Eine Polin in Österreich

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In diesem Artikel werde ich mich mit dem Thema Migration auseinander setzen, indem ich dieses aus meiner eigenen Perspektive erläutere. Daher werde ich darauf verzichten, die Migrationsverläufe und -erlebnisse von anderen Menschen zu beschreiben, die ich zwar aus Erzählungen von Freundinnen/Freunden und Bekannten kenne, d.h. diese auch emotional nachvollziehen kann, doch sind sie nicht meine Erfahrungen. Die Migration anhand meiner eigenen Lebensgeschichte zu erzählen und zu erklären, bedeutet für mich, die letzten 40 Jahre meines Lebens zu reflektieren. Um die aufsteigende Emotionalität, die oft mit Erinnerungen an das Vergangene in Zusammenhang steht, zu unterbinden, werden bestimmte Verhaltensweisen in Rahmen der Migration anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse aus der Psychologie, Psychotherapie und Soziologie erklärt.

Also fange ich an: ich komme aus Polen, Krakau, lebe seit 40 Jahren in Wien. Das ist, was ich erzähle, wenn jemand, der/die an meinem Akzent erkennt, dass ich nicht deutschsprachig aufgewachsen bin und mir die aller wichtigste Frage stellt: WOHER kommst du? Ich sage also, wo ich geboren und aufgewachsen bin und ganz schnell füge ich zu, dass ich schon sehr lange, nämlich 40 Jahre, in Wien lebe. Das ist eine Art der Rechtfertigung meines Anspruchs auf gleichwertige Behandlung, die ich angelernt habe und eine Erklärung, dass ich ja dazu gehöre.

Mit jedem Jahr des Aufenthaltes in Wien wurde diese Rechtfertigung plausibler und ich fühlte mich in Wien mehr Zuhause. Das sind Fakten, die für Jeden nachvollziehbar sind.

Was ich nicht schnell preisgebe, ist, dass ich in Polen meine Eltern, meine Schwester, meine Großeltern, Tanten, Onkeln, Cousinen und Cousins zurückgelassen habe. Und die Wege, die ich gegangen bin, die Bäume, die ich beobachtet habe, die Lieder, die ich mit meiner Familie gesungen habe. All das, was mich 19 Jahre lang ausgemacht hat, was mich gestärkt, be- und geschützt hat. Viele Jahre hat es mich sehr, sehr traurig gemacht. Doch das auszusprechen und zu erklären würde bedeuten, mich und mein Gegenüber zu einer emotionalen Erklärung zu bewegen. Dies wollte ich nicht. Ich erinnere mich an eine Begegnung mit einer Person, zu der ich Vertrauen aufgebaut habe und ihr auch versucht habe, zu erklären, was sich für mich hinter meiner Migration versteckt. Die Antwort darauf war: „Aber bei uns geht es dir doch gut und hier ist es ja schön“. Dahinter habe ich viel Unsicherheit verstanden, die ich nachvollziehen kann, doch auch ein gewisses Unbehagen („was soll ich mit der Information machen?“). Und auch Widerwillen, sich mit einer Person auseinander setzen, die andere Lebenserfahrungen gemacht hat und vor allem die Wertung meiner vergangenen Lebensumstände. Das wollte ich nicht mehr erleben. Vor allem die Bewertung meiner Heimat hat mich sehr getroffen. Mit dem Begriff Heimat verbinde ich einen Ort, wo die wertvollen Erinnerungen leben, wertvoll nicht im materiellen Sinn, sondern im Sinne der Entwicklung und Prägung. Diese Erinnerungen können sowohl positiv, wie auch negativ sein. Sie sind so stark, dass sie über Jahre bestehen bleiben. Mit der Zeit und je älter ich werde, gehen viele Erinnerungen verloren, doch die intensivsten werden bleiben: die Erinnerung an das Gefühl des Sicherheit, als mein Vater mich an der Hand genommen hat, die Vertrautheit der beruhigenden Stimme meiner Mutter, der Geruch nach frischem Brot bei Umarmung meiner Großmutter, die Geräusche in der Schule und die Stimmen meiner Freundinnen, der Geschmack der Pierogi (Teigtascherln) mit Heidelbeeren und süßer Sahne. Und die Erinnerungen an die Landschaften: Vor kurzem habe ich wieder mal den Film „Schindlers Liste“ gesehen. In einer der letzten Szenen des Filmes fährt der Zug durch die verschneite polnische Landschaft, mit den typischen Häusern und charakteristischen Feldern, die es sonst nirgendwo gibt. Und da war wieder dieses Gefühl, wie damals: Vertrautheit, Verträumtheit, Ruhe, Stille. Ich würde diese Landschaft niemals verkennen.

