Erhebt Euch, das Jammern muss ein Ende haben

Es war das erste Mal, dass ich die Buchmesse in Frankfurt am Main besucht habe. Aus der Einsamkeit des Lesenden und Schreibenden unter dem Schutz des Dachgeschosses unseres gemütlichen Hauses habe ich mich in den Trubel einer der größten Buchmessen der Welt gewagt. Dort hat es keinen Schutz mehr gegeben. Die Überflutung mit Reizen ist grenzenlos erschienen. Das Buch ist in Frankfurt einmal mehr zu einem Ereignis geworden.

Natürlich ist die Buchmesse in Frankfurt am Main ein Ort, wo man Menschen begegnet, die die großen Debatten der Gegenwart führen. Wenn man einen Armin Nassehi, einen Gert Scobel und eine Nora Bossong aus dem Fernsehen kennt, in Frankfurt am Main stehen sie leibhaftig neben einem oder man hört dem Podium zu, auf dem sie diskutieren.

Apropos Debatten: die Pflege-und Gesundheitsverlage sind auch im Schatten des Messeturms präsent. Der Psychiatrie-Verlag und der Mabuse-Verlag sind sogar für den Deutschen Verlagspreis nominiert gewesen. So manchen Pflegenden hat man zwischen den Pflegenden gleichfalls erblickt. Aber die überfälligen Debatten habe ich in Frankfurt am Main nicht erlebt.

Wir leben in einer Zeit, in der sämtliche Versorgungssettings, in denen Pflegende tätig sind, vor Umbrüchen stehen. Finanzierungskonzepte ambulanter und stationärer Versorgung sind knapp kalkuliert. Praktikerinnen und Praktiker sind mit ethischen Fragen konfrontiert, die sie persönlich unglaublich berühren. Insofern sind ethische Alltagsfragen mit Fragezeichen verbunden, die sich um die persönliche Grundhaltung ranken.

Deshalb habe ich mir die Frage gestellt, wieso wir als Pflegende eigentlich nicht die Möglichkeit haben, den einen oder anderen Diskurs in der Öffentlichkeit einer Buchmesse zu führen. Die Menschen, die zwischen den unzähligen Bücherregalen und Messeständen umherlaufen, betrifft Pflege und Gesundheit. Sie müssten ein ganz natürliches Interesse daran haben, Erfahrungen und Erlebnisse aus dem pflegerischen Alltag zu hören. Ihnen ist es vielleicht auch daran gelegen, Konzepte und Ideen zur Gestaltung unseres Pflege-und Gesundheitssystems zu hören.

Bücher von Pflegenden aus unterschiedlichen Bereichen stehen scheinbar mit einer großen Selbstverständlichkeit zur Ansicht. Pflege-Titel behaupten sich im Konzert der unterschiedlichen Professionen im Gesundheitssystem. Mit Genugtuung schreitet man entlang der Regale des Kohlhammer-Verlags und des Hogrefe-Verlags. Dies ist gut so.

Die Stimmen mehr oder weniger prominenter Pflegender vernimmt man während der Buchmesse in Frankfurt am Main nicht. Was ist die Ursache dieser Sprachlosigkeit? Haben wir nicht den Mut, die ureigenen Nöte Pflegender im beruflichen Alltag in die Öffentlichkeit zu tragen? Fehlt uns die Kraft, die Mikrofone in die Hände zu nehmen? Oder glauben wir gar, dass die Diskurse zur Digitalisierung, zur Vereinzelung der Menschen oder der Prekarisierung unserer Gesellschaft nichts mit dem alltäglichen Pflegen zu tun hat? Es hilft nicht, die Verantwortung von sich zu weisen.

Als Pflegende leben und arbeiten wir mitten in der zeitgenössischen Gesellschaft. Wir bewegen uns in einer der umkämpftesten Dienstleistungsbereichen der Gegenwart. Dies betrifft nicht nur wirtschaftliche Fragen. Grundlegende ethische Fragen kommen in Kliniken und Pflegeheimen, in der häuslichen Versorgung durch Professionelle und Angehörige zur Sprache. Lasst uns die Stimme laut erheben – besonders bei einer Buchmesse sollten wir Seite an Seite mit Verlagen aus dem Gesundheits-und Sozialbereich stehen.

Erhebt Euch, das Jammern muss ein Ende haben.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 121 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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