichertz, J. (1991): Aufklärungsarbeit, Enke – Verlag, Stuttgart

Sebeok, T.A.; Umiker-Sebeok, J. (1979): “Sie kennen ja meine Methode” In: Vogt, J., Hrsg.(1998): Der Kriminalroman, W. Fink Verlag, München

Strauß, A.; Corbin, J.(1996): Grounded Theory, Beltz- PVU, Weinheim

Wilbush, J.: The Sherlock Holmes paradigm- detectives and diagnosis: discussion paper, In: Journal of the Royal Society of Medicine, Vol.85, 6/92, S. 342 – 345

Angelika Zegelin
Über Angelika Zegelin 5 Artikel
Krankenschwester/Pflegewissenschaftlerin i.R., vormals Universität Witten/Herdecke und Mathias Hochschule Rheine,

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