Für mich war das Leben in Österreich voll neuer Erfahrungen. Erfahrungen, die unvergleichlich zu meinen Erinnerungen aus meiner Zeit in Polen waren und sind. In der Anfangsphase begegnete ich meiner neuen Welt mit Neugierde, Naivität, mit Hoffnung. Ohne Scheu, ohne Vorurteil, ohne Angst – sie kamen später. Ich lernte mit Eifer die Sprache, begann bald Bücher zu lesen, was mir in meiner alten Welt Halt und Stabilität gegeben hat. So hielt ich an meinen alten Gewohnheiten und Überzeugungen fest, dass ich mir mit meinen Fähigkeiten und Fleiß eine eigene Realität erschaffen kann. Doch die objektivierbare Realität holte mich ein. Ich verlor die Kontrolle über das, was geschah und musste beobachten, wie meine Vorstellungen von meiner Zukunft in Frage gestellt und zu Nichte gemacht wurden.

Als Reaktion darauf habe ich mich in Passivität begeben, in der Andere über mich bestimmt haben: was ich essen, wo ich wohnen, wie ich denken soll und schlussendlich WAS ich bin. Ich erlebte den Zustand einer vollständigen Selbstwirksamkeitslosigkeit, der sich in Anpassung und Unterordnung gezeigt hat. Sich fügen, nicht hinterfragen, sondern folgen. Weil nur dann bist du eine brave Ausländerin.

Doch der Widerstand gegen diesen Zustand war da, auch wenn nicht immer sichtbar oder spürbar. Die Zwiespältigkeit begann sich zu äußern und verursachte, dass wieder mal alles, was sich abspielte und alles, was ich dachte oder tat, in Frage gestellt wurde. Will ich es so weiter machen? Will ich ein fügsames und passives Wesen sein, das sich den äußeren Umständen unterordnet? Wie soll ich mein Leben vor mir rechtfertigen und mich als wertvoll ansehen, wenn ich doch nicht meinen Überzeugungen, die mich ausgemacht haben, folgen kann? Die ich verraten habe? Unsicherheit, Abscheu, Angst waren die Folgen. Dann Selbstzweifel, Selbstaufgabe, Selbstzerstörung. Doch die waren früchtetragend, weil sie mir erlaubt haben, mich mir zuzuwenden und an meinen Strategien zu arbeiten. Aufgabe – Entscheidung – Versuch – Zweifel – Entscheidung – Versuch – Zweifel: in Dauerschleife. Jahrelang… Dieser Prozess ist analog zum Schema des Erwerbs des neuen Wissens von Popper (Popper, 2018, S.24). Aus dem so gewonnenem neuen Wissen und daraus folgenden Erfahrungen bildet sich eine neue Identität aus. Diese Erkenntnis ist allgemein bekannt und auch untersucht worden. In den ersten Jahren meines Lebens in Österreich war doch dieses Wissen kein wissenschaftlicher Gegenstand sondern viel mehr ein unbewusster Prozess, der zu einem privaten Experiment wurde.

Ich finde es sehr spannend, wie die Migrationsprozesse von unterschiedlichen Wissenschaftsrichtungen erklärt werden. Im Folgenden möchte ich auf die Erkenntnisse eingehen, die mich besonders angesprochen haben, da ich in ihnen viele Parallelen zu meinen Erfahrungen finde. Grinberg L. & Grinberg R. (1990 In: Bohleber (Hrgb.) 2016) verweisen auf die Analogien zwischen den Übergängen in eine neue Lebensphase und dem Erleben der Migration. Machleidt (2007 In: Bohleber (Hrgb.) 2016) verwendet den Begriff der „kulturellen Adoleszenz“, der sich auf die Prozesse der Aneignung von Fremden bezieht. Die Auseinandersetzung mit Fremdheit ist in den beiden Prozessen, dem Prozess der Migration und dem Prozess der Adoleszenz, zu finden. Sowohl der Migrant wie auch der Heranwachsende konfrontiert sich mit Unbekanntem und sucht nach eigenen Wegen. Bei ihrer Entscheidung müssen sie sich von Bekanntem und Vertrautem lösen, mit dem Bewusstsein, dass es kein Zurück gibt. Im Fall adoleszenter Migranten verwendet King (2016, In: Bohleber (Hrgb.) 2016) den Begriff „verdoppelte Transformationsanforderung“, weil die jungen Menschen sich sowohl den Anforderungen der Adoleszenz wie auch denen der Migration stellen müssen. Ich finde den Begriff der Transformation als sehr erbauend, da er grundsätzlich positiv konnotiert ist. Im Verlauf der Migration findet eine Veränderung statt, weil die Migration ein Prozess der Selbstfindung und Selbstwerdung, wohlgemerkt oft etwas brutal. Durch die Isolation von sichernden Faktoren des ursprünglichen Kollektivs erzwingt sie Entscheidungen, die wegweisend werden.

