„Emotionale Lebens-geschichterln“

Erwin Böhm über die Aktualität seines „Psychobiographischen Pflegemodells“

Mit dem „Psychobiographischen Pflegemodell“ hat sich der Krankenpfleger und Psychiatrie-Experte einen Namen gemacht. Seine eigene Rolle sieht er im Aufrütteln der pflegenden Einrichtungen und als Ermunterer, sich wirklich den Menschen und ihren Geschichten zuzuwenden. Mit den Büchern „Verwirrt nicht die Verwirrten“ und „Ist heute Montag oder Dezember?“ hat er schon vor Jahrzehnten darauf aufmerksam gemacht, dass die Altenpflege mit einem dynamischen, kreativen und anspruchsvollen Konzept verbunden ist und es um eine Erkundung bedeutsamer individueller Gefühle gehe. Christoph Müller hat mit Erwin Böhm gesprochen.

Christoph Müller Ein zentraler Begriff im „Psychobiographischen Pflegemodell“ ist das Nostalgie-Syndrom. Sie sagen selber, dass dieser Terminus wandelbar ist. Wie wird sich der Begriff in den nächsten Jahren ändern?

Erwin Böhm Nicht der Begriff wird sich ändern, sondern die Zeit ändert sich und mit ihr die Prägungen und Copings. Dies bedeutet, dass sich in den nächsten Generationen ganz andere (Symptome) Copings als heute ergeben werden. Wobei man sagen muss, dass das Nostalgiesyndrom (Heimweherkrankung) vorwiegend bei einer Neuaufnahme und im Alter akut wird. Wenn im Alter die kognitive Leistung weniger wird, nimmt die emotionale Leistung wieder zu und es kommt zur Nostalgie. Klar ist, dass sich demnach auch die Settings, die wir den Klienten anbieten, ändern müssen.

Christoph Müller Mit dem Sozialpsychiater Klaus Dörner haben Sie das Paradigma „Gutes bewirken statt Gutes tun“ geprägt. Dörner hat in den vergangenen Jahren seine Ideen zum dritten Sozialraum konturiert. Was heißt es für Sie, im dritten Sozialraum Gutes für zu pflegende Menschen zu bewirken?

Aus der Warm-Satt-Sauber-Pflege

Erwin Böhm Gutes bewirken heißt für mich vor allem, einen Weg aus der Warm-Satt-Sauber-Pflege zu finden. Die Klienten durch Schlüsselreize so weit zu bringen, dass sie selbst etwas für sich tun und nicht das Pflegepersonal. Auch dieser Vorgang geht nur, wenn wir Stories aus der Gefühlsbiographie der Klienten erhoben und interpretiert haben. Welcher Impuls führt zu einem Lustgewinn und zu einer Unlustvermeidung? Ferner geht es um die Abschaffung von infantilen Reizen, die zu einer vorzeitigen Regression führen. Alte Leute sind keine Kinder, folglich brauchen wir keine „kindlichen“ Impulse als Therapie anbieten. Der dritte Sozialraum heißt für mich „Primum nihil nocere“. Es wäre schön, wenn die Pflege wenigstens nicht schaden würde.

Christoph Müller Schlüsselreize haben Sie schon früh als entscheidenden Begriff in die Begleitung älterer Menschen eingebracht. Sie gehen von einem klaren Reiz-Reaktions-Schema aus. Wieso fällt es psychiatrisch Pflegenden so schwer, beispielsweise die Wichtigkeit der Mensch-Umwelt-Interaktion wahr-und ernstzunehmen?

Erwin Böhm Das Reiz-Reaktions-Schema oder die klassische Konditionierung ist wie sie richtig sagen der Ausgangspunkt für eine Assoziationskette, an der ich nun schon über 5o Jahre lang arbeite.

Das Psychobiographische System als Formel: ist eine biographische Erweiterung

                                                                                                    A

B—P—SCH—U—— E—C

                                                                                               G

Worterklärung

B=Biographie P=Prägung SCH=Schlüsselreiz U=Umkehrphänomen A=Affekt E=Emotion G=Gefühl C=Coping

Erst aus dieser Assoziationskette heraus werden die Eigenarten (Symptome) und die psychischen Eigenarten eines Menschen (mit der „ärztlichen Diagnose Demenz“) zur verstehenden Pflege.

Damit wird aber auch eine Hypothetische Pflegediagnose möglich. Diese ermöglicht uns Fragen wie:

  • Wann und wodurch dekompensiert der Klient?
  • Wo liegen die Seelennahrungsmängel?
  • In welchem Gefühlsareal liegen die Leitsymptome?
  • Was verhindert beim Klienten das Unlustgefühl?
  • Was fördert ein Lustgefühl?
  • Wie kann man Symptome ohne Psychopharmaka in den Griff bekommen?
  • Wie bekommt man den Klienten aus dem Bett reaktiviert?

