„Häufig haben Eltern beim Begriff Bindung ein intuitives Verständnis“

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Christoph Müller im Gespräch mit Thomas Köhler-Saretzki

Der Psychotherapeut Thomas Köhler-Saretzki zeichnet sich dadurch aus, dass er auf anschauliche Weise viele seelische Nöte darstellen kann. Er kann mit Freude und Disziplin wissenschaftlich arbeiten. Aus seiner Feder sind Handreichungen für unterschiedliche Gruppen, die angesprochen werden müssen. Und er gestaltet auch Kinderbücher über psychische Sorgen. Christoph Müller hat mit Thomas Köhler-Saretzki gesprochen.

Christoph Müller In dem Bilderbuch „Lia und das R-Team“ geht es um die Resilienz an sich und um die Ressourcen von Kindern psychisch erkrankter Eltern. Wie ist es zu diesem Projekt gekommen?

Thomas Köhler-Saretzki Es gibt viele wissenschaftliche Bücher über das Thema Resilienz. Auch gibt es in der Zwischenzeit einige sehr gute praktische Ratgeber und anwendungsbezogene Bücher oder Broschüren für unterschiedliche Zielgruppen.

Mit dem Konzept eines psychoedukativen Bilderbuches mit zusätzlichem Arbeitsmaterial für betroffene Eltern und Fachkräfte war es mir und meiner Mitautorin Alexandra Roszak ein Anliegen einen anderen Weg zu gehen. Nämlich einen möglichst niedrigschwellig fachlichen Einblick in das Thema Resilienz für verschiedene Zielgruppen zu geben.

Dieses Konzept hat sich bereits bei einem früheren Bilderbuchprojekt über das Thema Bindung als erfolgreich erwiesen. Durch unseren engen Kontakt zu Erzieher*innen wurde uns klar, dass diese und auch andere sozial tätigen Berufsgruppen in ihrem stressigen Arbeitsalltag ein Format brauchen, das möglichst kompakt und lebensnah Informationen vermittelt und gleichzeitig möglichst viel Freude beim Lesen bereitet.

Resilienz wird häufig mit den Bildern einer seelischen Widerstandsfähigkeit, eines emotionalen Schutzschildes oder Immunsystems oder auch psychischer Vitamine erklärt.

Für die Schaffung des neuen Bildes, nämlich eines Ressourcen-Teams, wurden wir kreativ durch den Film „Alles steht Kopf“ inspiriert. Die Mitglieder des R-Teams werden je nach Bedarf und Situationslage aktiv und sorgen dafür, dass die entsprechenden Ressourcen in uns und innerhalb der Familie aktiviert werden. Die einzelnen Mitglieder des R-Teams symbolisieren die genetische Ressource, welche die Grundlagen schafft, die persönliche, die z.B. für ein gesundes Selbstbewusstsein zuständig ist sowieso die soziale Ressource und die familiäre Ressource, die für eine zugewandte und normorientierte Erziehung und damit auch für ein positives und harmonisches Familienklima sorgen.

Christoph Müller In der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung sind die Kinder seelisch erkrankter Menschen wirklich vernachlässigt. Wie kommt es aus Ihrer Sicht zu diesem Missstand?

Thomas Köhler-Saretzki Ich denke, dass sich dies aus der Geschichte der Psychiatrie heraus erklären lässt. Tatsächlich wurden die Kinder psychisch kranker Menschen bis zur Psychiatriereform Ende der 1970er Jahre völlig vergessen. Und auch nach der Umsetzung der Reformen in den 1980erJahren wurde das Augenmerk zwar mehr auf das soziale Umfeld psychisch erkrankter Menschen gelenkt. Der Aspekt, dass eine Vielzahl von Patienten Kinder haben, für die sie sorgen müssen, und die infolge der elterlichen Erkrankung häufig großen Belastungen ausgesetzt sind, wurde dabei aber weiterhin ausgespart. Erst eine Generation später kamen die „vergessenen kleinen Angehörigen“ langsam in den Blick der stationären und ambulanten psychiatrischen Versorgung.

In den letzten zehn Jahren hat dieser Prozess in meiner Wahrnehmung aber nun doch deutlich angezogen und die Zielgruppe ist zunehmend in den Fokus der Öffentlichkeit und der Politik gerückt. Es hat eine Perspektiverweiterung stattgefunden. So hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass minderjährige Kinder durch die Auswirkungen der elterlichen Erkrankung in ihrer Entwicklung erheblich beeinträchtigt sind. Sie sind eine Hochrisikogruppe für die Entstehung eigener psychischer Erkrankungen. In Deutschland haben ca. 5 bis 6 Mio. Kinder einen Vater oder eine Mutter mit einer psychischen und/oder Suchterkrankung, ca. 500.000 davon einen sehr schwer erkrankten Elternteil.

Die Notwendigkeit präventiver Hilfen wurde in der Fachwelt und auch Politik anerkannt und wissenschaftliche Studien bestätigen die nachteiligen Folgen dieser belasteten Familiensysteme. Trotzdem ist die Versorgungslage in vielen Kommunen nach wie vor unzureichend und das Angebot hinkt dem Bedarf noch immer hinterher.