Oft spielen ungelöste innere Konflikte eine große Rolle dabei, welche Entscheidungen getroffen werden. Als Beispiel kann die erwünschte Rollenerfüllung gelten. Die Auflehnung gegen die bekannte kollektivistische Erfahrung erzeugt eine Zwiespältigkeit, die einen Gewissenskonflikt auslöst.

In diesem Kontext stellt sich die Frage, ob es so etwas wie eine kollektive Identität gibt. Das bedeutet, ob ein Kollektiv so viele Gemeinsamkeiten aufweist, dass es sich als eine Einheit begreift. Brubaker (2007) beschreibt den Begriff der kollektiven Identität als umstritten. Für ihn gilt es als gesichert, „…dass eine Person gleichzeitig Teil mehrerer Gemeinschaften sein sowie soziale Grenzen überqueren kann“ (ebd.).

Auch Giesen und Seyfert (2013) meinen, dass eine Definition des Begriffes schwierig ist. Der Grund dafür ist, dass sich die kollektive Identität über etwas definiert, das nicht greifbar ist. Daher brauchen Kollektive eine gemeinsame Ausdruckweise, die ihre Zusammengehörigkeit sichtbar macht: durch Bilder, Denkmäler oder Lieder usw.: „…Die Intransparenz der Identität, sowohl der individuellen als auch der kollektiven, zwingt die Menschen dazu sie permanent neu zu erfinden“ (ebd.). Für Menschen, die das Kollektiv verlassen haben, wird die Anpassung an die sich ständig verändernde kollektive Identität immer wieder schwierig, weil sie abwesend sind und die Veränderungen nicht mehr nachvollziehen können. Ich erinnere mich noch an den Druck, den ich als Jugendliche erlebt habe, bestimmten Erwartungen bzw. Vorstellungen der Gesellschaft entsprechen zu müssen. Der Druck, das Leben nach gesellschaftlichen Vorstellungen und Idealen zu formen, war in vielen Bereichen des sozialen Lebens bemerkbar. Dieser betraf die Ausbildung, beruflichen Werdegang, Partnerschaft, Familiengründung, Lebensführung und Erfüllung der vorgegebenen Rolle als Tochter, Frau, Partnerin und Mutter. Besonders in der Zeit des Erwachsenwerdens wurde dieser Druck irritierend, weil er mit meiner individuellen Entwicklung und mit meiner Persönlichkeit nicht vereinbar war. Ich fühlte mich nicht als Person mit eigenen, individuellen Bedürfnissen, sondern als eine von vielen Gesichtslosen, die nur ein Rädchen in einer Maschine, die sich zu drehen hat, war.

Es dauert meistens lange, bis man sich bewusst entscheidet, den Vorstellungen des Kollektivs des Ursprungslandes nicht mehr entsprechen zu wollen. Vieles verändert sich in dem Moment, in dem zum ersten Mal erlebt wird, dass das Nach-Hause-kommen bedeutet, in das Migrationsland zurück zu kommen, nicht in das Ursprungsland. Das Gefühl des Zu-Hause-Seins entscheidet maßgeblich über die Entscheidung zur Zugehörigkeit. Es zeigt auch auf, dass sich die Lebensperspektive verändert.

Abgesehen von meinen eigenen Erlebnissen und Erfahrungen gibt es wissenschaftliche Untersuchungen, die den gesamten Prozess der Migration analysieren. Diese beziehen sich auf psychologische und soziologische Veränderungen, die Migrantinnen und Migranten erleben.

Sluzki (2010, In: Hegemann, Salman, 2010) analysierte den Prozess der Migration, indem er die einzelnen Phasen dargestellt und beschrieben hat. Dabei konzentriert er sich auf Belastungen, die in den einzelnen Phasen zu beobachten sind und zu unterschiedlichen psychischen Beschwerden bzw. zu Entwicklung psychischer Erkrankungen führen können.

Der Prozess der Migration gilt etwa nach 7 Jahren (Haasen, 2002 In: https://heimatkunde.boell.de/de/2009/04/18/migration-psychische-gesundheit-und-transkulturelle-psychiatrie) als abgeschlossen. Danach folgt laut Sluzki die Phase der generationsübergreifenden Prozesse, die eine Erklärung des Einflusses des Migrationsaktes auf die kommenden Generationen und Generationskonflikte liefert. Diese Phase wird in diesem Artikel nicht beschrieben.