Diese Assoziationskette dient ferner zur:

  • Erkennung der Leitsymptome sowie deren biographischen URSACHEN
  • Wann und wodurch welcher Schlüsselreiz zu einer zerebralen Dekompensation (aber auch Besserung des Psych. Zustandes) führen kann?
  • Wir erkennen durch die Formel in welchen Gefühlsbereich die Seelennahrungsmängel aus der Kindheit und Jugend im Alter zu liegen kommen?
  • Welche Vorgänge zu einem Unlustphänomen führen?
  • Welche SCH zum Fluchtverhalten oder zur Regression in die Infantilität führen können?
  • Welche SCH sogar einen Destruktionstrieb auslösen?
  • nach der Ursache einer Paranoia im Senium oder gar einer seelischen, später körperlichen Verwahrlosung

zu beantworten.

Erst nach der Erhebung einer biographischen Ursachenforschung (in der Kombination mit der Interaktion und Gefühlsparameter) sind in der Folge adäquate Impulsiden an denkbar

Ich glaube das der Mensch heute zu Tage vorwiegend ein ICH bezogenes Lebewesen ist. Und dass das DU und vor allem das WIR nur zu noopsychisch angelernten Verhaltensregeln wurden.

 

Christoph Müller In der gegenwärtigen stationären Akutversorgung, aber auch in der Langzeitpflege bleibt aufgrund begrenzter Liegezeiten und nur fragmentarischer Behandlung die einzelne Person des zu versorgenden Menschen außen vor. Was macht für Sie die Faszination der Biographie eines Menschen aus?

Erwin Böhm Dass die Liegezeiten so kurz sind, hat doch den Vorteil, dass die Pflege die Klienten nicht mehr regredieren kann. Für mich ist die Seele eine Ansammlung von biographischen Ereignissen, die der Mensch ein Leben lang sammelt und prägt. Es sind vorwiegend die Emotionen aus der Biographie, die für die Pflege so interessant wären. Denn vieles sind nicht Krankheitsgeschichten, sondern emotionale Lebens-geschichterln. Wie heißt es da „Emotionen haben keine Amnesie“? Damit wird die (tiefenpsychologische oder historische) Biographie-Erhebung und Interpretation zum Krimi. Der psychiatrisch Pflegende wird zum Kommissar und damit der Beruf interessanter spannender.

Christoph Müller Für die Umsetzung des „Psychobiografischen Pflegemodells“ sind Pflegende und Betreuende mit einem sozialhistorischen Interesse nötig. Diese Pflegenden müssen eine große Leistung vollbringen, wenn sie Phänomene hermeneutisch einordnen müssen. Was müssen Pflegende leisten, wenn sie bei der Versorgung von Menschen unter 60 Jahren psychosoziale Interventionen umsetzen wollen?

Erwin Böhm Das banale Leben ist die Einfachheit des Daseins, aber die Biographie ist das Wesentlichste daraus. Dies vor allem dann, wenn im hohen Alter die erlebten Ereignisse des Lebens als Biographie der Jahre zusammengezählt werden. Da aber das Leben (und damit jede menschliche Biographie) bei jedem Schizophrenen, Oligophrenen und allen anderen Menschen auch eine Kehrseite hat, wird sie doch etwas undurchsichtiger als man glaubt.

Die Hinterseite der Biographie wird und wurde in den diversesten tiefenpsychologischen Schulen verankert. Leider ist das Verständnis für diesen Zweig der Ganzheitspflege weit weg vom Menschen, Selbst Pflegepersonen haben manchmal Angst etwas über ihre Seele in Erfahrung zu bringen. Darf ich fragen, wer von Ihnen interessierte sich schon, was in hinter dem Vorhang, hinter den Kulissen auf denen sie ihr Leben spielen, wirklich abspielt? Allerdings würden sie sich ihr Leben oft erleichtern, wenn sie wüssten, wer sie sind und warum sie so agieren wie sie agieren.

Sozialhistorisches und tiefenpsychologisches Wissen

Erst wenn man ein bisschen eine Ahnung über die eigenen Seelenhintergründe (tiefenpsychologische Kenntnisse) besitz sollte man und kann man auf andere Menschen losgelassen werden. Pflegende benötigen nicht nur sozialhistorisches, sondern auch tiefenpsychologisches Wissen. Obwohl ich der erste männliche Lehrer in einer psychiatrischen Diplom-Schule in Österreich war, ist es mir nicht gelungen, in die Ausbildung wenigstens die Grundzüge einbringen zu können. Dies führte dazu, dass ich meine eigene Schule errichtete, die sich heute ENPP nennt.