Christoph Müller Gerne schaut man in das Buch, schließlich verbindet es kurzweilige Illustrationen mit sachlichen Informationen und empathischen Situationsbeschreibungen. Welche Rückmeldungen haben Sie von Leser*innen und Nutzer*innen in der psychosozialen Versorgung bekommen?

Thomas Köhler-Saretzki Also der Grundtenor der Rückmeldungen war, dass mit Lia ein informatives und humorvolles Sach- und Bilderbuch zum Thema Resilienz gelungen ist. Fachleute und auch Eltern sind sich weitgehend darüber einig, dass es gut gelungen ist aufzuzeigen, wie man die Ressourcen von Kindern psychisch erkrankter Eltern mobilisieren kann und mit Hilfe des Zusatzmaterials konstruktiv bearbeiten kann. Es wird auch sehr geschätzt, dass auf jeder Seite die beschriebene Szene der Geschichte von Lia mit kleinen Fachinformationen und Tipps zu den Themen psychisch kranke Eltern, Resilienz und der Bedeutung emotionaler Beziehungen für Kinder ergänzt wird.

Nach vielen Rückmeldungen eignet sich das Bilderbuch auch hervorragend, um mit den Kindern über ihre Erfahrungen, Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse ins Gespräch zu kommen. Erst wenn die Kinder ermutigt werden, über sich, ihre Beziehungen und über andere Personen in ihrem Umfeld nachzudenken, lernen sie Schritt für Schritt, das Ressourcenteam bei Belastungen zu aktivieren

Unserer Erfahrung nach gelingt dies allerdings nicht mit allen Kindern. Man muss erwähnen, dass v.a. Kinder, die Spaß an abstrakterem Denken haben, kreativ und eher technikaffin sind, sich leichter für das Bild des Helferteams, das je nach Situation aktiv wird, begeistern lassen.

Christoph Müller Wenn ein Begriff wie die sichere Bindung zu den Eltern auftaucht, dann kommt jede und jeder erst einmal ins Stocken und Grübeln. Schließlich fällt es niemandem leicht, einen solchen Terminus zu erklären. Wie gelingt Ihnen dies beispielsweise in der psychotherapeutischen Praxis?

Thomas Köhler-Saretzki Also tatsächlich nehme ich das in der Praxis gar nicht so schwierig war. Häufig haben Eltern bei dem Begriff Bindung schon ein intuitives Verständnis, worum es geht. Nämlich um ein Miteinander, um Nähe, Beziehung, feinfühliges Verhalten und das Bieten von Sicherheit, Schutz und Trost, wenn das Kind sich verunsichert, bedroht oder überfordert fühlt.

Die weiteren, langfristigen Folgen von frühkindlichen Bindungserfahrungen, der Zusammenhang zwischen Bindungs- und Explorationsverhalten und schließlich die Ausdifferenzierung in verschiedene Bindungsqualitäten werden dann in aufklärenden Beratungs- und Therapiegesprächen besprochen, aufgemalt oder mit Bildkarten, Figuren und anderen Methoden dargestellt.

Auch hierfür gibt es inzwischen zahlreiche therapeutische Materialien, von denen sogar auch zwei von mir sind, wie z.B. die Bindungs- und Beziehungswippe, die ich zusammen mit meinem ehemaligen Kollegen Andreas Niehues entwickelt habe und das Bilderbuch „Wo ist Wilma“, was ein ähnliches Konzept verfolgt wie Lia.

Nach meiner Erfahrung sind an dem Thema Bindung nahezu alle Eltern sehr interessiert. Eltern möchten immer das Beste für ihr Kind und versuchen dies zu geben, u.a. durch ein stabiles psychisches Fundament, also sichere Bindung.

Leider gelingt es Eltern aufgrund verschiedener Umstände nicht immer, eine ausreichend sichere Basis für ihre Kinder zu bieten. Die gute Nachricht an der Stelle ist, dass Bindung durch korrigierende Erfahrungen nachgeholt werden kann. Wenn Eltern sich Hilfe suchen und sich mit dem Thema Bindung ernsthaft befassen möchten, ist bereits ein erster, wichtiger Schritt getan.

Christoph Müller Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht, den Kindern von Schuld und Scham, von Überforderung und Verantwortung Entlastung anzubieten?

Thomas Köhler-Saretzki Also zunächst müssen die Kinder über die elterliche Erkrankung altersgerecht aufgeklärt werden. Kinder mit psychisch belasteten Elternteilen spüren ja, dass etwas nicht stimmt und müssen wissen „warum Mama oder Papa in letzter Zeit so komisch sind“. Es braucht Worte für die Atmosphäre, den Zustand zu Hause und v.a. das Verhalten des Elternteils. Auch hierfür gibt es zahlreiche Bilderbücher für nahezu jede psychische Erkrankung, die der Erkrankung einen Namen geben, die Symptome erklären und die vermitteln, dass die Kinder keine Schuld an der Erkrankung und den Reaktionen des Elternteils tragen.

