„Einmal gegen den Strich kämmen“

(C) monropic

In diesen Tagen sitze ich in einer Sauna. Die Hitze wärmt meine verletzliche Haut. Der Schweiß rinnt mir den Bauch hinunter. Mein Kopf wird von Minute zu Minute freier. Es tut mir einfach gut, mich der Wellness hinzugeben. Gleichzeitig blättere ich in einem Buch über das Barfußlaufen. Dort wird unterstrichen, dass das Laufen mit nackten Füßen nicht nur den Füßen gut tue. Das Barfußlaufen sei für die Seele und den Körper von Nutzen. Es sei anregend für die körperliche und seelische Balance.

Dies klingt nicht spektakulär. Spektakulär erscheint es auch nicht, dass mir Gedanken kommen, wieso wir die Kraft einer veränderten Perspektive auf Gesundheit und Krankheit in unseren Einrichtungen nicht nutzen. In unseren Krankenhäusern pflegen wir den Blick auf die Defizite und die pathologischen Systeme der betroffenen Menschen. Die Interventionen des helfenden Systems beschränken sich darauf, diagnostische Schritte zu gehen und beispielsweise pharmakologische Hilfeangebote zu machen.

Von den betroffenen Menschen wird verlangt, dass sie sich den Ritualen des Gesundheitssystems anpassen. Sie sollen dafür dankbar sein, dass die moderne Medizin ihnen sämtliche Segnungen gönnt, um Klarheit darüber zu bekommen, warum der Körper oder die Seele streiken. Eine entscheidende Frage, die mich in der Sauna-Kabine bewegt, ist diejenige, ob dies alles gut für die betroffenen Menschen ist.

Die systemische Logik geht davon aus, dass die Funktionalität der Diagnostik und die differenzierte Methodik der Interventionen ausschließlich Nutzen für die Menschen bringt. Ist dies wirklich so? Oder macht es nicht Sinn, das System einmal gegen den Strich zu kämmen? Dies würde natürlich von den Professionellen verlangen, dass sie ihre Arbeit anders machen und ihre Haltung anders denken.

Denn während ich so auf dem wohlriechenden Holz sitze, überlege ich, was Pflegende als Einzelne, aber auch die Pflegewissenschaft zu komplementären Methoden sagen. Wir haben alle ein gespaltenes Verhältnis zu alternativen Interventionen in der Gesundheitsversorgung. Die Wirkungen alternativer Methoden werden als unspezifisch beschrieben. Evidenzbasierte Menschen gehen sogar so weit und stellen sie grundsätzlich in Frage. Sie vertrauen vollständig der Schulmedizin.

Menschen und Systeme leben von Visionen. Visionen entstehen durch Kreativität und Lebendigkeit. Wieso wagen wir es nicht einfach und beginnen, unsere Einrichtungen an der einen oder anderen Stelle umzukrempeln. Ich habe verschiedene Bilder vor Augen. Warum können wir nicht mit dementen Menschen auf Barfußpfaden laufen, die wir im Einrichtungsgarten gemeinsam schaffen? Wieso gelingt es uns nicht, mit einfachen Mitteln Wohlfühloasen aus den Stationen in den Kliniken und Wohnheimen zu machen? Ist es so schwer, niederschwellig Wellness-Angebote auf Stationen anzubieten?

Ich kann mir vorstellen, dass der Lebendigkeit der Einrichtungen wenige Grenzen gesetzt sind. Mitarbeitende können sich einbringen. Sie erleben eine unmittelbare Wirkung auf die erkrankten, gebrechlichen und pflegebedürftigen Menschen. Sie würden nicht aufgefressen von der Last der alltäglichen Mühen, sondern würden die Erfahrung unmittelbarer Erfolge machen.

Lassen Sie uns doch einfach einmal Ideen sammeln. Wir können alle voneinander profitieren. Die „Geschichten aus der Pflege“ auf der Webseite von „Pflege Professionell“ bietet uns ein Forum.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 126 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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