Christoph Müller Wenn man aufmerksam das „Psychobiografische Pflegemodell“ durcharbeitet, wird einem bewusst, was sie eigentlich in Erinnerung rufen. Sie schreiben davon, dass sie Gefühle in Erinnerung rufen wollen. In diesem Zusammenhang nennen Sie einen Begriff wie Leiblichkeit. Es klingt wie der Protest gegen einen Mainstream, der von Affektkontrolle statt Affektregulation beherrscht wird. Stimmen Sie dem zu?

Erwin Böhm Na ja, ich rufe nicht die Erinnerungen herbei. Dies machen seine Umgebung und die Pflegeperson. Wir interpretieren nur mit einer wesentlichen Frage. WARUM reagiert der Klient und mit welchem COPING (Pflege würde dazu störendes, uneinsichtiges Verhalten sagen). Es bedeutet, dass Pflege in der Lage ist, positive oder negative Gefühle Emotionen und Affekte auszulösen. Ist es nicht so, dass sich auch die psychiatrische Pflege um die vorwiegend körperliche Pflege (Leiblichkeit) kümmert, obwohl sie sich um die Seele kümmern sollte?

Man darf nicht vergessen: Menschen haben eine Biographie. Institutionen haben eine Biographie. Aber auch Pflegemodelle haben eine Biographie. Dies bedeutet, dass die somatische Ausbildung zu einen somatischen Pflege-Verhalten führt. Damit ist der schwierigste Anteil, mein Modell in die Tat umzusetzen, die „Ideologie“ einer Station. Es ist schwer, Menschen von einer verwahrenden akzeptierenden Pflege zu einer der Reversibilitätstheorie entsprechend umzupolen. Dies insbesondere da in allen alten Mauern auch alte Gedanken (Rituale) vorherrschen, die schwer veränderbar sind.

„Erkrankung Nostalgie“

Christoph Müller Nach Ihren Worten ist das Daheim der „Ort der primären Prägung“. Es ist mit Gefühlen und Erfahrungen verbunden, die uns nie mehr verloren gehen. Inwieweit hat sich das Daheim aus Ihrer Sicht verändert?

Erwin Böhm Alle jungen Leute reden davon, dass ihr DAHEIM die ganze Welt ist. Es kann schon sein, aber „die Erkrankung Nostalgie“ kommt spät im Leben. Heimweh bekommen sie im Alter trotzdem, wenn sie in einem fremden Land fremden Ritualen gegenüberstehen. Wie tief die Nostalgie absinkt, kann man mit einem Parameter (Interaktionsparameter) messen und daraus therapeutische Schlüsse ziehen.

Christoph Müller Die Geschichten sind das Faszinosum für Sie, wenn Sie auf die Bewohner – Beobachtung in der Pflege-Einrichtung eingehen und eine Idee dafür entwickeln, wie auch Pflegedokumentation anders gestaltet werden kann. Wie kann dies gelingen?

Erwin Böhm Leider genügt es nicht, meine Fachbücher zu lesen. Es ist einer der Gründe, warum wir als ENPP eine Fort- und Umbildungsorganisation ins Leben gerufen haben. Es bedeutet, dass unsere Dozenten auf jene Stationen gehen, die von sich aus wünschen, einen neuen Weg in der Anti-Demenz-Pflege zu gehen. Seit mehr als 15 Jahren geht der ENPP mit seinen von mir geschulten Dozenten in jene Institutionen, die aus einer „Demenz Station“ eine rehabilitative Station machen wollen und unterrichten damit vor Ort. Da sich Reden nicht mit Handeln deckt, machen diese Dozenten auch Praxistage, an denen zu sich ändern wollenden Stationen und führen diese bis zum ENPP Pflegequalitätssignum.

Christoph Müller Herzlichen Dank für das Interview, lieber Herr Böhm.

ENPP – Europäisches Netzwerk für psychobiographische Pflegeforschung

Das Europäische Netzwerk für psychobiographische Pflegeforschung ist ein europaweit aktives fachliches Netzwerk. Sein Ziel ist die Absicherung der fachlichen und wissenschaftlichen  Zukunft des psychobiographischen Pflegemodells nach  Prof. Erwin Böhm durch

  • die internationale Verbreitung des Modells (Öffentlichkeitsarbeit, Kongressaktivitäten und Publikationen)

  • die didaktische Vermittlung der Theorie (Seminare, Kurse)

  • den fachlichen Austausch

  • die wissenschaftliche Weiterentwicklung

  • die praktische Anwendung der Theorie (Projektbegleitung, Praxisanleitung, Zertifizierung).

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 120 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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