Wenn die kindegerechte Informationsvermittlung nicht stattfindet, machen sich die Kinder ihre eigenen Gedanken. Dabei verbinden sie nicht selten ihre kindlichen Fantasien mit den vorhandenen Tatsachen und gelangen vielleicht zu dem Schluss, dass sie am Zustand der Eltern schuld sind. Davon müssen die Kinder entlastet werden. Zum einen braucht es die Rückmeldung, dass die elterliche Erkrankung nichts mit ihrem Verhalten zu tun hat, dass sie sich nicht um deren Wohlergehen kümmern müssen. Sie müssen nicht ihr Verhalten ändern, damit es Mama oder Papa wieder besser geht. Die Mama oder der Papa kümmert sich selbst um sich und holt sich Hilfe bei Ärzt*innen, Therapeut*innen oder in einer Klinik. Das entlastet Kinder spürbar. Weiterhin sollten die Kinder ermutigt werden ihren Hobbies und Sozialkontakten nachzugehen. Viele ehemals betroffene Kinder im Erwachsenenalter berichten rückblickend, dass es besonders hilfreich war, dass ihnen eine vertraute, verlässliche Beziehungsperson außerhalb der Kernfamilie zur Verfügung stand. Das waren entweder Oma, Opa, Tante, Nachbar usw. oder wenn nicht vorhanden auch ein*e professionelle*r Helfer*in (Therapeut*innen, Pfarrer*innen, Familienberater*innen).

Das Thema Scham ist noch einmal ein anderes Thema. Tatsächlich hat sich hinsichtlich der Stigmatisierung von psychisch Kranken in den letzten Jahrzehnten nicht so wahnsinnig viel verändert. Obwohl ca. jeder 4. bis 5. im Laufe seines Lebens einmal behandlungsbedürftig psychisch erkrankt, und eine psychische Störung nun somit wirklich keine Seltenheit darstellt, hören Betroffene immer noch: sie seien „bekloppt“, die kriegt es nicht auf die Reihe“, „der kommt doch aus der Klapse“, usw. Die Betroffenen werden zudem sozial gemieden und es zeigt sich, dass die Familien sehr isoliert sind.

Dies spüren natürlich die Kinder, v.a. die Jugendlichen und schämen sich dafür, dass sie aus „so einer Familie kommen“, dass die Eltern so schräg sind und es nicht auf die Reihe bekommen.

Sehr gute Erfahrungen machen wir an dieser Stelle mit Gruppenangeboten, wie z.B. unserer Kindergruppe MIKADO für Kinder psychisch kranker und suchtkranker Eltern. Die Kinder erleben hier u.a., dass sie mit dem Problem nicht allein sind, dass es viele andere Kinder und Familien mit ähnlichen Problemen gibt und dass man Strategien entwickeln kann, damit umzugehen, da diese Thematiken in den Gruppen offen und transparent angesprochen werden.

Christoph Müller Haben Sie Ideen, welche Bilderbücher Sie zu Sorgen und Nöten gestalten können, die Ihnen in Ihrem psychotherapeutischen Alltag begegnen?

Thomas Köhler-Saretzki Es gibt zwar, wie bereits erwähnt, schon eine ganze Menge an kindgerechten Bilderbüchern, aber es ist bei Weiten noch nicht alles abgedeckt, was Betroffene, Eltern und Fachkräfte beschäftigt und wobei ein psychoedukatives Bilderbuch meines Erachtens sehr hilfreich sein könnte. Es fallen mir an dieser Stelle z.B. die Themen Kindeswohlgefährdung und Inobhutnahme ein, die ja bei Eltern auch immer noch sehr angstbesetzt sind und bei vielen Fachkräften zumindest im strukturierten Vorgehen nicht ausreichend fachlich bekannt sind.

Auch ein Bilderbuch zum Thema stationäre Jugendhilfe, also Aufnahme in ein Kinderheim könnte meines Erachtens hilfreich sein. Des Weiteren beschäftige ich mich gerade mit dem Gedanken ein Bilderbuch zu den pathologischen Bindungsstörungen, also der reaktiven und enthemmten Beziehungsstörung zu erstellen. Aber tatsächlich wären auch Themen wie Schuld, Scham, Stigmatisierung, Tabuisierung oder Parentifizierung in der Tiefe interessant und könnten in Form von Bilderbüchern beleuchtet werden.

Christoph Müller Ganz herzlichen Dank für Ihr Engagement.

 

Thomas Köhler-Saretzki, Alexandra Roszak, Anika Merten (Illustr.): Lia und das R-Team – Ein Bilderbuch über Resilienz für Eltern und Fachkräfte, Balance-Medien-Verlag, Köln 2019, ISBN 978-3-86739-134-4, 36 Seiten, 17 Euro.

 

 

 

 

 

 

 

Thomas Köhler-Saretzki, Anika Merten (Illustr.): Wo ist Wilma? Ein Bilderbuch über Bindungsmuster, Balance-Medien-Verlag, Köln 2017, ISBN 978-3-86739-120-7, 44 Seiten, 17 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at