Die Vorbereitungsphase beginnt mit den ersten Überlegungen, die Heimat zu verlassen. Diese Phase muss nicht bindend dazu führen, dass der Prozess fortgesetzt wird. Sie reicht von schnellen Entscheidungen bis hin zu jahrelangen Grübeleien (Sluzki, 2010, In: Hegemann, Salman, 2010).

Hier unterscheidet Sluzki zwischen der positiven und negativen Konnotation der Migration: ein besseres Leben zu finden (positiv) und den schlechten Lebensbedingungen zu entkommen (negativ) (Sluzki, 2010, In: Hegemann, Salman, 2010). Die Phase ist im fortschreitenden Stadium durch administrative Tätigkeiten, wie Briefe schreiben, Kontakte knüpfen, Informationssammlungen, Organisation der Reise, Verkauf der persönlichen Gegenstände (wenn vorhanden) etc. gekennzeichnet. Gleichzeitig wird Abschied von der Familie und Freunden genommen. Der Abschied kann traurige Momente haben, doch die Erwartungen, die mit der Reise zusammen hängen und Aussichten auf das Neue überwiegen meistens und sind in vielen Fällen, auch in  meinem, positiv besetzt.

Der Migrationsakt wird als ein transitorischer, zielgerichteter Prozess definiert, ohne überlieferte Rituale (Sluzki, 2010, In: Hegemann, Salman, 2010). Die Dauer dieser Migrationsphase kann sehr stark variieren: von kurzen bis sehr langen Verläufen, mit Zwischenstopps oder direkter Anreise, mit Kontakten zu anderen Migrantinnen/Migranten oder ohne.

Angekommen im neuen Land bedeutet es erstmal, sich an die neuen Begebenheiten anzupassen (Phase der Überkompensation). Sluzki beschreibt, dass in dieser Zeit ein Höchstmaß an Anpassungsfähigkeit beobachtet werden kann (Sluzki, 2010, In: Hegemann, Salman, 2010). In dieser Zeit geht es um die Basisbedürfnisse und deren Sicherung, also ums reine Überleben. Sind die Normen und Werte der Aufnahmegesellschaft von den eigenen stark unterschiedlich, werden die Unstimmigkeiten zwischen der Realität und Erwartungen verleugnet und verdrängt.

Nachdem eine Zeit in der neuen Umgebung vergangen ist, beginnt die Phase der Dekompensation, in der die neue Realität gestaltet wird (Sluzki, 2010, In: Hegemann, Salman, 2010). Um den stabilen Zustand zu erreichen, müssen die sich aus der Veränderung entwickelte Probleme, wie das Gefühl der Entwurzelung, Trauer um die Verluste und kulturelle Unterschiede bewältigt werden. Die Anpassungsprozesse werden weiter fortgesetzt, doch auch die Eigentümlichkeit kann wieder gelebt werden. Es wird entschieden, welche Rituale aus der Vergangen beibehalten werden und welche aus dem nicht mehr unbekannten Umfeld übernommen werden.

Die Prozesse, die Sluzki beschreibt, entsprechen meinen eigenen Erfahrungen. Im Verlauf der Zeit verblassen die Erinnerungen an negative Erlebnisse, an tiefe Trauer, Verzweiflung und Verlust. Doch dann gibt es Situationen, in denen diese Erinnerungen wieder hochkommen. Im Verlauf meiner beruflichen Tätigkeit im psychiatrischen und pädagogischen Bereich habe ich mich mit Phänomenen auseinander gesetzt, die mit dem Erlebten und Erfahrenen stark zusammen hängen: Fremdheit, Stigmatisierung, Rassismus, Exklusion, Demütigung und auch Bevormundung. All diese Phänomene haben einen starken Einfluss auf das Verhalten, sie prägen das Verhalten für sehr lange Zeit. Sie können zu einer passiven, angstbesetzten und unterwürfigen Positionierung im sozialen Gefüge führen. Oft werden sie nicht als solche erkannt, weil sie oft subtil eigesetzt werden, bewusst oder unbewusst. Es sind oft kurze Bemerkungen, die von Freunden, Bekannten, Arbeitskolleginnen und –kollegen kommen. Hier nur ein paar Beispiele:

„Ich will ja nur das Beste für dich, daher zeige ich Dir, wie Du hier zu leben hast“,

„Ich übernehme das für Dich, weil Du Dich ja nicht auskennst“,

„Es ist ja selbstverständlich, dass von Dir erwartet wird, dass Du Dich anpasst, schlussendlich wird dir hier ein besseres Leben geboten als dort unten“,

„Wenn es Dir hier nicht passt, gehe doch zurück“.

