Einsamkeit – Warum wir aus einem Gefühl keine Krankheit machen sollten

„Möbel gerade rücken“

„Einspruch, Euer Ehren“ – dieser Gedanke schießt den Leser_innen immer wieder durch den Kopf, wenn sie das Buch „Einsamkeit“ lesen. Denn der Wissenschaftsjournalist Jakob Simmank stellt mit dem Buch sprichwörtlich die Möbel gerade. Mit dem Essay greift er in die gegenwärtigen Diskurse um Fragen der Einsamkeit und des Alleinseins ein. Damit leistet er einen wichtigen Beitrag, um die Diskussionen auf ein solides Fundament zu stellen.

Ob dies denn nötig ist, werden die Leser_innen fragen, wenn sie das Buch aus dem Regal nehmen. Von Seite zu Seite gewinnen sie Gewissheit, dass Wissenschaftsjournalist_innen in die Diskurse eingreifen. Schließlich bezeichnet ein namhafter Psychiater die Einsamkeit als „Todesursache Nummer eins“.

Simmank gelingt es, mit seinem Buch die Diskurse um die Einsamkeit zu versachlichen. Er relativiert das eine oder andere Argument, das der namhafte Psychiater reißerisch in die Gesellschaft einbringt. Einsamkeit sei an sich keine Krankheit, betont Simmank. Gefühl sei ein Gefühl, „das schwer zu definieren ist“ (S. 25). Er spricht sich gegen jede Dramatisierung aus, unterstreicht umso deutlicher, dass Einsamkeit zum Leben gehört.

In Anlehnung an die Philosophin Barbara Schellhammer schreibt Simmank von einer Einsamkeitsfähigkeit, die die zeitgenössischen Menschen erlernen müssten. Es gehe unter anderem darum, die Last der Einsamkeit in eine Lust zu verwandeln. Einsamkeit sei Teil des Menschseins. Überzeugend sind die Argumentationsstränge Simmanks. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass er sich den Stand der Forschung zur Einsamkeit und zum Alleinsein nicht bloß erarbeitet hat. Seine Gedankengänge erscheinen reflektiert und abgewogen.

Letztendlich bringt er den zeitgenössischen Leser_innen nahe, dass Einsamkeit eine gesellschaftliche Aufgabe ist. Denn sie taucht Erkenntnissen zufolge auf, wo Armut herrscht. Dem Klagen und Jammern bringt er ein Kontra-Programm entgegen. Aus seiner Sicht ist es nötig Zeit für Beziehungen zu schaffen, lokale Netzwerke und Begegnungsorte zu schaffen. Öffentliche Räume dürften nicht nur Transiträume, sondern Verweilzonen sein.

Was in den Überlegungen Simmanks zur Einsamkeit gilt, hat sicher für viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens Bedeutung. Er spricht sich gegen die Emotionalisierung und Therapeutisierung der Diskussion aus. Dies gibt sicher den Einsamkeitsdiskursen eine Färbung, die einer wirklichkeitsbezogenen Auseinandersetzung entgegenstehen.

Wer sich noch nicht mit der Einsamkeit und dem Alleinsein beschäftigt hat, der wird es nach der Lektüre des Simmank-Buchs tun. Wer es bereits getan hat, findet einfach nochmals eine Sensibilisierung für die wichtigen Fragen um die Beschäftigung mit der Einsamkeit und dem Alleinsein.

 

Jakob Simmank: Einsamkeit – Warum wir aus einem Gefühl keine Krankheit machen sollten, Atrium Verlag, Zürich 2020, ISBN 978-3-85535-107-7, 109 Seiten, 9 Euro.

Über Christoph Mueller 335 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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