Selbst beim Schreiben dieser Zeilen komme ich in Versuchung, die Bedeutung dieser Sätze zu verharmlosen, um mein Gegenüber zu entschuldigen: „es ist ja gut gemeint“, „ich halte es aus“, „sie/er ist ja so nett…“.

… Und jetzt? Aus der Perspektive? Was ist übergeblieben aus der Zeit, in der ich zweigeteilt war und zwischen Polen und Österreich lebte? In der ich nicht sagen konnte, wohin ich gehöre? Ja, das war das Dilemma – wo gehöre ich hin? Die Besuche bei meiner Familie waren emotionale Hochschaubahnfahrten. Ich könnte es ganz einfach so ausdrücken: Glück über das Treffen, Trauer über die Trennung. Doch was hier vor allem eine wesentliche Rolle gespielt hat war die Wahrnehmung der Veränderungen und das Bewusstsein der sich minimierenden Zugehörigkeit. Die Familie und das Kollektiv, in dem ich aufgewachsen bin, hatten ihre regulative Wirkung auf mein Leben verloren. Mit jedem Tod eines Familienmitgliedes brach ein Stückchen der Bindung zu Polen ab. Mittlerweile fahre ich seltener nach Polen. Und jede Fahrt dorthin ist mit neuen Entdeckungen verbunden, weil sich das Land so stark verändert hat, dass ich es kaum erkenne. Die Orte, an die ich emotional gebunden war, existieren oft nur noch in meiner Erinnerung.

Und wo gehöre ich jetzt hin? Die Antwort auf diese Frage bleibe ich den Leserinnen und Lesern schuldig.

Literatur

Bohleber, W. (Hg.) (2016). Heimat, Fremdheit, Migration. Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen. 70. Jahrgang. 2016

Brubaker R. (2007): Ethnizität ohne Gruppen. Hamburg: Hamburger Edition.

Giesen Bernhard, Seyfert Robert (2013): Kollektive Identität. Politik und Zeitgeschichte, (Heft 63 (13–14), S. 39–43.

Grinberg, L. & Grinberg, R. (1990): Psychoanalyse der Migration und des Exils. In: W. Bohleber (Hg.): Heimat, Fremdheit, Migration. Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen. 70. Jahrgang. 2016

Hegemann, T. & Salman, R. (Hg.) (2010): Handbuch Transkulturelle Psychiatrie. Bonn: Psychiatrie Verlag.

https://heimatkunde.boell.de/de/2009/04/18/migration-psychische-gesundheit-und-transkulturelle-psychiatrie am 25.10.2020

King, V. (2016): Zur Psychodynamik der Migration. Muster transgenerationaler Weitergabe und ihre Folgen in der Adoleszenz. In: W. Bohleber: Heimat, Fremdheit, Migration. Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen. 70. Jahrgang. 2016

Machleidt, W. (2007): Die „kulturelle Adoleszenz“ als Integrationsleistung im Migrationsprozess. Psychotherapie & Sozialwissenschaft 9 (2). In: W. Bohleber (Hg.): Heimat, Fremdheit, Migration. Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen. 70. Jahrgang. 2016

Popper, K. R. (2018): Alles Leben ist Problemlösung. Über Erkenntnis, Geschichte und Politik (19. Auflage). München: Piper.

Sluzki, C. E. (2010): Psychologische Phasen der Migration und ihre Auswirkungen. In: T. Hegemann & R. Salman Ramazan (Hg.): Handbuch Transkulturelle Psychiatrie. Bonn: Psychiatrie Verlag.

 

Abbildung:

Quelle: Prof. Scott Stock Gissendanner (Berolina Klinik) nach Sluzki (2001) und Calliess/Machleidt (2003)

Autor:in

  • Mag.a, Diplom der psychiatrischen Gesundheits- und Krankenpflege (1994), Diplom der allgemeinen Gesundheits- und Krankenpflege (2000), akademische Lehrerin für Gesundheits- und Krankenpflege (2005), Trainerin für Deeskalations- und Sicherheitsmanagement (2009), Magistra der Pflegewissenschaft (2012). Stellvertretende Direktorin der Schule für allgemeine und psychiatrische Gesundheits- und Krankenpflege. Fachbereichsleitung Theoretische Ausbildung. Berufspraxis im akuten und subakuten Bereich der Psychiatrie, in der Suchtkrankenpflege sowie in der forensisch-psychiatrischen Pflege. Kontakt: ewa.zemann@wienkav.at

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